- Geschichte der Gegenwart - https://geschichtedergegenwart.ch -

#Dich­testress – Zur poli­ti­schen Geschichte eines gegen­wär­tigen Gefühls

Unser Verhältnis zu Nähe und Distanz hat sich seit Beginn der COVID-19-Pandemie grund­le­gend verän­dert. Körper­liche Nähe ist epide­mio­lo­gisch gefähr­lich geworden, Social Distancing hat unseren Umgang mit Freund:innen und Bekannten auf den Kopf gestellt. Als Folge des pande­mie­be­dingten Rück­zugs ins Private sind viele mit einem neuen Gefühl der Enge konfron­tiert. Home­of­fice und Home­schoo­ling haben zu Problemen geführt, die während der Zeit des Lock­downs beson­ders Fami­lien mit Kindern zu spüren bekommen haben. Psycholog:innen warnen daher seit der Verschär­fung der pande­mi­schen Lage im letzten Jahr vor den psycho­so­zialen Belas­tungen, die sich aus dem Fehlen von Rück­zugs­räumen für den Zusam­men­halt in Familie und Part­ner­schaft ergeben.

Um dieser neuen Situa­tion der Enge sprach­li­chen Ausdruck zu verleihen, kursiert vor allem in der psycho­lo­gi­schen Ratge­ber­li­te­ratur und in Teilen der medialen Bericht­erstat­tung ein Begriff, der in poin­tierter Weise psychi­sches Unwohl­sein an die räum­liche Umwelt bindet: Die Rede ist vom „Dich­testress“, der uns immer dann befalle, wenn wir keine Rück­zugs­räume mehr finden. So warnt beispiels­weise ein Leit­faden der Deut­schen Gesell­schaft für Psycho­logie, der auch von verschie­denen staat­li­chen Insti­tu­tionen zitiert wird, vor den Gefahren, die vom „Dich­testress“ ausgehen:

Wenn Menschen in engen räum­li­chen Verhält­nissen zusammen sind, entsteht oft soge­nannter ‚Dich­testress‘ – man spricht auch von einem ‚Lager­koller‘. Durch die unge­wohnt viele gemein­same Zeit können Konflikte in der Part­ner­schaft oder im Fami­li­en­leben entstehen. Es kann zu Streit und im schlimmsten Fall zu Gewalt­hand­lungen kommen.

Auch Therapeut:innen und Psychiater:innen von der Univer­sität Gießen führen in einem State­ment ein ganzes Bündel unter­schied­li­cher Emotionen und Verhal­tens­weisen während des Lock­downs auf „Dich­testress“ zurück: Er verur­sache „Wut, Ärger, Verzweif­lung und Über­ak­ti­vität“ und könne zu „fami­liären Konflikten“ führen. Und die Ärztin und Sexu­althe­ra­peutin Melanie Büttner thema­ti­sierte im ZEIT Online-Podcast „Ist das normal?“ die nega­tiven Auswir­kungen, die „Dich­testress“ auf das Sexu­al­leben in Bezie­hungen haben könne. Um die Gefahren des „Dich­testress“ zu mildern, raten Experten zu indi­vi­du­ellen Verhal­tens­an­pas­sungen: Neben Entspannungs- und Acht­sam­keits­übungen helfe es etwa, in klar defi­nierten Zeit­fens­tern einander Rück­zugs­mög­lich­keiten zu gewähren und sich in Zeiten des Lock­downs selbst und anderen gegen­über „nach­sich­tiger als sonst“ zu zeigen.

Selbst wenn man sich in solchen Diagnosen wieder­erkennen mag, sollte man beim Spre­chen über „Dich­testress“ genauer hinsehen. Geht man früheren Verwen­dungs­weisen des Begriffs nach, zeigt sich nämlich nicht nur, wie sich im Spre­chen über „Dich­testress“ viel­fäl­tige Ängste eines biolo­gi­schen Zusam­men­hangs von Enge, Gewalt und sexu­eller „Perver­sion“ bündelten. Sichtbar wird auch, dass die Kontexte, in denen der Begriff aufge­rufen wurde, stets auch poli­ti­sche waren und heute noch sind.

Vom Ratten-Utopia zur globalen Überbevölkerung

Calhouns Expe­ri­mente mit Mäusen, aus: Death Squared: The Explo­sive Growth and Demise of a Mouse Popu­la­tion von 1973.

