Im Sommer vor genau vier Jahren schuf gerade Poesie in Belarus eine gemeinsame Sprache für die Protestierenden. Einzelne Gedichte verbreiteten sich rasant und konnten Erlebnisse, Eindrücke, Stimmungen, Erwartungen und Überlegungen für alle zugänglich machen. Iryna Herasimovich im Gespräch mit dem Lyriker und Verleger Dmitri Strozew über die Rolle der Lyrik während der Revolution und im Exil.

  • Dmitri Strozew

    Dmitri Strozew ist ein belarussischer Dichter. Er schreibt auf Russisch. Strozew ist Autor von 18 Gedichtbänden und Herausgeber der Lyrikreihe „Minsker Schule“. 2023 gründete er den Exilverlag hochroth Minsk. Letzte Auszeichungen (Auswahl): „Freedom of Speech Award“ des Norwegischen Schriftstellerverbandes (2020), Preis der Václav– Havel–Bibliothek „Disturbing the Peace Award to a Courageous Writer at Risk“ (2021), „Tucholsky Award“ des PEN Schweden (2021), Ales-Adamowitsch-Preis des PEN Belarus (2021). Seine Gedichte wurden in viele Sprachen übersetzt.
  • Iryna Herasimovich

    Iryna Herasimovich ist Literaturübersetzerin zahlreicher deutschsprachiger Autor:innen ins Belarusische. Sie arbeitet auch als Dramaturgin und Kuratorin im Bereich bildende Kunst und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seit 2021 ist sie Doktorandin am Slavischen Seminar der Uni Zürich.

Iryna Hera­si­mo­vich: Dmitri, du befasst dich mit der Poesie nicht nur als Dichter, sondern auch als Heraus­geber und Verleger. Was würdest du an dieser Gattung beson­ders hervorheben?

Dmitri Strozew: Auch wenn die Poesie immer wieder als vom Aussterben bedroht bezeichnet wird, hat sie sich seit Jahr­tau­senden in allen Kulturen ihre beson­dere Nische bewahrt. Mit ihren heute oft als über­flüssig empfun­denen Mitteln (Reim, Asso­nanz, Wieder­ho­lung etc.) besitzt die Poesie die Fähig­keit zur Selbst­er­hal­tung. Poeti­sche Texte entstanden vor der Schrift, man kann sie sich leicht merken: Wenn man ein Element vergisst, hilft der Text selbst, sich daran zu erinnern.

Diese Texte zirku­lieren in der jewei­ligen Kultur und akku­mu­lieren in sich wich­tige Bedeu­tungen und Bilder der Gesell­schaft. Heute könnte man sagen, dass dieses Genre über­flüssig geworden ist, schließ­lich gibt es Kino und so weiter, aber ange­sichts der kata­stro­phalen Ereig­nisse, wie wir sie in Belarus 2020 erlebt haben, bestä­tigt die Poesie ihre Aktualität.

Iryna Hera­si­mo­vich: In der Revo­lu­tion wurde also erneut die Fähig­keit der Poesie gefragt, die für die Gesell­schaft rele­vanten Bilder und Bedeu­tungen in sich aufzu­nehmen? Und das, was in der Gegen­wart geschieht, in einer elas­ti­schen, gesät­tigten Sprache fest­zu­halten? 

Dmitri Strozew: Genau, Poesie kann eine schnelle, aber verdich­tete, reife Reak­tion auf Ereig­nisse sein, das ist keine flüch­tige jour­na­lis­ti­sche Aussage. Jour­na­lis­ti­sche Texte haben natür­lich auch viele Möglich­keiten, aber sie sind anders.

Die Aussage eines Dich­ters zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie von einem ganz persön­li­chen Stand­punkt aus formu­liert wird, nicht etwa im Auftrag einer Redak­tion. Ein Dichter ist in seinen Aussagen an keine Verpflich­tungen gebunden, dabei spricht er gleich­zeitig als Indi­vi­duum und als Vertreter einer Gemeinschaft.

Iryna Hera­si­mo­vich: Kann man also von einer beson­deren Stel­lung der Poesie in der gegen­wär­tigen bela­ru­si­schen Lite­ra­tur­land­schaft sprechen?

