Verschwörungstheorien verknüpfen Transgender-Identitäten mit Transhumanismus, um Ängste zu schüren und Feindbilder zu konstruieren. Narrative beeinflussen Politik, fördern Antisemitismus und rechtsextreme Diskurse. Wie entstehen diese Erzählungen und welche Folgen haben sie?

  • Dana Mahr

    Dana Mahr ist Wissenschaftlerin am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). 2013 promovierte sie mit einer Arbeit zu Citizen Science und war von 2018 bis 2023 Maître-assistante an der Universität Genf. Sie forscht zu partizipativer Wissenschaft, Technikfolgenabschätzung und der gesellschaftlichen Wirkung von Gesundheits- und Biotechnologien.
  • Christopher Coenen

    Christopher Coenen ist Leiter der Forschungsgruppe „Life, Innovation, Health, and Technology“ am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Zudem ist er Chefredakteur der Fachzeitschrift „NanoEthics: Studies of New and Emerging Technologies“ und ein führender Experte des KIT zum Thema Human Enhancement. Seine Forschung konzentriert sich auf soziale, ethische, philosophische und politische Aspekte neuer und aufkommender Technowissenschaften, insbesondere an der Schnittstelle von Biologie und Technologie.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Die Dämo­ni­sie­rung von Trans­gender und Trans­hu­ma­nismus. Über Mecha­nismen der parti­zi­pa­tiven Verschwörungskultur
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In einem Tele­gram-Kanal mit tausenden Mitglie­dern kursiert eine neue Theorie: Eine globale Elite nutze die LGBTQ+-Bewegung, um „die Mensch­heit zu entmensch­li­chen“. Ein Nutzer postet eine Grafik, die eine Verbin­dung zwischen Transgender-Aktivismus, Trans­hu­ma­nismus und geheimen Regie­rungs­pro­jekten sugge­riert. Andere greifen die Idee auf, fügen neue vermeint­liche Beweise hinzu – Zitate aus obskuren Blogs, mani­pu­lierte Bilder, aus dem Zusam­men­hang geris­sene Forschungs­er­geb­nisse. Die Theorie wächst, verän­dert sich, wird auf X, ehemals Twitter, weiter­ver­breitet, landet in YouTube-Videos und schließ­lich in Arti­keln alter­na­tiver Medien.

Verschwö­rungs­theo­rien sind längst kein Rand­phä­nomen mehr – sie werden aktiv in Online-Communities gestaltet, verbreitet und weiter­ent­wi­ckelt. Diese „parti­zi­pa­tive Verschwö­rungs­kultur“ beschreibt einen dyna­mi­schen Prozess, bei dem Nutzer:innen Narra­tive nicht nur konsu­mieren, sondern aktiv weiter­treiben, neue Verknüp­fungen herstellen und bestehende Theo­rien an aktu­elle gesell­schaft­liche Debatten anpassen. Durch digi­tale Platt­formen wie X/Twitter, Tele­gram oder spezia­li­sierte Foren entstehen mosa­ik­ar­tige Konstruk­tionen, die sich durch ihre Offen­heit für Ergän­zungen und ihre Anschluss­fä­hig­keit an andere ideo­lo­gi­sche Strö­mungen auszeichnen.

Clay Clark über Trans­hu­ma­nismus, Trans­gender und den Great Reset Ein Social-Media-Beitrag von Clay Clark, der Trans­hu­ma­nismus und Transgender-Identitäten mit Verschwö­rungs­theo­rien rund um COVID-19 und den Great Reset verbindet.

Beson­ders sichtbar wird diese Dynamik in Kreisen, die sich selbst als „gender­kri­tisch“ bezeichnen und gegen die Rechte von trans Menschen ankämpfen. Dabei verknüpfen sie trans­feind­liche Rheto­riken mit rechten Verschwö­rungs­ele­menten. Hierbei werden Tran­si­den­ti­täten nicht als persön­liche Realität, sondern als Bestand­teil einer groß ange­legten gesell­schaft­li­chen Mani­pu­la­tion darge­stellt – etwa als Ausdruck einer angeb­li­chen „Gender-Ideologie“ oder als Teil eines trans­hu­ma­nis­ti­schen Projekts zur Auflö­sung biolo­gi­scher Geschlech­ter­grenzen. Solche Narra­tive erweisen sich in rechten und konser­va­tiven Kreisen als anschluss­fähig, insbe­son­dere wenn sie mit Miss­trauen gegen­über Wissen­schaft, Politik und globalen Insti­tu­tionen kombi­niert werden.

