„Wir erklären, dass die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert worden ist: die Schönheit der Geschwindigkeit.“ Noch lange vor der Simultanität einer vernetzten Welt, noch vor den kurzweiligen Informationsfluten eines digitalen und hyperpolitischen Zeitalters ernannte der italienische Schriftsteller Filippo Tommaso Marinetti die Geschwindigkeit in seinem 1909 erschienenen Futuristischen Manifest zu den prägenden Bewegungsprinzipien seiner Zeit. Er begründete damit den Futurismus: Geschwindigkeit lässt zurück, lässt hinter sich und schiebt nach vorne, das heißt in die Zukunft, in das Ungewisse und Neue. Die Futuristen hatten Automobile, Straßenbahnen, Züge, Fahrräder und die ersten Flugzeuge vor Augen, Produktivitätssteigerungen durch Automatisierungsprozesse und den rauschenden Lärm wachsender Städte.
Sie wollten Schluss machen mit einer alten Welt, die sie als phlegmatisch, überintellektualisiert und erlahmt betrachteten. Alles, was konservierte, das Vergangene bewahrte, galt ihnen als verabscheuens-, ja als vernichtungswert: Bibliotheken, Archive, Museen – Hemmnisse für das geschwinde Streben nach vorne, für die dynamische, echte Bewegung, für das Eintreffen einer strahlenden Zukunft der Geschwindigkeit. Mit ihr verbanden die Futuristen auch die Gefahr, das Entgleisen, den Kontrollverlust und den Crash. Mit ihrer Erhebung zur ästhetisch allumfassenden Kategorie implizierten sie mit der Anbetung der durch die technologischen Wunder der Moderne ermöglichten Geschwindigkeit die Todesgefahr, gesteigert zu einer Todeslust, einer Zerstörungswut, einem Zorn der Geschwindigkeit. Kriegsverherrlichung, Misogynie und Protofaschismus sind zentrale Bestandteile des futuristischen Manifests. Es ist die Sehnsucht nach dem Moment, in dem Zerstörung und Auslöschung vermeintlich etwas Neues schöpfen: „Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt – den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung der Frau.“
Technologische Politik
Zu seiner Zeit war der Futurismus als Denkströmung eine künstlerische und politische Randerscheinung. Doch die verheerenden Schlussfolgerungen und Proklamationen des Manifests sind erschreckend akut. Es wirkt in vielen Passagen nicht nur wie der Leitstern der aktuellen US-amerikanischen internationalen und nationalen Politik, sondern ist implizit und explizit ein ständiger Referenzpunkt des Silicon-Valley, das in den letzten drei Jahren zwei Manifeste hervorgebracht hat. Das Softwareunternehmen Palantir fasste kürzlich in einem Post auf X die zentralen Anliegen zusammen, die der CEO Alexander C. Karp und Nicholas W. Zamiska in ihrem Buch The Technological Republic ausformulieren. Ob es sich bei dem Post selbst nun tatsächlich um ein Manifest handelt, wie es medial rundherum dargestellt wird, ist einerlei: Der Text, auf den sich der Post bezieht, ist durch und durch ein Manifest. Die Autoren diagnostizieren dort einer als überlegen dargestellten westlichen Gesellschaft den drohenden Verfall, kritisieren das angeblich mangelnde politische Engagement des Silicon-Valley als mächtige gesellschaftliche Institution und visionieren eine Welt, in der Technologieunternehmen durch ihre Entwicklungen an der „Hard Power“ des Staates teilhaben, also in Zukunft (noch mehr) konkrete politische und auch militärische Macht ausüben sollten. Das Erinnern und der Wert der Vergangenheit hingegen werden im Palantirmanifest wie bei den Futuristen denunziert. So bemühen die Autoren ein Narrativ, das der neue Rechtspopulismus in Deutschland bereits seit mehr als zehn Jahren nährt: „The postwar neutering of Germany and Japan must be undone.“ Auch die im Männlichkeitskult des Silicon-Valley sowie in der Alt-Right-Bewegung verbreitete Angst vor der sozialen Entmannung oder „Entmännlichung“ kommt hier als oft genutzte Metapher zum Tragen und wiederholt den Maskulismus der Futuristen.
