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  • Sonja Levsen ist Historikerin mit Forschungsschwerpunkten in der Demokratie-, Erziehungs- und Wissensgeschichte an der Universität Freiburg. Ihre Habilitationsschrift ist 2019 unter dem Titel „Autorität und Demokratie. Eine Kulturgeschichte des Erziehungswandels in Westdeutschland und Frankreich, 1945-1975„ bei Wallstein erschienen.

Die vom Coro­na­virus ausge­löste Pandemie hat uns mit einer neuen Inten­sität die Vernet­zung der Welt vor Augen geführt. Das Virus verbrei­tete sich beson­ders rasch in Regionen, die in engen Austausch­pro­zessen mit anderen Teilen der Welt stehen. Zugleich ließ es keine Welt­re­gion unbe­rührt. Erstaun­lich wirkt im Rück­blick, wie unwahr­schein­lich seine Ausbrei­tung in Europa noch Anfang März erschien.

Seit Mitte März aber ist der globale Charakter der Krise ganz in das Zentrum der Medi­en­öf­fent­lich­keit gerückt – und das unter­scheidet sie von der aktuell viel­zi­tierten Spani­schen Grippe: War jene von begrenzter Bericht­erstat­tung geprägt, deren Blick lokal, national oder auf bestimmte Regionen gerichtet war, verän­dert seit dem Früh­jahr 2020 die stünd­liche Aktua­li­sie­rung von Fall­zahlen aus aller Welt Raum- und Zeit­wahr­neh­mungen.

Die Corona-Datenseite der Johns Hopkins Univer­sity; Quelle: inquirer.com

Die Ikono­gra­phie der Pandemie ist jene der wach­senden roten Punkte auf Welt­karten; sie sugge­riert eine Welt der Echt­zeit­zir­ku­la­tion von Wissen ohne Begren­zungen. Gerade in der Früh­phase hob die über­ra­schend einheit­liche Visua­li­sie­rung nicht den indi­vi­du­ellen Kranken, sondern die Globa­lität und, in animierter Form, die Dynamik des Phäno­mens hervor. Land­karten der ökono­mi­schen Verflech­tung der Welt wurden zu Land­karten der Infek­ti­ons­wege. Nicht zuletzt offen­bart die Pandemie auch jenseits der medialen Ebene die enge wirt­schaft­liche Vernet­zung der Welt mit neuer Deut­lich­keit – nicht nur durch den Verlauf des Ausbruchs, sondern auch in der Unmit­tel­bar­keit, mit der die Unter­bre­chung von Liefer­ketten für Konsu­menten spürbar wird.

Eine globale „imagined commu­nity“?

Ersetzt demnach eine globale imagined commu­nity im Zeit­alter der digi­talen Kommu­ni­ka­tion national gedachte Gemein­schaften? Kaum. In Europa haben wir die Wucht des Natio­nalen lange nicht so stark gespürt wie in den ersten Wochen der Corona-Krise. Der Export von Medi­zin­gü­tern wurde verboten. Es wurden nicht Regionen ohne Infek­ti­ons­ge­schehen von solchen mit Infi­zierten abge­rie­gelt, sondern natio­nale Grenzen geschlossen. An der Grenze zwischen der Bundes­re­pu­blik und Luxem­bourg patrouil­lierten Soldaten mit geschul­terten Gewehren. Als die Fall­zahlen im Elsass bereits explo­dierten und Kran­ken­häuser über­füllt waren, standen Inten­siv­betten im benach­barten Südbaden leer. Elsässer wurden per Hubschrauber in andere fran­zö­si­sche Regionen trans­por­tiert, und erst nach mühsamen Verhand­lungen konnten einzelne in Deutsch­land behan­delt werden. Die Aufnahme weniger Pati­enten aus Italien wurde als Medi­en­er­eignis euro­päi­scher Soli­da­rität insze­niert, von Außen­mi­nis­tern twit­ternd begleitet. Die Zahlen aber blieben gering, die Soli­da­rität eher symbo­lisch als praxis­wirksam.

In der Bericht­erstat­tung blühten natio­nale Stereo­type mit lange nicht gekannter Hemmungs­lo­sig­keit. Bemüht wurden die feier­lus­tigen Italiener, der Rund­funk Berlin-Brandenburg berich­tete über Schweden, die gene­rell fast nie einen Freund fänden, und daher zum Social Distancing präde­sti­niert seien. Viel­fach zitiert wurden die vermeint­lich auto­ri­tären Deut­schen: Um ihre Compli­ance mit Richt­li­nien zu erklären (typisch gehor­chende Deut­sche) oder ihre Nicht-Compliance mit Empfeh­lungen (da die Deut­schen nur Gesetzen gehor­chen). Zugleich kursierte in den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen die alte, anti­se­mi­tisch konno­tierte Figur der inter­na­tio­nalen Welt­ver­schwö­rung.