Die Geschichte des Begriffs „Dich­testress“ nahm ihren Anfang in der Mitte des 20. Jahr­hun­derts mit einer Reihe expe­ri­men­teller Studien zum biolo­gi­schen Phänomen der Über­fül­lung („crow­ding“), die der ameri­ka­ni­sche Verhal­tens­for­scher und Psycho­loge John B. Calhoun seit den späten 1940er Jahren durch­führte. Zunächst an der Johns-Hopkins-Universität ange­stellt, wech­selte Calhoun 1954 ans National Insti­tute of Mental Health, das dem US-amerikanischen Gesund­heits­mi­nis­te­rium unter­stellt war. Hier wurde er Teil der sich während des Kalten Kriegs inten­si­vie­renden Anstren­gungen, sozi­al­wis­sen­schaft­li­ches und psycho­lo­gi­sches Wissen für die Lösung gesell­schaft­li­cher Probleme zu mobi­li­sieren. Calhoun erforschte dazu, wie Ratten und andere Nage­tiere auf den Entzug ihrer räum­li­chen Ausbrei­tungs­mög­lich­keiten reagierten. Dafür errich­tete er in unter­schied­li­chen Versuchs­an­ord­nungen Käfig­an­lagen, in denen es den Nagern auf den ersten Blick an nichts mangelte. Die Ratten lebten im „Nager-Utopia“ („rodent utopia“), nur der verfüg­bare Platz wurde mit dem Anwachsen der Popu­la­tion zuse­hends knapp. An einem bestimmten Punkt der Verdich­tung, den Calhoun „Verhal­tens­senke“ („beha­vioral sink“) taufte, brach in den Käfigen das Chaos aus: Aggres­sives Verhalten nahm zu, die Ratten fielen über­ein­ander her, ihr Paarungs­ver­halten „perver­tierte“, die Ratten­weib­chen vernach­läs­sigten ihre Jungen. Das zuvor unge­hin­derte Wachstum der Popu­la­tion brach ein, und mit ihm die soziale Ordnung der Rattengesellschaft.

Zwar sprach Calhoun selbst noch nicht vom „Dich­testress“, seine Ratten wurden nach der Veröf­fent­li­chung der Befunde im Jahr 1962 jedoch schnell zur Ikone: Wie der Pawlow­sche Hund die klas­si­sche Kondi­tio­nie­rung versinn­bild­lichte, verdeut­lichten sie emble­ma­tisch den biolo­gi­schen Zusam­men­hang von Enge und dem, was man als Patho­lo­gien des Verhal­tens bezeich­nete. Die Möglich­keit, Calhouns Forschungs­er­geb­nisse auf das mensch­liche Zusam­men­leben zu über­tragen, lag für viele Zeitgenoss:innen auf der Hand: Enge war für sie nicht nur ein psycho­lo­gi­sches, sondern ein gesell­schaft­li­ches Problem, dem man sich in unter­schied­li­chen Kontexten stellen müsse. Calhouns Ratten bekamen ihren Auftritt in den Diskus­sionen und Kontro­versen über tieri­sche und mensch­liche Aggres­sion und Terri­to­ria­lität, die in den 1960er Jahren vor allem durch popu­läre Sach­bü­cher wie Konrad Lorenz‘ Das soge­nannte Böse (1963) und Robert Ardreys Der terri­to­riale Impe­rativ (1966) befeuert wurden. Calhouns Forschungen regten auch die popkul­tu­relle Imagi­na­tion an. Seit dem Ende der 1960er Jahre erschienen in den USA zahl­reiche Romane, Comic-Bücher und Filme, die Calhouns Verhal­tens­senke aufgriffen und die Gefahren der Über­be­völ­ke­rung dras­tisch in Szene setzten. Im popu­lären Über­be­völ­ke­rungs­dis­kurs, der sich seit den 1960er Jahren inten­si­vierte, hatten Calhouns Ratten einen festen Platz: 1968 schlug das Sach­buch Die Bevöl­ke­rungs­bombe des Stanford-Biologen Paul Ehrlich auf dem Buch­markt ein. Ehrlich verwies unter anderem auch auf Calhouns Ratten­ex­pe­ri­mente und mahnte wie viele andere Stimmen dieser Zeit poli­ti­sche Maßnahmen gegen das unkon­trol­lierte Bevöl­ke­rungs­wachstum im globalen Maßstab an.

Ameri­ka­ni­sches Comic-Heft aus dem Jahr 1970: Insect Fear. Der Unter­titel lautet Tales from the Beha­vioral Sink.

Während solche alar­mis­ti­schen Diskus­sionen vor allem in popu­lären Medien ausge­fochten wurden, forschte in den 1950er und 1960er Jahren neben John Calhoun eine ganze Reihe weiterer Wissenschaftler:innen zum Phänomen der Über­fül­lung. Calhouns Kollege John H. Chris­tian beispiels­weise griff die Arbeiten des ungarisch-kanadischen Hormon­for­schers Hans Selye auf, der gemeinhin als Vater der Stress­for­schung gilt, und unter­suchte die physio­lo­gi­schen Grund­lagen der „Verhal­tens­senke“. Durch die Arbeit zahl­rei­cher Verhaltensbiolog:innen und Psycholog:innen verbanden sich die engli­schen Begriffe „crow­ding“ und „stress“ im Lauf der 1960er und 1970er Jahre zusehends.

