Der israelische Krimi-Autor Dror Mishani schildert in Fenster ohne Aussicht. Tagebuch aus Tel Aviv ein Gespräch, das er kurz nach dem 7. Oktober 2023 mit seiner Therapeutin führt: „,Kann man denn jetzt überhaupt schreiben‘, fragt R. vorsichtig, und ich sage, natürlich nicht […].“ In einem Artikel vom Februar 2024 schreibt die palästinensische Autorin Adania Shibli: „Die Wörter sind verschwunden, haben mich verlassen.“ Und die deutsche Schriftstellerin Lena Gorelik, die als Kind in den frühen 1990er Jahren als russische Jüdin nach Deutschland emigrierte, hält in ihrem Text Notizen aus Zeiten (2024) fest: „Alles ist sagbar, ich weiß nur nicht, wo die Worte sind.“
Diese Liste von Wortlosigkeiten ließe sich beliebig erweitern. Es ist selbst ein literarischer Topos, dass gegenüber Terror und politischer Gewalt die Sprache versagt, so sei „das arglose Wort“ nur schlecht informiert und „ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen“, wie es Bertolt Brecht Ende der 1930er Jahre prominent formulierte. Es ist denn auch weniger eine allgemeine Sprachskepsis als eine Skepsis gegenüber dem Erzählen, eine Krise der Fiktion, die es auch nach dem 7. Oktober und angesichts des anhaltenden russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine gibt. Denn auch die jüdischen Gemeinschaften befinden sich weltweit in einer epochalen Krise. Zum einen führt das Anwachsen des Antisemitismus zu einer existenziellen Bedrohung. Zum anderen fühlen sich viele Jüdinnen und Juden in Nordamerika und Europa aus familiären und biografischen Gründen solidarisch gegenüber Israel, was nun durch das Entsetzen über die Zerstörung Gazas und die teilweise staatlich geförderte Siedlergewalt im besetzten Westjordanland erschüttert wird (oder sich umgekehrt radikal zu einer unkritischen Gefolgschaft verhärtet). Zudem haben gerade in Deutschland viele jüdische Autor:innen enge Verbindungen zur Ukraine und sehen sich von Russlands Diktatur und dem Krieg bedroht.
Dokumentation und Zeugenschaft
Eine traditionelle Reaktionsweise auf historische Katastrophen und Massenmorde ist die Dokumentation. Das Bezeugen des Gesehenen und Erlebten stellt einen Weg dar, der Sprachlosigkeit zu entkommen, wie etwa die Erinnerungsbücher zeigen, die nach den Massakern an Jüdinnen und Juden während der Kreuzzüge im 11. und 12. Jahrhundert im Rheinland von Überlebenden angefertigt wurden, oder viel später die so genannten Yizkor-Bücher für die in der Shoah ausgelöschten jüdischen Gemeinden Osteuropas. In einer solchen Tradition der Zeugenschaft versteht sich beispielsweise das Buch 10/7. 100 Human Stories der israelisch-amerikanischen Journalistin Lee Yaron, Mitarbeiterin der Zeitung Ha’aretz, das die Ereignisse des 7. Oktober 2023 mittels Investigativjournalismus und Oral History, basierend auf hunderten von Interviews quasi protokolliert. Die Lektüre ist quälend und demonstriert, dass eine Dokumentation immer Reaktionen, Deutungen und also wieder Erzählungen provoziert. Doch welche?
Im Nachwort weist der Schriftsteller Joshua Cohen (Yarons Ehemann) darauf hin, dass man angesichts der Schilderungen monströser Gewaltorgien entweder Rache verlangen – oder die Idee vertreten könne, eine politische Lösung anzustreben, so dass solche Attacken nie wieder möglich seien. „Das ist die große Herausforderung bei der Deutung des 7. Oktober – die Frage, ob man dieses Blutbad als zeitenprägende Tragödie oder theologisches Wiederkehren betrachtet; als menschengemachten Terror oder gottgewollten Schrecken, als Teil der israelischen Geschichte oder als jüdische Erzählung.“
Offensichtlich hat die rechtsradikale israelische Regierung unter Benjamin Netanjahu ein Interesse daran, die Terrorattacken als Ereignis in der unendlichen Kontinuität antijüdischer Gewalt seit biblischen Zeiten zu verstehen und vor allem auf den Impuls der Rache zu setzen. Hat sie vor dem 7. Oktober 2023 primär den Konflikt bewirtschaftet, so vertritt die Netanjahu-Regierung nun einen „ultimativen Sieg“, was mit einer schematischen Gut/Böse-Rhetorik einhergeht und – wie etwa das Jerusalemer Van Leer-Institut in einem umfangreichen Paper aufzeigt – einem langfristigen Frieden entgegensteht. Innerhalb dieser Weltsicht verblasst auch die einfache Wahrheit, dass selbst so präzedenzlos bösartige Verbrechen wie die der Hamas am 7. Oktober nicht ein anderes Massaker legitimieren. Die israelische Armee hat nach dem Einmarsch in Gaza und den Bombardierungen massive Kriegsverbrechen an der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen begangen. Im Januar 2026 hat die IDF selbst bestätigt, dass in Gaza mehr als 70’000 Palästinenser:innen getötet worden seien, viele davon Kinder und Menschen, die nicht Mitglied terroristischer Organisationen waren. Auch die Palästinenser beginnen damit, Zeugenschaft abzulegen.