Italie­ni­scher Soldat an der Grenze zu Frank­reich, April 2020; Quelle: lalsace.fr

Wie erklären wir die Gleich­zei­tig­keit einer einer­seits unge­kannten Globa­lität der Situa­tion und einer ande­rer­seits über­ra­schenden Wucht der Nation und des Natio­nalen? Grenz­schlie­ßungen lassen sich in der Unüber­sicht­lich­keit und Dynamik der Krise als Versuche verstehen, ein Gefühl der Über­sicht­lich­keit und Hand­hab­bar­keit zu erzeugen. Natio­nale Stereo­type in der Bericht­erstat­tung lassen sich lesen als Ausdruck des Bedürf­nisses, Ordnung, Muster und Aspekte der Konti­nuität in unge­ord­neten, unvor­her­ge­se­henen und neuen Situa­tionen zu entde­cken. Solche psycho­lo­gi­schen Erklä­rungen des Rück­zugs auf das Nahe, Bekannte, Über­sicht­liche in Zeiten der Unüber­sicht­lich­keit, des Unbe­kannten, der bedroh­lich wahr­ge­nom­menen Gren­zen­lo­sig­keit eines Gesche­hens liegen nahe. Sie erklären manches, und doch dürfen sie nicht genügen. Denn der Verweis auf Emotionen und Psyche sugge­riert Unaus­weich­lich­keit und Alter­na­tiv­lo­sig­keit. Er vernach­läs­sigt die Komple­xität der verschie­denen Ebenen des Gesche­hens, die Bedeu­tung von Insti­tu­tionen und Struk­turen; er verdeckt Entschei­dungs­spiel­räume.

Ein unein­ge­löstes Poten­zial

Auf solche Komple­xität, auf die Bedeu­tung von Entschei­dungen, Struk­turen, Imagi­na­tionen und Hand­lungs­spiel­räumen hinzu­weisen, wäre eine Aufgabe der Zeit­ge­schichts­for­schung. Sie sollte erklären können, welche Rolle verschie­dene Räume (natio­nale, sub- und trans­na­tio­nale) in der global vernetzten Gegen­wart einnehmen, wie sich ihre Bezie­hung verän­dert, sie mitein­ander inter­agieren und verschie­dene Wahrnehmungs- und Hand­lungs­ebenen prägen. Aller­dings haben Histo­ri­ke­rinnen und Histo­riker, die sich mit der jüngsten Vergan­gen­heit befassen, zu diesen Fragen bisher eher wenig zu sagen. Während die Histo­rio­gra­phie zum 19. Jahr­hun­dert in einem langen Diskus­si­ons­pro­zess die jewei­lige Bedeu­tung von Natio­nal­staaten, Impe­rien und ihrer hybriden Misch­ver­hält­nisse heraus­ge­ar­beitet, intensiv über Natio­na­li­sie­rung im Zeit­alter der ersten Globa­li­sie­rung disku­tiert und über die Verflech­tung von Metro­polen und Impe­rien nach­ge­dacht hat, fehlt ein vergleichbar inten­siver Diskus­si­ons­pro­zess über die Charak­te­ris­tika und Konse­quenzen des Raum­wan­dels und der verschie­denen Raum­be­zie­hungen in der gegen­warts­nahen Zeit­ge­schichte.

Wo sie sich für Raum­wandel inter­es­siert, spricht sie bisher primär von Prozessen der ‚Trans­na­tio­na­li­sie­rung‘, verstanden als – meist positiv konno­tierte – wach­sende Verflech­tung, als Zunahme grenz­über­grei­fender Kontakte und Vernet­zungen. Natio­nalen Grenzen wird dabei entweder ein Bedeu­tungs­ver­lust unter­stellt, oder es wird auf eine Paral­le­lität zuneh­mender Verflech­tung und zugleich fort­be­stehender Bedeu­tung der Natio­nal­staaten hinge­wiesen. Empi­ri­sche Unter­su­chungen dazu aber sind Mangel­ware. Ein großer Teil der Zeit­ge­schichts­for­schung defi­niert seine Unter­su­chungs­räume weiterhin inner­halb natio­naler Grenzen und kann damit keine Aussagen zur Inter­ak­tion sub-nationaler, natio­naler und trans­na­tio­naler Räume machen.

