Wie kann Literatur auf Krieg, Terror und verschiedene ineinander verzahnte Krisen reagieren? Das Schreiben deutschsprachiger Jüdinnen und Juden steht im Zeichen mehrfacher Zeugenschaft.

  • Caspar Battegay ist Literatur- und Kulturwissenschaftler. Er leitet die Fachgruppe Kultur und Kommunikation an der Hochschule für Technik der Fachhochschule Nordwestschweiz. Zudem unterrichtet er Neuere deutsche Literatur an der Universität Basel. Seine Habilitation ist 2018 unter dem Titel „Geschichte der Möglichkeit. Utopie, Diaspora und die ‚jüdische Frage‘“ im Wallstein Verlag erschienen.

Der israe­li­sche Krimi-Autor Dror Mishani schil­dert in Fenster ohne Aussicht. Tage­buch aus Tel Aviv ein Gespräch, das er kurz nach dem 7. Oktober 2023 mit seiner Thera­peutin führt: „,Kann man denn jetzt über­haupt schreiben‘, fragt R. vorsichtig, und ich sage, natür­lich nicht […].“ In einem Artikel vom Februar 2024 schreibt die paläs­ti­nen­si­sche Autorin Adania Shibli: „Die Wörter sind verschwunden, haben mich verlassen.“ Und die deut­sche Schrift­stel­lerin Lena Gorelik, die als Kind in den frühen 1990er Jahren als russi­sche Jüdin nach Deutsch­land emigrierte, hält in ihrem Text Notizen aus Zeiten (2024) fest: „Alles ist sagbar, ich weiß nur nicht, wo die Worte sind.“

Diese Liste von Wort­lo­sig­keiten ließe sich beliebig erwei­tern. Es ist selbst ein lite­ra­ri­scher Topos, dass gegen­über Terror und poli­ti­scher Gewalt die Sprache versagt, so sei „das arglose Wort“ nur schlecht infor­miert und „ein Gespräch über Bäume fast ein Verbre­chen“, wie es Bertolt Brecht Ende der 1930er Jahre promi­nent formu­lierte. Es ist denn auch weniger eine allge­meine Sprach­skepsis als eine Skepsis gegen­über dem Erzählen, eine Krise der Fiktion, die es auch nach dem 7. Oktober und ange­sichts des anhal­tenden russi­schen Angriffs­kriegs gegen die Ukraine gibt. Denn auch die jüdi­schen Gemein­schaften befinden sich welt­weit in einer epochalen Krise. Zum einen führt das Anwachsen des Anti­se­mi­tismus zu einer exis­ten­zi­ellen Bedro­hung. Zum anderen fühlen sich viele Jüdinnen und Juden in Nord­ame­rika und Europa aus fami­liären und biogra­fi­schen Gründen soli­da­risch gegen­über Israel, was nun durch das Entsetzen über die Zerstö­rung Gazas und die teil­weise staat­lich geför­derte Sied­ler­ge­walt im besetzten West­jor­dan­land erschüt­tert wird (oder sich umge­kehrt radikal zu einer unkri­ti­schen Gefolg­schaft verhärtet). Zudem haben gerade in Deutsch­land viele jüdi­sche Autor:innen enge Verbin­dungen zur Ukraine und sehen sich von Russ­lands Diktatur und dem Krieg bedroht.

Doku­men­ta­tion und Zeugenschaft

Eine tradi­tio­nelle Reak­ti­ons­weise auf histo­ri­sche Kata­stro­phen und Massen­morde ist die Doku­men­ta­tion. Das Bezeugen des Gese­henen und Erlebten stellt einen Weg dar, der Sprach­lo­sig­keit zu entkommen, wie etwa die Erin­ne­rungs­bü­cher zeigen, die nach den Massa­kern an Jüdinnen und Juden während der Kreuz­züge im 11. und 12. Jahr­hun­dert im Rhein­land von Über­le­benden ange­fer­tigt wurden, oder viel später die so genannten Yizkor-Bücher für die in der Shoah ausge­löschten jüdi­schen Gemeinden Osteu­ropas. In einer solchen Tradi­tion der Zeugen­schaft versteht sich beispiels­weise das Buch 10/7. 100 Human Stories der israelisch-amerikanischen Jour­na­listin Lee Yaron, Mitar­bei­terin der Zeitung Ha’aretz, das die Ereig­nisse des 7. Oktober 2023 mittels Inves­ti­ga­ti­v­jour­na­lismus und Oral History, basie­rend auf hunderten von Inter­views quasi proto­kol­liert. Die Lektüre ist quälend und demons­triert, dass eine Doku­men­ta­tion immer Reak­tionen, Deutungen und also wieder Erzäh­lungen provo­ziert. Doch welche?