Die Akteur:innen dieser Verschwö­rungs­kultur sind viel­fältig. Neben Einzel­per­sonen, die in sozialen Netz­werken aktiv Narra­tive verbreiten und verstärken, spielen alter­na­tive Medien, Blogs und rechte Think Tanks eine zentrale Rolle. Letz­tere greifen gezielt verschwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Elemente auf, um poli­ti­sche Agenden zu unter­mauern und gesell­schaft­liche Ängste zu instru­men­ta­li­sieren. In diesem Zusam­men­spiel werden Feind­bilder geschaffen, die sich mit konser­va­tiven und rechts­po­pu­lis­ti­schen Diskursen über Iden­tität, Ordnung und Macht überschneiden.

Die zuneh­mende Vernet­zung und wech­sel­sei­tige Verstär­kung dieser Narra­tive führen dazu, dass trans­feind­liche Verschwö­rungs­theo­rien immer stärker in den Mainstream-Diskurs einsi­ckern. Dies trägt nicht nur zur Verbrei­tung von Fehl­in­for­ma­tionen bei, sondern beein­flusst auch poli­ti­sche Entschei­dungs­pro­zesse und gesell­schaft­liche Debatten. In diesem Kontext ist es entschei­dend, die Mecha­nismen der parti­zi­pa­tiven Verschwö­rungs­kultur kritisch zu analy­sieren und Stra­te­gien zu entwi­ckeln, um ihre Auswir­kungen auf demo­kra­ti­sche Diskurse und margi­na­li­sierte Gruppen einzudämmen.

Trans­hu­ma­nismus als Feindbild

Ein wieder­keh­rendes Motiv in diesen Debatten ist die Vorstel­lung, Transgender-Identitäten seien Teil einer umfas­senden trans­hu­ma­nis­ti­schen Agenda, die auf die gezielte Auflö­sung biolo­gi­scher Geschlech­ter­grenzen und damit der als natür­lich ange­se­henen, mensch­li­chen Ordnung abziele. In diesen Kreisen wird Trans­hu­ma­nismus nicht als wissenschaftlich-philosophische Strö­mung betrachtet, die sich mit der tech­no­lo­gi­schen Erwei­te­rung des Menschen beschäf­tigt, sondern als dysto­pi­sches Projekt zur Entmenschlichung.

Tatsäch­lich beschreibt Trans­hu­ma­nismus eine Denk­rich­tung, die tech­no­lo­gi­sche Entwick­lungen wie Künst­liche Intel­li­genz, Biotech­no­logie oder Neuro­im­plan­tate nutzt, um mensch­liche Grenzen zu erwei­tern – sei es durch die Heilung schwerer Krank­heiten, die Verlän­ge­rung der Lebens­spanne oder die Verbes­se­rung kogni­tiver Fähig­keiten. Befürworter:innen sehen darin eine Chance zur Über­win­dung biolo­gi­scher Beschrän­kungen, Kritiker:innen hingegen warnen vor gesell­schaft­li­chen Ungleich­heiten, ethi­schen Heraus­for­de­rungen und einer mögli­chen Entfrem­dung vom mensch­li­chen Wesen.

David Vance und Laura Aboli über Trans­hu­ma­nismus Ein Social-Media-Post von David Vance, der eine Diskus­sion über die Verbin­dung zwischen Trans­hu­ma­nismus und Transgender-Themen mit Laura Aboli ankündigt.

Die Vertreter:innen verschwö­rungs­ideo­lo­gi­scher Narra­tive greifen also oft auf reale trans­hu­ma­nis­ti­sche Theo­rien und Entwick­lungen zurück, inter­pre­tieren sie jedoch im Sinne einer Bedro­hung: Sie stellen Transgender-Personen als Vorbot:innen einer ideo­lo­gi­schen oder tech­no­lo­gi­schen Trans­for­ma­tion dar, die Mensch­lich­keit und Geschlecht­er­ord­nung angeb­lich zerstören soll. In Teilen der puti­nis­ti­schen Propa­ganda, insbe­son­dere im Umfeld von Alex­ander Dugin, werden sie als aktuell wich­tigste prak­ti­sche Ausrich­tung des Trans­hu­ma­nismus und somit als Speer­spitzen eines liberal-aufgeklärten und femi­nis­ti­schen Groß­an­griffs eines deka­denten und sata­ni­schen Westens auf alle tradi­tio­nelle Kulturen der Welt darge­stellt. Dabei wird gezielt ausge­blendet, dass Trans­hu­ma­nismus in seinen viel­fäl­tigen Ausprä­gungen weder eine einheit­liche Ideo­logie noch eine poli­ti­sche Agenda darstellt, sondern viel­mehr eine kontro­verse Debatte über die Zukunft des Menschen umfasst.

