Der belarusische Fotograf Siarhei Hudzilin im Gespräch mit der Übersetzerin und Essayistin Iryna Herasimovich.
Iryna Herasimovich: Siarhei, lass uns mit dem ersten Foto aus deiner Fotoserie „No Words“ einsteigen, das in der belarusischen Kunstszene mittlerweile schon ikonisch geworden ist. Auf dem Foto von 2011 übermalt eine Frau ein Graffitti an einer Häuserwand in Minsk. Es gibt aber noch zwei weitere Fassungen von dem Foto, „No Words (censored)“, die Du als Teil deiner künstlerischen Biografie betrachtest, obwohl Du sie nicht selbst gemacht hast.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.
Siarhei Hudzilin: Das Bild mit dem eingerahmten Foto und einer Betrachterin ist aus dem Jahr 2016, aus meiner Ausstellung im Minsker Art-Space Cech in der Kastrychnickaya-Strasse.

Siarhei Hudzilin, „No words (Censored)“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.
Iryna Herasimovich: Schon der Ort der Ausstellung, die Kastrychnickaya-Straße, steht für verschiedene Ebenen.
Siarhei Hudzilin: Ja, diese Straße gehörte zu den wenigen Vierteln in Minsk, wo auf einem begrenzten Territorium alle Basiserscheinungen einer freien offenen Welt vorzufinden waren: kreative Räume, Internationalisierung, eine gewisse Gentrifizierung, Englisch als Lingua franca…
Iryna Herasimovich: Und außerhalb dieses begrenzten Territoriums?
Siarhei Hudzilin: Außerhalb herrschte ein klassisch autoritäres Regime, das sich zu Zwecken der Selbsterhaltung isolieren wollte. Ein Regime, das damals schon über den ganzen Apparat der Repressionen, der staatlichen Lenkung und Kontrolle verfügte, der nur nicht so flächendeckend angewendet wurde, wie es heute der Fall ist.
Iryna Herasimovich: In deiner Arbeit spielst du genau mit diesen unterschiedlichen Ebenen.

Siarhei Hudzilin, „No words“ (Censored), © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.
Siarhei Hudzilin: In dieser Ausstellung wird mein Foto in der „korrigierten“ Version gezeigt. Das Foto von 2011 wurde 2014 im Nationalen Kunstmuseum in Minsk ausgestellt und von einer Mitarbeiterin „korrigiert“, was zufällig in einem Video festgehalten wurde.
Iryna Herasimovich: Was genau wurde „korrigiert“?
Siarhei Hudzilin: „Korrigiert“ wurde die weiß-rot-weiße Flagge, ein belarusisches politisches Protestsymbol.
Iryna Herasimovich: Zuvor wurde das Foto, wohl gemerkt, für die Ausstellung im nationalen Kunstmuseum akzeptiert, der größten staatlichen Kunstinstitution.
Siarhei Hudzilin: Genau, die „Korrektur“ kam im letzten Moment vor der Eröffnung, da war schon die ganze Ausstellung fertig, das Licht wurde gerade aufgebaut. Da hat sich jemand von der Leitung die Bilder noch ein letztes Mal vor der Eröffnung angeschaut, und ihm fielen ein paar Werke ins Auge, die ihn störten, weil sie nach seinem Geschmack zu radikal, zu manifest waren. Dieser Akt der Zensur kam also am Vorabend der Eröffnung: Nach der Empfehlung der Leitung machte sich eine Frau in Grau, höchstwahrscheinlich eine technische Mitarbeiterin, daran, die Flagge auf dem Foto zu übermalen.
Dank der Videoaufnahme ist die Dokumentation der Zensur entstanden: Eine Frau übermalt die Flagge auf einem Foto, auf dem eine andere Frau einen politischen Schriftzug übermalt. Ein endloser Prozess der Verwischung und Unsichtbarmachung der Zeichen.
Ein Thema, das mich heute sehr interessiert, ist das endlose faszinierende Zusammenspiel von verschiedenen Kontexten und Symbolen in der Politik, in der Popkultur, in der Werbung. In Belarus wird aber ein Kampf gegen das Spiel der Symbole geführt, hier werden sie korrigiert und vernichtet. Und angesichts der heutigen maßlosen Repressionen wissen wir, dass es nicht bei den Symbolen bleibt.
