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  • Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2011 mit Anne Lang das Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt“ bei C.H. Beck/München veröffentlicht.

Zu einer Stadt­füh­rung gehört stets der Besuch von Statuen einhei­mi­scher Helden. Doch es ist nichts los am 12. Oktober, dem Kolum­bustag, am großen Colombo-Denkmal an der Piazza Acqua­verde in Genua. Am Fuß des Monu­ments liegt nur ein ausge­bleichter Kranz der Stadt, aus der Cris­to­foro Colombo, der berühmte Sohn Genuas, aufbrach, um die kürzeste Route nach Indien zu finden und Amerika (bekannt­lich nicht als erster) „entdeckte“.

Das Kolumbus-Denkmal auf der Piazza Acqua­verde in Genua; Quelle: wikipedia.org

Das 1863 einge­weihte Monu­ment steht palmen­um­säumt vor dem Bahnhof Principe, wo Pendler aus den nörd­li­chen Vororten der Hafen­stadt ankommen. Während der „Columbus Day“ in den USA 1892 auf Drängen nament­lich von Italo-Amerikanern, die sich als katho­li­sche Immi­granten verachtet fühlten, zum schul­freien Natio­nal­fei­ertag erklärt worden ist, laufen Einhei­mi­sche hier meist achtlos an den zahl­rei­chen Columbus-Monumenten und -Häusern vorbei.

Doch von einigen wird der Seefahrer wieder so frene­tisch als Natio­nal­held gefeiert wie in der Ära der Bildung der italie­ni­schen Nation um 1860, vor allem von der italie­ni­schen Rechten: Lega-Chef Matteo Salvini und Giorgia Meloni von den neofa­schis­ti­schen „Fratelli d’Italia“ erheben Colombo zum Symbol der italia­nità, auch wenn er gar kein Italiener war – es gab damals kein „Italien“ –, sondern ein Genovese im Auftrag der spani­schen Krone, deren Expe­di­tionen nach Amerika sich wesent­lich dem Geld und der Navi­ga­ti­ons­kunst dieser ligu­ri­schen Seemacht verdankten. Über­haupt scheint das Problem­be­wusst­sein in Italien gering zu sein: Während Kolumbus heute rund um den Globus als Erzko­lo­nia­list einge­schätzt wird, sind am Colombo-Monument keine Spuren einer Graffiti-Attacke oder derglei­chen zu sehen. Kolumbus wird hier als chris­tus­glei­cher Heils­bringer darge­stellt, der den Gelehrten seiner Zeit die Welt erklärt und gutwil­ligen Heiden die christ­liche Zivi­li­sa­tion über­bringt. Woher kommt diese anti­zy­kli­sche Retro­fik­tion in Italien?

Das Monu­ment

Das von dem Bild­hauer Lorenzo Barto­lini entwor­fene Monu­ment trägt auf der zur Straße weisenden Seite die vater­län­di­sche Widmung „A Cris­to­foro Colombo | La Patria“; am Sockel wurden 1892 zwei Bron­ze­kränze ange­bracht, zwischen denen bei fest­li­chen Gele­gen­heiten Blumen­ge­stecke nieder­ge­legt wurden. Auf der rechten Seite ist die Inschrift MDCCCLXII DEDICATO IL MONUMENTO („Das Denkmal wurde 1862 gewidmet“) zu lesen, auf der Rück­seite der Lobpreis DIVINATO UN MONDO/ LO AVVINSE DI PERENNI BENEFIZI ALL‘ ANTICO (sinn­gemäß: Kolumbus hat eine [neue] Welt entdeckt zum ewigen Nutzen der alten). Das Funda­ment verjüngt sich zu einem quadra­ti­schen Sockel, an dessen vier Enden sitzende Statuen die Kolumbus zuge­schrie­benen Tugenden der Fröm­mig­keit, Wissen­schaft, Bestän­dig­keit und Klug­heit verkör­pern. Auf den Seiten zeigen vier Reliefs markante Szenen aus Kolumbus‘ Leben, bei denen seine Person jeweils im Zentrum steht.