Das Aufeinander-Bezogen-Sein von Globa­lität und Parti­ku­la­rität ist zum common sense geworden und wurde nicht zuletzt in der Sozio­logie viel­fach debat­tiert. Popu­lismus gilt auch als Antwort auf Orien­tie­rungs­be­dürf­nisse, die durch Globa­li­sie­rungs­pro­zesse entstehen. Es könnte aber gerade die Aufgabe der Geschichts­wis­sen­schaft sein, jenseits solch groß­flä­chiger Erklä­rungs­muster und dem zutref­fenden, aber in seiner Aussa­ge­kraft begrenzten Verweis auf das Inein­an­der­greifen von Globa­lität und Parti­ku­la­rität nach verschie­denen Ebenen der zu beob­ach­tenden Prozesse zu fragen.

Globales Wissen, natio­nales Handeln?

Auf die Gegen­wart ange­wendet: Global ist in der aktu­ellen Krise die Ebene der Wissens­zir­ku­la­tion. Mediales Krisen­wissen zirku­liert ebenso grenz­über­grei­fend wie medi­zi­ni­sches Fach­wissen, das zur wich­tigen Ressource wurde. Diese Formen der Globa­lität sind keines­wegs frei von Ungleich­heiten, Grenzen und Hier­ar­chien; China, die USA und Europa sind die wich­tigsten Orte, an denen die Forschung Wissen über den Virus gene­riert. In der poli­ti­schen Debatte um die Impf­stoff­ent­wick­lung gibt es immer wieder Versuche, natio­nale Inter­essen zu prio­ri­sieren. Zugleich aber sind eine Reihe globaler Forschungs­ko­ope­ra­tionen mit bemer­kens­werter Geschwin­dig­keit entstanden und der Austausch von Wissen hat in seiner Schnel­lig­keit wie in seinem Umfang einen Charakter, der mit dem prä-digitalen Zeit­alter nicht vergleichbar ist. Eine Geschichte der Globa­li­sie­rung des Wissens ist als Forschungs­feld noch in den Anfängen. Wie verän­dert sie Hand­lungs­spiel­räume der Politik? Erwei­tert oder verengt sie sie?

Die Globa­li­sie­rung des Wissens und der Medi­en­be­richt­erstat­tung sind nicht ohne Einfluss auf die imagined commu­nities geblieben, auf die Konturen der Gemein­schaft, als deren Teil sich Menschen wahr­nehmen. Für Indi­vi­duen haben sich diese Konturen zwei­fellos ganz unter­schied­lich verän­dert, in unter­schied­li­chem Ausmaß, in unter­schied­li­cher räum­li­cher Art. Was sich schon in der Klima­wan­del­de­batte andeu­tete, verstärkt sich jedoch: Die globale Gemein­schaft wird fass­barer. Ende März gingen fast in der ganzen Welt Kinder nicht in die Schule – eine Gleich­zei­tig­keit, die nicht vorschnell als verge­mein­schaf­tende Erfah­rung einzu­stufen ist, aber dennoch die Welt­ge­mein­schaft als ganze sichtbar werden lässt. Inwie­weit eine globale Gemein­schaft in der Öffent­lich­keit an Präsenz gewinnt, hängt nicht zuletzt von der Politik ab. Starke inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tionen können den Blick­wechsel verstärken: Der Appel der UNO zu einem globalen Frieden war ein Schritt in diese Rich­tung.

Hand­lungs­spiel­räume

In der poli­ti­schen Antwort auf das Virus domi­nierten jedoch zunächst ganz die Natio­nal­staaten, und das Spek­trum ihrer Reak­tionen war bemer­kens­wert breit. So über­wogen in den ersten Wochen natio­nale Spezi­fika und Gegen­sätze zwischen rigiden lock­downs und Stra­te­gien des Aussit­zens inner­halb geschlos­sener Staats­grenzen. Das verweist auf Drei­erlei: Erstens darauf, dass der Unter­schied zwischen dem Eigenen und dem Anderen, zwischen dem ‚Wir‘ und dem ‚Sie‘ immer noch primär national konno­tiert ist. Trans­na­tio­nale Soli­da­rität ist immer noch in weitaus höherem Maße begrün­dungs­be­dürftig als national gedachte.