Der politische Machtanspruch des Privatunternehmens zeigt sich in ähnlicher Weise auch in dem Manifest des Softwareentwicklers und Unternehmers Marc Andreessen, das sich als Inspiration explizit auf Marinetti bezieht. In verschiedenen Sektionen, die mit Schlagworten wie „Lies“, „Truth“ oder „Intelligence“ betitelt sind, wird Technologie als Patronin eines sich in Gefahr befindenden Westens dargestellt, als Schutzherrin für Freiheit, Demokratie und aufklärerische Werte. Wie in The Technological Republic werden die Bedrohung durch einen unsichtbaren politischen Feind inszeniert und die passenden politischen Antworten präsentiert: „Technology is the glory of human ambition and achievement, the spearhead of progress, and the realization of our potential.“
Ästhetik und Disruption
Alle drei Manifeste teilen sich den Glauben an die Macht der rücksichtslosen technologischen und damit gesellschaftlichen Beschleunigung, die den Menschen bereits in naher Zukunft in einen übermenschlichen Zustand überführen soll. Wie bei den Futuristen wird Technologie als Heilsbringerin, als Vehikel in eine neue Zeit betrachtet, die sich endgültig von der Dekadenz des Status Quo verabschiede. Es sind der radikale Transformationsgedanke, der Wunsch nach technikinduzierter Beschleunigung und die Vorstellung, auf Disruption folge Wachstum, die alle drei Manifeste antreiben. Es ist die Politisierung – des Technologischen. War es bei den Futuristen noch die durch Motoren und Automaten erzeugte Geschwindigkeit, ist es nun die durch Software und KI bestimmte Digitalisierung, die einen unumkehrbaren Wandel zu einer strahlenden Zukunft hin einläuten soll.
Das zeigt: Der neoliberale Versuch die Wirtschaft zu entpolitisieren ist nicht nur gescheitert, wie der Ökonom und Historiker Adam Tooze 2023 in einem Interview mit der Zeit erklärte – das Gegenteil ist zum erklärten Ziel geworden. Dabei geht es aber selbstverständlich nicht darum, Märkte staatlich zu regulieren, sondern um eine libertäre Vision, in der die Marktmacht und die Produktionsmittel einiger weniger Unternehmen in politische Macht übersetzt werden. Ein starker Staat ist dieser Ideologie zufolge also ein solcher, der mithilfe von Technologieunternehmen „Hard Power“ entwickelt und dementsprechend möglichst wenig in Märkte und Wirtschaft eingreift. Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied innerhalb der Wahlverwandtschaft von Silicon-Valley-Manifesten und dem futuristischen Manifest, das eine ästhetische Programmatik mindestens so lautstark ausgerufen hatte, wie eine politische. Sich als visionär, als exzentrisch und als normbrechend („disruptiv“) zu gerieren, war in den 1910er Jahren noch Angelegenheit von Künstlern. 1998 sehnten sich dann Tony Blair und Gerhard Schröder in ihrem Grundsatzpapier „Die Neue Mitte“ eine Welt herbei, in der Tech-Unternehmer gefeiert und verehrt werden wie Künstler oder Stars. Sie sollten nicht enttäuscht werden – aus Grundsatzpapieren wurden Manifeste.