Dieses Narrativ wird häufig mit weiteren Verschwö­rungs­theo­rien verknüpft, insbe­son­dere mit der Vorstel­lung einer „globalen Elite“, die über medizinisch-technologische Inno­va­tionen eine umfas­sende Kontrolle über den mensch­li­chen Körper anstrebe. So werden medi­zi­ni­sche Fort­schritte in der Geschlechts­an­glei­chung oder die Aner­ken­nung nicht-binärer Iden­ti­täten nicht als gesell­schaft­liche Entwick­lungen hin zu mehr Selbst­be­stim­mung verstanden, sondern als Teil eines groß­an­ge­legten Plans zur Umge­stal­tung der Mensch­heit. Hier zeigt sich eine enge Verbin­dung zu klas­si­schen, anti­se­mi­tisch struk­tu­rierten Verschwö­rungs­ideo­lo­gien, die den Einfluss von Konzernen, Regie­rungen oder geheimen Netz­werken als absichts­voll und mani­pu­lie­rend deuten.

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Beson­ders promi­nente Vertreter:innen dieser Theo­rien, darunter Jennifer Bilek, eine US-amerikanische Publi­zistin und Akti­vistin, die durch ihre verschwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Schriften über die angeb­liche Verbin­dung zwischen Transgender-Identitäten, Trans­hu­ma­nismus und einer globalen Elite bekannt wurde, verknüpfen trans­hu­ma­nis­ti­sche Motive mit trans­feind­li­chen Diskursen und anti­se­mi­ti­schen Unter­tönen. So werden jüdi­sche Unternehmer:innen und Philanthrop:innen wie George Soros oder Jennifer Pritzker als trei­bende Kräfte hinter einer angeb­li­chen „Trans- und Transhumanismus-Agenda“ darge­stellt – eine Rhetorik, die an klas­si­sche anti­se­mi­ti­sche Verschwö­rungs­er­zäh­lungen anschließt. In diesem Kontext dient Trans­hu­ma­nismus als Projek­ti­ons­fläche für tief verwur­zelte Ängste vor gesell­schaft­li­chem Wandel, tech­no­lo­gi­schem Fort­schritt und der Erosion tradi­tio­neller Hierarchien.

Durch die Verknüp­fung von Trans­hu­ma­nismus mit Verschwö­rungs­ideo­lo­gien wird ein Feind­bild geschaffen, das sich nicht nur gegen trans Menschen richtet, sondern auch eine vermeint­lich tech­no­kra­ti­sche Zukunft als Bedro­hung konstru­iert. Beson­ders in trans­feind­li­chen Kreisen entsteht daraus eine ideo­lo­gi­sche Allianz zwischen rechten Technologiekritiker:innen, Vertreter:innen konser­va­tiver Moral­vor­stel­lungen und selbst­er­nannten „Femi­nis­tinnen“, die sich gegen die Rechte von trans Menschen posi­tio­nieren. Während diese Akteur:innen sich als femi­nis­tisch verstehen, greifen sie Argu­men­ta­ti­ons­muster auf, die eher mit reak­tio­nären oder anti­fe­mi­nis­ti­schen Strö­mungen kompa­tibel sind.

Lepanto Insti­tute: Kritik an Evolu­tion und Transgender-Identitäten Ein Tweet des Lepanto Insti­tute, das eine Linie von Alchemie über Evolu­tion bis hin zu Transgender-Identitäten zieht und diese als „falsche Ideen“ bezeichnet.

