Die belarusischen Behörden scheinen den Suprematismus für sich entdeckt zu haben. Minsker Häuserwände sehen aus wie abstrakte Gemälde mit Rechtecken und Quadraten. Was sollen uns diese sagen? Über Siarhei Hudzilins Fotoserie „No Words“.

  • Siarhei Hudzilin

    Siarhei Hudzilin ist Fotograf, Digital- und Medienkünstler. Er begann mit Sportaufnahmen und arbeitete mehrere Jahre lang mit belarussischen und internationalen Medien zusammen. Seine größte Leidenschaft ist die Aufzeichnung des Alltagslebens mit synthetischer Medientechnologie und wissenschaftlichen Kunstpraktiken.
  • Iryna Herasimovich

    Iryna Herasimovich ist Literaturübersetzerin zahlreicher deutschsprachiger Autor:innen ins Belarusische. Sie arbeitet auch als Dramaturgin und Kuratorin im Bereich bildende Kunst und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seit 2021 ist sie Doktorandin am Slavischen Seminar der Uni Zürich.

Der bela­ru­si­sche Foto­graf Siarhei Hudzilin im Gespräch mit der Über­set­zerin und Essay­istin Iryna Herasimovich.

Iryna Hera­si­mo­vich: Siarhei, lass uns mit dem ersten Foto aus deiner Foto­serie „No Words“ einsteigen, das in der bela­ru­si­schen Kunst­szene mitt­ler­weile schon ikonisch geworden ist. Auf dem Foto von 2011 über­malt eine Frau ein Graf­fitti an einer Häuser­wand in Minsk. Es gibt aber noch zwei weitere Fassungen von dem Foto, „No Words (censored)“, die Du als Teil deiner künst­le­ri­schen Biografie betrach­test, obwohl Du sie nicht selbst gemacht hast.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Siarhei Hudzilin: Das Bild mit dem einge­rahmten Foto und einer Betrach­terin ist aus dem Jahr 2016, aus meiner Ausstel­lung im Minsker Art-Space Cech in der Kastrychnickaya-Strasse.

Siarhei Hudzilin, „No words (Censored)“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Iryna Hera­si­mo­vich: Schon der Ort der Ausstel­lung, die Kastrychnickaya-Straße, steht für verschie­dene Ebenen.

Siarhei Hudzilin: Ja, diese Straße gehörte zu den wenigen Vier­teln in Minsk, wo auf einem begrenzten Terri­to­rium alle Basis­er­schei­nungen einer freien offenen Welt vorzu­finden waren: krea­tive Räume, Inter­na­tio­na­li­sie­rung, eine gewisse Gentri­fi­zie­rung, Englisch als Lingua franca…

Iryna Hera­si­mo­vich: Und außer­halb dieses begrenzten Territoriums?

Siarhei Hudzilin: Außer­halb herrschte ein klas­sisch auto­ri­täres Regime, das sich zu Zwecken der Selbst­er­hal­tung isolieren wollte. Ein Regime, das damals schon über den ganzen Apparat der Repres­sionen, der staat­li­chen Lenkung und Kontrolle verfügte, der nur nicht so flächen­de­ckend ange­wendet wurde, wie es heute der Fall ist.

Iryna Hera­si­mo­vich: In deiner Arbeit spielst du genau mit diesen unter­schied­li­chen Ebenen.

Siarhei Hudzilin, „No words“ (Censored), © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Siarhei Hudzilin: In dieser Ausstel­lung wird mein Foto in der „korri­gierten“ Version gezeigt. Das Foto von 2011 wurde 2014 im Natio­nalen Kunst­mu­seum in Minsk ausge­stellt und von einer Mitar­bei­terin „korri­giert“, was zufällig in einem Video fest­ge­halten wurde.

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Iryna Hera­si­mo­vich: Was genau wurde „korri­giert“?

Siarhei Hudzilin: „Korri­giert“ wurde die weiß-rot-weiße Flagge, ein bela­ru­si­sches poli­ti­sches Protestsymbol.