Iryna Herasimovich: Wenn man heute die Zensur von Büchern und Worten zum Beispiel in den USA beobachtet, will man als Belarusin warnen, dass es dabei nicht bleiben wird. Heute wirkt diese im Kunstmuseum vorgenommene Korrektur fast harmlos: Wie, ein Werk mit dem Protestsymbol wird in die Ausstellung aufgenommen? Und dann „nur“ korrigiert? Nicht abgehängt? Nicht vernichtet? Weder der Fotograf noch die Kuratorin werden verhaftet?
Siarhei Hudzilin: Ja, 2020 sind all die Tendenzen, die es auch schon früher gab, in ihrer vollen Ausprägung zutage getreten. Aus der Perspektive des Regimes hat das alles seine Logik: Das Regime hat tatsächlich höhere Überlebenschancen, wenn es Repressionen anwendet.
Iryna Herasimovich: Auf dem ursprünglichen Foto hat eine Frau einen Text übermalt. Was stand da?
Siarhei Hudzilin: „Народны сабатаж“, auf Deutsch: „Volkssabotage“. Das verleiht dem Ganzen noch eine inhaltliche Dimension: Eine Sabotage ist ja eine Handlung, zu der man sich gezwungen sieht, um etwas zu erreichen, was auf einem anderen Weg nicht erreicht werden kann.
Iryna Herasimovich: Warum haben sie damals deine Arbeit nicht einfach abgehängt? Auf die Idee mit der Korrektur muss man erst mal kommen.
Siarhei Hudzilin: Schwer zu sagen, warum sie sich für diese Intervention entschieden haben. Vielleicht, weil es sonst einen Skandal gegeben hätte. Und wenn die Arbeit nur minimal „überarbeitet“ wird, gibt es keinen Skandal. Das entspricht auch diesem politischen System, das eine Demokratie vorspielt: Es gibt alle demokratischen Institutionen, das Parlament, die Parteien – das ganze Set, um Demokratie zu spielen. Genauso spielt das Museum in diesem autoritären Staat vor, eine offene Austauschplattform zu sein, nur eben mit einer strengeren Reglementierung bezüglich der Symbole.
Ich führte den Kampf der Symbole weiter, indem ich das korrigierte Bild mit einem barocken Rahmen für die nächste Ausstellung versah.
Iryna Herasimovich: Der Rahmen hält die museale Geschichte dieses Fotos fest. Mit dem massiven Rahmen wird das Bild allerdings wiederum nicht in einem Museum, sondern in einem alternativen Raum ausgestellt.
Siarhei Hudzilin: Dafür existiert ja auch die Kunst, um mit Bildern, Objekten oder wie in diesem Fall mit Kontexten zu spielen.
Iryna Herasimovich: Hast du das von Anfang an als Spiel wahrgenommen?
Siarhei Hudzilin: Ja. Ich verspürte nicht die übliche Spannung, wie es sie oft zwischen einem Künstler und einer Institution gibt, sondern habe das gleich als Performance wahrgenommen und mir überlegt, wie das weitergeführt werden kann. Den Vorfall mit der Übermalung des Fotos im Museum erwähnten wir auch in der Pressemitteilung, sogar im Titel, das ging viral. Damals war eine solche Zirkulation noch möglich.
Iryna Herasimovich: Dieses Verwischen und Übermalen hat eine ambivalente Wirkung. Einerseits wird etwas unsichtbar gemacht, gleichzeitig werden im selben Zug die Unsichtbarmachung an sich, die Zensur und der unerwünschte, meist protestbezogene Inhalt präsenter und sichtbarer. Wir haben es hier mit einem Palimpsest aus verwischtem Inhalt und präsenter Unsichtbarmachung zu tun.
Siarhei Hudzilin: Natürlich. Besonders ein festgehaltener Akt der Verwischung, der Ausradierung ergibt ein starkes, wirkungsvolles Bild. In meiner künstlerischen Biografie haben dieses Foto und die gesamte Ereigniskette eine besondere Bedeutung: Die Fixierung der Übermalung auf der Straße, die als Foto ins Museum gerät, wo die Handlung der Übermalung noch einmal wiederholt wird. Dabei ist dieses Ereignis keinesfalls einzigartig, Hunderttausende Zensurakte passieren auf der Welt in jedem Moment.
Iryna Herasimovich: Womit hat die Museumsmitarbeiterin die Flagge übermalt, mit einem Filzstift?
