Die ‚guten‘ Seiten des #Kolo­nia­lismus

Warum taucht in letzter Zeit – fast 60 Jahre nach der Dekolonisierung – immer wieder die Forderung auf, das gut erforschte System des Kolonialismus heute noch einmal „gerecht“ und „neutral“ zu bewerten? Hinter Revisionismus und Apologetik steht die alte (koloniale) Überzeugung europäischer Überlegenheit.

Im Dezember letzten Jahres musste an der Univer­sität Oxford eine Konfe­renz zum Thema Kolo­nia­lismus hinter verschlos­senen Türen statt­finden. Zu gross erschien dem Veran­stalter Nigel Biggar, Professor für Moral- und Pasto­ral­theo­logie, der auf seiner Website als Hobbies Karten­spielen und Pilger­fahrten zu Mili­tär­fried­höfen angibt, die Gefahr einer Störung durch Akti­visten. Ziel der Konfe­renz, zu der nur eine Gruppe hand­ver­le­sener Histo­riker, Ökonomen und Ethiker Zutritt hatte, war ein vorgeb­lich unvor­ein­ge­nom­mener Rück­blick auf den Kolo­nia­lismus anläss­lich des umstrit­tenen Arti­kels „The Case for Colo­nia­lism“, den der ameri­ka­ni­sche Poli­to­loge Bruce Gilley im Third World Quar­terly im Jahr zuvor publi­ziert hatte. Leider ist der Artikel inzwi­schen von der Website des Jour­nals entfernt worden, findet sich aber an anderer Stelle, sodass seine schlechte wissen­schaft­liche Qualität, seine halt­losen Behaup­tungen und ideo­lo­gi­schen Kurz­schlüsse leicht über­prüft werden können. In Inter­views stili­siert sich der Autor, Professor an der Port­land State Univer­sity, wenig über­ra­schend als miss­ver­standen und zu Unrecht angegriffen.

Der gute Kolonialismus

Gilley behauptet, dass die Kolo­ni­al­zeit, insbe­son­dere nach dem Ersten Welt­krieg, die erfolg­reichste Periode der kolo­ni­sierten Länder gewesen sei, etwa im Hinblick auf Lebens­er­war­tung, Nahrungs­mit­tel­pro­duk­tion, Bevöl­ke­rungs­wachstum, Bildung, Einkom­mens­stei­ge­rungen, Rechts­staat­lich­keit und Menschen­rechte. Das lässt sich einer­seits kaum über­prüfen, denn die vorko­lo­nialen Gesell­schaften besassen keine statis­ti­schen Ämter, und ist ande­rer­seits blosser Zynismus: Da etwa die gewalt­same Unter­wer­fung des afri­ka­ni­schen Konti­nents mit ihren extrem brutalen Kriegen nach dem Ersten Welt­krieg weit­ge­hend abge­schlossen war, kann tatsäch­lich ein Zuwachs im Bereich Menschen­rechte verzeichnet werden. Und selbst wenn sich eine Stei­ge­rung der Nahrungs­mit­tel­pro­duk­tion gegen­über der frühen Kolo­ni­al­zeit fest­stellen liesse, ist damit noch nichts über die Gründe und Konse­quenzen gesagt – fallen doch etwa Kakao- und Kaffee­plan­tagen und andere für den Export ange­legte Mono­kul­turen in diese Statis­tiken. Der Aufbau vieler Infra­struk­tur­pro­jekte, etwa von Kran­ken­häu­sern, Stau­dämmen und Bildungs­ein­rich­tungen, fand zudem in der Zeit nach dem Zweiten Welt­krieg statt, also bereits in der begin­nenden Dekolonisierungsphase.

Nun könnte man den Fall ad acta legen, wenn nicht die Frage nach den guten Seiten des Kolo­nia­lismus zuneh­mend ihren Wider­hall in der Presse und der Politik fände. Vor nicht allzu langer Zeit etwa machte der Afri­ka­be­auf­tragte der deut­schen Bundes­re­gie­rung, Günter Nooke, mit der flotten Einschät­zung von sich reden, der Kalte Krieg habe Afrika mehr geschadet als die Kolo­ni­al­zeit, und der Kolo­nia­lismus habe geholfen, den Konti­nent aus archai­schen Struk­turen zu lösen. Die Welt titelte „Gut und Böse: Es war nicht alles schlecht am Kolo­nia­lismus“. Schon zehn Jahre vorher behaup­tete der Spiegel „Der Kolo­nia­lismus hatte auch gute Seiten“. Letztes Jahr mahnte auch die Die Zeit „Kolo­nia­lismus: Nicht nur Opfer der Geschichte“, und auch die NZZ wusste „Kolo­nia­lismus ist keine Schwarz-Weiss-Geschichte“.