Im Nach­wort weist der Schrift­steller Joshua Cohen (Yarons Ehemann) darauf hin, dass man ange­sichts der Schil­de­rungen mons­tröser Gewalt­or­gien entweder Rache verlangen – oder die Idee vertreten könne, eine poli­ti­sche Lösung anzu­streben, so dass solche Atta­cken nie wieder möglich seien. „Das ist die große Heraus­for­de­rung bei der Deutung des 7. Oktober – die Frage, ob man dieses Blutbad als zeiten­prä­gende Tragödie oder theo­lo­gi­sches Wieder­kehren betrachtet; als menschen­ge­machten Terror oder gott­ge­wollten Schre­cken, als Teil der israe­li­schen Geschichte oder als jüdi­sche Erzählung.“

Offen­sicht­lich hat die rechts­ra­di­kale israe­li­sche Regie­rung unter Benjamin Netan­jahu ein Inter­esse daran, die Terror­at­ta­cken als Ereignis in der unend­li­chen Konti­nuität anti­jü­di­scher Gewalt seit bibli­schen Zeiten zu verstehen und vor allem auf den Impuls der Rache zu setzen. Hat sie vor dem 7. Oktober 2023 primär den Konflikt bewirt­schaftet, so vertritt die Netanjahu-Regierung nun einen „ulti­ma­tiven Sieg“, was mit einer sche­ma­ti­schen Gut/Böse-Rhetorik einher­geht und – wie etwa das Jeru­sa­lemer Van Leer-Institut in einem umfang­rei­chen Paper aufzeigt – einem lang­fris­tigen Frieden entge­gen­steht. Inner­halb dieser Welt­sicht verblasst auch die einfache Wahr­heit, dass selbst so präze­denzlos bösar­tige Verbre­chen wie die der Hamas am 7. Oktober nicht ein anderes Massaker legi­ti­mieren. Die israe­li­sche Armee hat nach dem Einmarsch in Gaza und den Bombar­die­rungen massive Kriegs­ver­bre­chen an der paläs­ti­nen­si­schen Bevöl­ke­rung im Gaza­streifen begangen. Im Januar 2026 hat die IDF selbst bestä­tigt, dass in Gaza mehr als 70’000 Palästinenser:innen getötet worden seien, viele davon Kinder und Menschen, die nicht Mitglied terro­ris­ti­scher Orga­ni­sa­tionen waren. Auch die Paläs­ti­nenser beginnen damit, Zeugen­schaft abzulegen.

Ohnmacht

Einen Ausdruck für das mora­li­sche Span­nungs­feld, in dem sich die jüdi­schen Gemein­schaften welt­weit befinden, stellt etwa das im Februar 2025 erschie­nene Buch Being Jewish after Gaza. A Recko­ning von Peter Beinart dar, einem der arti­ku­lier­testen Vertreter des linken Juden­tums in den USA. Beinert richtet sich an Jüdinnen und Juden – die „jüdi­sche Familie“, wie er mysti­fi­zie­rend formu­liert – und plädiert für die Abwen­dung vom zionis­ti­schen, „ethno­na­tio­na­lis­ti­schen“ Narrativ und für die Aner­ken­nung der Opfer sowie der demo­kra­ti­schen Rechte der Palästinenser:innen, was für Beinart explizit dem zentralen Credo der jüdi­schen Tradi­tion entspricht: Alle Menschen seien nach der Torah nach dem Bildnis Gottes geschaffen worden. Bein­arts Beitrag wird auch im stark pola­ri­sierten deutsch­spra­chigen jüdi­schen Umfeld disku­tiert – auch kritisch. So fragt etwa die Jour­na­listin Marina Klim­chuk danach, ob ange­sichts fort­schrei­tender Gewalt die Lektüre viel­leicht kaum mehr darstelle als eine „Selbst­the­rapie für sich ohnmächtig fühlende progres­sive Jüdinnen und Juden“.