Kolumbus-Denkmal in Genua, Detail­an­sicht; Quelle: ricognizioni.it

Darüber erhebt sich eine Säule mit einer Statue des aufrecht­ste­henden Kolumbus und einer indi­genen Frau zu seinen Füßen. Kolumbus ist in einen spani­schen Wappen­rock und einen weiten Umhang gekleidet, die langen, flie­ßenden Haare verleihen ihm einen jugend­li­chen Ausdruck. Die linke Hand stützt sich auf einen Anker, die rechte weist auf die Frau, in deren rechter Hand ein nicht mehr vorhan­dener Gegen­stand steckte, vermut­lich ein Kruzifix.

Es läge nahe, dieses Monu­ment kritisch als gera­dezu ideal­ty­pi­sche Mani­fes­ta­tion der „zivi­li­sa­to­ri­schen Mission“ zu analy­sieren, die sich die Euro­päer seit dem 15. Jahr­hun­dert gegeben und in der Ära des Hoch­im­pe­ria­lismus noch einmal gestei­gert haben. Italien war, genau wie Deutsch­land, eine „verspä­tete Nation“, die eine stolze Selbst­zu­schrei­bung als Erbe des antiken Rom und Zentrum der (katho­li­schen) Chris­ten­heit zu Ende des 19. Jahr­hun­derts auch in den Anspruch über­führte, am Wett­be­werb um kolo­niale Besit­zungen teil­zu­haben. Die Seere­pu­bliken Genua und Venedig waren dazu will­kom­mene Refe­renzen, entspre­chende Expe­di­tionen erfolgten nach 1880 in Rich­tung Ostafrika (Libyen, Äthio­pien, Somalia). Der welt­weit als großer Entde­cker verehrte Kolumbus war die ideale Symbol­figur, die in einen natio­nalen und lokalen Rahmen gepresst wurde. Dieses Monu­ment ist das größte unter wenigs­tens einem Dutzend weiterer Kolumbus-Statuen und -Reliefs im Stadt­ge­biet von Genua. Es ist seit seiner Eröff­nung auf zahl­losen Foto­gra­fien und Post­karten abge­bildet und verbreitet worden, mit Vintage-Remakes, Foto­ta­peten und derglei­chen ist es bis heute in der popu­lären Kultur präsent. Touristik-Plattformen nutzen die Statue zur Bewer­bung von Hotels, Bars und Restau­rants in der näheren und weiteren Umge­bung, von denen eben­falls viele den Namen des Kolumbus tragen. Die Wirkung des Kolumbus-Mythos in der italie­ni­schen Kultur scheint unge­bro­chen.

Verehrer und Dissi­denten

Als ich mich am 12. Oktober 2020 in Genua aufhielt, gab es weder große Feier­lich­keiten an dem seit 2004 auch in Italien offi­zi­ellen Kolum­bustag noch Ausdruck von Protest. Nur einzelne Kolumbus-Freunde hatten klei­nere Memo­ra­bi­lien ausge­stellt; zum Beispiel waren das Gemälde des Seefah­rers von Ridolfo del Ghir­lan­daio für einige Tage im Palazzo Nico­losio Lomel­lino ausge­stellt und Besu­cher zum #selfie­con­Co­lombo! einge­laden. In Savona reani­mierte eine Handels­kette den „Admiral Columbus“ als Zeichen­trick­figur, um in den sozialen Medien für ihre Produkte zu werben.

Giovani Battista Carlone: »Colombo pianta la Croce nel Nuovo Mondo«, 1655; Quelle: cristoforocolombo.com

Im Schiff­fahrts­mu­seum am reno­vierten Porto Antico lag das Original des „Buchs der Privi­le­gien“ aus; in der Kapelle des Palazzo Ducale, dem Sitz des Dogen, hing wie seit Jahr­zehnten schon das berühmte Wand­ge­mälde »Colombo pianta la Croce nel Nuovo Mondo« von Giovani Battista Carlone von 1655, das die Landung von Kolumbus auf Guanahaní zeigt. Gemalt wurde es lange vor der Grün­dung der italie­ni­schen Nation, die sich den spanisch­schrei­benden Entde­cker der „Neuen Welt“ zum roman­ti­schen Helden erkoren hat und nun wieder neu als solchen belebt, auch in der Stadt, die als Ort blutig nieder­ge­schla­gener Proteste von Kriti­kern der kapi­ta­lis­ti­schen Globa­li­sie­rung während des G8-Gipfels 2001 im kollek­tiven Gedächtnis geblieben ist. Dass der „Entde­cker der neuen Welt“ in Columbus/Ohio von Poli­zisten geschützt werden muss, löste in Italien in Zeiten großer Verun­si­che­rung eher Trotz­rek­tionen aus; die Proteste und Atta­cken gegen Kolumbus-Statuen in den USA setzte Matteo Salvini gar mit Terror­at­ta­cken des Isla­mi­schen Staates gleich.