Ohnmacht
Einen Ausdruck für das moralische Spannungsfeld, in dem sich die jüdischen Gemeinschaften weltweit befinden, stellt etwa das im Februar 2025 erschienene Buch Being Jewish after Gaza. A Reckoning von Peter Beinart dar, einem der artikuliertesten Vertreter des linken Judentums in den USA. Beinert richtet sich an Jüdinnen und Juden – die „jüdische Familie“, wie er mystifizierend formuliert – und plädiert für die Abwendung vom zionistischen, „ethnonationalistischen“ Narrativ und für die Anerkennung der Opfer sowie der demokratischen Rechte der Palästinenser:innen, was für Beinart explizit dem zentralen Credo der jüdischen Tradition entspricht: Alle Menschen seien nach der Torah nach dem Bildnis Gottes geschaffen worden. Beinarts Beitrag wird auch im stark polarisierten deutschsprachigen jüdischen Umfeld diskutiert – auch kritisch. So fragt etwa die Journalistin Marina Klimchuk danach, ob angesichts fortschreitender Gewalt die Lektüre vielleicht kaum mehr darstelle als eine „Selbsttherapie für sich ohnmächtig fühlende progressive Jüdinnen und Juden“.
Tatsächlich ist Ohnmacht wohl das dominierende Gefühl auch für das literarische Schaffen deutschsprachiger Jüdinnen und Juden. Einerseits hat sich die Vision eines demokratischen, friedlichen Zusammenlebens in Israel/Palästina – sei es in zwei Staaten, einer Föderation von Staaten oder einem binationalen Staat – in Schrecken aufgelöst. Andererseits ist das Prekäre und Einsame der diasporischen Situation so unerwartet und mit so voller Wucht spürbar geworden, dass Lähmung die Folge scheint. Den Schock beschreibt die Psychologin Marina Chernivsky in ihrem 2025 publizierten Essayband Bruchzeiten. Leben nach dem 7. Oktober:
Der 7. Oktober hat etwas sichtbar gemacht, das viele von uns überwunden, kontrollierbar und fern geglaubt haben. […] Der unverhohlen artikulierte Auslöschungswunsch hat die jüdische Gemeinschaft in die Position der Zeugenschaft versetzt. Ungeachtet der Vehemenz der Angriffe herrscht aber allenthalben Teilnahmslosigkeit gegenüber dieser spezifisch jüdischen Erfahrung. Es scheint noch nicht einmal in diesem so eindeutigen Fall möglich, den genozidalen Terror gegen Juden in seiner zivilisatorischen Bedeutung zu verstehen und sich mit allen Opfern des darauffolgenden Krieges solidarisch zu fühlen.
Doch nicht nur die links wie rechts gehegten Auslöschungsfantasien werden in der Krise zur Bedrohung, auch die Instrumentalisierung des Antisemitismus wirkt sich destruktiv auf das Zusammenleben der jüdischen und anderen Minderheiten in Europa aus, wie Chernivsky in einer anderen Passage erklärt:
Beide, die jüdischen und die palästinensischen Erfahrungen, werden […] von allen Seiten vereinnahmt. Der obsessive, ideologische Hass auf die Juden und Israel und die Verdrängung des zivilen Leids in Gaza überfluten mühsam erbaute Verbindungen, Übergänge, zerstören Vertrauen zwischen den Communities. Das Politische ist mehr als privat und das Private […] zugleich politisch.
Wie erzählen?