Siarhei Hudzilin: Nein, sie ist die Sache ganz ernsthaft angegangen. Das war Farbe, Acrylfarbe, glaube ich. Auch der Farbton wurde ja wohl nach dem Geschmack des „Künstlers“, des „Rezensenten“, des Zensors ausgewählt, der Grauton entspricht durchaus der grauen Palette des Fotos.
Iryna Herasimovich: Aber auch nicht ganz. Es ist wohl ein Thema für sich, warum sowohl bei den übermalten Graffiti wie auch hier der Farbton doch nie mit dem Hintergrund identisch ist, was die Sichtbarkeit der Verwischung noch verstärkt.
Siarhei Hudzilin: Weil sie das verwenden, was gerade bei der Hand ist.
Iryna Herasimovich: Das lässt sich auch gut auf die metaphorische Ebene heben. Die Zensur operiert damit, was gerade bei der Hand ist. Sie hat keinen festen Plan, kein Konzept, im Zentrum steht nur die Intention, wegzuräumen, zu vertuschen, und zwar an der Oberfläche, nur damit es nicht ins Auge sticht, ohne in die Tiefe zu gehen.
Siarhei Hudzilin: Auch sonst hat das Regime kein Konzept, keine Strategie, keine nachhaltigen Projekte.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.
Iryna Herasimovich: Du entlarvst das, indem Du diesen „Werken des Regimes“ ein künstlerisches Konzept unterlegst. Erzähl, bitte, mehr von deinem Konzept für die Serie No words.
Siarhei Hudzilin: Die Serie begann gerade mit diesem zufälligen Foto aus dem Jahr 2011. Ich arbeitete damals als Reporter bei der unabhängigen Zeitung Nasha Niva und kam von einer langweiligen Pressekonferenz und sah diese Szene. Dieses Bild ist wirklich ein Glücksfall, im nächsten Moment wandte sich die Frau um, war aufgescheucht und malte nicht mehr.
Iryna Herasimovich: Wie ist aus diesem Bild eine Fotoserie entstanden?

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.
Siarhei Hudzilin: Ich kannte natürlich das theoretische Konstrukt des Suprematismus, und zwar seine Verwendung im belarusischen Kontext seit den 2000er Jahren. Der Fotograf Maxim Shved und die Kunstwissenschaftlerin Volha Archipava bezeichnen diese unbewusste Kunst der belarusischen Behörden als fundamentalen Suprematismus. Maxim Shved befasst sich damit in seinem Dokumentarfilm Reine Kunst (Чистое искусство).
Iryna Herasimovich: Shved und Archipava sehen darin ein wichtiges Zeichen unserer Zeit, die Übersetzung in die visuelle Sprache der bekannten belarusischen Formel „sie verstehen doch selbst“, die so oft angewendet wird im Zusammenhang mit Zensur oder vorauseilendem Gehorsam.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.
Siarhei Hudzilin: Genau mit dieser Optik machte ich mich auf die Suche nach den Orten, wo diese Erscheinung am deutlichsten zum Vorschein kommt. Meine Suche verlief in mehreren Städten, und aus meinen Funden habe ich dann diese Serie ausgewählt. Dabei war mir wichtig, dass es, wie beim ersten Foto, dokumentarische Statements sind.
Iryna Herasimovich: Spielt hier auch der Suprematismus von Malevich eine Rolle?
Siarhei Hudzilin: Ja, klar. Auch die Tatsache, dass die Avantgarde in den Dienst der Diktatur gestellt wurde. Hier dient der Suprematismus dem Regime, das den öffentlichen Raum zensiert.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.
Aber meine Arbeiten sind nicht kontextlos, sondern eben dokumentarisch. Das Dokumentarische in dieser Serie kommt dadurch zum Tragen, dass ich auch Menschen, städtische Sujets und Gebäudedetails festhalte. Nur den Himmel, den Horizont wollte ich aus den Bildern entfernen.
Iryna Herasimovich: Diese Fotos sind also im Grenzbereich zwischen abstrakter Kunst und dokumentarischer Fotografie angesiedelt.
Siarhei Hudzilin: Ja, die bewusste Unschärfe zwischen diesen Bereichen war mir ganz wichtig, dadurch kann ich gleich mehrere Bezüge herstellen: sowohl zur Politik, wo Zensur geübt wird, als auch zur Kunst, die unbewusst und zufällig entsteht, aber in ihrer gegenstandslosen Gegenständlichkeit dem Betrachter oder der Betrachterin doch etwas sagt. Dabei ist das alles auch sehr vergänglich. Morgen gibt es eine andere Parole, die wieder übermalt wird.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.