Drei Verschie­bungen

Der Anspruch, nun einmal ganz unvor­ein­ge­nommen die Epoche des Kolo­nia­lismus zu betrachten, die guten und schlechten Seiten ‚unideo­lo­gisch‘ gegen­ein­ander abzu­wiegen, gerät auf drei Ebenen in eine Schieflage.

Zwangs­ar­beiter repa­rieren eine Eisen­bahn­strecke, Indo­ne­sien 1905; Quelle: cambridge.org

Zunächst die Ebene der Wertungen und des Vergleichs: Wie soll etwa der gute Eisen­bahnbau gegen die schlechte Zwangs­ar­beit aufge­wogen werden? Zumal selbst die so positiv hervor­ge­ho­benen Infra­struk­tur­mass­nahmen häufig auf Zwangs­ar­beit beruhten. Welches sind die Prämissen für den Vergleich? Ist eine an die wenig frucht­baren Böden ange­passte Land­wirt­schaft deshalb unter­ent­wi­ckelt, weil sie keine Export­über­schüsse produ­ziert? Die zweite Ebene betrifft die Verwechs­lung von kolo­nialer Alltags­praxis mit der struk­tu­rellen Ebene der Kolo­ni­al­herr­schaft, also von indi­vi­du­ellem Handeln und dem Herr­schafts­system insge­samt. Was ändert ein guter Kolo­ni­al­be­amter am System, was soll mensch­li­ches Verhalten in einem Unrechts­kon­text über den Kontext aussagen? Die Argu­men­ta­ti­ons­figur benutzt auch der eingangs erwähnte Veran­stalter der Konfe­renz, Nigal Biggar, wenn er zur Vertei­di­gung des Kolo­ni­al­po­li­ti­kers und Minen­ma­gnaten Cecil Rhodes auf dessen gutes Verhältnis zu „unge­bil­deten Zulu“ und einzelnen Kolo­ni­sierten hinweist: „Not your stereo­ty­pical racist, then.“ Rhodes sei also kein stereo­ty­pi­scher Rassist gewesen, dabei ist es gera­dezu stereotyp, dass jeder Kolo­ni­al­herr seinen Lieb­lings­a­fri­kaner hatte. Und selbst wenn Rhodes kein Rassist gewesen wäre, was auf Grund­lage seiner Schriften und seiner Politik zu bezwei­feln ist, ändert das nichts daran, dass er sich als Ange­hö­riger einer „über­le­genen Rasse“ verstand, die soziale Frage Gross­bri­tan­niens durch impe­riale Projekte lösen wollte, und ihre afri­ka­ni­schen Gegner für Kinder hielt

Das dritte Problem bei der Aufrech­nung der guten und der schlechten Seiten des Kolo­nia­lismus betrifft den beson­deren Charakter dieser Herr­schafts­form und ihre Konse­quenzen. Denn der Kolo­nia­lismus brachte gerade keine „Moder­ni­sie­rung“ alter Verhält­nisse, sondern herrschte auf der Grund­lage einer ethnisch und triba­lis­tisch basierten Politik, die er mit Hilfe erfun­dener Tradi­tionen und einem vermeint­li­chen Gewohn­heits­recht absi­cherte. Es war gerade nicht die völlige Entrech­tung der afri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung das Problem, sondern die Art und Weise ihrer Inte­gra­tion in den Kolo­ni­al­staat. Der Histo­riker Mahmood Mamdani spricht in seiner Studie Citizen and Subject von einem „bifur­kalen Staat“, der auf dem rassi­schen Ausschluss der Kolo­ni­sierten bei gleich­zei­tiger Inklu­sion auf ethni­scher Basis funk­tio­nierte. Den „weissen“ citi­zens, für die als Indi­vi­duen auch die von Gilley ange­spro­chene Rechts­gleich­heit galt, standen die kolo­ni­sierten subjects gegen­über, die nur als Kollektiv Rechte und poli­ti­sche Vertre­tungs­an­sprüche gegen­über dem Kolo­ni­al­staat besassen und sich daher auch zwin­gend Kollek­tiven zuordnen mussten. Diese Erbschaft des Kolo­nia­lismus wiegt laut Mamdani bis heute schwer. Der Kolo­ni­al­staat war eben kein moderner Staat, der nach der Unab­hän­gig­keit von Clans und korrupten Poli­ti­kern ruiniert wurde, sondern eine spezi­fi­sche Form des Despo­tismus, die indi­vi­du­elle Teil­habe, Eman­zi­pa­tion und demo­kra­ti­sche Formen der Verge­mein­schaf­tung verhin­derte, und zu deren Herr­schafts­tech­niken gerade die Förde­rung von mäch­tigen „Stam­mes­ober­häup­tern“ gehörte.