„Dich­testress“ im Ballungsraum

Seit den 1970er Jahren geriet „Stress“ dann in bisher unbe­kanntem Maße in den Fokus der medialen Öffent­lich­keit, und der deut­sche Begriff „Dich­testress“ erlebte eine erste Hoch­kon­junktur. Im Jahr 1976 rief Der Spiegel Stress zur neuen „Krank­heit des Jahr­hun­derts“ aus. In der mehr­sei­tigen Titel­story kam auch der deut­sche Bioky­ber­ne­tiker Frederic Vester ausführ­lich zu Wort, der im selben Jahr mit dem Sach­buch Phänomen Streß maßgeb­lich zur Popu­la­ri­sie­rung der psycho­so­zialen Stress­for­schung im deutsch­spra­chigen Raum beitrug. Verdich­tung war für Vester das elemen­tare Orga­ni­sa­ti­ons­prinzip, mit dem die Entwick­lung im Grunde aller „komplexen Systeme“ beschrieben werden könne. Dichte war dabei ein höchst ambi­va­lentes Phänomen: So sei sie einer­seits der progres­sive Motor der Evolu­ti­ons­ge­schichte, da Verdich­tung biolo­gi­sche und soziale Orga­ni­sa­ti­ons­formen höherer Ordnung hervor­bringe. Ande­rer­seits warnte Vester: „Jede Dich­te­schwelle birgt die Gefahr einer Kata­strophe in sich.“ Entweder es gelinge die Orga­ni­sa­tion auf höherer Stufe, oder der Orga­nismus zerfalle in einen früheren Dichtegrad.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Sche­ma­ti­sche Darstel­lung des „Dich­testress“ in Vesters Phänomen Streß (Über­ar­beite Ausgabe von 1978).

Vesters Ausfüh­rungen bewegten sich trotz des popu­lären Charak­ters seines Buchs auf hohem Abstrak­ti­ons­ni­veau. Die poli­ti­schen Forde­rungen, die er aus ihnen ablei­tete, waren hingegen konkret und lebensnah – und bean­spruchten unbe­dingte Dring­lich­keit. Um dem stei­genden „Dich­testress“ beizu­kommen, sah Vester vor allem im urbanen Raum poli­ti­schen Hand­lungs­be­darf. Im Maßnah­men­ka­talog, mit dem er sein Buch Phänomen Streß schloss, rief er Staat und Wirt­schaft dazu auf, das „Gedränge“ in den Städten durch „raum­ord­ne­ri­sche Maßnahmen“ zu mildern. Auch in der Studie Ballungs­raum in der Krise, die Vester als deut­schen Beitrag zum UNESCO-Programm Man and the Bios­phere im Auftrag des Bundes­in­nen­mi­nis­te­riums erstellte, verschrieb er als Rezept eine Stär­kung lokaler Klein­ein­heit. Urbane „Unter­zen­tren“ sollten flexibel und selbst­re­gu­liert auf die benach­barten Teil­sys­teme reagieren können. Vester griff dabei den zivi­li­sa­ti­ons­kri­ti­schen Ton vieler Kommentator:innen der krisen­haften 1970er Jahre auf. Die mensch­liche Umwelt müsse den neuen Dich­te­ge­ge­ben­heiten ange­passt werden, andern­falls drohe „Entar­tung“ des indi­vi­du­ellen Verhal­tens und schließ­lich der Zusam­men­bruch der mensch­li­chen Zivi­li­sa­tion. Radi­kale poli­ti­sche Maßnahmen seien notwendig, um ange­sichts der immer größeren Dichte das Über­leben der Mensch­heit zu sichern.

Die Dichte und die Fremden

Es vergingen einige Jahre, bis „Dich­testress“ von Vesters stadt­po­li­ti­schen Inter­ven­tionen in einen neuen poli­ti­schen Kontext einrückte. Seit Ende der 1980er Jahren findet sich der Begriff verein­zelt in Schweizer Publi­ka­tionen aus dem Feld der Migra­ti­ons­for­schung, in denen über die Folgen eines durch unkon­trol­lierte Zuwan­de­rung stei­genden „Dich­testresses“ für die innere Sicher­heit disku­tiert wurde. Seinen Durch­bruch in diesem Poli­tik­feld erlebte der Begriff dann aber erst während der Diskus­sionen um zwei Volks­in­itia­tiven, die im Jahr 2014 in der Schweiz zur Abstim­mung gebracht wurden.

Plakat zur Ecopop-Initiative aus dem Jahr 2014.