Iryna Hera­si­mo­vich: Zuvor wurde das Foto, wohl gemerkt, für die Ausstel­lung im natio­nalen Kunst­mu­seum akzep­tiert, der größten staat­li­chen Kunstinstitution.

Siarhei Hudzilin: Genau, die „Korrektur“ kam im letzten Moment vor der Eröff­nung, da war schon die ganze Ausstel­lung fertig, das Licht wurde gerade aufge­baut. Da hat sich jemand von der Leitung die Bilder noch ein letztes Mal vor der Eröff­nung ange­schaut, und ihm fielen ein paar Werke ins Auge, die ihn störten, weil sie nach seinem Geschmack zu radikal, zu mani­fest waren. Dieser Akt der Zensur kam also am Vorabend der Eröff­nung: Nach der Empfeh­lung der Leitung machte sich eine Frau in Grau, höchst­wahr­schein­lich eine tech­ni­sche Mitar­bei­terin, daran, die Flagge auf dem Foto zu übermalen.

Dank der Video­auf­nahme ist die Doku­men­ta­tion der Zensur entstanden: Eine Frau über­malt die Flagge auf einem Foto, auf dem eine andere Frau einen poli­ti­schen Schriftzug  über­malt. Ein endloser Prozess der Verwi­schung und Unsicht­bar­ma­chung der Zeichen.

Ein Thema, das mich heute sehr inter­es­siert, ist das endlose faszi­nie­rende Zusam­men­spiel von verschie­denen Kontexten und Symbolen in der Politik, in der Popkultur, in der Werbung. In Belarus wird aber ein Kampf gegen das Spiel der Symbole geführt, hier werden sie korri­giert und vernichtet. Und ange­sichts der heutigen maßlosen Repres­sionen wissen wir, dass es nicht bei den Symbolen bleibt.

Iryna Hera­si­mo­vich: Wenn man heute die Zensur von Büchern und Worten zum Beispiel in den USA beob­achtet, will man als Bela­rusin warnen, dass es dabei nicht bleiben wird. Heute wirkt diese im Kunst­mu­seum vorge­nom­mene Korrektur fast harmlos: Wie, ein Werk mit dem Protest­symbol wird in die Ausstel­lung aufge­nommen? Und dann „nur“ korri­giert? Nicht abge­hängt? Nicht vernichtet? Weder der Foto­graf noch die Kura­torin werden verhaftet?

Siarhei Hudzilin: Ja, 2020 sind all die Tendenzen, die es auch schon früher gab, in ihrer vollen Ausprä­gung zutage getreten. Aus der Perspek­tive des Regimes hat das alles seine Logik: Das Regime hat tatsäch­lich höhere Über­le­bens­chancen, wenn es Repres­sionen anwendet.

Iryna Hera­si­mo­vich: Auf dem ursprüng­li­chen Foto hat eine Frau einen Text über­malt. Was stand da?

Siarhei Hudzilin: „Народны сабатаж“, auf Deutsch: „Volks­sa­bo­tage“. Das verleiht dem Ganzen noch eine inhalt­liche Dimen­sion: Eine Sabo­tage ist ja eine Hand­lung, zu der man sich gezwungen sieht, um etwas zu errei­chen, was auf einem anderen Weg nicht erreicht werden kann.

Iryna Hera­si­mo­vich: Warum haben sie damals deine Arbeit nicht einfach abge­hängt? Auf die Idee mit der Korrektur muss man erst mal kommen.

Siarhei Hudzilin: Schwer zu sagen, warum sie sich für diese Inter­ven­tion entschieden haben. Viel­leicht, weil es sonst einen Skandal gegeben hätte. Und wenn die Arbeit nur minimal „über­ar­beitet“ wird, gibt es keinen Skandal. Das entspricht auch diesem poli­ti­schen System, das eine Demo­kratie vorspielt: Es gibt alle demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen, das Parla­ment, die Parteien – das ganze Set, um Demo­kratie zu spielen. Genauso spielt das Museum in diesem auto­ri­tären Staat vor, eine offene Austausch­platt­form zu sein, nur eben mit einer stren­geren Regle­men­tie­rung bezüg­lich der Symbole.

