Iryna Herasimovich: Dmitri, du befasst dich mit der Poesie nicht nur als Dichter, sondern auch als Herausgeber und Verleger. Was würdest du an dieser Gattung besonders hervorheben?
Dmitri Strozew: Auch wenn die Poesie immer wieder als vom Aussterben bedroht bezeichnet wird, hat sie sich seit Jahrtausenden in allen Kulturen ihre besondere Nische bewahrt. Mit ihren heute oft als überflüssig empfundenen Mitteln (Reim, Assonanz, Wiederholung etc.) besitzt die Poesie die Fähigkeit zur Selbsterhaltung. Poetische Texte entstanden vor der Schrift, man kann sie sich leicht merken: Wenn man ein Element vergisst, hilft der Text selbst, sich daran zu erinnern.
Diese Texte zirkulieren in der jeweiligen Kultur und akkumulieren in sich wichtige Bedeutungen und Bilder der Gesellschaft. Heute könnte man sagen, dass dieses Genre überflüssig geworden ist, schließlich gibt es Kino und so weiter, aber angesichts der katastrophalen Ereignisse, wie wir sie in Belarus 2020 erlebt haben, bestätigt die Poesie ihre Aktualität.
Iryna Herasimovich: In der Revolution wurde also erneut die Fähigkeit der Poesie gefragt, die für die Gesellschaft relevanten Bilder und Bedeutungen in sich aufzunehmen? Und das, was in der Gegenwart geschieht, in einer elastischen, gesättigten Sprache festzuhalten?
Dmitri Strozew: Genau, Poesie kann eine schnelle, aber verdichtete, reife Reaktion auf Ereignisse sein, das ist keine flüchtige journalistische Aussage. Journalistische Texte haben natürlich auch viele Möglichkeiten, aber sie sind anders.
Die Aussage eines Dichters zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie von einem ganz persönlichen Standpunkt aus formuliert wird, nicht etwa im Auftrag einer Redaktion. Ein Dichter ist in seinen Aussagen an keine Verpflichtungen gebunden, dabei spricht er gleichzeitig als Individuum und als Vertreter einer Gemeinschaft.
Iryna Herasimovich: Kann man also von einer besonderen Stellung der Poesie in der gegenwärtigen belarusischen Literaturlandschaft sprechen?
Dmitri Strozew: Auf jeden Fall! Die Position der Poesie wird paradoxerweise noch dadurch gestärkt, dass es in Belarus massive Publikationsprobleme gibt, alle unabhängigen Verlage sind zwangsliquidiert worden. Wer einen Roman veröffentlichen will, stößt auf große Schwierigkeiten. Und Lyrik ist eine eher kurze, prägnante Botschaft, die sehr schnell geteilt werden kann, zum Beispiel in sozialen Netzwerken. Ein Gedicht hat also einen kürzeren Weg zu den Leser:innen, ohne an Inhalt und Komplexität zu verlieren. Das haben wir in den ersten Protesttagen nach den gefälschten Wahlen genutzt, als die belarusische Staatsmacht das Internet blockierte und uns in eine Informationsfalle trieb. Wenn wir für kurze Zeit durchbrachen, konnten wir die Situation nicht detailliert beschreiben, wir konnten nur Zwischenrufe, bröckelnde Mitteilungen teilen.
Die Knappheit und Verdichtung der Poesie waren damals sehr gefragt. Und wir Dichter:innen haben viel in den sozialen Netzwerken veröffentlicht. Aus der unmittelbaren Erfahrung geschrieben, sagten diese Texte viel über den Kontext, über unseren Zustand aus. Diese Aussagen waren einerseits Referenzflächen für die Menschen in Belarus, auf die sie ihre Erlebnisse, Eindrücke, Stimmungen, Erwartungen und Überlegungen beziehen konnten, andererseits haben sie die hochkomplexe Situation auch für Außenstehende erschlossen: Die poetischen Texte waren augenblickliche Montagen, die einen weiten Blick mit einer sehr persönlichen Offenbarung verbanden – ich glaube, diese Arbeit konnte von keinem anderen Genre so schnell geleistet werden.