Geschichte des Manifests
Doch warum fühlen sich Privatunternehmer dazu bemüßigt, Manifeste zu schreiben? Als Ausdrucksmittel der massenpolitischen Ära des späten 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkt die Form des Manifests antiquiert. In diesem Zeitraum waren sie ein zentraler Bestandteil von politischer Kommunikation und Mobilisierung und boten vor allem den Massen an Arbeitern Identifikations- und Partizipationsmöglichkeiten an: Es wurden politische Vereine gegründet, und Menschen begannen, sich einer bestimmten Klasse, dem Proletariat, zugehörig zu fühlen. Die Rede ist hier offensichtlich vom bekanntesten Manifest, dem Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels, dessen Wirkung bis in die Gegenwart reicht. Doch sind insbesondere das 19. und 20. Jahrhundert reich an deutlich unbekannteren Manifesten, wie etwa das Manifest der 93. Als geschichtswissenschaftlicher Forschungsgegenstand werden sie unter anderem als eine Form des zivilgesellschaftlichen Diskursimpulses in einer sich in der Moderne herausbildenden Öffentlichkeit untersucht.
Doch sind die Zeiten der politischen Massenmobilisierung und der großen Manifeste schon lange vorbei. Vielmehr herrschen Tendenzen vor, die der belgische Historiker Anton Jäger als ‚Hyperpolitik‘ bezeichnet: Sich zu einem großen Teil im digitalen Raum abspielend, sind politische Konfrontationen extrem und polarisierend. Doch sie sind auch kurzlebig, ohne Pausen werden hochgradig moralisierte und moralisierende Meinungen zu jedwedem politischen Thema verkündet und dann wieder vergessen. Es wird sich empört, ohne wirklich Stellung zu beziehen, es wird permanent politisch kommuniziert, aber politisch wenig verändert. Diese Art der Politisierung geht im Gegensatz zur Massenpolitik nicht mehr mit Institutionalisierung und einer Kollektivzugehörigkeit einher, sondern ist radikal privat. Vereinen beizutreten, sich einer Klasse zugehörig zu fühlen oder ein Manifest zu verfassen, waren Identitätsmarker einer Massenpolitik, die Verbindlichkeiten schuf. Heute unterliegt das Politische zu einem großen Teil der Aufmerksamkeitsökonomie der digitalen Medien und den auf ihnen operierenden Dienstleistungsunternehmen. Ein Blick auf die Suaden, die die mächtigste Person der Welt auf der von ihr gegründeten Nachrichtenplattform veröffentlicht, zeigt: Das Politische ist zugleich privat und öffentlich und es rast in einer Form von Geschwindigkeit, die selbst die Futuristen nicht kannten.
Klarheit in einer hyperpolitischen Welt
Die Form des Manifests unter diesen Bedingungen wiederaufzugreifen und sich anzueignen, scheint beinahe disruptiv zu sein: Die Protagonisten der von ihnen selbst geschaffenen und aufrechterhaltenen Aufmerksamkeitsökonomie greifen in einer Zeit der Viralität und Informationskurzlebigkeit sowie -unverlässlichkeit zu einer Form, die nicht nur als solche von Dauerhaftigkeit sein soll, sondern auch dazu dient, eine mindestens mittelfristige Zukunftsvision auszurufen. Es scheinen nun also ausgerechnet die großen Techmagnaten zu sein, die neuen Künstler unserer Zeit, die im Strudel der Viralität vorgeben, in großen Visionen zu denken. Dem faschistoiden Pathos des futuristischen Manifests stehen sie dabei in nichts nach. Es sind rhetorische Machtgebärden, die die realen und durch den Trumpismus ermöglichten politischen Einflussmöglichkeiten vormals privater Akteure manifestieren und legitimieren sollen. Die Silicon-Valley-Manifeste fungieren also als Indizes dieses neuen Machtverhältnisses. Das Medienecho, das ihnen zuteilwurde, zeigt außerdem, dass die Form nach wie vor eine weitere ihrer zentralen Funktion erfüllen kann: Die Provokation. In ihr kann, so erschreckend ihr Inhalt auch sein mag, noch immer politische Gestaltungskraft, ein Diskursimpuls liegen. Man sollte daher, ganz im unternehmerischen Geiste gesprochen, sich nicht von der erfolgreichen Konkurrenz abschotten, sondern deren Strategien verstehen und für sich anpassen. Das bedeutet: Es lohnt sich, philosophisch, politikwissenschaftlich und soziologisch über die Bedeutung von Manifesten für das heutige demokratische Spektrum – ob links, liberal oder konservativ – nachzudenken.