Ich führte den Kampf der Symbole weiter, indem ich das korri­gierte Bild mit einem baro­cken Rahmen für die nächste Ausstel­lung versah.

Iryna Hera­si­mo­vich: Der Rahmen hält die museale Geschichte dieses Fotos fest. Mit dem massiven Rahmen wird das Bild aller­dings wiederum nicht in einem Museum, sondern in einem alter­na­tiven Raum ausgestellt.

Siarhei Hudzilin: Dafür exis­tiert ja auch die Kunst, um mit Bildern, Objekten oder wie in diesem Fall mit Kontexten zu spielen.

Iryna Hera­si­mo­vich: Hast du das von Anfang an als Spiel wahrgenommen?

Siarhei Hudzilin: Ja. Ich verspürte nicht die übliche Span­nung, wie es sie oft zwischen einem Künstler und einer Insti­tu­tion gibt, sondern habe das gleich als Perfor­mance wahr­ge­nommen und mir über­legt, wie das weiter­ge­führt werden kann. Den Vorfall mit der Über­ma­lung des Fotos im Museum erwähnten wir auch in der Pres­se­mit­tei­lung, sogar im Titel, das ging viral. Damals war eine solche Zirku­la­tion noch möglich.

Iryna Hera­si­mo­vich: Dieses Verwi­schen und Über­malen hat eine ambi­va­lente Wirkung. Einer­seits wird etwas unsichtbar gemacht, gleich­zeitig werden im selben Zug die Unsicht­bar­ma­chung an sich, die Zensur und der uner­wünschte, meist protest­be­zo­gene Inhalt präsenter und sicht­barer. Wir haben es hier mit einem Palim­psest aus verwischtem Inhalt und präsenter Unsicht­bar­ma­chung zu tun.

Siarhei Hudzilin: Natür­lich. Beson­ders ein fest­ge­hal­tener Akt der Verwi­schung, der Ausra­die­rung ergibt ein starkes, wirkungs­volles Bild. In meiner künst­le­ri­schen Biografie haben dieses Foto und die gesamte Ereig­nis­kette eine beson­dere Bedeu­tung: Die Fixie­rung der Über­ma­lung auf der Straße, die als Foto ins Museum gerät, wo die Hand­lung der Über­ma­lung noch einmal wieder­holt wird. Dabei ist dieses Ereignis keines­falls einzig­artig, Hundert­tau­sende Zensur­akte passieren auf der Welt in jedem Moment.

Iryna Hera­si­mo­vich: Womit hat die Muse­ums­mit­ar­bei­terin die Flagge über­malt, mit einem Filzstift?

Siarhei Hudzilin: Nein, sie ist die Sache ganz ernst­haft ange­gangen. Das war Farbe, Acryl­farbe, glaube ich. Auch der Farbton wurde ja wohl nach dem Geschmack des „Künst­lers“, des „Rezen­senten“, des Zensors ausge­wählt, der Grauton entspricht durchaus der grauen Palette des Fotos.

Iryna Hera­si­mo­vich: Aber auch nicht ganz. Es ist wohl ein Thema für sich, warum sowohl bei den über­malten Graf­fiti wie auch hier der Farbton doch nie mit dem Hinter­grund iden­tisch ist, was die Sicht­bar­keit der Verwi­schung noch verstärkt.

Siarhei Hudzilin: Weil sie das verwenden, was gerade bei der Hand ist.

Iryna Hera­si­mo­vich: Das lässt sich auch gut auf die meta­pho­ri­sche Ebene heben. Die Zensur operiert damit, was gerade bei der Hand ist. Sie hat keinen festen Plan, kein Konzept, im Zentrum steht nur die Inten­tion, wegzu­räumen, zu vertu­schen, und zwar an der Ober­fläche, nur damit es nicht ins Auge sticht, ohne in die Tiefe zu gehen.

Siarhei Hudzilin: Auch sonst hat das Regime kein Konzept, keine Stra­tegie, keine nach­hal­tigen Projekte.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Iryna Hera­si­mo­vich: Du entlarvst das, indem Du diesen „Werken des Regimes“ ein künst­le­ri­sches Konzept unter­legst. Erzähl, bitte, mehr von deinem Konzept für die Serie No words.  