Die Feststellung einer Überblendung von Privatem und Politischem könnte an sich eine ideale Voraussetzung für das Schreiben eines Romans sein, der die Geschichte mittels Geschichten konkret macht. Die Bilder historischer Katastrophen – so kann man das Diktum des berühmten Historikers Yosef Haym Yerushalmi über die Shoah zitieren – werden wohl „nicht am Amboss des Historikers, sondern im Schmelztiegel des Romanciers geformt“ (heute würde ich hinzufügen: in Filmen und Serien). Doch ein (deutschsprachiger) Roman über den 7. Oktober gibt es noch nicht. Olga Grjasnowas 2024 erschienener Roman über die Traumata, Lebenslügen und Geschichten in einer russisch-deutsch-israelisch-jüdischen Familie ist noch vor der historischen Zäsur angesiedelt und erscheint fast als historischer Roman. Sein Titel Juli, August, September weist auf den Horizont der Katastrophe hin, der selbst unerzählt bleibt.

Trotzdem sprechen (Buchcover), Ullstein 2024, mit Beiträgen von Carolin Emcke, Nazih Musharbash, Maryam Zaree, Kathrin Röggla u.v.a.
Noch hält die Phase der Fiktionslosigkeit an. Diese wird gefüllt von Meinungsbeiträgen, Floskeln und offenen Briefen. Auch das Genre der Anthologie hat auffallend Konjunktur, so als wäre es einfacher zusammen mit anderen zu sprechen als allein. Unter dem bezeichnenden Titel trotzdem sprechen haben beispielsweise Lena Gorelik, Miryam Schellbach und Miryam Zadoff einen Band mit vor allem politischen Essays publiziert. Der renommierte österreichische Autor (und Historiker) Doron Rabinovici, bekannt für seine ironischen Romane über jüdische Themen und Figuren, hat sich an verschiedenen Orten ebenfalls vor allem als politischer Kommentator geäußert, so etwa in einer Anthologie, die vor allem die Zäsur der Hamas-Massaker für Jüdinnen und Juden untersucht.
Die Anthologie Wir schon wieder. 16 jüdische Erzählungen, 2024 herausgegeben von der Autorin Dana von Suffrin – ebenfalls bekannt und mit Preisen ausgezeichnet für ihre unterhaltsamen und differenzierten jüdischen Familienromane – enthält zwar neben Essays erzählende Texte, aber der 7. Oktober als Zeitereignis ist in keiner der Erzählungen explizit Gegenstand. Im bereits erwähnten Essay Notizen aus Zeiten beschreibt in diesem Band Lena Gorelik die Gründe für die Erzählblockade: „was tue ich hier, schreiben, Stereotype bedienen.“ – „Was tue ich hier, schreiben. Wie fange ich an, ich kann doch nicht schon wieder mit dem Antisemitismus beginnen.“ Gorelik beschreibt ihren Ärger, auf das Jüdische reduziert zu werden, über Klischees in wohlmeinenden TV-Features und Interviewanfragen, die ihre Person auf die ,jüdische Stimme‘ reduzieren, aber auch das anhaltende Grauen über die Ereignisse, vor denen alle literarischen Pläne wie in Brechts Gedicht belanglos scheinen. Die Zeugenschaft löscht das Erzählen aus, bis fast nichts mehr übrigbleibt.

Sasha Marianna Salzmann, Ofer Waldman: „Gleichzeit. Briefe zwischen Israel und Europa“ (Buchcover), Suhrkamp 2024
Der Impuls Zeugenschaft abzulegen ist auch zentral für Theater- und Romanautor:in Sasha Marianna Salzmann. Im zusammen mit dem Musiker und Journalisten Ofer Waldman verfasste Brief-Mail- und Nachrichtenwechsel Gleichzeit schreibt Salzmann am 21. Januar 2024 an Waldman:
Stell dir vor – es wird Menschen geben, die es schaffen, den Rollstuhl zu beschreiben, der in einem verwüsteten Kibbuz allein zurückblieb. Die Asche unter seinen Rädern auf dem Boden, das abgenutzte Leder der Armlehnen, den abgewetzten Sitz. Die Holzsplitter am Rahmen der aufgebrochenen Tür. Es wird Menschen geben, die den Geruch der Pinienbäume beschreiben in diesem Garten im Norden von Gaza. Auf dem Foto, das ich davon sah (aufgenommen nur ein paar Tage vor der Bodenoffensive), blühte der Hibiskus, ich erinnere Zypressen. Ein wunderschöner gepflegter Garten, mit Spazierwegen und einer Bank. Der Himmel darüber wie ausgelaufene Tinte.
