Über wohl keine andere Hungerkrise in der Geschichte ist – akademisch und populärwissenschaftlich – so viel publiziert worden wie über die „grosse Hungersnot“, die in Irland ab 1845 etwa eine Million Menschen oder ein Achtel der Bevölkerung das Leben kostete. Bei diesem wie bei anderen Beispielen befasst sich die Hungerforschung bislang selten im Detail mit policy-making-Prozessen und fast nie mit Finanzmärkten. Wie viel diese vernachlässigten Faktoren zum Verständnis der historiographisch prominentesten Hungerkrise des 19. Jahrhunderts beitragen können, zeigt Charles Read in seiner Monographie The Great Famine in Ireland and Britain’s Financial Crisis von 2022.
Panik an den Londoner Finanzmärkten
Obschon hinsichtlich des Ausmasses der Ernteverluste wie auch der Anzahl der Toten und der langfristigen demographischen Wirkungen ein Extremfall, wird die „Great Famine“ in Irland immer noch als idealtypische „Hungersnot schlechthin“ betrachtet. Der in Cambridge forschende Wirtschaftshistoriker Charles Read liefert mit seiner Zusammenschau von bislang kaum beachteten Aspekten, die sich für das Verständnis dieser Katastrophe allerdings als wesentlich herausstellen, eine neue Analyse, die verbreitete Annahmen in Frage stellt.
Im Zentrum steht bei Read ein Aspekt, der in der bisherigen Literatur zu dieser Hungersnot höchstens beiläufig Erwähnung fand: die beiden Ausbrüche von Panik an den Londoner Finanzmärkten im April und Oktober 1847, welche die Refinanzierung der britischen Staatsschulden und den Goldstandard für das britische Pfund in Frage stellten. Insbesondere die erste Krise stellt sich als eng mit der Notlage in Irland verflochten heraus, wie Read anhand der privaten Korrespondenz von Entscheidungsträgern sowie der zeitlichen Abfolge von politischen Entscheidungen und dem Finanzmarktgeschehen belegt. Beide Krisen trugen massgeblich dazu bei, dass die britische Regierung ihre zunächst umfangreichen Hilfsmassnahmen für Irland im Laufe des Jahres 1847 erheblich reduzierte und schliesslich einstellte. Dadurch wurde dieses Jahr zum berüchtigten „Black ‘47“ bzw. Tiefpunkt des Elends und Massensterbens.
Dieser drastische Politikwechsel wurde bislang meist mit dem Regierungswechsel von den Tories unter Robert Peel zu den Whigs unter John Russell im Sommer 1846 erklärt: Während Peel und seine Partei in der bisherigen Historiographie überwiegend als grosszügig und hilfreich dargestellt werden, gelten die „liberalen“ Whigs als Anhänger einer dogmatischen laissez-faire-Haltung, die staatliche Hungerhilfe und sonstige Eingriffe in Nahrungsmittel- und andere Märkte möglichst habe vermeiden wollen.
Allerdings führte Russells Regierung die Hilfe in Irland zunächst fort und plante in ihrem Budget im April 1847 sogar umfangreiche weitere Ausgaben ein, die sie durch neue Staatsschulden in Form einer Anleihe von acht Millionen Pfund zu finanzieren gedachte. Wie Charles Read nun detailliert darlegt, kam diese sogenannte Irland-Anleihe zwar zustande, sorgte jedoch für so grosse Beunruhigung in der Londoner banking community, dass die Regierung ihre Mittel für die Hungerhilfe wieder stark reduzierte – um die Finanzmärkte zu beruhigen. Der zweite Panikschub im Oktober 1847 hatte zwar andere unmittelbare Auslöser, überzeugte aber die zuständigen Politiker erst recht davon, dass sie keine weiteren Mittel durch Verschuldung beschaffen könnten, ohne die Finanzwelt in Panik zu versetzen. Diese Besorgnis, und nicht ideologische Überzeugungen oder eine Geringschätzung für irische Menschenleben, war laut Read das entscheidende Hemmnis für eine effektive Hungerpolitik ab 1847. Weil die Finanzwelt so empfindlich auf geplante Staatsausgaben für die Hungerhilfe reagierte, glich der britische Staat in seinem Umgang mit der Hungerkatastrophe „mehr einem gestrandeten Wal als einem mächtigen Leviathan“, wie Read ironisch anmerkt.