Dmitri Strozew: Auf jeden Fall! Die Posi­tion der Poesie wird para­do­xer­weise noch dadurch gestärkt, dass es in Belarus massive Publi­ka­ti­ons­pro­bleme gibt, alle unab­hän­gigen Verlage sind zwangs­li­qui­diert worden. Wer einen Roman veröf­fent­li­chen will, stößt auf große Schwie­rig­keiten. Und Lyrik ist eine eher kurze, prägnante Botschaft, die sehr schnell geteilt werden kann, zum Beispiel in sozialen Netz­werken. Ein Gedicht hat also einen kürzeren Weg zu den Leser:innen, ohne an Inhalt und Komple­xität zu verlieren. Das haben wir in den ersten Protest­tagen nach den gefälschten Wahlen genutzt, als die bela­ru­si­sche Staats­macht das Internet blockierte und uns in eine Infor­ma­ti­ons­falle trieb. Wenn wir für kurze Zeit durch­bra­chen, konnten wir die Situa­tion nicht detail­liert beschreiben, wir konnten nur Zwischen­rufe, bröckelnde Mittei­lungen teilen.

Die Knapp­heit und Verdich­tung der Poesie waren damals sehr gefragt. Und wir Dichter:innen haben viel in den sozialen Netz­werken veröf­fent­licht. Aus der unmit­tel­baren Erfah­rung geschrieben, sagten diese Texte viel über den Kontext, über unseren Zustand aus. Diese Aussagen waren einer­seits Refe­renz­flä­chen für die Menschen in Belarus, auf die sie ihre Erleb­nisse, Eindrücke, Stim­mungen, Erwar­tungen und Über­le­gungen beziehen konnten, ande­rer­seits haben sie die hoch­kom­plexe Situa­tion auch für Außen­ste­hende erschlossen: Die poeti­schen Texte waren augen­blick­liche Montagen, die einen weiten Blick mit einer sehr persön­li­chen Offen­ba­rung verbanden – ich glaube, diese Arbeit konnte von keinem anderen Genre so schnell geleistet werden.

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Iryna Hera­si­mo­vich: Das heißt, dass gerade eine poeti­sche Äuße­rung in der Lage war, viel­fäl­tige Zugänge zu dieser herme­ti­schen Situa­tion zu schaffen, und zwar auf verschie­denen Ebenen: der poli­ti­schen, der kultu­rellen, der zwischen­mensch­li­chen. Die Poesie schuf auch Über­gänge zwischen Menschen und Kontexten und zerstörte so die Absicht der Macht, die Situa­tion geschlossen zu halten.

Dmitri Strozew: Genau! Wir wurden einge­schlossen, versie­gelt, und drinnen konnten sie mit uns machen, was sie wollten, und wir hatten keine Zeit, ein Video zu machen oder einen Bericht zu schreiben. All das kam erst mit Verzö­ge­rung. Aber die Ereig­nisse waren sehr schnell, und ein poeti­scher Text war ebenso schnell in der Lage, einen Reso­nanz­raum zu schaffen, in dem sich mensch­liche Erfah­rungen berühren konnten.

Iryna Hera­si­mo­vich: Diese Fähig­keit der Poesie, schnell Reso­nanz­räume und Bezugs­flä­chen zu schaffen, eine verdich­tete und viel­schich­tige Aussage in die Welt zu setzen, scheint mir auch in anderen Phasen der bela­ru­si­schen Kultur­ge­schichte rele­vant zu sein, die mit politisch-sozialen Umbruch­phasen verbunden sind. Der Aufschwung am Anfang des 20. Jahr­hun­derts oder die dissi­den­ti­schen Kreise im sowje­ti­schen Belarus, die natio­nale Bewe­gung der späten Sowjet­union oder die expe­ri­men­telle Bum-Bam-Lit-Bewegung der 1990-2000er Jahre – überall haben wir es mit einer beson­deren Präsenz der Dichter:innen zu tun.