Siarhei Hudzilin: Die Serie begann gerade mit diesem zufäl­ligen Foto aus dem Jahr 2011. Ich arbei­tete damals als Reporter bei der unab­hän­gigen Zeitung Nasha Niva und kam von einer lang­wei­ligen Pres­se­kon­fe­renz und sah diese Szene. Dieses Bild ist wirk­lich ein Glücks­fall, im nächsten Moment wandte sich die Frau um, war aufge­scheucht und malte nicht mehr.

Iryna Hera­si­mo­vich: Wie ist aus diesem Bild eine Foto­serie entstanden?

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Siarhei Hudzilin: Ich kannte natür­lich das theo­re­ti­sche Konstrukt des Supre­ma­tismus, und zwar seine Verwen­dung im bela­ru­si­schen Kontext seit den 2000er Jahren. Der Foto­graf Maxim Shved und die Kunst­wis­sen­schaft­lerin Volha Archipava bezeichnen diese unbe­wusste Kunst der bela­ru­si­schen Behörden als funda­men­talen Supre­ma­tismus. Maxim Shved befasst sich damit in seinem Doku­men­tar­film Reine Kunst (Чистое искусство).

Iryna Hera­si­mo­vich: Shved und Archipava sehen darin ein wich­tiges Zeichen unserer Zeit, die Über­set­zung in die visu­elle Sprache der bekannten bela­ru­si­schen Formel „sie verstehen doch selbst“, die so oft ange­wendet wird im Zusam­men­hang mit Zensur oder voraus­ei­lendem Gehorsam.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Siarhei Hudzilin: Genau mit dieser Optik machte ich mich auf die Suche nach den Orten, wo diese Erschei­nung am deut­lichsten zum Vorschein kommt. Meine Suche verlief in mehreren Städten, und aus meinen Funden habe ich dann diese Serie ausge­wählt. Dabei war mir wichtig, dass es, wie beim ersten Foto, doku­men­ta­ri­sche State­ments sind.

Iryna Hera­si­mo­vich: Spielt hier auch der Supre­ma­tismus von Male­vich eine Rolle?

Siarhei Hudzilin: Ja, klar. Auch die Tatsache, dass die Avant­garde in den Dienst der Diktatur gestellt wurde. Hier dient der Supre­ma­tismus dem Regime, das den öffent­li­chen Raum zensiert.

Siarhei Hudzilin, "No words", © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Aber meine Arbeiten sind nicht kontextlos, sondern eben doku­men­ta­risch. Das Doku­men­ta­ri­sche in dieser Serie kommt dadurch zum Tragen, dass ich auch Menschen, städ­ti­sche Sujets und Gebäu­de­de­tails fest­halte. Nur den Himmel, den Hori­zont wollte ich aus den Bildern entfernen.

Iryna Hera­si­mo­vich: Diese Fotos sind also im Grenz­be­reich zwischen abstrakter Kunst und doku­men­ta­ri­scher Foto­grafie angesiedelt.

Siarhei Hudzilin: Ja, die bewusste Unschärfe zwischen diesen Berei­chen war mir ganz wichtig, dadurch kann ich gleich mehrere Bezüge herstellen: sowohl zur Politik, wo Zensur geübt wird, als auch zur Kunst, die unbe­wusst und zufällig entsteht, aber in ihrer gegen­stands­losen Gegen­ständ­lich­keit dem Betrachter oder der Betrach­terin doch etwas sagt. Dabei ist das alles auch sehr vergäng­lich. Morgen gibt es eine andere Parole, die wieder über­malt wird.

Siarhei Hudzilin, "No words", © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Iryna Hera­si­mo­vich: Lass uns darüber spre­chen, was genau hier verwischt, unsichtbar gemacht wird und welche Wirkung dadurch erzeugt wird.

