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Im Sommer 2007 war „Die Liste“ erst­mals im öffent­li­chen Raum zu sehen: Mit 110 Plakat­wänden, die im Rahmen einer Kunst­aus­stel­lung für zwei Wochen an unter­schied­li­chen Orten in Amsterdam aufge­stellt wurden, wies die türki­sche Künst­lerin Banu Cenne­toğlu darauf hin, dass 7128 Flücht­linge seit 1993 ihr Leben auf dem Weg nach Europa oder inner­halb seiner Grenzen verloren hatten. Öffent­liche Aushänge der Liste, die eigent­lich von der Orga­ni­sa­tion UNITED for Inter­cul­tural Action stammt und von dieser auch weiterhin geführt wird, hat es seither in Verbin­dung mit verschie­denen Ausstellungs- und Kunst­pro­jekten in diversen Städten gegeben, darunter in Basel, Istanbul und Sofia, Bonn und Mailand, schließ­lich in Los Angeles, Berlin und Liver­pool. Auf Dutzenden von Plakat­wänden, auf Litfaß­säulen, in Waggons von U-Bahnlinien hing die Liste der Toten aus – eine immer länger werdende Liste, die im Mai 2018 34.361 Menschen zählte. Banu Cenne­toğlu zeigte sie erst unlängst auf der Bien­nale in Liver­pool auf einer einzigen, fort­lau­fenden Wand; sie war ganze 280 Meter lang.

Die Verbrei­tung der Liste von doku­men­tierten Toten läuft mitt­ler­weile längst nicht mehr allein über den Kunst­be­trieb. Gegne­rinnen und Gegner der euro­päi­schen Flücht­lings­po­litik haben bereits verschie­dent­lich auf sie zurück­ge­griffen: eine Gruppe legte sie 2015 auf dem Fußboden im EU-Parlament aus, um die Abge­ord­neten über die Namen der Verstor­benen gehen zu lassen; Akti­visten der „Seebrücke Hamburg“ trugen am vergan­genen Toten­sonntag die hundert Meter lange Liste durch die Innen­stadt. Auch die Massen­me­dien haben sich längst einge­schaltet: Im vergan­genen Jahr veröf­fent­lichte Der Tages­spiegel die Liste der Toten in einer Sonder­aus­gabe von 48 Seiten und fand damit selbst auf der anderen Seite des Atlan­tiks Aufmerk­sam­keit, wo mehrere namhafte US-amerikanische Zeitungen das Ereignis verbrei­teten. Im vergan­genen Sommer legte der Guar­dian mit einer noch­ma­ligen Veröf­fent­li­chung der Liste nach. Anläss­lich des Inter­na­tio­nalen Tags der Menschen­rechte erscheint die gesamte Liste von gegen­wärtig über 35.000 Menschen nun auch noch in einem Buch. Es trägt den Titel Todes­ur­sache: Flucht. Eine unvoll­stän­dige Liste;  die gesamte Auflage von 10.000 Stück wird gerade kostenlos verteilt.

Moral­po­litik

Dass „Die Liste“ auf diese Weise zirku­liert, ist genau genommen der Erfolg einer Kampagne, die die aus Amsterdam stam­mende NGO UNITED for Cultural Action lancierte. „USE the ‚List of the Deaths‘!“, heißt es heute noch auf der Website von UNITED, auf der sie dazu aufruft, das Doku­ment so weit wie möglich zu verbreiten, um „gegen die grau­samen und inhu­manen Folgen von Europas Abschot­tungs­po­litik“ vorzu­gehen. Das Ziel ist poli­tisch, was das Instru­ment anbe­langt, setzt die NGO jedoch bewusst auf Emotionen: „Die mensch­liche Dimen­sion macht die Liste so stark“, erläu­tert sie poten­zi­ellen Inter­es­sen­tinnen und Inter­es­senten, denen sie weiter erklärt: „Indem Sie die Aufmerk­sam­keit auf die ganz realen Heraus­for­de­rungen, Anstren­gungen und Leiden richten, mit denen Migranten konfron­tiert sind, helfen Sie Ihrer Ziel­gruppe, sich auf die Situa­tion einzu­stellen und sich mit ihr zu befassen.“ Schließ­lich wird empfohlen, für die eigenen Aktionen Fälle auszu­wählen, die bei den Adres­saten am meisten ankämen. Für diese Vorge­hens­weise gibt es ein prägnantes Wort, es heißt: Moral­po­litik.

