Die Aufnahme der Republik Nordmakedonien in die EU ist schon einmal am anhaltenden Veto Griechenlands gescheitert. Nach einem erfolgreichen Kompromiss bringt sich nun das politische instabile Bulgarien ins Spiel und stellt ebenfalls geschichtspolitische Forderungen.

  • Nada Boškovska ist Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich und Vorsitzende des Fachrats des Center for Eastern European Studies. Ihr Schwerpunkt in der Forschung liegt auf der vorpetrinischen Geschichte Russlands, sowie auf dem Balkan des 20. Jahrhunderts. Sie publizierte 2017 „Yugoslavia and Macedonia before Tito. Between repression and integration” (London: I.B. Tauris).

Als Jugo­sla­wien zu Beginn der 1990er Jahre zerfiel, wurde die Unab­hän­gig­keit seiner Repu­bliken Slowe­nien, Kroa­tien und Bosnien-Herzegowina inter­na­tional zügig aner­kannt. Das galt nicht für Make­do­nien, das sich nach einer Volks­ab­stim­mung am 8. September 1991 eben­falls unab­hängig erklärte und nach dem Urteil einer Kommis­sion zur Prüfung der Aner­ken­nungs­wür­dig­keit, bestehend aus den Präsident:innen der Verfas­sungs­ge­richte mehrerer euro­päi­scher Staaten („Badinter-Kommission“), alle Voraus­set­zungen erfüllte – im Gegen­satz etwa zu Kroa­tien, dessen Minder­hei­ten­schutz mangel­haft war.

Die Ausset­zung der Aner­ken­nung durch die Länder der Euro­päi­schen Gemein­schaft (EG) geschah auf Inter­ven­tion Grie­chen­lands, das damit durch­setzen wollte, dass der neue Staat seinen Namen änderte – das Wort „Make­do­nien“ durfte in der Bezeich­nung nicht vorkommen. Die im Dezember 1991 laufenden Verhand­lungen, die zum entschei­denden Ausbau der EG zur Euro­päi­schen Union führten (Vertrag von Maas­tricht vom 7.2.1992), gaben Grie­chen­land ein starkes Druck­mittel an die Hand, um seiner Posi­tion in Bezug auf Make­do­nien Gewicht zu verleihen.

Grie­chi­sche Inter­ven­tion im Namen der Antike

Von Beginn an räumte die grie­chi­sche Politik dieser Frage eine Prio­rität ein, die weder Make­do­nien noch die übrige Welt erwartet hatten. Ein Poli­tiker erklärte im Januar 1992 sogar, der Gebrauch des Namens „Make­do­nien“ sei ein casus belli, und forderte „eine aktive Vernich­tungs­po­litik gegen diesen Zwerg­staat“. Millionen von Griech:innen protes­tierten insbe­son­dere in Thes­sa­lo­niki gegen den Nach­barn im Norden. Erst im April 1993 wurde dieser schließ­lich unter der Bezeich­nung „Ehema­lige jugo­sla­wi­sche Repu­blik Make­do­nien“ in die UNO aufgenommen.

Statue von Alex­ander dem Grossen in Thes­sa­lo­niki; Quelle: estestiftung.org

Statue von Alex­ander dem Grossen in Skopie: Quelle: gamintraveler.com

Grie­chen­land vertrat und vertritt den Stand­punkt, dass das antike König­reich der Make­donen zum helle­ni­schen Erbe gehöre und die Repu­blik Make­do­nien, die mehr­heit­lich von später einge­wan­derten Slav:innen bewohnt ist, kein Recht auf diese Bezeich­nung habe. Ob die Bevöl­ke­rung des antiken Make­do­niens helle­nisch war, ist aller­dings keines­wegs geklärt, man weiß sehr wenig über ihre sprach­liche und ethni­sche Zuge­hö­rig­keit. Dass Bezeich­nungen für Regionen bleiben, auch wenn sich die Zusam­men­set­zung der Bevöl­ke­rung ändert, ist hingegen ein bekanntes Phänomen und gilt keines­wegs nur für Make­do­nien. In der Schweiz etwa lebt die kelti­sche Bevöl­ke­rung, die längst von anderen Ethnien abge­löst worden ist, im offi­zi­ellen latei­ni­schen Staats­namen „Confo­e­de­ratio helve­tica“ weiter, der unter dem Akronym CH auf jedem Auto prangt.