Dmitri Strozew: Die Dich­tung, auch in Verbin­dung mit anderen Künsten, kann die Sprache einer Gemein­schaft heraus­bilden. Die Sprache einer Gemein­schaft ist so beschaffen, dass sie auf bestimmten Zeichen, Symbolen, Bildern, Begriffen beruht.

Am Anfang der Proteste gab es diese gemein­same Sprache nicht. Erin­nerst du dich an den großen Tag, den 16. August 2020, als Hundert­tau­sende in Minsk zur Stele strömten? Da gab es noch keine Verstän­di­gung darüber, was unsere gemein­samen Symbole sind, auf welche Bilder wir uns stützen. Man konnte beide Fahnen sehen, die heutige Protest­flagge, die weiß-rot-weiße, aber auch die Staats­flagge, die erst später vom Regime voll­ständig verein­nahmt wurde. Die gemein­same Sprache, das gemein­same System von Symbolen und Bildern entstand vor unseren Augen. Im Hier und Jetzt entstand das symbo­li­sche Funda­ment der Gemein­schaft. Wenn ein poeti­scher Text einen Reso­nanz­raum schuf, wurde er sofort als etwas Gemein­sames akzep­tiert, so wie die Fahne, das Wappen. Was aber von der Gemein­schaft als Gemein­sames akzep­tiert wird, war keines­wegs von Anfang an klar. Welche Into­na­tion, welche Wort­wahl zum Gemein­samen wird, war völlig offen. Dieser Prozess begann schon vor den Wahlen. Erin­nerst du dich an das Gedicht von Hanna Sevi­a­rynec, in dem sie sich als Lehrerin an Lukaschenka als Vater seines halb­wüch­sigen Sohnes Kolja wendet und sagt, er solle vor allem daran denken, was er seinem Sohn antue.

Dieser Vater wird den Befehl erteilen, auf Menschen zu schießen,
Ich würde ihm sagen — vor meinem Schmerz habe ich keine Angst —
Denk nicht an mich, schieß. Aber denke an Kolja …

Dieses Gedicht ist ein Beispiel für eine solche Into­na­tion, die von der Gemein­schaft geteilt wird. Die Gemein­schaft entsteht aber erst in dem Moment, in dem sie sich für bestimmte Symbole, Bilder und Into­na­tionen entscheidet.

Davor, in einer solchen revo­lu­tio­nären Situa­tion, gehen die Menschen einzeln, ohne eine gemein­same Sprache, durch ein chao­ti­sches und wider­sprüch­li­ches Geschehen, wie es Maja­kovskij ausge­drückt hat: … die zungen­lose Straße krampft sich zusammen – sie hat nichts, womit sie reden und schreien könnte …

Und die Dich­tung hat eben diese Eigen­schaft, zur Entste­hung einer gemein­samen Sprache beizutragen.

Und da gibt es schon manchmal die Versu­chung, die Gedanken der Menschen zu beein­flussen, durch die Poesie bestimmte Bedeu­tungen zu lenken, also Propa­ganda zu betreiben, aber mit dieser Versu­chung hat jede Kunst zu kämpfen. Ein Dichter muss schon Diszi­plin besitzen, ein gewisses kultu­relles Niveau, um nicht abzusinken.

Iryna Hera­si­mo­vich: Ich denke, das wird einfach keine gute Poesie sein. Wenn man das Bedürfnis nach einer authen­ti­schen poeti­schen Aussage hat, wird man propa­gan­dis­ti­sche Texte ablehnen, weil sie nicht die Mehr­deu­tig­keit und Viel­schich­tig­keit aufweisen, die der Poesie und der guten Lite­ratur im Allge­meinen eigen sind. Das hoffe ich jedenfalls.

Druck­per­for­mance am 10.01.2024 in MiCT Berlin, Foto: Anatolij Kurlenin

Dmitri Strozew: Ich werde oft gefragt, ob meine revo­lu­tio­nären, flam­menden Texte von 2020 ihre Aktua­lität verloren haben, ob sie in einer ganz bestimmten Situa­tion entstanden sind und viel­leicht sterben, wenn sich die Situa­tion ändert. Aber das würde eher mit einer jour­na­lis­ti­schen Repor­tage passieren: Der Kontext hat sich geän­dert, und es wird schwierig, sie zu lesen, außer für Fach­leute, die sich für eine bestimmte Epoche inter­es­sieren. Aber ein Gedicht bleibt ein leben­diges kultu­relles Phänomen. Ich lese meine Gedichte von damals noch heute vor verschie­denen Zuhörer:innen in vielen Ländern, manchmal auch vor Menschen, die nichts von den Ereig­nissen in Belarus wissen, und ich sehe, dass diese Texte auch dort ihre Wirkung entfalten.