Die gute alte Zeit

Kolo­nia­lismus bedeutet also nicht „schlecht“, sondern bezeichnet eine histo­ri­sche Epoche und ein Herr­schafts­system, und daher kann auch der gern zitierte gute Beamte oder die gute Tat des barm­her­zigen Medi­zi­ners nichts „aufwiegen“. Hier liegt die bereits erwähnte Verwechs­lung von Struktur und Alltag vor – selbst wenn alle Kolo­ni­al­be­amten und -mili­tärs sehr nett gewesen wären, was sie nicht waren, ändert das nichts daran, dass die euro­päi­schen Mächte danach strebten, einen Konti­nent unter sich aufzu­teilen und den erwart­baren Wider­stand in brutalster Weise mit Mitteln der Aufstands­be­kämp­fung nieder­schlugen, der häufig eine Politik der verbrannten Erde folgte.

Warum erin­nern sich dann heute offenbar so viele, in Zeitungs­ar­ti­keln zitierte afri­ka­ni­sche Menschen positiv an die Kolo­ni­al­herren? Auch hier liegt eine argu­men­ta­tive Verdre­hung bzw. eine Verschie­bung der Ebenen vor. Was ändert es an der Bewer­tung von Despo­tien oder Dikta­turen, wenn einzelne Menschen gute Erfah­rungen machen, wenn sie auf ein gelun­genes Leben zurück­bli­cken können und sich an glück­liche Zeiten erin­nern? Zudem tendieren ältere Menschen dazu, ihre Kind­heit und Jugend in einem milden Licht zu sehen. Wer um 1950 geboren wurde, war zur Zeit der Deko­lo­ni­sie­rung ein Teen­ager. Und wenn sich während des Erwach­sen­wer­dens die Hoff­nungen auf ein gutes Leben nicht erfüllen, erscheint die Vergan­gen­heit noch goldener. Die mit O-Tönen garnierten Zeitungs­ar­tikel, in denen sich der alte Bauer oder die alte Fischerin die Engländer zurück­wün­schen, erscheinen ein wenig so, als müsse der Kolo­nia­lismus erst einmal gründ­lich erforscht werden, als müsse man sich erst einmal vor Ort einen Reim darauf machen, was denn eigent­lich los ist mit Afrika und warum da alles schief­geht. Da kommen dann Vorstel­lungen vorko­lo­nialer Stam­mes­kon­flikte und einer grund­sätz­li­chen Unfä­hig­keit zur Entwick­lung zum Tragen, die eher Karl May als der modernen Afrika-Forschung geschuldet sind.