Der Name Make­do­nien steht nicht nur für das antike König­reich, sondern bezeichnet seit Jahr­hun­derten eine multi­eth­ni­sche geogra­fi­sche Region auf dem Balkan, die vom ausge­henden 14. Jahr­hun­dert bis 1913 zum Osma­ni­schen Reich gehörte. Dazu zählen Nord­grie­chen­land („Ägäisch-Makedonien“), ein Zipfel West­bul­ga­riens („Pirin-Makedonien“) und der heute unab­hän­gige Staat („Vardar-Makedonien“). Im Verlauf des 20. Jahr­hun­derts bildete sich unter der slawi­schen Mehr­heits­be­völ­ke­rung auf dem Gebiet des heutigen Staates eine eigen­stän­dige make­do­ni­sche Nation heraus, die sich mit diesem Namen identifiziert.

Make­do­ni­sche Kompro­misse und „Rück­be­sin­nung“ auf die Antike

Gerade wegen der Vertei­lung der Region auf mehrere Staaten führte Grie­chen­land ins Feld, der unab­hän­gige Nach­bar­staat könnte, sollte man ihm den Namen belassen, Gebiets­an­sprüche auf den grie­chi­schen Teil Make­do­niens erheben. Dieser Argu­men­ta­tion begeg­nete die Repu­blik Make­do­nien durch die Ände­rung der Flagge und einiger Artikel in der Verfas­sung. Dennoch blieb Grie­chen­land in der Namens­frage hart, was darauf hinweist, dass es nicht um Angst vor diesem neuen „Zwerg­staat“ ging, sondern um andere Probleme. Grie­chen­land war zu Beginn der 1990er Jahre zwei­fels­ohne von den poli­ti­schen und krie­ge­ri­schen Umwäl­zungen in seiner Nach­bar­schaft über­for­dert und nicht in der Lage, als NATO- und EU-Mitglied eine konstruk­tive Rolle in der Region zu spielen. Das hatte nicht zuletzt mit den grossen innen­po­li­ti­schen Konflikten zu tun, mit der Zerris­sen­heit des poli­ti­schen Spek­trums und schweren wirt­schaft­li­chen Problemen. Mit Härte in der Makedonien-Frage konnten Regie­rung wie Oppo­si­tion bei der Bevöl­ke­rung punkten und aussen­po­li­ti­sche Erfolge vorweisen.

Während sich mit der Zeit trotz allem enge wirt­schaft­liche Bezie­hungen zwischen den beiden Staaten entwi­ckelten, blieb die Namens­frage unge­löst. Das grie­chi­sche Beharren darauf, dass nur das antike Erbe den Namen Make­do­nien recht­fer­tige, führte dazu, dass sich Teile der poli­ti­schen Elite und der Bevöl­ke­rung Make­do­niens nunmehr auf den Stand­punkt stellten, der gegen­wär­tige Staat sei sehr wohl Erbe des antiken Makedoniens.

Anti­ki­sie­render Neubau im Stadt­zen­trum von Skopje; Quelle: colorkinetics.com

In einer Kampagne zur „Hebung der natio­nalen Würde und des Opti­mismus“ rekur­rierte die rechts­na­tio­nale Regie­rung unter dem Minis­ter­prä­si­denten Nikola Gruevski zuneh­mend auf die Antike. Insbe­son­dere seit 2008, als Grie­chen­land die Aufnahme in die NATO verhin­derte, insze­nierte die Regie­rung diese Bezug­nahme mit unzäh­ligen Denk­mä­lern und „anti­ki­sie­renden“, weit­rei­chenden Eingriffen ins Stadt­bild der Kapi­tale Skopje. In kurzer Zeit erbaute bombas­ti­sche Gebäude, die an antike Tempel erin­nern und zugleich das bauliche Erbe der sozia­lis­ti­schen Zeit verdrängen, haben das Zentrum der Haupt­stadt völlig verändert.

Der Vertrag von Prespa

Der nicht nach­las­sende grie­chi­sche Druck trug schließ­lich 2019 Früchte, da für Make­do­nien der Beitritt zur NATO und zur EU ein vorran­giges Ziel war, Ersteres aus sicher­heits­po­li­ti­schen Über­le­gungen, Letz­teres vorrangig aus ökono­mi­schen Erwä­gungen. Seit 2005 ist das Land Beitritts­kan­didat der EU, kam aber wegen des grie­chi­schen Vetos gegen die Aufnahme von Beitritts­ver­hand­lungen nicht vom Fleck. Um aus dieser Sack­gasse heraus­zu­kommen, zeigte sich die neue, von den Sozi­al­de­mo­kraten domi­nierte Regie­rung unter Zoran Zaev kompro­miss­be­reit und peitschte 2019 im Parla­ment den soge­nannten Vertrag von Prespa mit Grie­chen­land durch. Nebst anderen Konzes­sionen änderte Make­do­nien seinen Namen in „Nord­ma­ke­do­nien“ – eine Bezeich­nung, die zumin­dest bei der ethnisch make­do­ni­schen Bevöl­ke­rung auf keinerlei Akzep­tanz stößt und als aufge­zwungen betrachtet wird. Die grie­chi­sche Seite konnte sich mit dem Namen abfinden, weil er aus ihrer Sicht in erster Linie eine geogra­fi­sche Bezeich­nung darstellt.