„Am I Not a Man and Brother“ – Porzellan-Medaillon, Wedgwood, Ende 18. Jh.; Quelle: collections.vam.ac.uk

Moral­kam­pa­gnen sind an sich nichts Neues. Promi­nente Gegner der Skla­verei und des Skla­ven­han­dels etwa bedienten sich ihrer bereits im ausge­henden 18. Jahr­hun­dert, wofür der engli­sche Fabri­kant Josiah Wedgwood nur eines der berühm­testen Beispiele ist. Aus Porzellan fertigte er ein Medaillon an, aus dem eine Ikone werden sollte. Es zeigt einen knienden schwarzen Mann, der seine in Ketten liegenden Hände flehend empor­hebt, umrankt von einer einzigen Frage: „Am I not a man and a brother?“ Es war ein kraft­voller Appell, der sich seiner­zeit an das mora­li­sche Gewissen der Bürger rich­tete und dies in wach­sender Zahl weckte. Auch der menschen­rechts­po­li­ti­sche Akti­vismus, der sich seit den 1970er Jahren verstärkt ausbrei­tetet hat, setzte in seinen Kampa­gnen wieder­holt auf diesen Effekt. Bilder von Verletzten, Toten und Hungernden dienten seither oft als Stra­tegie, um die Öffent­lich­keit zu mobi­li­sieren und Druck auf die Politik auszu­üben.

Auch Regie­rungen verstehen sich heute auf das Instru­ment der Moral­po­litik, wie man etwa im Kontext soge­nannter Huma­ni­tärer Inter­ven­tionen sieht. Das heißt aller­dings nicht, dass die Moral­kam­pa­gnen der Zivil­ge­sell­schaft auto­ma­tisch Auswir­kungen auf der Ebene des staat­li­chen poli­ti­schen Handelns nach sich ziehen würden. Das war in der Vergan­gen­heit so und ist auch in der Gegen­wart nicht anders. Die Verbrei­tung der „Liste“ wird hier keine Ausnahme machen, auch wenn UNITED darauf hofft, dass euro­päi­sche Poli­ti­ke­rinnen und Poli­tiker mithilfe der Medien und einer brei­teren Öffent­lich­keit dazu gezwungen werden könnten, „in der euro­päi­schen Einwan­de­rungs­po­litik umzu­denken und eine mensch­liche Vision für Migra­tion zu entwi­ckeln“.

Die Bericht­erstat­tung über die diversen Aktionen zeigt, dass die Sache sogar noch kompli­zierter ist. So ist zwar deut­lich, dass „Die Liste“ offenbar einen Nerv trifft; in eine eindeu­tige poli­ti­sche Forde­rung mündet sie deshalb aber noch lange nicht. Was aus den zahl­rei­chen Kommen­taren zur „Liste“ spricht, ist vor allem eine tiefe Bestür­zung über die hohe Zahl von Menschen, die der Versuch, nach Europa zu gelangen, das Leben kostete. Das Buch „berührt und macht zornig – Seite für Seite“, schrieb gerade erst Dietmar Süß, der in der Süddeut­schen die jüngste Publi­ka­tion der Toten­liste vorstellte. Die beiden Heraus­ge­be­rinnen des Buches, Anja Tucker­mann und Kris­tina Milz, erklärten ihrer­seits gegen­über dem Baye­ri­schen Rund­funk: „Wir müssen begreifen, dass wir es mit Menschen zu tun haben.“ Verschie­dent­lich konnte man lesen, dass das ausge­stellte Doku­ment, mit den Namen der Toten, ihrem Herkunftsort und Angaben zur Todes­ur­sache, es uns ermög­li­chen solle, zu trauern. Über­haupt ist gene­rell ersicht­lich, dass vor allem die Nennung der Namen ergreift und ergreifen soll. „Tote brau­chen Namen, wie Neuge­bo­rene“, war letztes Jahr im Tages­spiegel zu lesen; mehr­fach schon wurde „Die Liste“ damit beworben, dass sie den zehn­tau­senden von Toten ihre Namen (zurück)gebe. Was darin zum Ausdruck kommt, ist sicher eine ehren­werte Haltung. Aber es ist noch lange keine Politik. Bei Lichte besehen, erfor­dert „Die Liste“ noch nicht einmal eine poli­ti­sche Stel­lung­nahme. Auf die poli­tisch moti­vierte Zerstö­rung der in Liver­pool ausge­hängten Liste reagierte eine Kommen­ta­torin im Guar­dian mit den Worten: „Die Liste der toten Migranten verlangt von den Passanten nichts außer Mitge­fühl“.