Iryna Herasimovich: Das heißt, dass gerade eine poetische Äußerung in der Lage war, vielfältige Zugänge zu dieser hermetischen Situation zu schaffen, und zwar auf verschiedenen Ebenen: der politischen, der kulturellen, der zwischenmenschlichen. Die Poesie schuf auch Übergänge zwischen Menschen und Kontexten und zerstörte so die Absicht der Macht, die Situation geschlossen zu halten.
Dmitri Strozew: Genau! Wir wurden eingeschlossen, versiegelt, und drinnen konnten sie mit uns machen, was sie wollten, und wir hatten keine Zeit, ein Video zu machen oder einen Bericht zu schreiben. All das kam erst mit Verzögerung. Aber die Ereignisse waren sehr schnell, und ein poetischer Text war ebenso schnell in der Lage, einen Resonanzraum zu schaffen, in dem sich menschliche Erfahrungen berühren konnten.
Iryna Herasimovich: Diese Fähigkeit der Poesie, schnell Resonanzräume und Bezugsflächen zu schaffen, eine verdichtete und vielschichtige Aussage in die Welt zu setzen, scheint mir auch in anderen Phasen der belarusischen Kulturgeschichte relevant zu sein, die mit politisch-sozialen Umbruchphasen verbunden sind. Der Aufschwung am Anfang des 20. Jahrhunderts oder die dissidentischen Kreise im sowjetischen Belarus, die nationale Bewegung der späten Sowjetunion oder die experimentelle Bum-Bam-Lit-Bewegung der 1990-2000er Jahre – überall haben wir es mit einer besonderen Präsenz der Dichter:innen zu tun.
Dmitri Strozew: Die Dichtung, auch in Verbindung mit anderen Künsten, kann die Sprache einer Gemeinschaft herausbilden. Die Sprache einer Gemeinschaft ist so beschaffen, dass sie auf bestimmten Zeichen, Symbolen, Bildern, Begriffen beruht.
Am Anfang der Proteste gab es diese gemeinsame Sprache nicht. Erinnerst du dich an den großen Tag, den 16. August 2020, als Hunderttausende in Minsk zur Stele strömten? Da gab es noch keine Verständigung darüber, was unsere gemeinsamen Symbole sind, auf welche Bilder wir uns stützen. Man konnte beide Fahnen sehen, die heutige Protestflagge, die weiß-rot-weiße, aber auch die Staatsflagge, die erst später vom Regime vollständig vereinnahmt wurde. Die gemeinsame Sprache, das gemeinsame System von Symbolen und Bildern entstand vor unseren Augen. Im Hier und Jetzt entstand das symbolische Fundament der Gemeinschaft. Wenn ein poetischer Text einen Resonanzraum schuf, wurde er sofort als etwas Gemeinsames akzeptiert, so wie die Fahne, das Wappen. Was aber von der Gemeinschaft als Gemeinsames akzeptiert wird, war keineswegs von Anfang an klar. Welche Intonation, welche Wortwahl zum Gemeinsamen wird, war völlig offen. Dieser Prozess begann schon vor den Wahlen. Erinnerst du dich an das Gedicht von Hanna Seviarynec, in dem sie sich als Lehrerin an Lukaschenka als Vater seines halbwüchsigen Sohnes Kolja wendet und sagt, er solle vor allem daran denken, was er seinem Sohn antue.
Dieser Vater wird den Befehl erteilen, auf Menschen zu schießen,
Ich würde ihm sagen — vor meinem Schmerz habe ich keine Angst —
Denk nicht an mich, schieß. Aber denke an Kolja …
Dieses Gedicht ist ein Beispiel für eine solche Intonation, die von der Gemeinschaft geteilt wird. Die Gemeinschaft entsteht aber erst in dem Moment, in dem sie sich für bestimmte Symbole, Bilder und Intonationen entscheidet.
Davor, in einer solchen revolutionären Situation, gehen die Menschen einzeln, ohne eine gemeinsame Sprache, durch ein chaotisches und widersprüchliches Geschehen, wie es Majakovskij ausgedrückt hat: … die zungenlose Straße krampft sich zusammen – sie hat nichts, womit sie reden und schreien könnte …
Und die Dichtung hat eben diese Eigenschaft, zur Entstehung einer gemeinsamen Sprache beizutragen.