Zugleich ist die Ableh­nung des Trans­hu­ma­nismus keines­wegs auf konser­va­tive oder rechte Posi­tionen beschränkt. Auch aus eman­zi­pa­to­ri­scher Perspek­tive gibt es fundierte Kritik an trans­hu­ma­nis­ti­schen Visionen, die oft von finanz­starken Akteur:innen aus dem Silicon Valley voran­ge­trieben werden. Diese Ideen sind nicht nur von einem tech­no­kra­ti­schen Fort­schritts­glauben geprägt, sondern reflek­tieren häufig eine neoli­be­rale Vorstel­lung der Opti­mie­rung des Menschen, die soziale, ethi­sche und poli­ti­sche Impli­ka­tionen weit­ge­hend ausblendet. Die Skepsis gegen­über Trans­hu­ma­nismus kann daher auch aus einer linken oder gesell­schafts­kri­ti­schen Perspek­tive erfolgen, insbe­son­dere wenn es um Fragen der sozialen Gerech­tig­keit, der Macht­ver­hält­nisse in der Biotech­no­logie und der Kontrolle über mensch­liche Körper geht.

Die Dämo­ni­sie­rung von Trans­hu­ma­nismus in verschwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Kreisen verstärkt jedoch nicht nur trans­feind­liche Narra­tive, sondern fügt sich nahtlos in größere verschwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Welt­bilder ein, in denen vermeint­liche Eliten angeb­lich Kontrolle über Iden­tität, Körper und Gesell­schaft ausüben.

Online-Diskurse als Verschwörungsverstärker

Platt­formen wie X/Twitter spielen eine zentrale Rolle in der Verbrei­tung dieser Narra­tive. Hier entstehen Netz­werke aus Akteur:innen, die trans­feind­liche und trans­hu­ma­nis­mus­kri­ti­sche Posi­tionen vertreten, ebenso wie ein sich selbst verstär­kender Diskurs­raum, in dem bestimmte Begriffe und Argu­men­ta­ti­ons­muster immer wieder repro­du­ziert werden. Schlag­worte wie „Gender-Ideologie“ oder „trans­hu­ma­nis­ti­sche Elite“ fungieren als seman­ti­sche Anker, die eine klare Feind­bild­kon­struk­tion ermög­li­chen und regel­mäßig in Debatten einge­speist werden. Neben direkten Beiträgen in sozialen Medien tragen auch Videos, Podcasts und alter­na­tive Nach­rich­ten­seiten zur Verbrei­tung dieser Ideen bei, wodurch sie ein breites Publikum errei­chen und zuneh­mend Anschluss an konser­va­tive und rechts­po­pu­lis­ti­sche Diskurse finden.

Seit der Über­nahme von Twitter durch Elon Musk Ende 2022 hat sich diese Entwick­lung weiter verschärft. Musk selbst äußert sich regel­mäßig trans­feind­lich und fördert durch seine Platt­form­po­litik aktiv die Verbrei­tung entspre­chender Narra­tive. Unter seiner Führung wurden Mode­ra­ti­ons­maß­nahmen gegen Hass­rede und Desin­for­ma­tion stark redu­ziert, während trans­feind­liche Accounts an Reich­weite gewonnen haben. Die Umbe­nen­nung von Twitter in X symbo­li­siert eine inhalt­liche Neuaus­rich­tung: Die Platt­form bietet zuneh­mend Raum für verschwö­rungs­ideo­lo­gi­sche, rechts­extreme und reak­tio­näre Diskurse, die früher stärker regu­liert wurden. Damit ist X nicht nur ein zentraler Verstärker trans­feind­li­cher und verschwö­rungs­ideo­lo­gi­scher Posi­tionen. Die Platt­form ist zudem Ort, an dem sich diese Strö­mungen weiter vernetzen und radi­ka­li­sieren können. Zugleich propa­giert Musk sehr öffent­lich­keits­wirksam trans­hu­ma­nis­ti­sche Visionen, wobei er deren proble­ma­tischste Züge stark akzen­tu­iert und eman­zi­pa­to­ri­sche Elemente tilgt.

Die Algo­rithmen sozialer Platt­formen begüns­tigen beson­ders Inhalte, die Emotio­na­lität und Pola­ri­sie­rung fördern. Diese Mecha­nismen sorgen dafür, dass verschwö­rungs­ideo­lo­gi­sche und trans­feind­liche Narra­tive verstärkt werden, insbe­son­dere wenn sie mit mora­li­scher Empö­rung oder Unter­gangs­sze­na­rien verknüpft sind. Dadurch entstehen sich selbst verstär­kende Echo­kam­mern, in denen Narra­tive ständig weiter­ent­wi­ckelt und mit neuen Verschwö­rungs­ele­menten ange­rei­chert werden. Dies trägt maßgeb­lich dazu bei, dass trans­feind­liche Verschwö­rungs­er­zäh­lungen nicht in Nischen verbleiben und immer mehr in den gesell­schaft­li­chen Main­stream vordringen.