Iryna Hera­si­mo­vich: Könn­test du bitte noch ein paar Namen von Dichter:innen nennen, deren Texte solche Reso­nanz­räume in der Revo­lu­tion bildeten, so dass sie zu Bestand­teilen der Gemein­schafts­sprache wurden?

Dmitri Strozew: Es sind sehr viele. Ich werde nur einige exem­pla­risch erwähnen, um die Aufmerk­sam­keit auf dieses bedeu­tende kultu­relle Phänomen zu lenken, das die bela­ru­si­schen Dichter:innen 2020 geschaffen haben und das noch völlig uner­forscht ist: die Entste­hung eines viel­stim­migen und doch einheit­li­chen Textes. Hanna Sevi­a­rynec habe ich bereits erwähnt. Nasta Kudas­sava – wenn ich ihre Texte damals auf Face­book sah, öffneten sie immer etwas in mir. Oder Uladz Lian­ke­vich – er hat eine ganz neue Sprache für die trau­ma­ti­schen Erfah­rungen im Gefängnis gefunden. Mich, der ich diese Erfah­rungen auch gemacht habe, hat seine Ausdrucks­weise tief beein­druckt. Oder ein anderes Beispiel aus den ersten Protest­tagen: Es wurde eine Aktion der Philharmonie-Künstler:innen ange­kün­digt, viele Sänger:innen kamen und stellten sich auf die Treppe vor dem Gebäude und sangen plötz­lich ein Gedicht von Andrei Khad­a­no­vich Am Ufer der Frei­heit, das in der Nacht zuvor geschrieben worden war: Sie schafften es sehr schnell, das Gedicht zu vertonen und zu proben. Das war ein ganz erstaun­li­ches krea­tives Magma.

Iryna Hera­si­mo­vich: Und dieses krea­tive Magma wird konse­quent unter­drückt. Übri­gens nicht erst seit 2020…

Dmitri Strozew: Als Lukaschenka an die Macht kam, herrschte in Belarus volle Meinungs­frei­heit. Nach dem Zerfall der Sowjet­union entstanden im unab­hän­gigen Belarus eine ganze Reihe von unab­hän­gigen Zeit­schriften und Zeitungen, verschie­dene Verlage wurden gegründet, deren Veröf­fent­li­chungs­po­litik von niemandem kontrol­liert oder zensiert wurde. Dasselbe gilt für Radio- und Fern­seh­sender: Unab­hän­gige Leute, Unter­nehmer, rich­teten ihre eigenen Studios ein und gestal­teten ihr eigenes Informationsprogramm.

Als Lukaschenka an die Macht kam, war eine seiner ersten Maßnahmen die Einfüh­rung der Zensur. Deshalb wurden solche Formen geschaffen, wie zum Beispiel die Lizen­zie­rung bestimmter Akti­vi­täten, das heißt, um im Fern­sehen, im Radio oder im Verlags­wesen tätig zu sein, mussten die Unter­nehmer oder jede Firma eine Lizenz vom Staat bekommen.

Diese Lizenz sollte angeb­lich die Qualität des Rund­funks und der Print­me­dien verbes­sern, aber das Ergebnis war, dass alle Sender, Zeitungen und Zeit­schriften, die nicht unter der Kontrolle der Behörden standen, geschlossen wurden. Unter Druck gerieten auch Verlage, auch wenn das zuerst nicht so auffällig war.

Iryna Hera­si­mo­vich: Was hast du als Verleger erlebt? Du warst ja seit Anfang der 1990er Jahre in diesem Bereich tätig.