Und da gibt es schon manchmal die Versuchung, die Gedanken der Menschen zu beeinflussen, durch die Poesie bestimmte Bedeutungen zu lenken, also Propaganda zu betreiben, aber mit dieser Versuchung hat jede Kunst zu kämpfen. Ein Dichter muss schon Disziplin besitzen, ein gewisses kulturelles Niveau, um nicht abzusinken.
Iryna Herasimovich: Ich denke, das wird einfach keine gute Poesie sein. Wenn man das Bedürfnis nach einer authentischen poetischen Aussage hat, wird man propagandistische Texte ablehnen, weil sie nicht die Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit aufweisen, die der Poesie und der guten Literatur im Allgemeinen eigen sind. Das hoffe ich jedenfalls.

Druckperformance am 10.01.2024 in MiCT Berlin, Foto: Anatolij Kurlenin
Dmitri Strozew: Ich werde oft gefragt, ob meine revolutionären, flammenden Texte von 2020 ihre Aktualität verloren haben, ob sie in einer ganz bestimmten Situation entstanden sind und vielleicht sterben, wenn sich die Situation ändert. Aber das würde eher mit einer journalistischen Reportage passieren: Der Kontext hat sich geändert, und es wird schwierig, sie zu lesen, außer für Fachleute, die sich für eine bestimmte Epoche interessieren. Aber ein Gedicht bleibt ein lebendiges kulturelles Phänomen. Ich lese meine Gedichte von damals noch heute vor verschiedenen Zuhörer:innen in vielen Ländern, manchmal auch vor Menschen, die nichts von den Ereignissen in Belarus wissen, und ich sehe, dass diese Texte auch dort ihre Wirkung entfalten.
Iryna Herasimovich: Könntest du bitte noch ein paar Namen von Dichter:innen nennen, deren Texte solche Resonanzräume in der Revolution bildeten, so dass sie zu Bestandteilen der Gemeinschaftssprache wurden?
Dmitri Strozew: Es sind sehr viele. Ich werde nur einige exemplarisch erwähnen, um die Aufmerksamkeit auf dieses bedeutende kulturelle Phänomen zu lenken, das die belarusischen Dichter:innen 2020 geschaffen haben und das noch völlig unerforscht ist: die Entstehung eines vielstimmigen und doch einheitlichen Textes. Hanna Seviarynec habe ich bereits erwähnt. Nasta Kudassava – wenn ich ihre Texte damals auf Facebook sah, öffneten sie immer etwas in mir. Oder Uladz Liankevich – er hat eine ganz neue Sprache für die traumatischen Erfahrungen im Gefängnis gefunden. Mich, der ich diese Erfahrungen auch gemacht habe, hat seine Ausdrucksweise tief beeindruckt. Oder ein anderes Beispiel aus den ersten Protesttagen: Es wurde eine Aktion der Philharmonie-Künstler:innen angekündigt, viele Sänger:innen kamen und stellten sich auf die Treppe vor dem Gebäude und sangen plötzlich ein Gedicht von Andrei Khadanovich Am Ufer der Freiheit, das in der Nacht zuvor geschrieben worden war: Sie schafften es sehr schnell, das Gedicht zu vertonen und zu proben. Das war ein ganz erstaunliches kreatives Magma.
Iryna Herasimovich: Und dieses kreative Magma wird konsequent unterdrückt. Übrigens nicht erst seit 2020…
Dmitri Strozew: Als Lukaschenka an die Macht kam, herrschte in Belarus volle Meinungsfreiheit. Nach dem Zerfall der Sowjetunion entstanden im unabhängigen Belarus eine ganze Reihe von unabhängigen Zeitschriften und Zeitungen, verschiedene Verlage wurden gegründet, deren Veröffentlichungspolitik von niemandem kontrolliert oder zensiert wurde. Dasselbe gilt für Radio- und Fernsehsender: Unabhängige Leute, Unternehmer, richteten ihre eigenen Studios ein und gestalteten ihr eigenes Informationsprogramm.