„Sachzwänge“ und Fehlentscheidungen
Read betont indes, dass die dahinterstehenden „Sachzwänge“ an sich keineswegs zwangsläufig bestanden, sondern ihrerseits aus politischen (Fehl-)Entscheidungen resultierten. Die Hauptursache verortet er in der Geld- und Finanzpolitik von Robert Peel und seinem Schatzkanzler Charles Wood (der auch unter Russell im Amt blieb), allen voran in ihrem „Bank Charter Act“ von 1844. Dieses Gesetz, das bislang nicht auf dem Radar der Hungerforschung aufgetaucht ist, regelte die Ausgabe von Banknoten und deren Deckung durch die Goldreserven der Bank of England, und zwar in einer solchen Art und Weise, dass diese Goldreserven bei Nervosität an den Finanzmärkten relativ schnell bedenklich knapp werden konnten. Dahinter steht eine Problematik, die in der heutigen Makroökonomik als Mundell-Fleming-Trilemma bekannt ist, ein „unmögliches Dreieck“ also: Es gibt einen grundsätzlichen Zielkonflikt zwischen den drei politischen Zielen Wechselkursstabilität, geldpolitische Autonomie eines Landes und freier internationaler Kapitalverkehr, denn es können immer nur zwei davon gleichzeitig erreicht werden. Den Zeitgenossen in den 1840er Jahren fehlte jedoch ein systematisches Verständnis für diese Zusammenhänge. Es gab sehr wohl Kritiker, die erkannten, wie labil und krisenanfällig das mit dem „Bank Charter Act“ etablierte System war. Peel und Wood schenkten diesen Einwänden aber keinen Glauben und meinten, Goldwährung, Freihandel, möglichst tiefe Nahrungsmittelpreise und ein ausgeglichenes Staatsbudget gleichzeitig verfolgen zu können, ohne die Konflikte zwischen diesen Zielen zu erkennen.
Auch alternative Finanzierungsmöglichkeiten scheiterten: Die Hungerhilfe durch höhere Steuern in Grossbritannien zu finanzieren, war keine Option, weil Russells Regierung mit ihrer schwachen Position im Parlament keine Mehrheit für Steuererhöhungen zustande brachte. Gerade auch die meisten der 105 irischen Abgeordneten lehnten dies ab.
Tatsächlich gab es, was in einem Grossteil der Hungersnot-Literatur kaum eine Rolle spielt, zu dieser Zeit Abgeordnete aus Irland im Londoner Parlament, immerhin rund 16 Prozent aller Abgeordneten. Diese „MPs“ vertraten zwar nicht direkt die Hungernden und vom Hunger Bedrohten, aber seit der Katholikenemanzipation doch auch die katholische Bevölkerungsmehrheit. Von ihnen kamen jedoch keinerlei konstruktive Vorschläge zur Hungerbekämpfung.
Schlussendlich sollte staatliche bzw. öffentliche Hilfe für die Notleidenden in Irland nur noch aus den Steuern der dortigen Landeigentümer bestritten werden. Diese Mittel allein reichten aber unmöglich aus, trotz oder gerade wegen Steuersätzen von effektiv über 50 Prozent in manchen Gegenden. Eine Umverteilung nur innerhalb Irlands, ohne zusätzliche Transfers aus Grossbritannien, konnte nicht genügen, da bei den lokalen (Land-)Besitzenden, so gerne und nicht ganz zu Unrecht sie auch für die Not mitverantwortlich gemacht wurden, nicht genug zu holen war.