Zu berichten ist auf der anderen Seite von einer Zufalls­be­geg­nung mit drei Studie­renden von der nahe­lie­genden Uni, die zu Füßen der Statue Panini verzehrten und sich über den umstrit­tenen Seefahrer unter­hielten. Dabei lagen sie auf der post­ko­lo­nialen Linie des Colum­bian Exchange im weiteren Sinne: Enrico lastete ihm an, er habe Sklaven auf seinen Schiffen mitge­führt, Krank­heiten einge­schleppt und den Völker­mord an den Indi­genen in beiden Amerikas ausge­löst. Livia ergänzte, mit ihm habe der trans­at­lan­ti­sche Skla­ven­handel begonnen. An Proteste, als rund um den Globus Kolumbus-Statuen gestürzt wurden, konnte sich Fran­cesco nicht erin­nern, und er hielt solche auch für unan­ge­bracht, weil man Kolumbus im histo­ri­schen Kontext bewerten müsse und ein even­tu­eller Denk­mals­sturz keine pein­liche Vergan­gen­heit aus dem Weg schaffen könne.

Quelle: twitter.com

Andern­orts war genau ein solcher Ikono­klasmus insze­niert worden. Proteste der Black Lives Matter-Bewe­gung, die Monu­mente von Skla­ven­hal­tern und der Confe­deracy atta­ckierten, reani­mierten den schon älteren anti­ko­lo­nialen Protest von Indi­genen in beiden Amerikas. Der Statue im Bostoner Chris­to­pher Columbus Water­front Park wurde im Früh­sommer der Kopf abge­schlagen, in Richmond/Virginia wurde eine Statue im dortigen Byrd Park in einem Teich versenkt. Viele weitere Monu­mente stehen auf Listen, Kolumbus‘ Schriften sind in diversen US-Universitäten aus dem Lektü­re­kanon entfernt worden, für rund ein Drittel der US-Amerikaner ist Umfragen zufolge der Ameri­ka­fahrer persona non grata. In der hispa­ni­schen Welt, wo der 12. Oktober einst zum „Día de la Raza“ (Tag der [neuen] Rasse), d.h. als Ausdruck einer hybriden Hispa­nidad erklärt worden war, ist man, ange­sichts der fort­dau­ernden weißen Domi­nanz und unter dem Druck boli­va­ri­scher Neu-Interpretationen, zur Würdi­gung der Indi­genen und der Aner­ken­nung ihrer lange igno­rierten Leidens­ge­schichte über­ge­gangen und hat den 12. Oktober zum „Tag der Trauer“ erklärt.

Italie­ni­sche Ausnahme

Wie kann man ange­sichts dieser Welle der Kritik an Kolumbus die gewis­ser­maßen anti­zy­kli­sche Retro­fik­tion in Italien einordnen, die zwischen über­wie­gender Nicht­be­ach­tung und Kolumbus-Verherrlichung durch die extreme Rechte schwankt? Nur diese glori­fi­ziert Kolumbus noch unkri­tisch als Heils­bringer der christlich-abendländischen Zivi­li­sa­tion oder als Initiator einer durch­gängig gelun­genen Globa­li­sie­rung, während die weit über­wie­gende Mehr­heit der Italie­ne­rinnen und Italiener Kolumbus gleich­gültig bis kritisch gegen­über steht. Die Kehr­seiten der Globa­li­sie­rung, geschweige denn der christlich-abendländischen Zivi­li­sa­ti­ons­mis­sion sind, so scheint es, seit Jahr­zehnten hinläng­lich bekannt; im Übrigen sind sie ja bereits von Zeit­ge­nossen des Kolumbus kriti­siert wurden.