Verschrän­kung mit Antisemitismus

Ein auffäl­liger Aspekt dieser Diskurse ist ihre gele­gent­liche Verknüp­fung mit anti­se­mi­ti­schen Verschwö­rungs­my­then. Einzelne promi­nente Akteur:innen behaupten etwa, dass eine jüdi­sche Finanz­elite gezielt die Rechte von trans Menschen fördere, um die tradi­tio­nelle Gesell­schafts­ord­nung aufzu­lösen. Diese Narra­tive knüpfen an klas­si­sche anti­se­mi­ti­sche Stereo­type an, die jüdi­schen Akteur:innen eine über­mä­ßige Kontrolle über soziale und poli­ti­sche Entwick­lungen zuschreiben. In diesem Kontext wird das Bild einer im Verbor­genen agie­renden Elite gezeichnet, die eine tech­no­kra­ti­sche, trans­hu­ma­nis­ti­sche Zukunft erzwingen wolle – ein Motiv, das sich nahtlos in bestehende rechts­extreme Welt­bilder einfügt.

Histo­ri­sche anti­se­mi­ti­sche Verschwö­rungs­my­then über die angeb­liche Mani­pu­la­tion gesell­schaft­li­cher Prozesse werden in einen aktu­ellen Kontext über­führt und mit neuen Feind­bil­dern ange­rei­chert. Diese Dynamik trägt nicht nur zur Verfes­ti­gung von Feind­bil­dern bei, sondern schafft auch ein ideo­lo­gi­sches Funda­ment für poli­ti­sche Mobi­li­sie­rung gegen trans­freund­liche Gesetz­ge­bung und gesell­schaft­liche Vielfalt.

Martine Roth­blatt als angeb­li­cher „Grün­dungs­person“ von Trans­gen­de­rismus und Trans­hu­ma­nismus Ein Tweet, der Transgender-Identitäten als Teil einer „tech­nore­li­giösen“ Bewe­gung darstellt und die trans­hu­ma­nis­ti­sche Philo­so­phin Martine Roth­blatt in diesen Kontext setzt.

Aktuell erleben die USA eine Welle von Geset­zes­in­itia­tiven, die darauf abzielen, die Rechte von trans Personen massiv einzu­schränken. Beispiels­weise hat der US-Präsident ein Dekret erlassen, das Trans­mäd­chen und -frauen von der Teil­nahme an Mädchen- oder Frau­en­sport­ver­an­stal­tungen ausschließt. Zudem plant das US-Verteidigungsministerium, Transgender-Soldat:innen aus dem Militär zu entlassen, sofern sie keine Ausnah­me­ge­neh­mi­gung erhalten. In Iowa steht ein Gesetz zur Abstim­mung, das den Schutz der Geschlechts­iden­tität aus dem zivil­recht­li­chen Diskri­mi­nie­rungs­schutz entfernen würde, was trans Personen Diskri­mi­nie­rung in Berei­chen wie Beschäf­ti­gung, Wohn­raum und Bildung aussetzen könnte. 

Solche Geset­zes­vor­haben entstehen nicht im luft­leeren Raum, sondern sind eng mit ideo­lo­gi­schen Narra­tiven verknüpft, die in ultra­kon­ser­va­tiven und rechts­extremen Kreisen kulti­viert werden. Verschwö­rungs­er­zäh­lungen über trans Personen, die oft anti­se­mi­ti­sche Motive aufgreifen, liefern eine argu­men­ta­tive Grund­lage für diese poli­ti­schen Maßnahmen und tragen dazu bei, ihre Akzep­tanz in der Öffent­lich­keit zu erhöhen. Indem trans Rechte als Teil eines angeb­lich mani­pu­lierten gesell­schaft­li­chen Wandels darge­stellt werden, werden bestehende Ressen­ti­ments mobi­li­siert und gesetz­liche Einschrän­kungen legitimiert.