Während weiterhin so grosse Not herrschte, dass etliche Autor:innen das Ende der Hungersnot erst 1852 oder noch später ansetzen, wurde gegenüber der zeitgenössischen Öffentlichkeit bereits ab Ende 1847 betont, es sei seitens der Regierung alles Machbare und Sinnvolle getan worden, nun könne und müsse sich Irland selbst helfen. Solche Darstellungen sollten abgesehen von Selbstvergewisserung und Gewissensberuhigung nicht zuletzt den Finanzmarktakteur:innen vermitteln, dass der britische Staat wirklich nicht mehr beabsichtigte, Mittel für die Hungerhilfe aufzuwenden. Die blamable eigentliche Handlungsunfähigkeit des Staates wurde hingegen beschwiegen, und ihre finanzpolitischen Ursachen wurden nie benannt oder aufgearbeitet.
Irland und Mauritius – Der Vorteil der Kolonie
In einem etwas provokativen, doch aufschlussreichen Exkurs richtet Read den Blick weit weg von Irland – nach Mauritius, wo 1847 ebenfalls eine Hungerkatastrophe drohte, die aber nicht eintrat und deshalb in Vergessenheit geriet. Nach einer schlechten Zuckerrohrernte und dem Zusammenbruch von etlichen Unternehmen als Folge der britischen Finanzkrise vom Herbst 1847 fehlten nämlich die Mittel, um die üblichen Nahrungsmittelimporte sowie den weiteren Betrieb der Zuckerrohrplantagen zu finanzieren. Dadurch war ein Grossteil der 160‘000 Einwohner:innen von Hunger bedroht, v. a. ehemals versklavte Afrikaner:innen sowie seit Abschaffung der Sklaverei für die Plantagenarbeit angeworbene Inder:innen.
Gerade als Kolonie, und eben nicht wie Irland integraler Bestandteil des „Mutterlandes“, konnte Mauritius jedoch eine eigenständigere Währungspolitik verfolgen, welche nicht die Schwächen des „Bank Charter Act“ aufwies und den nötigen Spielraum bot, um sowohl Nahrungsimporte als auch die Fortsetzung des Zuckerrohranbaus vorzufinanzieren.
Dieser Seitenblick bestärkt Reads Hauptargument, dass verhängnisvolle Geldpolitik eine massgebliche Rolle spielte und das britische Empire ohne dieses Hindernis zu einer erfolgreicheren Hungerpolitik willens und fähig gewesen wäre. Es ist aber auch ein Seitenhieb gegen Interpretationen, die Irland als kolonial unterdrückt verorten und die Katastrophe damit erklären wollen. Denn wie das Beispiel Mauritius zeigt, konnte der Status als Kolonie in gewisser Weise vorteilhafter sein, als zum Mutterland zu gehören.
Details geldpolitischer und makroökonomischer policy-Debatten (wem die Goldreserven der Bank of England gehörten, wer sie wann in Anspruch nehmen konnte bzw. dies auch absehbar tun würde) sind für die Hungerforschung ungewohnte Themen. Als Einführungslektüre zur „Great Famine“ ist Reads Buch denn auch nicht geeignet. Die Frage nach den politischen Ursachen und Hintergründen dieser Katastrophe, nach Verantwortung und Handlungsmöglichkeiten, kann aber in Zukunft nicht ernsthaft ohne Bezugnahme auf Reads Befunde erörtert werden.
Nicht nur Nationalgeschichte, nicht nur Nahrungsmittel
Aus „Containern“ oder Schubladen verschiedenster Art auszubrechen, ist für Geschichte im Allgemeinen und gerade auch für die Hungergeschichte wichtig und erkenntnisfördernd. Der Ausbruch aus nationalen und nationalgeschichtlichen Containern ist teilweise schon erfolgt, wie etwa die Forschungen des irischen Wirtschaftshistorikers Cormac Ó Gráda zeigen; jener aus thematischen Schubladen steht zu grossen Teilen noch aus. So bleibt die Fixierung auf Nahrungsmittel, auf Erntemengen und Nahrungsmittelmärkte weiterhin bestehen, während andere Märkte kaum Beachtung finden, obschon sie ebenfalls zur Entstehung oder Vermeidung von Hunger beitragen können – Arbeitsmärkte etwa oder in diesem Fall Geld- und Finanzmärkte.