Eine recht­liche Leer­stelle

So wichtig die Bestür­zung über die Toten auch sein mag, erweckt sie zuweilen doch den Anschein, als ob ein solches Entsetzen und der Appell an das rein Mensch­liche eine poli­ti­sche Lösung schon mit sich bringen würde. Tatsäch­lich aber verstellt sie eher noch den Blick. Das zeigt sich gerade dort, wo sich Akti­visten, Künst­le­rinnen und Jour­na­lis­tinnen auf sicherem Grund wähnen: Bei der Nennung der Namen und den erfolgten Bemü­hungen, auch die Namen von einigen der nicht iden­ti­fi­zierten Toten zu ermit­teln. Denn dass mindes­tens Zwei­drittel der Männer, Frauen und Kinder auf der Liste als Tote mit dem Kürzel N.N. (nomen nescio – den Namen weiss ich nicht) erscheinen, weil ihre Namen gar nicht bekannt sind, ging in Inter­views und der gesamten Bericht­erstat­tung darüber fast voll­ständig unter.

Dabei verweist die Viel­zahl dieser Namen­losen nicht zuletzt auf eine beträcht­liche und für die Fami­lien von Migranten folgen­reiche Leer­stelle im Inter­na­tio­nalen Recht. Zwar schaffte das 1. Zusatz­pro­to­koll zu den Genfer Abkommen von 1949 seit 1977 in Artikel 32 „das Recht der Fami­lien“, „das Schicksal ihrer Ange­hö­rigen zu erfahren“, womit eine ganze Reihe von Verpflich­tungen für die Staaten verbunden ist,  so etwa nach vermisst gemel­deten Personen zu suchen. Doch der Geltungs­be­reich dieser Abkommen ist begrenzt, bezieht sich dieses doch nur auf Vermisste und Verschwun­dene in inter­na­tio­nalen und natio­nalen mili­tä­ri­schen Konflikten.

Mitt­ler­weile ist das „Recht auf Wahr­heit“ nicht mehr an mili­tä­ri­sche Konflikte gebunden. Trotzdem ist es auch in seiner erwei­terten Fassung auf eine konkrete Proble­matik begrenzt. Die Vereinten Nationen reagierten nämlich mit der Auswei­tung auf die Methode des gewalt­samen Verschwin­den­las­sens poli­ti­scher Gegner, wie sie etwa von den latein­ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­dik­ta­turen der 1970er und 1980er Jahre prak­ti­ziert wurde. Entspre­chend rich­tete sich dieses „Recht auf Wahr­heit“ auf die Fälle gewalt­samen oder unfrei­wil­ligen „Verschwin­den­las­sens“. Im Nach­gang wurde es dann sogar noch einmal deut­lich erwei­tert: Seit 2007 bezieht es sich nicht mehr nur auf das Recht der Ange­hö­rigen, vom Staat über die Umstände des „Verschwin­den­las­sens“ und das Schicksal der verschwun­denen Personen infor­miert zu werden; es räumt allen Opfern staat­li­cher Verbre­chen das Recht ein, zu diesem Zweck selbst­ständig „Infor­ma­tionen einzu­holen, zu erhalten und zu verbreiten.“

Im Inter­na­tio­nalen Recht war das eine beacht­liche Verschie­bung. Mit ihr ging aller­dings einher, dass eben­falls defi­niert wurde, was „Verschwin­den­lassen“ eigent­lich heißt: nämlich „die Fest­nahme, der Entzug der Frei­heit, die Entfüh­rung oder jede andere Form der Frei­heits­be­rau­bung durch Bediens­tete des Staates oder durch Personen oder Perso­nen­gruppen, die mit Ermäch­ti­gung, Unter­stüt­zung oder Duldung des Staates handeln, gefolgt von der Weige­rung, diese Frei­heits­be­rau­bung anzu­er­kennen, oder der Verschleie­rung des Schick­sals oder des Verbleibs der verschwun­denen Person, wodurch sie dem Schutz des Gesetzes entzogen wird.“