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Der Vertag von Prespa betreibt aber auch Geschichts­po­litik, denn er regelt die Vergan­gen­heit und den Umgang mit ihr verbind­lich: Das antike Make­do­nien wird darin als helle­nisch defi­niert und der make­do­ni­sche Staat darf sich in keiner Art und Weise darauf berufen oder dessen Symbole verwenden. Er wurde verpflichtet, inner­halb von sechs Monaten alle öffent­li­chen Hinweise auf „helle­ni­sche Geschichte und Zivi­li­sa­tion“ zu entfernen. Eine pari­tä­ti­sche staat­liche Kommis­sion soll außerdem dafür sorgen, dass inner­halb eines Jahres nach Vertrags­ab­schluss in den Schul­bü­chern der beiden Staaten keine „irredentistischen/revisionistischen Refe­renzen“ vorkommen.

Bulga­rien erhebt Ansprüche

Grie­chen­land legte seit dem Vertrags­ab­schluss kein Veto mehr ein und Make­do­nien konnte 2020 der NATO beitreten – ein für die innere wie äußere Stabi­lität des Landes wich­tiger Schritt. Kurz darauf zeigte sich jedoch, dass der Weg für Beitritts­ver­hand­lungen mit der EU keines­wegs gebahnt war, denn nun macht Bulga­rien von seinem Veto­recht Gebrauch. Das war nicht zu erwarten, hatte doch Bulga­rien seiner­zeit das unab­hän­gige Make­do­nien sofort und unter diesem Namen aner­kannt, aller­dings einzig den Staat, aber explizit nicht die make­do­ni­sche Nation und Sprache. In Bulga­rien wird beides als bulga­risch betrachtet und Make­do­nien als zweiter bulga­ri­scher Staat gesehen.

Auch Bulga­rien stand seit dem 14. Jahr­hun­dert unter osma­ni­scher Herr­schaft, von der es sich 1878 mit russi­scher Hilfe befreite, während Make­do­nien osma­nisch blieb. Seit dieser Zeit ist die Anglie­de­rung Make­do­niens ein wich­tiges Ziel auf der natio­nalen bulga­ri­schen Agenda. Für dieses groß­bul­ga­ri­sche Projekt zog das Land 1912/13 in zwei Balkan­kriege und stellte sich in beiden Welt­kriegen auf die Seite Deutsch­lands. Zwar konnte es Make­do­nien jeweils besetzen, verlor es aber nach den Kriegen wieder. Da Make­do­nien im Mittel­alter kurz­zeitig zum Bulga­ri­schen Reich gehörte und da die ethni­sche und sprach­liche Nähe der beiden südsla­wi­schen Völker groß ist, wurde und wird auf die Makedonier:innen Anspruch erhoben. Es wird negiert, dass im jugo­sla­wi­schen Teil Make­do­niens (Vardar-Makedonien – das Terri­to­rium des heutigen Staates) im Verlauf der letzten hundert Jahre eine Nation entstanden ist, die sich als „make­do­nisch“ bezeichnet und seit 1944 über eine kodi­fi­zierte Schrift­sprache verfügt. Die Erkenntnis, dass Nationen moderne Konstrukte sind und es nicht seit dem frühen Mittel­alter eine unver­än­der­liche „bulga­ri­sche Nation“ gibt, hat sich bisher auch in der bulga­ri­schen Geschichts­wis­sen­schaft kaum durchgesetzt.