Dmitri Strozew: Eine Verlags­li­zenz gab es von Anfang an, aber man musste sie sich nicht verdienen. Man konnte einfach in die Geschäfts­ord­nung seiner Orga­ni­sa­tion schreiben, dass das Verlags­wesen eine der Tätig­keits­arten ist, man gab es einfach bekannt und das war es.

Aber unter Lukaschenka wurde eine Quali­fi­ka­ti­ons­prü­fung einge­führt, das heißt, um diesen Eintrag in die Geschäfts­ord­nung zu machen, musste man eine Quali­fi­ka­ti­ons­prü­fung bestehen. Ich habe diese Prüfung im Jahr 2000 nicht bestanden, obwohl ich bereits einen Verlag hatte. Im Vorfeld wurden die Unter­lagen drei Tage lang im KGB geprüft, so stand es in den Bedin­gungen für die Lizenz­er­tei­lung. Die münd­liche Prüfung fand dann im Büro des stell­ver­tre­tenden Minis­ters für das Verlags­wesen statt. Die Prüfungs­kom­mis­sion bestand neben ihm aus ca. 15 Personen, die nicht unab­hängig waren, sondern von ihm einbe­rufen wurden. Wenn der KGB ein nega­tives Signal gab, ließ die Kommis­sion die Person durch­fallen, unab­hängig davon, wie gut sie fach­lich war. Da die Prüfung nicht proto­kol­liert wurde, konnte die Entschei­dung der Prüfungs­kom­mis­sion nicht ange­fochten werden.

So ist die ganze Geschichte der unab­hän­gigen Verlage in Belarus seit langem ein Über­le­bens­kampf unter widrigsten Bedingungen.

Iryna Hera­si­mo­vich: Und das ist oft ein unsicht­barer Kampf, der nach außen beson­ders schwer zu erklären ist.

Dmitri Strozew: Ja, nicht einmal in der heutigen Russi­schen Föde­ra­tion, die einen Angriffs­krieg gegen die Ukraine führt, die Anders­den­kende im eigenen Land bekämpft, ist die Verlags­tä­tig­keit lizen­ziert. Das heißt, jede:r Unternehmer:in kann die Verlags­tä­tig­keit in der Geschäfts­ord­nung des Unter­neh­mens fest­halten und ein Buch setzen und drucken lassen. Also, nicht einmal die Menschen in Russ­land verstehen die Probleme, die wir haben, vom Westen ganz zu schweigen.

Die Probleme fangen schon bei den kleinsten Dingen an, zum Beispiel bei der ISBN-Nummer, die eigent­lich nur dazu da ist, dass man das jewei­lige Buch in den verschie­denen Beständen leicht finden kann. In Belarus wird die ISBN zu einem Instru­ment der Repres­sion. Ein Buch ohne ISBN (und die kann man nicht bekommen, wenn man die Quali­fi­ka­ti­ons­prü­fung nicht bestanden hat) gilt als ille­gale Veröf­fent­li­chung: Sowohl der oder die Autor:in als auch der oder die Verleger:in kann verfolgt werden.

Ich habe zwanzig Jahre lang eine Art Sami­sdat betrieben: Bücher ohne ISBN heraus­ge­geben und sie über Buch­läden vertrieben, die den Mut hatten, solche Bücher zu nehmen und das Risiko einzugehen.

Die Verleger:innen waren in Belarus also schon sehr lange unter Druck. Wir kennen den bekannten Prozess gegen den sehr wich­tigen Verlag Lohvinau. Mit klei­neren Verleger:innen wurde man viel einfa­cher und schneller fertig.

Iryna Hera­si­mo­vich: Ja, und nach 2020 wurde das flächen­de­ckend. Auch du muss­test nach den Protesten 2020 vor den Repres­sionen fliehen. Jetzt lebst du in Berlin und betreibst hier den Verlag hoch­roth Minsk, der sich der Veröf­fent­li­chung bela­ru­si­scher Lyrik in vielen Spra­chen widmet. Wie kam es dazu?

Bücher des Verlags hoch­roth Minsk.

