Jüngst erregte ein Post des Techunternehmens Palantir Aufsehen, das in Form eines Manifests für die „Technologische Republik“ abgefasst war. Das Manifest als Genre hat eine lange künstlerische und philosophische Geschichte. Es ist auch ein politisches Instrument, das in unseren Zeiten nicht dem Größenwahn des Silicon-Valley überlassen werden sollte.

  • David Lange

    David Lange studierte Philosophie und Geschichte in Münster und Hamburg, arbeitete bei Thorsten Logge am Arbeitsbereich für Public History der Universität Hamburg, Masterarbeit bei Jürgen Zimmerer über die Bedeutung von Wissen in literarischen Modernitätsentwürfen, beispielhaft analysiert an zwei Vorläufern der Science-Fiction-Literatur, derzeitig arbeitssuchend.

„Wir erklären, dass die Herr­lich­keit der Welt um eine neue Schön­heit berei­chert worden ist: die Schön­heit der Geschwin­dig­keit.“ Noch lange vor der Simul­ta­nität einer vernetzten Welt, noch vor den kurz­wei­ligen Infor­ma­ti­ons­fluten eines digi­talen und hyper­po­li­ti­schen Zeit­al­ters ernannte der italie­ni­sche Schrift­steller Filippo Tommaso Mari­netti die Geschwin­dig­keit in seinem 1909 erschie­nenen Futu­ris­ti­schen Mani­fest zu den prägenden Bewe­gungs­prin­zi­pien seiner Zeit. Er begrün­dete damit den Futu­rismus: Geschwin­dig­keit lässt zurück, lässt hinter sich und schiebt nach vorne, das heißt in die Zukunft, in das Unge­wisse und Neue. Die Futu­risten hatten Auto­mo­bile, Stra­ßen­bahnen, Züge, Fahr­räder und die ersten Flug­zeuge vor Augen, Produk­ti­vi­täts­stei­ge­rungen durch Auto­ma­ti­sie­rungs­pro­zesse und den rauschenden Lärm wach­sender Städte.

Sie wollten Schluss machen mit einer alten Welt, die sie als phleg­ma­tisch, über­in­tel­lek­tua­li­siert und erlahmt betrach­teten. Alles, was konser­vierte, das Vergan­gene bewahrte, galt ihnen als verabscheuens-, ja als vernich­tungs­wert: Biblio­theken, Archive, Museen – Hemm­nisse für das geschwinde Streben nach vorne, für die dyna­mi­sche, echte Bewe­gung, für das Eintreffen einer strah­lenden Zukunft der Geschwin­dig­keit. Mit ihr verbanden die Futu­risten auch die Gefahr, das Entgleisen, den Kontroll­ver­lust und den Crash. Mit ihrer Erhe­bung zur ästhe­tisch allum­fas­senden Kate­gorie impli­zierten sie mit der Anbe­tung der durch die tech­no­lo­gi­schen Wunder der Moderne ermög­lichten Geschwin­dig­keit die Todes­ge­fahr, gestei­gert zu einer Todes­lust, einer Zerstö­rungswut, einem Zorn der Geschwin­dig­keit. Kriegs­ver­herr­li­chung, Miso­gynie und Proto­fa­schismus sind zentrale Bestand­teile des futu­ris­ti­schen Mani­fests. Es ist die Sehn­sucht nach dem Moment, in dem Zerstö­rung und Auslö­schung vermeint­lich etwas Neues schöpfen: „Wir wollen den Krieg verherr­li­chen – diese einzige Hygiene der Welt – den Mili­ta­rismus, den Patrio­tismus, die Vernich­tungstat der Anar­chisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verach­tung der Frau.“