Als Lukaschenka an die Macht kam, war eine seiner ersten Maßnahmen die Einführung der Zensur. Deshalb wurden solche Formen geschaffen, wie zum Beispiel die Lizenzierung bestimmter Aktivitäten, das heißt, um im Fernsehen, im Radio oder im Verlagswesen tätig zu sein, mussten die Unternehmer oder jede Firma eine Lizenz vom Staat bekommen.
Diese Lizenz sollte angeblich die Qualität des Rundfunks und der Printmedien verbessern, aber das Ergebnis war, dass alle Sender, Zeitungen und Zeitschriften, die nicht unter der Kontrolle der Behörden standen, geschlossen wurden. Unter Druck gerieten auch Verlage, auch wenn das zuerst nicht so auffällig war.
Iryna Herasimovich: Was hast du als Verleger erlebt? Du warst ja seit Anfang der 1990er Jahre in diesem Bereich tätig.
Dmitri Strozew: Eine Verlagslizenz gab es von Anfang an, aber man musste sie sich nicht verdienen. Man konnte einfach in die Geschäftsordnung seiner Organisation schreiben, dass das Verlagswesen eine der Tätigkeitsarten ist, man gab es einfach bekannt und das war es.
Aber unter Lukaschenka wurde eine Qualifikationsprüfung eingeführt, das heißt, um diesen Eintrag in die Geschäftsordnung zu machen, musste man eine Qualifikationsprüfung bestehen. Ich habe diese Prüfung im Jahr 2000 nicht bestanden, obwohl ich bereits einen Verlag hatte. Im Vorfeld wurden die Unterlagen drei Tage lang im KGB geprüft, so stand es in den Bedingungen für die Lizenzerteilung. Die mündliche Prüfung fand dann im Büro des stellvertretenden Ministers für das Verlagswesen statt. Die Prüfungskommission bestand neben ihm aus ca. 15 Personen, die nicht unabhängig waren, sondern von ihm einberufen wurden. Wenn der KGB ein negatives Signal gab, ließ die Kommission die Person durchfallen, unabhängig davon, wie gut sie fachlich war. Da die Prüfung nicht protokolliert wurde, konnte die Entscheidung der Prüfungskommission nicht angefochten werden.
So ist die ganze Geschichte der unabhängigen Verlage in Belarus seit langem ein Überlebenskampf unter widrigsten Bedingungen.
Iryna Herasimovich: Und das ist oft ein unsichtbarer Kampf, der nach außen besonders schwer zu erklären ist.
Dmitri Strozew: Ja, nicht einmal in der heutigen Russischen Föderation, die einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, die Andersdenkende im eigenen Land bekämpft, ist die Verlagstätigkeit lizenziert. Das heißt, jede:r Unternehmer:in kann die Verlagstätigkeit in der Geschäftsordnung des Unternehmens festhalten und ein Buch setzen und drucken lassen. Also, nicht einmal die Menschen in Russland verstehen die Probleme, die wir haben, vom Westen ganz zu schweigen.
Die Probleme fangen schon bei den kleinsten Dingen an, zum Beispiel bei der ISBN-Nummer, die eigentlich nur dazu da ist, dass man das jeweilige Buch in den verschiedenen Beständen leicht finden kann. In Belarus wird die ISBN zu einem Instrument der Repression. Ein Buch ohne ISBN (und die kann man nicht bekommen, wenn man die Qualifikationsprüfung nicht bestanden hat) gilt als illegale Veröffentlichung: Sowohl der oder die Autor:in als auch der oder die Verleger:in kann verfolgt werden.
Ich habe zwanzig Jahre lang eine Art Samisdat betrieben: Bücher ohne ISBN herausgegeben und sie über Buchläden vertrieben, die den Mut hatten, solche Bücher zu nehmen und das Risiko einzugehen.
Die Verleger:innen waren in Belarus also schon sehr lange unter Druck. Wir kennen den bekannten Prozess gegen den sehr wichtigen Verlag Lohvinau. Mit kleineren Verleger:innen wurde man viel einfacher und schneller fertig.