Siarhei Hudzilin: Das kann alles Mögliche sein, jede Botschaft im öffent­li­chen Raum: poli­ti­sche Parolen, Liebes­er­klä­rungen, Fanbot­schaften von Fußball-Hooligans, Aussagen von Street-Art-Künstler:innen – aus dem öffent­li­chen Raum wird in Belarus alles verwischt. Der öffent­liche Raum darf nur als trockene Gegen­ständ­lich­keit exis­tieren. Es gibt ein Haus, es gibt eine Mauer. Die dürfen nur als Haus und Mauer exis­tieren, keine weiteren Zeichen sind zuge­lassen, es sei denn solche gegen­stands­losen wie diese Über­ma­lungen. Aller­dings sind manchmal Frag­mente zu sehen bzw. es ist zu erkennen, was über­malt wurde.

Iryna Hera­si­mo­vich: Ja, jede indi­vi­du­elle Botschaft wird verwischt, weil in Belarus das Regime das Monopol auf den öffent­li­chen Raum hat. Aller­dings verwan­delt sich auch jede über­malte Aussage in eine poli­ti­sche. Sobald man eine über­malte Aussage sieht, denkt man nicht an eine Liebes­er­klä­rung oder an Fußball­fans, sondern an eine kriti­sche poli­ti­sche Aussage. Die offene Inter­pre­tier­bar­keit der abstrakten Kunst funk­tio­niert so, dass wir unter jeder verwischten Aussage eine kriti­sche poli­ti­sche Aussage vermuten. Was auch korrekt ist, denn die voll­stän­dige Beherr­schung des öffent­li­chen Raumes ist ja eine absolut poli­ti­sche Erscheinung.

Siarhei Hudzilin: Genau, wir lesen diese abstrakte Form als Verbot, als Verwi­schen von etwas Uner­wünschtem, etwas, was nicht gesehen werden darf.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.

Die Verwi­schung geht seit 2020 stärker in den digi­talen Bereich über: Es gibt Listen von Telegramm- und Youtube-Kanälen, Facebook- oder Instagram-Accounts, die als extre­mis­tisch einge­stuft wurden,  das ist nichts anderes als ein Versuch, bestimmte Inhalte auch im digi­talen Raum zu verwischen.

Iryna Hera­si­mo­vich: Tatsäch­lich „über­malt“ bzw. „über­klebt“ das Label „Extre­mismus“ bestimmte Inhalte, und schon werden sie viel weniger geteilt und konsu­miert, weil sonst eine Gefäng­nis­strafe droht. Es ist alles viel härter geworden, aber das ist eine Stei­ge­rung auf derselben Skala.

Siarhei Hudzilin: Diese Verwi­schung geht weiter, auch inner­halb des Regi­me­ap­pa­rates. Ich habe noch weitere Erschei­nungen dieser Art gesam­melt, wie zum Beispiel das Verwi­schen der Gesichter von Sicher­heits­leuten im staat­li­chen Fern­sehen seit den Protesten 2020. In den staat­li­chen Nach­richten werden Gesichter von Sprecher:innen verwischt. Es werden Bera­tungs­sit­zungen mit den Sicher­heits­leuten direkt über­tragen, bei denen nur das Gesicht des Präsi­denten nicht verwischt ist. So sieht die Ästhetik des fort­ge­schrit­tenen Auto­ri­ta­rismus aus. Man kann hier an Gabriel García Márquez und den magi­schen Realismus denken.

Iryna Hera­si­mo­vich: Worin genau siehst du die Paral­lelen zwischen der bela­ru­si­schen Realität und dem magi­schen Realismus von García Márquez?

Siarhei Hudzilin: Auf die Paral­lelen komme ich, weil ich die Wahr­neh­mung der Medi­en­ef­fekte beob­achtet, die aggres­sive Propa­ganda des staat­li­chen Regimes im Fern­sehen, die Post­ironie in sozialen Netz­werken und die Werbung von allem Mögli­chen dort, wo früher Texte über Werte waren und Manifeste.

Diese unter­schied­li­chen Reali­täten zirku­lieren im Leben gleich­zeitig, als Hinter­grund und Geräusch­ku­lissen, als Produkt und Hoff­nung. Dabei streiten sie sich stets gegen­seitig das Recht auf die Exis­tenz ab. Dieser Zustand wird aus meiner Sicht sehr tref­fend im Text von García Márquez Der Herbst des Patri­ar­chen dargestellt.