Die entscheidende Wirkung des Manifests liegt nämlich in seiner Grundsätzlichkeit und in dem Wagnis, in großen Visionen zu denken, sich deutlich und auch polemisch vom politischen Anderen abzugrenzen, einen Leitstern aufzustellen, der politische Identifikation erlaubt. Politische Identifikation bedeutet aber auch zwangsläufig eine Differenzherstellung, die wiederum mit einem demokratischen Wettkampf einhergeht. Mit diesen Eigenschaften kann das Manifest (oder eine weiterentwickelte Form) Teil einer neuen politischen Kommunikation sein, die gegen das anarbeitet, was die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe in ihrem 2014 veröffentlichten Essay Agonistik als „Apathie und Entfremdung von der politischen Partizipation“ beschreibt.
Die in den letzten dreißig Jahren übermäßig praktizierte Konsensorientierung in der Tradition von Habermas’ Diskursethik habe laut Mouffe zu einer politischen Abneigung gegenüber Konflikten und politischem Wettkampf geführt, während das Ziel agonistischer Politik ein „konflikthafter Konsens“ sei. In diesem Wettkampf können unhintergehbare politische Antagonismen ausgefochten werden, indem man sich als legitime Feinde, nicht aber als das Böse betrachtet. Andreessen und Karp beschwören in ihren Manifesten jedoch genau dies: Wer vor der Macht der Technologieunternehmen warnt, Technologiekritik übt oder die Vorstellung eines rein technikinduzierten Fortschritts hinterfragt, der ist kein politischer, sondern ein religiöser Gegner. Peter Thiels Obsession mit dem Konzept des Antichristen zeigt ebenfalls deutlich, dass das Silicon-Valley sich und seine gesellschaftliche Rolle mittlerweile in eschatologischen Begriffen versteht und ein religiös dechiffriertes Narrativ spinnt, um politische Wirkmächtigkeit zu entfalten.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht mehr, dass wieder auf die Form des Manifests zurückgegriffen wird. Dessen narrative Funktionsweise, die der Literaturwissenschaftler Martin Puchner in seinem kürzlich erschienenen Werk The Written World bereits für das Kommunistische Manifest feststellt, fügt nicht nur die Vergangenheit in einen größeren Sinnzusammenhang ein, sondern entwirft auch eine sinnstiftende Vision, die sich bis weit in die Zukunft erstreckt. Es proklamiert und fordert etwas, womit es sich zu identifizieren und wofür es sich in einen politischen Wettkampf einzutreten lohnt. Das Manifest verspricht also nicht nur Klarheit in einer hyperpolitischen Welt, sondern beschwört eben auch manifeste Veränderung und ist damit ein reizvolles Sinnangebot in einer allgemeinen Krise der Narration (Byung-Chul Han).
Es ist unwahrscheinlich, dass das Manifest unter den gegebenen politischen Umständen in seiner klassischen Form wieder zu einem wirksamen politischen Instrument wird. Doch wäre es auch ein Fehler, die Veröffentlichungen aus dem Silicon-Valley als politische Atavismen abzutun. Denn das, wofür das Manifest einmal stand – politischer Wettkampf, das Verkünden von großen politischen Ideen und Visionen, Sinnstiftungsangebote – kommt im politischen Diskurs unserer Zeit viel zu kurz. Alexander Karp, der sich vergeblich um eine Promotion bei Habermas bemühte, und seinesgleichen haben das verstanden. Es ist daher dringend Zeit für neue Narrative und neue politische Kommunikationsformen aus dem demokratischen Spektrum, die es mit der faschistoiden Technologieüberhöhung und der Geschwindigkeit des Silicon-Valley aufnehmen können.