Iryna Herasimovich: Ja, und nach 2020 wurde das flächendeckend. Auch du musstest nach den Protesten 2020 vor den Repressionen fliehen. Jetzt lebst du in Berlin und betreibst hier den Verlag hochroth Minsk, der sich der Veröffentlichung belarusischer Lyrik in vielen Sprachen widmet. Wie kam es dazu?

Bücher des Verlags hochroth Minsk.
Dmitri Strozew: Ich bin zuerst nach Russland geflohen, dann, als der Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, nach Schweden und später nach Deutschland. Und von Anfang an habe ich darüber nachgedacht, wie ich meine Tätigkeit als Verleger fortsetzen kann, zumal ich die poetischen Äußerungen 2020 als eine Art kollektiven Text empfand, der aber erst aus den sozialen Netzwerken oder den Archiven von Autor:innen geborgen werden musste.
Ein gewöhnlicher Verlag kam für mich nicht in Frage, denn ich muss mobil bleiben, wer weiß, wo ich morgen lande. Ich brauchte eine Lösung, die mit meinem Leben als Geflüchtetem und als Exilant kompatibel war.
Den hochroth-Verlag kannte ich schon, weil dort mein eigenes Buch 2020 erschienen ist. Dort werden Bücher auf Anfrage produziert, es wird keine Auflage gedruckt, die dann irgendwo gelagert werden muss. Es gibt Druckequipment, aber es ist kompakt. Da geht es von Anfang an nicht ums Geldverdienen, sondern darum, eine Begegnung zwischen Leser:innen und einem Buch zu ermöglichen, die unter anderen Bedingungen gar nicht möglich gewesen wären.
Dieses Konzept schien mir auch für meine Ideen passend, und so fragte ich die Kolleg:innen, ob ein hochroth Minsk möglich wäre, so wie es hochroths in anderen Städten gibt, nur eben in unserem Fall ohne Bezug auf das konkrete Minsk. Und es war möglich! Ich bin Teil dieses hochroth-Netzwerks geworden: Wir haben eine gemeinsame Seite, ein gemeinsames Design, gemeinsame Prinzipien, aber in jeder Stadt gibt es ein eigenständiges Verlagsprogramm. Bei hochroth Minsk sind bereits 17 Bücher erschienen.
Iryna Herasimovich: Wie wählst du die Bücher aus, die bei hochroth Minsk erscheinen sollen?

Bücher des Verlags hochroth Minsk.
Dmitri Strozew: Es ist eine Kombination aus Erfahrung und Intuition. Es ist eine Bewegung, die nicht linear ist. Es gibt wahrscheinlich niemanden, der in der heutigen Situation über den Dingen steht und das ganze Feld überblickt, die ganze Vielfalt der Nuancen, der Charaktere wahrnehmen kann. Der Weg zu jedem Buch beginnt an einem anderen Punkt.
Manche Autor:innen kannte ich, andere lerne ich erst jetzt kennen. Ich sehe das Zuhören und Recherchieren als Teil meiner Arbeit. Ich versuche festzuhalten, was mir wichtig erscheint. Zum Beispiel waren für mich die Frauenstimmen aus der Revolution 2020 wichtig, so sind die Bände von Hanna Seviarynec, Sabina Brilo oder Nasta Kudassava erschienen. Aber ich versuche auch, auf die Gegenwart zu reagieren, zum Beispiel mit Büchern über ukrainische Erfahrungen, wie die Übersetzungen von Serhij Zhadan oder die Gedichte des belarusischen Autors Siarhei Prylucki, der in der Ukraine lebt.
Iryna Herasimovich: Was sofort auffällt, ist die sprachliche Vielfalt der Erscheinungen. Noch in Minsk hast du mit deinem Almanach Minsker Schule das Konzept der positiven Mehrsprachigkeit in Belarus verwirklicht. Jetzt machst du weiter.