Diese Passage impliziert zuerst, dass nur kommende Autor:innen von den Verwüstungen werden erzählen können, um dann aber unmittelbar eine solche Erzählung zu sein – beziehungsweise in die vorgestellten Beschreibungen selbst überzugehen. Im letzten Satz „Der Himmel darüber wie ausgelaufene Tinte“ greift Salzmann zu einem klassisch erscheinenden literarischen Mittel: Einer Himmelsbeschreibung, die zugleich eine Allegorie für das verunmöglichte Schreiben selbst ist.
Literatur und Verantwortung
Das Bild des wunderschönen gepflegten – aber nun verwüsteten und verlorenen – Gartens kehrt wieder in Salzmanns Rede Vor dem Paradies anlässlich der Kleist-Preis-Verleihung am 17. November 2024. Die Rede bildet zwar ebenfalls keine zusammenhängende literarische Erzählung, entwickelt aber aus erzählerischen Bruchstücken essayistisch eine sehr kurze Poetik nach dem 7. Oktober. Zunächst erzählt Salzmann vom weißrussischen Großvater, der die Shoah, den Stalinismus und die Sowjetunion überlebte und als Emigrant im Deutschland ab den 1990er Jahren den erstarkenden Rechtsradikalismus erlebte, bis er „vom Schrecken über den 7. Oktober 2023 niedergestreckt worden war. Drei Schlaganfälle nach dem Massaker der Hamas, danach konnte und wollte er nicht mehr.“ Salzmann beschreibt auch die Enttäuschung über deutsche Reaktionen nach der russischen Invasion der Ukraine 2022:
Es ist nicht unser Krieg – wie oft habe ich diese Wandschmiererei seit Februar 2022 gelesen? Wie wirksam das Gift der Verdrängung sein muss, dachte ich. Der Wunsch nach Unschuld brennt einem die Augen aus. Hohl blicken die Schädel in eine leere Vergangenheit, die keine Fäden zieht zu dem, was jetzt geschieht.“
Salzmanns Text dagegen zieht diese Fäden. Er stellt eine multiperspektivische Verknüpfung verschiedener wechselseitig sich spiegelnder Traumata dar.
Dabei geht Salzmann (innerhalb einer Auseinandersetzung mit Heinrich von Kleists Text Über das Marionettentheater) von der Feststellung aus, „dass das Wort ,Paradies‘ vom Altiranischen ,pairi daeza‘ abstammt. Es bedeutet umzäunt, und ursprünglich errichtet wurden die herrschaftlichen Gärten und Parks im alten Mesopotamien von Sklaven.“ Das Paradox, das Salzmann umkreist, besteht darin, dass der „Sehnsuchtsort der Unschuld“ selbst auf Schuld beruht.
Die Entscheidung, den Wunsch nach dieser illusorischen Freiheit aufzugeben, geht mit Freiheit und (politischer) Verantwortung einher. Das Beharren auf der eigenen Unschuld dagegen führt zu einer Trübung der Sicht. Es führt dazu, die Schuld an den Krisen den Anderen aufzuladen. Die Konsequenzen zeigt Salzmann knapp, indem der Text zum einen das offizielle ,Nie Wieder!‘ bundesdeutscher Politikrhetorik mit der Realität krasser antisemitischer Realitäten konfrontiert. Zum anderen beschreibt Salzman, „wie bei Demonstrationen gegen Rechts, gegen die Vision einer ethnisch gesäuberten Gesellschaft, Mitdemonstrierende, die eine Kufiya um die Schultern trugen, bespuckt wurden.“ Die Rede schält aus diesen traumatischen Zeugnissen die Aufgabe der Literatur: Die Autor:in vermeidet Klischees, Floskeln, Parolen und Oppositionen zementierende Kampfbegriffe – und rückt die Suche nach einer eigenen Sprache und eigenen Bildern für die ineinander verflochtenen Krisen ins Zentrum.
Um diese mehrfache Zeugenschaft zu übernehmen, bedarf es der Illusionslosigkeit und zugleich der Bereitschaft, die eigene Verantwortung gegenüber der Geschichte anzuerkennen. Als Reaktion auf die Krise muss das Erzählen also von einer Position ausgehen, die immer schon außerhalb imaginierter Paradiese besteht: „Ich denke, das ist es, was Schreiben ausmacht: Unser Platz ist außerhalb des umzäunten Gartens. Wir gehören vor die Tore.“ Übersetzt für das Schreiben deutscher Jüdinnen und Juden bedeutet dies eine Absage an einfache Opfernarrative – verbunden mit einem schonungslosen Blick auf die ineinander verzahnten traumatischen Wirklichkeiten der Gegenwart. Es bedeutet auch, dass sich Literatur konsequent den unterschiedlichen Instrumentalisierungen, dem Krieg und jeder Gewalt entgegensetzt.