Reads genauer Fokus darauf, welche Entscheidungsträger konkret was verantworteten (wer entschied was, basierend auf was für Informationen oder auch Wissenslücken, mit welchen Interessen- und Zielkonflikten), sein Blick auf Entscheidungsprozesse und Machtverhältnisse in Westminster sowie auf das Geschehen an den Londoner Finanzmärkten ebenso wie in Irland sind wegweisend dafür, wie solche Aspekte in die Hungerforschung eingebracht werden können; sie liegen allerdings der „klassischen“ bisherigen Hungerforschung so fern, dass die Rezeption durch sie wohl deshalb noch zu wünschen übrig lässt, erst recht im deutschsprachigen Raum.
Einen Rezensenten irritierte etwa die implizierte Vorstellung von agency, wenn „die Finanzmärkte“ politisches Handeln zur Rettung von Menschenleben vereiteln. Für Wirtschafts- und Sozialhistoriker:innen mag es tatsächlich als Defizit erscheinen, dass die banking community bei Read, anders als die politischen Entscheidungsträger, weitgehend anonym bleibt und ihre Motive und Einstellungen nicht beleuchtet werden. Dem lässt sich allerdings entgegnen, dass diejenigen Akteur:innen, die 1847 vermehrt ihr Gold von der Bank of England abzogen oder ihre Banknoten gegen Gold eintauschten, unabhängig davon handelten, ob sie die Ausgabenpläne der Regierung guthiessen oder ablehnten. Sie sahen das Risiko, dass dadurch der Goldstandard unhaltbar oder die Staatsschulden untragbar werden könnten, und handelten ähnlich wie bei einem „Bank Run“ aufgrund der begründeten Furcht, dass Andere dasselbe befürchten und schneller handeln würden. Sie hätten sich auch nicht darauf einigen können, dies nicht zu tun, um die Regierung ungestört walten und den Hungernden helfen zu lassen.
Wie das Handeln von Marktteilnehmer:innen somit nicht von politischen oder (anti-)humanitären Absichten geprägt ist, sondern durch die unentrinnbare Logik – und Tragik – von politisch gesetzten Rahmenbedingungen und Anreizen getrieben wird und dabei politisch und sozial folgenschwer sein kann, mag durchaus verstörend wirken und gängige Vorstellungen von menschlichem Wirken und von Motivationen herausfordern. Dies zeigte sich politisch ganz anders gelagert in jüngerer Vergangenheit, als die Finanzmärkte ausgesprochen negativ auf die Budgetpläne von Liz Truss in Grossbritannien 2022 oder die Zollpolitik Donald Trumps reagierten – woraufhin just so manche Politiker:innen und Journalist:innen, die sonst so gerne die Schwarmintelligenz von (Finanz-)Märkten preisen, auf angeblich „linke“ oder „woke“ Finanzmärkte schimpften.
Read liefert keine entpolitisierte Sicht auf „Sachzwänge“, wohl aber einen präzisen Blick auf politische Entscheidungsträger und deren Horizonte und Einschränkungen. Dabei betont er, dass massgebliche politische Entscheidungen anders hätten getroffen werden können und nicht alternativlos waren. Hunger wird eben erstens nicht nur am Ort des Geschehens verursacht – und zweitens auch durch Entscheidungen in Bereichen, die vermeintlich und auf den ersten Blick nichts mit Nahrungsmitteln zu tun haben, aber schlussendlich ausschlaggebend dafür sind, ob Menschen genug zu essen bekommen oder nicht.