Die Verknüp­fung von Anti­se­mi­tismus und Trans­feind­lich­keit in den USA führt somit zu einer gefähr­li­chen Verschär­fung des gesell­schaft­li­chen Klimas. Sie dient als Kata­ly­sator für diskri­mi­nie­rende Gesetz­ge­bungen und trägt zur weiteren Margi­na­li­sie­rung sowohl jüdi­scher als auch trans Commu­nitys bei. Es ist daher uner­läss­lich, diese Entwick­lungen kritisch zu beob­achten und ihnen entschieden entge­gen­zu­treten, um die Rechte und die Sicher­heit aller betrof­fenen Gruppen zu schützen.

Von der digi­talen Hetze zur poli­ti­schen Realität: Wie Verschwö­rungs­nar­ra­tive trans­feind­liche Politik antreiben

Durch ihre Anschluss­fä­hig­keit an konser­va­tive und rechts­po­pu­lis­ti­sche Strö­mungen gewinnen diese Narra­tive – wie das Beispiel der USA zeigt – zuneh­mend Einfluss auf öffent­liche Diskurse. Aussagen von Politiker:innen und reli­giösen Auto­ri­täten greifen immer häufiger Begriffe und Argu­men­ta­ti­ons­muster auf, die ursprüng­lich aus diesen Online-Diskursen stammen. Das führt nicht nur zu einer Legi­ti­mie­rung trans­feind­li­cher Posi­tionen, es vertieft gesell­schaft­liche Spal­tungen. Darüber hinaus beein­flussen diese Diskurse Geset­zes­in­itia­tiven und poli­ti­sche Stra­te­gien, um die Rechte von trans Menschen einzu­schränken oder gezielt diskri­mi­nie­rende Maßnahmen gegen LGBTQ+ Personen zu legi­ti­mieren. Gerade in Ländern mit erstar­kenden rechten Regie­rungen zeigt sich eine besorg­nis­er­re­gende Entwick­lung hin zu einer Verschär­fung der recht­li­chen Lage für trans Menschen.

Die Verbin­dung von Trans­feind­lich­keit, Transhumanismus-Kritik und Verschwö­rungs­theo­rien verdeut­licht, wie digi­tale Diskurse nicht nur entstehen, sondern sich in dyna­mi­schen Prozessen gegen­seitig verstärken und radi­ka­li­sieren. Die Analyse parti­zi­pa­tiver Verschwö­rungs­kul­turen zeigt, dass diese Narra­tive nicht zufällig entstehen. Sie werden gezielt genutzt, um gesell­schaft­liche Ängste zu mobi­li­sieren und poli­ti­sche Maßnahmen zu beein­flussen. Beson­ders die Verknüp­fung mit anti­se­mi­ti­schen Mustern und tech­no­lo­gi­schem Fort­schritt macht sie anschluss­fähig für unter­schied­liche ideo­lo­gi­sche Strö­mungen – von trans­feind­li­chen Kreisen bis hin zu rechts­extremen Netzwerken.

Jennifer Bileks Buch über Trans­se­xua­lität, Trans­gen­de­rismus und Trans­hu­ma­nismus Ein Buch­cover von Jennifer Bilek, das ihre Verschwö­rungs­er­zäh­lungen über die Verbin­dung von Transgender-Identitäten und Trans­hu­ma­nismus thematisiert.

Um dieser Entwick­lung entge­gen­zu­wirken, braucht es nicht nur das Wider­legen von Falsch­in­for­ma­tionen, sondern vor allem eine breite Aufklä­rung über die Mecha­nismen dieser Diskurse. Wissen­schaft und Medien müssen verschwö­rungs­ideo­lo­gi­sche Narra­tive nicht nur entlarven, sondern auch aktiv daran arbeiten, Debatten um Gender und Tech­no­logie fakten­ba­siert und diffe­ren­ziert zu führen – ohne Alar­mismus, aber mit klarer Haltung gegen Hass und Desin­for­ma­tion. Denn je tiefer sich diese Narra­tive in den gesell­schaft­li­chen Main­stream eingraben, desto schwerer wird es, sie zurück­zu­drängen. Die Frage ist also nicht nur, wie sie entstehen – sondern wie wir verhin­dern, dass sie unsere poli­ti­schen und sozialen Struk­turen nach­haltig vergiften.

Dieser Beitrag wurde durch das Horizon-Europe-Programm der Euro­päi­schen Union im Rahmen des EU Horizon Programms Nr. 101058158 als Teil des Projekts „INspi­ring and ANcho­ring TrUst in Science“ (IANUS) gefördert.