Tech­no­lo­gi­sche Politik

Zu seiner Zeit war der Futu­rismus als Denk­strö­mung eine künst­le­ri­sche und poli­ti­sche Rand­er­schei­nung. Doch die verhee­renden Schluss­fol­ge­rungen und Prokla­ma­tionen des Mani­fests sind erschre­ckend akut. Es wirkt in vielen Passagen nicht nur wie der Leit­stern der aktu­ellen US-amerikanischen inter­na­tio­nalen und natio­nalen Politik, sondern ist implizit und explizit ein stän­diger Refe­renz­punkt des Silicon-Valley, das in den letzten drei Jahren zwei Mani­feste hervor­ge­bracht hat. Das Soft­ware­un­ter­nehmen Palantir fasste kürz­lich in einem Post auf X die zentralen Anliegen zusammen, die der CEO Alex­ander C. Karp und Nicholas W. Zamiska in ihrem Buch The Tech­no­lo­gical Repu­blic ausfor­mu­lieren. Ob es sich bei dem Post selbst nun tatsäch­lich um ein Mani­fest handelt, wie es medial rund­herum darge­stellt wird, ist einerlei: Der Text, auf den sich der Post bezieht, ist durch und durch ein Mani­fest. Die Autoren diagnos­ti­zieren dort einer als über­legen darge­stellten west­li­chen Gesell­schaft den drohenden Verfall, kriti­sieren das angeb­lich mangelnde poli­ti­sche Enga­ge­ment des Silicon-Valley als mäch­tige gesell­schaft­liche Insti­tu­tion und visio­nieren eine Welt, in der Tech­no­lo­gie­un­ter­nehmen durch ihre Entwick­lungen an der „Hard Power“ des Staates teil­haben, also in Zukunft (noch mehr) konkrete poli­ti­sche und auch mili­tä­ri­sche Macht ausüben sollten. Das Erin­nern und der Wert der Vergan­gen­heit hingegen werden im Palan­tir­ma­ni­fest wie bei den Futu­risten denun­ziert. So bemühen die Autoren ein Narrativ, das der neue Rechts­po­pu­lismus in Deutsch­land bereits seit mehr als zehn Jahren nährt: „The postwar neutering of Germany and Japan must be undone.“ Auch die im Männ­lich­keits­kult des Silicon-Valley sowie in der Alt-Right-Bewegung verbrei­tete Angst vor der sozialen Entman­nung oder „Entmänn­li­chung“ kommt hier als oft genutzte Meta­pher zum Tragen und wieder­holt den Masku­lismus der Futuristen.

Der poli­ti­sche Macht­an­spruch des Privat­un­ter­neh­mens zeigt sich in ähnli­cher Weise auch in dem Mani­fest des Soft­ware­ent­wick­lers und Unter­neh­mers Marc Andre­essen, das sich als Inspi­ra­tion explizit auf Mari­netti bezieht. In verschie­denen Sektionen, die mit Schlag­worten wie „Lies“, „Truth“ oder „Intel­li­gence“ beti­telt sind, wird Tech­no­logie als Patronin eines sich in Gefahr befin­denden Westens darge­stellt, als Schutz­herrin für Frei­heit, Demo­kratie und aufklä­re­ri­sche Werte. Wie in The Tech­no­lo­gical Repu­blic werden die Bedro­hung durch einen unsicht­baren poli­ti­schen Feind insze­niert und die passenden poli­ti­schen Antworten präsen­tiert: „Tech­no­logy is the glory of human ambi­tion and achie­ve­ment, the spear­head of progress, and the realiza­tion of our potential.“

Ästhetik und Disruption

Alle drei Mani­feste teilen sich den Glauben an die Macht der rück­sichts­losen tech­no­lo­gi­schen und damit gesell­schaft­li­chen Beschleu­ni­gung, die den Menschen bereits in naher Zukunft in einen über­mensch­li­chen Zustand über­führen soll. Wie bei den Futu­risten wird Tech­no­logie als Heils­brin­gerin, als Vehikel in eine neue Zeit betrachtet, die sich endgültig von der Deka­denz des Status Quo verab­schiede. Es sind der radi­kale Trans­for­ma­ti­ons­ge­danke, der Wunsch nach tech­nik­in­du­zierter Beschleu­ni­gung und die Vorstel­lung, auf Disrup­tion folge Wachstum, die alle drei Mani­feste antreiben. Es ist die Poli­ti­sie­rung – des Tech­no­lo­gi­schen. War es bei den Futu­risten noch die durch Motoren und Auto­maten erzeugte Geschwin­dig­keit, ist es nun die durch Soft­ware und KI bestimmte Digi­ta­li­sie­rung, die einen unum­kehr­baren Wandel zu einer strah­lenden Zukunft hin einläuten soll.