Dmitri Strozew: Ich bin zuerst nach Russ­land geflohen, dann, als der Angriffs­krieg gegen die Ukraine begann, nach Schweden und später nach Deutsch­land. Und von Anfang an habe ich darüber nach­ge­dacht, wie ich meine Tätig­keit als Verleger fort­setzen kann, zumal ich die poeti­schen Äuße­rungen 2020 als eine Art kollek­tiven Text empfand, der aber erst aus den sozialen Netz­werken oder den Archiven von Autor:innen geborgen werden musste.

Ein gewöhn­li­cher Verlag kam für mich nicht in Frage, denn ich muss mobil bleiben, wer weiß, wo ich morgen lande. Ich brauchte eine Lösung, die mit meinem Leben als Geflüch­tetem und als Exilant kompa­tibel war.

Den hochroth-Verlag kannte ich schon, weil dort mein eigenes Buch 2020 erschienen ist. Dort werden Bücher auf Anfrage produ­ziert, es wird keine Auflage gedruckt, die dann irgendwo gela­gert werden muss. Es gibt Druck­e­quip­ment, aber es ist kompakt. Da geht es von Anfang an nicht ums Geld­ver­dienen, sondern darum, eine Begeg­nung zwischen Leser:innen und einem Buch zu ermög­li­chen, die unter anderen Bedin­gungen gar nicht möglich gewesen wären.

Dieses Konzept schien mir auch für meine Ideen passend, und so fragte ich die Kolleg:innen, ob ein hoch­roth Minsk möglich wäre, so wie es hoch­roths in anderen Städten gibt, nur eben in unserem Fall ohne Bezug auf das konkrete Minsk. Und es war möglich! Ich bin Teil dieses hochroth-Netzwerks geworden: Wir haben eine gemein­same Seite, ein gemein­sames Design, gemein­same Prin­zi­pien, aber in jeder Stadt gibt es ein eigen­stän­diges Verlags­pro­gramm. Bei hoch­roth Minsk sind bereits 17 Bücher erschienen.

Iryna Hera­si­mo­vich: Wie wählst du die Bücher aus, die bei hoch­roth Minsk erscheinen sollen?

Bücher des Verlags hoch­roth Minsk.

Dmitri Strozew: Es ist eine Kombi­na­tion aus Erfah­rung und Intui­tion. Es ist eine Bewe­gung, die nicht linear ist. Es gibt wahr­schein­lich niemanden, der in der heutigen Situa­tion über den Dingen steht und das ganze Feld über­blickt, die ganze Viel­falt der Nuancen, der Charak­tere wahr­nehmen kann. Der Weg zu jedem Buch beginnt an einem anderen Punkt.

Manche Autor:innen kannte ich, andere lerne ich erst jetzt kennen. Ich sehe das Zuhören und Recher­chieren als Teil meiner Arbeit. Ich versuche fest­zu­halten, was mir wichtig erscheint. Zum Beispiel waren für mich die Frau­en­stimmen aus der Revo­lu­tion 2020 wichtig, so sind die Bände von Hanna Sevi­a­rynec, Sabina Brilo oder Nasta Kudas­sava erschienen. Aber ich versuche auch, auf die Gegen­wart zu reagieren, zum Beispiel mit Büchern über ukrai­ni­sche Erfah­rungen, wie die Über­set­zungen von Serhij Zhadan oder die Gedichte des bela­ru­si­schen Autors Siarhei Prylucki, der in der Ukraine lebt.

Iryna Hera­si­mo­vich: Was sofort auffällt, ist die sprach­liche Viel­falt der Erschei­nungen. Noch in Minsk hast du mit deinem Alma­nach Minsker Schule das Konzept der posi­tiven Mehr­spra­chig­keit in Belarus verwirk­licht. Jetzt machst du weiter.