Der Natio­na­lismus der extremen Rechten rekur­riert daher eher auf die aktu­elle Malaise der italie­ni­schen Nation, die sich vom Rest Europas gering­ge­schätzt und im Stich gelassen fühlt, die als G8-Nation weit zurück­ge­fallen ist und deren struk­tu­relle Defi­zite zuletzt in der Pande­mie­krise sichtbar geworden sind. Doch diese anti­zy­kli­sche Retro­fik­tion der extremen Rechten scheint nicht mehr wirk­lich zu über­zeugen. Im Verlauf der Corona-Krise hat der aggres­sive und xeno­phobe Natio­na­lismus in Italien über­ra­schend Anhänger verloren; die Gene­ral­stim­mung ist eher die trot­zige Anstren­gung, nicht in Resi­gna­tion zu verfallen. Auch bei meinen Gesprächs­part­nern hatte ich bald das Gefühl, dass sie Wich­ti­geres zu bespre­chen hätten als die Bewer­tung eines Kolumbus.

Denk­mal­sturz und Debatte

Wie also soll man sich, auch über das italie­ni­sche Beispiel hinaus, mit so umstrit­tenen Figuren wie Kolumbus und seinen Denk­mä­lern ausein­an­der­setzen? Die Debatte darüber ist in vollem Gange. Klar scheint zu sein, dass es zum einen eine kriti­sche Ausein­an­der­set­zung mit dem zeit­his­to­ri­schen Hinter­grund des frühen Kolo­nia­lismus braucht, ebenso die kriti­sche Refle­xion der Umstände, Absichten und Ziel­set­zungen der in Natio­nal­staaten gestif­teten Denk­mäler. Zum anderen aber führt eine oftmals unter­kom­plexe und ahis­to­ri­sche Infra­ge­stel­lung und Dämo­ni­sie­rung der auf Denk­mä­lern gefei­erten Figuren nicht weiter. Weil zum Beispiel Kolumbus-Ikonen zu allen Zeiten ein Ausdruck selbst­be­zo­gener Narra­tive waren, um die „eigene“ Gemein­schaft zu stärken, ist man gegen die Einengung des Blicks nicht gefeit, wenn nun (ganz zu Recht) weniger solche Helden als viel­mehr deren Opfer ins Zentrum der histo­ri­schen Erin­ne­rung gerückt werden und diese zum Ausgangs­punkt einer post­ko­lo­nialen Iden­ti­täts­po­litik erhoben werden.

Histo­ri­sche Monu­mente sind nicht sakro­sankt, genau wie sie errichtet worden sind, können sie auch besei­tigt werden, wobei solche poli­ti­schen Akte vor allem aus der Perspek­tive nicht-weißer Menschen absolut nach­voll­ziehbar und völlig legitim sind. Aber eine tiefer­grei­fende und nach­hal­tige geschichts­po­li­ti­sche Revi­sion kann nicht einseitig durch ein fait accompli gesetzt werden, wie es ein Denk­mal­sturz darstellt. Im Fall des Genueser Colombo erschiene es mir sinn­voll, dort gar nicht umstrit­tene Monu­mente zu kontex­tua­li­sieren, um ihre Instru­men­ta­li­sie­rung für jeweils recht gegen­wär­tige Zwecke über­haupt erst ins Bewusst­sein zu heben. Und im Übrigen scheint mir auch klar zu sein, dass aktio­nis­ti­scher Ikono­klasmus nicht auto­ma­tisch die verwei­gerte Aner­ken­nung, Gleich­stel­lung und Entschä­di­gung von Gruppen und Personen erbringt, in deren Namen Akte poli­ti­scher Hygiene voll­zogen wurden. Dass sie oft eher flüch­tige Ersatz­hand­lungen an Stelle eines struk­tu­rellen und nach­hal­tigen Wandels sind, kann man in Genua und an vielen anderen Orten Italiens besich­tigen, an dessen Küsten Flücht­linge abge­wiesen, inter­niert und ausge­wiesen und Helfer krimi­na­li­siert werden.

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  • Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2011 mit Anne Lang das Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt“ bei C.H. Beck/München veröffentlicht.