Das zeigt: Der neoli­be­rale Versuch die Wirt­schaft zu entpo­li­ti­sieren ist nicht nur geschei­tert, wie der Ökonom und Histo­riker Adam Tooze 2023 in einem Inter­view mit der Zeit erklärte – das Gegen­teil ist zum erklärten Ziel geworden. Dabei geht es aber selbst­ver­ständ­lich nicht darum, Märkte staat­lich zu regu­lieren, sondern um eine liber­täre Vision, in der die Markt­macht und die Produk­ti­ons­mittel einiger weniger Unter­nehmen in poli­ti­sche Macht über­setzt werden. Ein starker Staat ist dieser Ideo­logie zufolge also ein solcher, der mithilfe von Tech­no­lo­gie­un­ter­nehmen „Hard Power“ entwi­ckelt und dementspre­chend möglichst wenig in Märkte und Wirt­schaft eingreift. Hier zeigt sich ein deut­li­cher Unter­schied inner­halb der Wahl­ver­wandt­schaft von Silicon-Valley-Manifesten und dem futu­ris­ti­schen Mani­fest, das eine ästhe­ti­sche Program­matik mindes­tens so laut­stark ausge­rufen hatte, wie eine poli­ti­sche. Sich als visionär, als exzen­trisch und als norm­bre­chend („disruptiv“) zu gerieren, war in den 1910er Jahren noch Ange­le­gen­heit von Künst­lern. 1998 sehnten sich dann Tony Blair und Gerhard Schröder in ihrem Grund­satz­pa­pier „Die Neue Mitte“ eine Welt herbei, in der Tech-Unternehmer gefeiert und verehrt werden wie Künstler oder Stars. Sie sollten nicht enttäuscht werden – aus Grund­satz­pa­pieren wurden Manifeste.

Geschichte des Manifests

Doch warum fühlen sich Privat­un­ter­nehmer dazu bemü­ßigt, Mani­feste zu schreiben? Als Ausdrucks­mittel der massen­po­li­ti­schen Ära des späten 19. Jahr­hun­derts und der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts wirkt die Form des Mani­fests anti­quiert. In diesem Zeit­raum waren sie ein zentraler Bestand­teil von poli­ti­scher Kommu­ni­ka­tion und Mobi­li­sie­rung und boten vor allem den Massen an Arbei­tern Identifikations- und Parti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten an: Es wurden poli­ti­sche Vereine gegründet, und Menschen begannen, sich einer bestimmten Klasse, dem Prole­ta­riat, zuge­hörig zu fühlen. Die Rede ist hier offen­sicht­lich vom bekann­testen Mani­fest, dem Mani­fest der Kommu­nis­ti­schen Partei von Karl Marx und Fried­rich Engels, dessen Wirkung bis in die Gegen­wart reicht. Doch sind insbe­son­dere das 19. und 20. Jahr­hun­dert reich an deut­lich unbe­kann­teren Mani­festen, wie etwa das Mani­fest der 93. Als geschichts­wis­sen­schaft­li­cher Forschungs­ge­gen­stand werden sie unter anderem als eine Form des zivil­ge­sell­schaft­li­chen Diskur­s­im­pulses in einer sich in der Moderne heraus­bil­denden Öffent­lich­keit untersucht.