Das heißt: Die Namen­losen unter den Toten auf „der Liste“ sind in diesem Sinne keine „Verschwun­denen“ – solange man nicht nach­weisen kann, dass Schlepper oder andere staat­liche Sicher­heits­kräfte die Migran­tinnen und Migranten aktiv „verschwinden“ ließen, indem sie diese ermor­deten oder verschleppten. Dass derar­tige Fälle vorkommen, ist durchaus bekannt. Sie könnten letzt­lich aber nur durch eine sorg­fäl­tige und zügige Obduk­tion der Getö­teten nach­ge­wiesen werden, die zusammen mit ihrer Iden­ti­fi­zie­rung die Voraus­set­zung für mögliche spätere Entschädigungs- und sons­tige Ansprüche der Hinter­blie­benen wäre. Die gegen­wär­tige Neigung der euro­päi­schen Staaten wie auch der Herkunfts­länder, den Tod von Migranten als „Unfall“ zu behan­deln und schon deswegen keine Obduk­tion der Toten durch­zu­führen, macht den Nach­weis von Verbre­chen aller­dings äußerst unwahr­schein­lich.

Fami­lien von vermissten Migranten verlangen in Tunis vor der italie­ni­schen Botschaft Auskunft über deren Verbleib; Quelle: la.terre.est.pour.tous.over-blog.com

Die Ange­hö­rigen der Migranten haben jedoch nicht nur in diesen Fällen meist das Nach­sehen. Da die Toten von den Behörden oft nicht iden­ti­fi­ziert werden (und auch nur schwer iden­ti­fi­ziert werden können), leben ihre Mütter und Väter, ihre Männer, Frauen und Kinder oft monate-, wenn nicht jahre­lang in Unsi­cher­heit darüber, ob jene, die fort­gingen, noch leben. Für die Zurück­ge­blie­benen hat dies eine ganze Reihe gravie­render Folgen, so etwa ein unge­klärter Zivil­stand, unklare Eigen­tums­rechte und umstrit­tene Erban­sprüche. Auch Stig­ma­ti­sie­rungen können die Folge sein, insbe­son­dere für Frauen, welche die Rollen ihrer abwe­senden Männer einnehmen müssen, oder über­haupt für Hinter­blie­bene, denen es nicht möglich ist, die Toten entspre­chend der Gebräuche zu bestatten und zu betrauern.

Infor­ma­tionen über das genaue Schicksal der migrierten Ange­hö­rigen würden diese Probleme entschärfen, gleich­zeitig aber auch neue schaffen. Man stelle sich nur vor, „die Liste“ würde tatsäch­lich alle Namen der Toten enthalten, was theo­re­tisch mit DNA-Analyse möglich wäre – sie würde nicht zuletzt zu einem will­kom­menen Instru­ment für die Sicher­heits­ap­pa­rate der Herkunfts­staaten, um dieje­nigen zu iden­ti­fi­zieren, die mögli­cher­weise aus poli­ti­schen oder reli­giösen Gründen oder wegen ihrer sexu­ellen Orien­tie­rung geflohen sind. Ihre Fami­lien hätten in vielen Fällen Repres­sa­lien zu befürchten.

Doch auch ohne diese hypo­the­ti­sche Voll­stän­dig­keit ist der Hype um „Die Liste“ ein Problem. Denn es ist offen­sicht­lich, dass sie in erster Linie auf unsere Betrof­fen­heit zielt. Mit der Vorstel­lung ihrer Initi­an­tinnen und Unter­stützer, die Probleme der Migra­ti­ons­po­litik im imagi­nären Raum eines rein Mensch­li­chen zu erfassen, zielt sie weit an den hier skiz­zierten recht­li­chen und poli­ti­schen Verwick­lungen und Schwie­rig­keiten vorbei. Durch die mediale Fixie­rung auf die Namen ist die Verbrei­tung der „Liste“ wohl eher ein Schritt zu einer Entpo­li­ti­sie­rung des Dramas der mitt­ler­weile über 35000 aufge­zeich­neten Toten.

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