Die Völker ohne Geschichten

Die Vorstel­lung eines dyna­mi­schen Europas, das während der Kolo­ni­al­zeit den Konti­nent aus archai­schen Struk­turen befreite, um noch einmal Nooke zu zitieren, hat der Anthro­po­loge Eric Wolf schon in den 1950er Jahren, also vor der Deko­lo­ni­sie­rung Afrikas, kritisch analy­siert. Seine umfang­reiche Forschung mündete in sein Haupt­werk Die Völker ohne Geschichte von 1982. Er zeigt, dass Bauern­ge­meinden ebenso wie Einzel­per­sonen und Haus­halte nicht stati­sche „Tradi­tion“ reprä­sen­tieren, sondern er verstand sie als Schnitt­stellen zwischen lokalen Verhält­nissen und über­grei­fenden Zusam­men­hängen bis hin zum kapi­ta­lis­ti­schen Welt­markt. Die zentrale Aussage lautet: „Unsere Menschen­welt stellt sich als eine viel­fäl­tige Tota­lität mitein­ander verbun­dener Prozesse dar“, gleichsam ein einziges komplexes Ökosystem, in dem wir im Verlauf der Geschichte „auf Schritt und Tritt auf … Zusam­men­hänge stoßen“. Wolf plat­ziert unter­schied­liche mensch­liche Gemein­schaften nicht auf einer Zeit­achse aufei­an­der­fol­gender Entwick­lungs­stufen, sondern geht von einer Gleich­zei­tig­keit unter­schied­li­cher Gesell­schafts­ver­hält­nisse aus.

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Inso­fern zwingt gerade die soge­nannte Globa­li­sie­rung dazu, den Blick von den Metro­polen auf die Peri­pherie zu richten bzw. Geschichte zu de-zentrieren. Wolfe zeigt eine zuneh­mende Vernet­zung der Welt seit 1400, zu der alle Konti­nente wesent­lich beitragen und bei der Europa nicht der einzige souve­räne Akteur ist. Anstatt also auf ein vermeint­li­ches Wissen über archai­sche Clan-Strukturen zurück­zu­greifen, könnte gefragt werden, was lehrt uns die Geschichte afri­ka­ni­scher König­reiche und Stadt­staaten, was zeigen die afri­ka­ni­schen Fern­han­dels­routen, welche Formen vorko­lo­nialer Land­wirt­schaft können heutige ökolo­gi­sche Probleme lösen helfen?

Europa rückt heute faktisch aus dem Zentrum der Welt­wirt­schaft und befindet sich mit der EU in einer inneren Krise, weil der euro­päi­sche Eini­gungs­pro­zess still­steht oder sogar rück­läufig ist. Hier mag der Gedanke an die kolo­niale Kraft Europas trösten, zumin­dest aber war der Kolo­nia­lismus eine Epoche, in der Europa sich bei aller natio­nalen Konkur­renz auch als gemein­samer, welt­ge­schicht­li­cher Akteur defi­niert hat. Selbst die Anti-Sklavereibewegungen und sogar die natio­nalen Befrei­ungs­be­we­gungen der kolo­ni­sierten Länder waren Teil dieses „Projektes“, sie bezogen sich, wenn auch kritisch, auf ein wie auch immer defi­niertes reales oder erträumtes Europa.

Die scheinbar objek­tive und unemo­tio­nale (vermeint­lich unideo­lo­gi­sche) Rück­schau auf den Kolo­nia­lismus igno­riert nicht nur fach­wis­sen­schaft­liche Erkennt­nisse und Methoden und ist ein Rück­fall in den Kolo­ni­al­re­vi­sio­nismus, sondern ist auch deshalb traurig, weil sie gerade denje­nigen Aspekt der euro­päi­schen Geschichte vertei­digt, dessen Über­win­dung den Weg für eine gemein­same Geschichte bereitet hat. Dass die afri­ka­ni­schen Intel­lek­tu­ellen an euro­päi­schen und ameri­ka­ni­schen Univer­si­täten studiert haben, sich in euro­päi­schen Metro­polen trafen, bestä­tigt nicht „den Kolo­nia­lismus“, sondern ist Ausdruck seiner inneren Wider­sprüche, denen nach­zu­gehen sich lohnt.

Die Kolo­ni­al­nost­algie hängt viel­leicht mit dem endgül­tigen Verlust der (post-)kolonialen Hege­monie in Afrika, mit der wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Macht­ab­lö­sung durch China zusammen. Beispiel­haft sind das China-Afrika-Forum und der letzt­jäh­rige Besuch von Mili­tärs aus 49 afri­ka­ni­schen Staaten in Peking. Nun jedoch ausge­rechnet die Kolo­ni­al­zeit zu verklären, wenn es gilt, das euro­päi­sche Projekt zu vertei­digen, ist poli­tisch ein Fehler.