Doch sind die Zeiten der poli­ti­schen Massen­mo­bi­li­sie­rung und der großen Mani­feste schon lange vorbei. Viel­mehr herr­schen Tendenzen vor, die der belgi­sche Histo­riker Anton Jäger als ‚Hyper­po­litik‘ bezeichnet: Sich zu einem großen Teil im digi­talen Raum abspie­lend, sind poli­ti­sche Konfron­ta­tionen extrem und pola­ri­sie­rend. Doch sie sind auch kurz­lebig, ohne Pausen werden hoch­gradig mora­li­sierte und mora­li­sie­rende Meinungen zu jedwedem poli­ti­schen Thema verkündet und dann wieder vergessen. Es wird sich empört, ohne wirk­lich Stel­lung zu beziehen, es wird perma­nent poli­tisch kommu­ni­ziert, aber poli­tisch wenig verän­dert. Diese Art der Poli­ti­sie­rung geht im Gegen­satz zur Massen­po­litik nicht mehr mit Insti­tu­tio­na­li­sie­rung und einer Kollek­tiv­zu­ge­hö­rig­keit einher, sondern ist radikal privat. Vereinen beizu­treten, sich einer Klasse zuge­hörig zu fühlen oder ein Mani­fest zu verfassen, waren Iden­ti­täts­marker einer Massen­po­litik, die Verbind­lich­keiten schuf. Heute unter­liegt das Poli­ti­sche zu einem großen Teil der Aufmerk­sam­keits­öko­nomie der digi­talen Medien und den auf ihnen operie­renden Dienst­leis­tungs­un­ter­nehmen. Ein Blick auf die Suaden, die die mäch­tigste Person der Welt auf der von ihr gegrün­deten Nach­rich­ten­platt­form veröf­fent­licht, zeigt: Das Poli­ti­sche ist zugleich privat und öffent­lich und es rast in einer Form von Geschwin­dig­keit, die selbst die Futu­risten nicht kannten.

Klar­heit in einer hyper­po­li­ti­schen Welt

Die Form des Mani­fests unter diesen Bedin­gungen wieder­auf­zu­greifen und sich anzu­eignen, scheint beinahe disruptiv zu sein: Die Prot­ago­nisten der von ihnen selbst geschaf­fenen und aufrecht­erhal­tenen Aufmerk­sam­keits­öko­nomie greifen in einer Zeit der Vira­lität und Infor­ma­ti­ons­kurz­le­big­keit sowie -unver­läss­lich­keit zu einer Form, die nicht nur als solche von Dauer­haf­tig­keit sein soll, sondern auch dazu dient, eine mindes­tens mittel­fris­tige Zukunfts­vi­sion auszu­rufen. Es scheinen nun also ausge­rechnet die großen Tech­ma­gnaten zu sein, die neuen Künstler unserer Zeit, die im Strudel der Vira­lität vorgeben, in großen Visionen zu denken. Dem faschis­to­iden Pathos des futu­ris­ti­schen Mani­fests stehen sie dabei in nichts nach. Es sind rheto­ri­sche Macht­ge­bärden, die die realen und durch den Trum­pismus ermög­lichten poli­ti­schen Einfluss­mög­lich­keiten vormals privater Akteure mani­fes­tieren und legi­ti­mieren sollen. Die Silicon-Valley-Manifeste fungieren also als Indizes dieses neuen Macht­ver­hält­nisses.  Das Medi­en­echo, das ihnen zuteil­wurde, zeigt außerdem, dass die Form nach wie vor eine weitere ihrer zentralen Funk­tion erfüllen kann: Die Provo­ka­tion. In ihr kann, so erschre­ckend ihr Inhalt auch sein mag, noch immer poli­ti­sche Gestal­tungs­kraft, ein Diskur­s­im­puls liegen. Man sollte daher, ganz im unter­neh­me­ri­schen Geiste gespro­chen, sich nicht von der erfolg­rei­chen Konkur­renz abschotten, sondern deren Stra­te­gien verstehen und für sich anpassen. Das bedeutet: Es lohnt sich, philo­so­phisch, poli­tik­wis­sen­schaft­lich und sozio­lo­gisch über die Bedeu­tung von Mani­festen für das heutige demo­kra­ti­sche Spek­trum – ob links, liberal oder konser­vativ – nachzudenken.

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Die entschei­dende Wirkung des Mani­fests liegt nämlich in seiner Grund­sätz­lich­keit und in dem Wagnis, in großen Visionen zu denken, sich deut­lich und auch pole­misch vom poli­ti­schen Anderen abzu­grenzen, einen Leit­stern aufzu­stellen, der poli­ti­sche Iden­ti­fi­ka­tion erlaubt. Poli­ti­sche Iden­ti­fi­ka­tion bedeutet aber auch zwangs­läufig eine Diffe­renz­her­stel­lung, die wiederum mit einem demo­kra­ti­schen Wett­kampf einher­geht. Mit diesen Eigen­schaften kann das Mani­fest (oder eine weiter­ent­wi­ckelte Form) Teil einer neuen poli­ti­schen Kommu­ni­ka­tion sein, die gegen das anar­beitet, was die Poli­tik­wis­sen­schaft­lerin Chantal Mouffe in ihrem 2014 veröf­fent­lichten Essay Agonistik als „Apathie und Entfrem­dung von der poli­ti­schen Parti­zi­pa­tion“ beschreibt.