Iryna Herasimovich: Lass uns darüber sprechen, was genau hier verwischt, unsichtbar gemacht wird und welche Wirkung dadurch erzeugt wird.
Siarhei Hudzilin: Das kann alles Mögliche sein, jede Botschaft im öffentlichen Raum: politische Parolen, Liebeserklärungen, Fanbotschaften von Fußball-Hooligans, Aussagen von Street-Art-Künstler:innen – aus dem öffentlichen Raum wird in Belarus alles verwischt. Der öffentliche Raum darf nur als trockene Gegenständlichkeit existieren. Es gibt ein Haus, es gibt eine Mauer. Die dürfen nur als Haus und Mauer existieren, keine weiteren Zeichen sind zugelassen, es sei denn solche gegenstandslosen wie diese Übermalungen. Allerdings sind manchmal Fragmente zu sehen bzw. es ist zu erkennen, was übermalt wurde.
Iryna Herasimovich: Ja, jede individuelle Botschaft wird verwischt, weil in Belarus das Regime das Monopol auf den öffentlichen Raum hat. Allerdings verwandelt sich auch jede übermalte Aussage in eine politische. Sobald man eine übermalte Aussage sieht, denkt man nicht an eine Liebeserklärung oder an Fußballfans, sondern an eine kritische politische Aussage. Die offene Interpretierbarkeit der abstrakten Kunst funktioniert so, dass wir unter jeder verwischten Aussage eine kritische politische Aussage vermuten. Was auch korrekt ist, denn die vollständige Beherrschung des öffentlichen Raumes ist ja eine absolut politische Erscheinung.
Siarhei Hudzilin: Genau, wir lesen diese abstrakte Form als Verbot, als Verwischen von etwas Unerwünschtem, etwas, was nicht gesehen werden darf.

Siarhei Hudzilin, „No words“, © Siarhei Hudzilin, http://hudzilin.com/gallery/27/.
Die Verwischung geht seit 2020 stärker in den digitalen Bereich über: Es gibt Listen von Telegramm- und Youtube-Kanälen, Facebook- oder Instagram-Accounts, die als extremistisch eingestuft wurden, das ist nichts anderes als ein Versuch, bestimmte Inhalte auch im digitalen Raum zu verwischen.
Iryna Herasimovich: Tatsächlich „übermalt“ bzw. „überklebt“ das Label „Extremismus“ bestimmte Inhalte, und schon werden sie viel weniger geteilt und konsumiert, weil sonst eine Gefängnisstrafe droht. Es ist alles viel härter geworden, aber das ist eine Steigerung auf derselben Skala.
Siarhei Hudzilin: Diese Verwischung geht weiter, auch innerhalb des Regimeapparates. Ich habe noch weitere Erscheinungen dieser Art gesammelt, wie zum Beispiel das Verwischen der Gesichter von Sicherheitsleuten im staatlichen Fernsehen seit den Protesten 2020. In den staatlichen Nachrichten werden Gesichter von Sprecher:innen verwischt. Es werden Beratungssitzungen mit den Sicherheitsleuten direkt übertragen, bei denen nur das Gesicht des Präsidenten nicht verwischt ist. So sieht die Ästhetik des fortgeschrittenen Autoritarismus aus. Man kann hier an Gabriel García Márquez und den magischen Realismus denken.
Iryna Herasimovich: Worin genau siehst du die Parallelen zwischen der belarusischen Realität und dem magischen Realismus von García Márquez?
Siarhei Hudzilin: Auf die Parallelen komme ich, weil ich die Wahrnehmung der Medieneffekte beobachtet, die aggressive Propaganda des staatlichen Regimes im Fernsehen, die Postironie in sozialen Netzwerken und die Werbung von allem Möglichen dort, wo früher Texte über Werte waren und Manifeste.
Diese unterschiedlichen Realitäten zirkulieren im Leben gleichzeitig, als Hintergrund und Geräuschkulissen, als Produkt und Hoffnung. Dabei streiten sie sich stets gegenseitig das Recht auf die Existenz ab. Dieser Zustand wird aus meiner Sicht sehr treffend im Text von García Márquez Der Herbst des Patriarchen dargestellt.
Total interessanter und wichtiger Artikel – Danke