Die Vertreter:innen der „Massen­ein­wan­de­rungs­in­itia­tive“, die 2011 von der Schwei­ze­ri­schen Volks­partei lanciert worden war, forderten, die Einwan­de­rung in die Schweiz durch Kontin­gente zu regu­lieren, die am volks­wirt­schaft­li­chen Bedarf bemessen werden sollten. Auf ähnliche poli­ti­sche Maßnahmen zielte die Initia­tive „Stopp der Über­be­völ­ke­rung“ der Umwelt­or­ga­ni­sa­tion ECOPOP, die ökolo­gisch argu­men­tie­rend die Zuwan­de­rung „zur Siche­rung der natür­li­chen Lebens­grund­lage“ auf 0,2 % der Schweizer Bevöl­ke­rung begrenzen wollte. „Dich­testress“ sollte im Abstim­mungs­kampf die vermeint­li­chen psycho­so­zialen Folge­schäden für jeden einzelnen in der entweder „über­frem­deten“ oder „über­be­völ­kerten“ „12-Millionen-Schweiz“ auf den Begriff bringen. Von der progres­siven Ambi­va­lenz der Dichte als einem Krisen­phä­nomen, die für Vester in den 1970er Jahren zentral gewesen war, war nicht mehr viel zu spüren. Was blieb, war der „Dich­testress“ als affekt­ge­la­dener Kampf­be­griff und Droh­ku­lisse der migra­ti­ons­kri­ti­schen und rassis­ti­schen Rhetorik.

Vor dem Hinter­grund der gegen­wär­tigen Verwen­dung des Begriffs ist vor allem bemer­kens­wert, dass er im Kontext der Migra­ti­ons­de­batten 2014 harschen Wider­spruch erfahren hat. Erin­nert sei daran, dass „Dich­testress“ noch im selben Jahr zum Schweizer „Unwort des Jahres“ gewählt wurde. Mögli­cher­weise währte auch deswegen die Karriere des „Dich­testress“ als rassis­ti­scher Kampf­be­griff nur relativ kurz.

Vom Kampf­be­griff zum Impe­rativ Eigen­ver­ant­wor­tung

In den vergan­genen einein­halb Jahren hat sich der Begriff „Dich­testress“ jedoch in einem neuen Kontext einge­nistet – wobei sich aller­dings etwas verän­dert hat: War „Dich­testress“ bis vor wenigen Jahren ein Konzept, mit dem poli­ti­sche Forde­rungen unter­mauert wurden, scheint es sich seit Beginn der COVID-19-Pandemie gleichsam mit den Menschen ins Private zurück­ge­zogen zu haben. Seine poli­ti­sche Dimen­sion hat „Dich­testress“ damit keines­falls verloren, verän­dert hat sich jedoch die Art und Weise, wie mit ihm Politik betrieben wird. Statt wie Vester in den 1970er Jahre die gesell­schaft­li­chen Rahmen­be­din­gungen zum Gegen­stand poli­ti­scher Inter­ven­tion zu machen, ist zuse­hends das Indi­vi­duum in den Fokus gerückt, das sich an die neuen Gege­ben­heiten anpassen soll: Mit indi­vi­du­ellen Verhal­tens­än­de­rungen wie Acht­sam­keits­übungen und gestei­gerter Rück­sicht­nahme, so die als Ratschlag nur leid­lich kaschierte Auffor­de­rung, könne jeder selbst lernen, mit den psycho­so­zialen Zumu­tungen der Pandemie umzugehen.

Diese Verschie­bung im Spre­chen vom „Dich­testress“ ist – ob im Einzel­fall gewollt oder nicht, sei dahin­ge­stellt –, Teil einer größeren poli­ti­schen und diskur­siven Konstel­la­tion, die sich gerade während der Pandemie auch in anderen Poli­tik­fel­dern (wie beispiels­weise den Maßnahmen gegen die weitere Ausbrei­tung des Virus) beob­achten lässt: Statt gesamt­ge­sell­schaft­liche Heraus­for­de­rungen als solche anzu­nehmen, werden mit Appellen an die Eigen­ver­ant­wor­tung des Einzelnen poli­ti­sche Probleme indi­vi­dua­li­siert und soziale Verant­wor­tung priva­ti­siert. Die sozial- und wohnungs-, aber auch bildungs- und geschlech­ter­po­li­ti­schen Fragen, die die empfun­dene Enge und die gestei­gerte Anfor­de­rung an Care-Arbeit während der Pandemie im Kern berühren, geraten so aus dem Blick. Dieser diskur­siven Verschie­bung gilt es entge­gen­zu­halten. Den Begriff „Dich­testress“ mit seinem biolo­gis­ti­schen und rassis­ti­schen Erbe brau­chen wir dazu aller­dings nicht!