Die make­do­ni­sche Karte wird in Bulga­rien, wie schon in Grie­chen­land, vor allem in schwie­rigen Zeiten gespielt, um Risse im Innern zu kitten. Die bulga­ri­sche Gesell­schaft ist zurzeit gespalten, die Wirt­schafts­lage schwierig und die Poli­ti­ker­kaste hoch­kor­rupt und unbe­liebt (die Zeitung Poli­tico bezeich­nete Bulga­rien im September 2020 als „Mafia­staat“), aber der Anspruch auf Make­do­nien eint das Land. Die Führung will die Mitglied­schaft in der EU benutzen, um über Geschichts­po­litik die natio­nale Iden­tität der ethni­schen Makedonier:innen zu beein­flussen. Grie­chen­lands Erfolg in der Namens­frage und bei der Inter­pre­ta­tion der antiken Geschichte dürfte eine wich­tige Lektion gewesen sein: Gemäß dem Abkommen von Prespa muss Make­do­nien die grie­chi­sche Sicht auf die Vergan­gen­heit auf seinem Terri­to­rium durch­setzen; die domi­nante Seite defi­niert, was die histo­ri­sche Wahr­heit ist. Bulga­rien nutzt seine Stärke eben­falls, um dem poli­tisch schwa­chen Nach­barn die eigene Deutung aufzu­zwingen, wobei es diesmal um das ausge­hende 19. und das 20. Jahr­hun­dert geht. Nach bulga­ri­scher Lesart gab es bis 1944 keine make­do­ni­sche Nation, viel­mehr ist diese eine Erfin­dung der jugo­sla­wi­schen Kommunist:innen, genauso wie die make­do­ni­sche Sprache, weshalb diese in keinem EU-Dokument erwähnt werden dürfe. Da es aus bulga­ri­scher Sicht keine make­do­ni­sche Nation gibt, „stiehlt“ die Geschichts­schrei­bung Make­do­niens bulga­ri­sche Geschichte, wenn sie den Kampf gegen die Osmanen in Make­do­nien als make­do­nisch bezeichnet und dessen Helden als Makedonier.

Geschichts­po­litik

Anlass zur Unzu­frie­den­heit gibt auch die make­do­ni­sche Sicht, dass Make­do­nien im Zweiten Welt­krieg vom mit Deutsch­land verbün­deten faschis­ti­schen Bulga­rien besetzt wurde, während es nach bulga­ri­scher Lesart „befreit“ wurde. Der Hinweis darauf, dass die bulga­ri­schen Besatzer gemeinsam mit deut­schen Stellen mehr als 7000 make­do­ni­sche Jüd:innen in den Tod nach Treb­linka depor­tierten, wird als „hate speech“ gebrandmarkt.

Unter­schied­liche Inter­pre­ta­tionen der Vergan­gen­heit sind nichts Außer­ge­wöhn­li­ches und werden immer wieder poli­tisch instru­men­ta­li­siert, gerade wenn es um Staaten geht, die erst­mals unab­hängig werden und ein eigenes Geschichts­nar­rativ entwi­ckeln. Im Falle Make­do­niens nimmt die innen­po­li­tisch moti­vierte Geschichts­po­litik der Nach­barn Grie­chen­land und Bulga­rien aller­dings bisher nicht gekannte und bedroh­liche Dimen­sionen an. Make­do­nien ist seit seiner Unab­hän­gig­keit genö­tigt, einen Kampf zu führen, der nicht zu enden scheint. Die Inter­ven­tionen der Nach­bar­staaten unter­mi­nieren die Stabi­lität des Landes, indem sie die wirt­schaft­liche Konso­li­die­rung behin­dern und die poli­ti­sche Elite des Landes vor zusätz­liche schwie­rige, kaum lösbare Probleme stellen. Die Bevöl­ke­rung fühlt sich durch die Nach­barn und die inter­na­tio­nale Politik gede­mü­tigt und ist im Hinblick auf die Zukunft des Landes desil­lu­sio­niert; wer kann, verlässt das Land.

Die EU, mit Problemen an allen Ecken und Enden konfron­tiert und erwei­te­rungs­müde, lässt Bulga­rien gewähren, so wie zuvor Grie­chen­land. Sie vertut die Chance, ener­gisch als stabi­li­sie­render Faktor aufzu­treten und so ein Signal an den gesamten Balkan auszu­senden. Sie stellt sich auf den klein­mü­tigen Stand­punkt, es handle sich um bila­te­rale Probleme, welche die Länder unter­ein­ander lösen sollten. Es waren Tsche­chien und die Slowakei, unter­stützt von Öster­reich, die sich im Dezember 2020 dagegen zur Wehr setzten, dass die EU die Inter­pre­ta­tion der Geschichte zum Aufnah­me­kri­te­rium machte: „We will not allow the [Euro­pean] Union to be the judge of our shared history, how we iden­tify ourselves, or the language we use. These issues belong to the parties concerned and we are here to support them“. Am bulga­ri­schen Veto hat das nichts geän­dert, es wurde am 22. Juni 2021 einmal mehr bekräftigt.

 

  • Nada Boškovska ist Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich und Vorsitzende des Fachrats des Center for Eastern European Studies. Ihr Schwerpunkt in der Forschung liegt auf der vorpetrinischen Geschichte Russlands, sowie auf dem Balkan des 20. Jahrhunderts. Sie publizierte 2017 „Yugoslavia and Macedonia before Tito. Between repression and integration” (London: I.B. Tauris).