Dmitri Strozew: Die belarusische Realität ist mehrsprachig, ob man will oder nicht. Es ist ein Grenzraum. Dies zu ignorieren, hieße, die Augen vor der Realität zu verschließen. Dabei geht es nicht nur um die parallele Koexistenz verschiedener Sprachen, sondern auch um ihre vielfältigen Verflechtungen und um viele Nuancen. Oft wechseln die Autor:innen selbst von Sprache zu Sprache. Sabina Brilo gilt als russischsprachige Autorin, hat aber auch Texte auf Belarusisch, weil sie eben auf Belarusisch zu ihr gekommen sind. Kasia Ioffe lebt in Polen, sie schreibt in drei Sprachen, Belarusisch, Polnisch und Russisch, hat aber auch jüdische Wurzeln, so dass wir bei ihr immer wieder auf Bilder stoßen, die aus der jiddischsprachigen Kultur kommen. Der jiddisch-belarusische Band von Felix Batoryn thematisiert die Zweisprachigkeit schon im Titel Zwei Sprachen, eine Seele.
Iryna Herasimovich: In der Realität existiert die sprachliche Vielfalt in Belarus nicht so selbstverständlich, wie in deinem Verlag.
Dmitri Strozew: Leider. Die belarusische Sprache steht heute unter massivem Druck. Die Vernichtung des Belarusischen erinnert mich an die Vernichtung des Jiddischen in der Sowjetunion. Anfang der 1920er Jahre war Jiddisch eine der offiziellen Sprachen in Belarus. Und 1940 wurde diese Sprache in Belarus per Dekret verboten, eine Sprache, die von Hunderttausenden von Menschen gesprochen wurde. Am Beispiel des Jiddischen kann man sehen, was eine imperiale Macht einer kleinen Sprache antun kann.
Ähnliches erleben wir jetzt mit dem Belarusischen in Belarus. Die russischen Propagandist:innen und die russische Macht sprechen nicht nur der ukrainischen Kultur und Sprache die Existenz ab, dasselbe gilt auch für Belarus. Für Putin ist es wichtig, diesen Raum als russischsprachig zu markieren. Das ist nur ein weiterer Zug in derselben vielschichtigen Komposition des Kremls. Gleichzeitig gab und gibt es in Belarus schon immer russischsprachige Autor:innen, ich selbst gehöre zu ihnen, die sich keinesfalls als der russischen Welt zugehörig empfinden.
Iryna Herasimovich: Angesichts dieser Spannungen kommt dem hochroth Verlag eine ganz wichtige politische Bedeutung zu. Ich wünsche dir, dem Verlag und uns Leser:innen noch viele spannende Entdeckungen!
*
Dmitri Strozew
BELARUSSISCHE MEDITATION
geduld
die zeit arbeitet für uns
der vereinte rhythmus des landes
einatmen ausatmen
einatmen ausatmen
mit dem drachen darf man nicht
in der sprache der gewalt sprechen
in seiner sprache
nur der psychiater
nicht töten
nur ein langes leben
auf der farm
auf der schweinefarm
wo sich das ungeheuer
zuhause fühlt
mit den menschen sprechen
mit den beamten
mit den militärs
mit den ärzten
mit den menschen
miteinander sprechen
eine gemeinsame sprache finden
eine neue
mit vertrauen und hoffnung
mit liebe
aus voller brust atmen
aus einer brust
das ganze land
einatmen ausatmen
einatmen
ausatmen
die zeit arbeitet für uns
geduld
05.06.2020
Aus dem Russischen von Andreas Weihe
БЕЛОРУССКАЯ МЕДИТАЦИЯ
терпение
время работает на нас
единый ритм страны
вдох
выдох
вдох выдох
с драконом говорить нельзя
на языке насилия
на его языке
только психиатр
не убивать
только долгая жизнь
на ферме
на свиноферме
где цмок у себя
как дома
говорить с людьми
с чиновниками
с военными
с врачами
с людьми
говорить между собой
искать общий язык
новый
с доверием и надеждой
с любовью
дышать полной грудью
одной грудью
всей страной
вдох выдох
вдох
выдох
время работает на нас
терпение
05.06.2020
„Dieser Vater wird den Befehl erteilen, auf Menschen zu schießen,
Ich würde ihm sagen — vor meinem Schmerz habe ich keine Angst —
Denk nicht an mich, schieß. Aber denke an Kolja …“
Brief an einen Diktator von Hanna Sieviaryniec. Sehr gern würde ich eine deutsche Übersetzung dieses Gedichtes lesen.