Dmitri Strozew: Die bela­ru­si­sche Realität ist mehr­spra­chig, ob man will oder nicht. Es ist ein Grenz­raum. Dies zu igno­rieren, hieße, die Augen vor der Realität zu verschließen. Dabei geht es nicht nur um die paral­lele Koexis­tenz verschie­dener Spra­chen, sondern auch um ihre viel­fäl­tigen Verflech­tungen und um viele Nuancen. Oft wech­seln die Autor:innen selbst von Sprache zu Sprache. Sabina Brilo gilt als russisch­spra­chige Autorin, hat aber auch Texte auf Bela­ru­sisch, weil sie eben auf Bela­ru­sisch zu ihr gekommen sind. Kasia Ioffe lebt in Polen, sie schreibt in drei Spra­chen, Bela­ru­sisch, Polnisch und Russisch, hat aber auch jüdi­sche Wurzeln, so dass wir bei ihr immer wieder auf Bilder stoßen, die aus der jiddisch­spra­chigen Kultur kommen. Der jiddisch-belarusische Band von Felix Batoryn thema­ti­siert die Zwei­spra­chig­keit schon im Titel Zwei Spra­chen, eine Seele.

Iryna Hera­si­mo­vich: In der Realität exis­tiert die sprach­liche Viel­falt in Belarus nicht so selbst­ver­ständ­lich, wie in deinem Verlag.

Dmitri Strozew: Leider. Die bela­ru­si­sche Sprache steht heute unter massivem Druck. Die Vernich­tung des Bela­ru­si­schen erin­nert mich an die Vernich­tung des Jiddi­schen in der Sowjet­union. Anfang der 1920er Jahre war Jiddisch eine der offi­zi­ellen Spra­chen in Belarus. Und 1940 wurde diese Sprache in Belarus per Dekret verboten, eine Sprache, die von Hundert­tau­senden von Menschen gespro­chen wurde. Am Beispiel des Jiddi­schen kann man sehen, was eine impe­riale Macht einer kleinen Sprache antun kann.

Ähnli­ches erleben wir jetzt mit dem Bela­ru­si­schen in Belarus. Die russi­schen Propagandist:innen und die russi­sche Macht spre­chen nicht nur der ukrai­ni­schen Kultur und Sprache die Exis­tenz ab, dasselbe gilt auch für Belarus. Für Putin ist es wichtig, diesen Raum als russisch­spra­chig zu markieren. Das ist nur ein weiterer Zug in derselben viel­schich­tigen Kompo­si­tion des Kremls. Gleich­zeitig gab und gibt es in Belarus schon immer russisch­spra­chige Autor:innen, ich selbst gehöre zu ihnen, die sich keines­falls als der russi­schen Welt zuge­hörig empfinden.

Iryna Hera­si­mo­vich: Ange­sichts dieser Span­nungen kommt dem hoch­roth Verlag eine ganz wich­tige poli­ti­sche Bedeu­tung zu. Ich wünsche dir, dem Verlag und uns Leser:innen noch viele span­nende Entdeckungen!

*

Dmitri Strozew

BELARUSSISCHE MEDITATION

geduld

die zeit arbeitet für uns 

der vereinte rhythmus des landes 

einatmen ausatmen
einatmen ausatmen

mit dem drachen darf man nicht
in der sprache der gewalt sprechen 

in seiner sprache 

nur der psychiater 

nicht töten

nur ein langes leben 

auf der farm
auf der schweinefarm 

wo sich das ungeheuer
zuhause fühlt 

mit den menschen sprechen 

mit den beamten
mit den militärs
mit den ärzten 

mit den menschen 

mitein­ander sprechen
eine gemein­same sprache finden 

eine neue

mit vertrauen und hoffnung
mit liebe 

aus voller brust atmen
aus einer brust 

das ganze land 

einatmen ausatmen

einatmen
ausatmen 

die zeit arbeitet für uns 
geduld

05.06.2020

Aus dem Russi­schen von Andreas Weihe

 

БЕЛОРУССКАЯ МЕДИТАЦИЯ

терпение

время работает на нас

единый ритм страны

вдох
выдох 

вдох выдох

с драконом говорить нельзя
на языке насилия

на его языке

только психиатр

не убивать

только долгая жизнь

на ферме
на свиноферме

где цмок у себя
как дома

говорить с людьми

с чиновниками
с военными
с врачами

с людьми 

говорить между собой
искать общий язык

новый

с доверием и надеждой
с любовью

дышать полной грудью
одной грудью

всей страной

вдох выдох

вдох
выдох

время работает на нас

терпение

05.06.2020