Bundes­kanz­lerin Angela Merkel, 9. April 2020; Quelle: general-anzeiger-bonn.de

Jenseits der Emotion aber sind zwei­tens auch Struk­turen und Insti­tu­tionen Grund­lage dafür, auf welchen Ebenen gehan­delt wird. Die Krise gilt als ‚Stunde der Exeku­tive‘, und diese ist auf natio­naler Ebene immer noch am effek­tivsten orga­ni­siert. Die Versuche euro­päi­scher Koor­di­na­tion und die dann durchaus umfas­senden Bestre­bungen, euro­päi­sche Soli­da­rität mithilfe eines Wieder­auf­bau­fonds zu orga­ni­sieren, kamen vergleichs­weise spät – eine Konse­quenz vor allem der längeren Reak­ti­ons­zeit, die inter­na­tio­nale Koope­ra­tion mit sich bringt. Das sollte nicht als unaus­weich­lich gelten, sondern als klare Aufgabe für die Zukunft verstanden werden: Je besser insti­tu­tio­nelle und recht­liche Grund­lagen für inter­na­tio­nale Koope­ra­tionen sind, desto wahr­schein­li­cher ist die Möglich­keit einer schnellen Reak­tion etwa auf euro­päi­scher Ebene.

Drit­tens offen­bart die Unter­schied­lich­keit der Reak­tionen die bedeu­tenden Hand­lungs­spiel­räume der Politik auch im Zeit­alter der globalen Heraus­for­de­rungen – und ihre Konse­quenzen. In der Corona-Krise erweisen sich indi­vi­du­elle Über­le­bens­chancen ebenso wie indi­vi­du­elle ökono­mi­sche Folgen der Krise – die Gefahr der Arbeits­lo­sig­keit etwa – als primär davon abhängig, in welchem Staat ein Indi­vi­duum seinen Wohn­sitz hat. Um Gründe für die national unter­schied­li­chen Reak­tionen auf trans­na­tio­nale Heraus­for­de­rungen heraus­zu­ar­beiten, bedarf es des histo­ri­schen Vergleichs, dessen Poten­zial in einer trans­na­tio­nalen Gegen­wart nicht geringer wird. Es gehört viel­mehr zu seinen Stärken, Ausmaß und Grenzen von Hand­lungs­spiel­räumen in der Antwort auf trans­na­tio­nale Heraus­for­de­rungen zu analy­sieren. So kann er eine Grund­lage liefern, poli­ti­sches Handeln kritisch zu beur­teilen, es am Spek­trum des Mögli­chen zu messen.

Komple­xität aushalten

Abge­löst wurden die sehr unter­schied­li­chen poli­ti­schen Stra­te­gien nach einigen Wochen von einem trans­na­tio­nalen Trend zu ähnli­cheren Maßnahmen. Dieser zweite Trend verweist auf die Bedeu­tung des Selbst­ver­glei­chens in der globa­li­sierten Wissens­ge­sell­schaft. Die natio­nalen Maßnahmen waren von inten­siver gegen­sei­tiger Beob­ach­tung nicht nur der Nach­bar­ge­sell­schaften begleitet. Die Praxis des Verglei­chens begleitet Natio­nal­staaten seit ihrer Grün­dung; die Inten­sität des Selbst­ver­glei­chens und die Verfüg­bar­keit des Wissens aber verän­dern sich in der digi­ta­li­sierten Gegen­wart. Beide Prozesse bergen die Chance für Lern­ef­fekte, lassen aber auch die Neigung zu heroi­sie­render Selbst­sti­li­sie­rung durch Abgren­zung vom Anderen scharf hervor­treten. Auch das unter­streicht, dass die Politik in der globa­li­sierten Welt nicht an Hand­lungs­spiel­räumen verliert, sondern eine Wahl der Orien­tie­rungs­punkte hat – und damit letzt­lich an Entschei­dungs­mög­lich­keiten gewinnt. Das mag sie unüber­sicht­lich und komplex erscheinen lassen. Diese Komple­xität zu verstehen, ihre Bedin­gungen und damit auch ihre Chancen zu begreifen, legt eine Grund­lage dafür, sie in der Gegen­wart auszu­halten – und die Politik dafür in die Verant­wor­tung zu nehmen, wie sie ihre Hand­lungs­spiel­räume nutzt.

 

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  • Sonja Levsen ist Historikerin mit Forschungsschwerpunkten in der Demokratie-, Erziehungs- und Wissensgeschichte an der Universität Freiburg. Ihre Habilitationsschrift ist 2019 unter dem Titel „Autorität und Demokratie. Eine Kulturgeschichte des Erziehungswandels in Westdeutschland und Frankreich, 1945-1975„ bei Wallstein erschienen.