Die in den letzten dreißig Jahren über­mäßig prak­ti­zierte Konsens­ori­en­tie­rung in der Tradi­tion von Habermas’ Diskurs­ethik habe laut Mouffe zu einer poli­ti­schen Abnei­gung gegen­über Konflikten und poli­ti­schem Wett­kampf geführt, während das Ziel agonis­ti­scher Politik ein „konflikt­hafter Konsens“ sei. In diesem Wett­kampf können unhin­ter­geh­bare poli­ti­sche Antago­nismen ausge­fochten werden, indem man sich als legi­time Feinde, nicht aber als das Böse betrachtet. Andre­essen und Karp beschwören in ihren Mani­festen jedoch genau dies: Wer vor der Macht der Tech­no­lo­gie­un­ter­nehmen warnt, Tech­no­lo­gie­kritik übt oder die Vorstel­lung eines rein tech­nik­in­du­zierten Fort­schritts hinter­fragt, der ist kein poli­ti­scher, sondern ein reli­giöser Gegner. Peter Thiels Obses­sion mit dem Konzept des Anti­christen zeigt eben­falls deut­lich, dass das Silicon-Valley sich und seine gesell­schaft­liche Rolle mitt­ler­weile in escha­to­lo­gi­schen Begriffen versteht und ein reli­giös dechif­friertes Narrativ spinnt, um poli­ti­sche Wirk­mäch­tig­keit zu entfalten.

Vor diesem Hinter­grund über­rascht es nicht mehr, dass wieder auf die Form des Mani­fests zurück­ge­griffen wird. Dessen narra­tive Funk­ti­ons­weise, die der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Martin Puchner in seinem kürz­lich erschie­nenen Werk The Written World bereits für das Kommu­nis­ti­sche Mani­fest fest­stellt, fügt nicht nur die Vergan­gen­heit in einen größeren Sinn­zu­sam­men­hang ein, sondern entwirft auch eine sinn­stif­tende Vision, die sich bis weit in die Zukunft erstreckt. Es prokla­miert und fordert etwas, womit es sich zu iden­ti­fi­zieren und wofür es sich in einen poli­ti­schen Wett­kampf einzu­treten lohnt. Das Mani­fest verspricht also nicht nur Klar­heit in einer hyper­po­li­ti­schen Welt, sondern beschwört eben auch mani­feste Verän­de­rung und ist damit ein reiz­volles Sinn­an­gebot in einer allge­meinen Krise der Narra­tion (Byung-Chul Han).

Es ist unwahr­schein­lich, dass das Mani­fest unter den gege­benen poli­ti­schen Umständen in seiner klas­si­schen Form wieder zu einem wirk­samen poli­ti­schen Instru­ment wird. Doch wäre es auch ein Fehler, die Veröf­fent­li­chungen aus dem Silicon-Valley als poli­ti­sche Atavismen abzutun. Denn das, wofür das Mani­fest einmal stand – poli­ti­scher Wett­kampf, das Verkünden von großen poli­ti­schen Ideen und Visionen, Sinn­stif­tungs­an­ge­bote – kommt im poli­ti­schen Diskurs unserer Zeit viel zu kurz. Alex­ander Karp, der sich vergeb­lich um eine Promo­tion bei Habermas bemühte, und seines­glei­chen haben das verstanden. Es ist daher drin­gend Zeit für neue Narra­tive und neue poli­ti­sche Kommu­ni­ka­ti­ons­formen aus dem demo­kra­ti­schen Spek­trum, die es mit der faschis­to­iden Tech­no­lo­gie­über­hö­hung und der Geschwin­dig­keit des Silicon-Valley aufnehmen können.