Tatsäch­lich ist Ohnmacht wohl das domi­nie­rende Gefühl auch für das lite­ra­ri­sche Schaffen deutsch­spra­chiger Jüdinnen und Juden. Einer­seits hat sich die Vision eines demo­kra­ti­schen, fried­li­chen Zusam­men­le­bens in Israel/Palästina – sei es in zwei Staaten, einer Föde­ra­tion von Staaten oder einem bina­tio­nalen Staat – in Schre­cken aufge­löst. Ande­rer­seits ist das Prekäre und Einsame der diaspo­ri­schen Situa­tion so uner­wartet und mit so voller Wucht spürbar geworden, dass Lähmung die Folge scheint. Den Schock beschreibt die Psycho­login Marina Cher­ni­vsky in ihrem 2025 publi­zierten Essay­band Bruch­zeiten. Leben nach dem 7. Oktober:

Der 7. Oktober hat etwas sichtbar gemacht, das viele von uns über­wunden, kontrol­lierbar und fern geglaubt haben. […] Der unver­hohlen arti­ku­lierte Auslö­schungs­wunsch hat die jüdi­sche Gemein­schaft in die Posi­tion der Zeugen­schaft versetzt. Unge­achtet der Vehe­menz der Angriffe herrscht aber allent­halben Teil­nahms­lo­sig­keit gegen­über dieser spezi­fisch jüdi­schen Erfah­rung. Es scheint noch nicht einmal in diesem so eindeu­tigen Fall möglich, den geno­zi­dalen Terror gegen Juden in seiner zivi­li­sa­to­ri­schen Bedeu­tung zu verstehen und sich mit allen Opfern des darauf­fol­genden Krieges soli­da­risch zu fühlen.

Doch nicht nur die links wie rechts gehegten Auslö­schungs­fan­ta­sien werden in der Krise zur Bedro­hung, auch die Instru­men­ta­li­sie­rung des Anti­se­mi­tismus wirkt sich destruktiv auf das Zusam­men­leben der jüdi­schen und anderen Minder­heiten in Europa aus, wie Cher­ni­vsky in einer anderen Passage erklärt:

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Beide, die jüdi­schen und die paläs­ti­nen­si­schen Erfah­rungen, werden […] von allen Seiten verein­nahmt. Der obses­sive, ideo­lo­gi­sche Hass auf die Juden und Israel und die Verdrän­gung des zivilen Leids in Gaza über­fluten mühsam erbaute Verbin­dungen, Über­gänge, zerstören Vertrauen zwischen den Commu­ni­ties. Das Poli­ti­sche ist mehr als privat und das Private […] zugleich politisch.

Wie erzählen?

Die Fest­stel­lung einer Über­blen­dung von Privatem und Poli­ti­schem könnte an sich eine ideale Voraus­set­zung für das Schreiben eines Romans sein, der die Geschichte mittels Geschichten konkret macht. Die Bilder histo­ri­scher Kata­stro­phen – so kann man das Diktum des berühmten Histo­ri­kers Yosef Haym Yerus­halmi über die Shoah zitieren – werden wohl „nicht am Amboss des Histo­ri­kers, sondern im Schmelz­tiegel des Roman­ciers geformt“ (heute würde ich hinzu­fügen: in Filmen und Serien). Doch ein (deutsch­spra­chiger) Roman über den 7. Oktober gibt es noch nicht. Olga Grjas­nowas 2024 erschie­nener Roman über die Trau­mata, Lebens­lügen und Geschichten in einer russisch-deutsch-israelisch-jüdischen Familie ist noch vor der histo­ri­schen Zäsur ange­sie­delt und erscheint fast als histo­ri­scher Roman. Sein Titel Juli, August, September weist auf den Hori­zont der Kata­strophe hin, der selbst uner­zählt bleibt.

Trotzdem spre­chen (Buch­cover), Ullstein 2024, mit Beiträgen von Carolin Emcke, Nazih Mush­ar­bash, Maryam Zaree, Kathrin Röggla u.v.a.

Noch hält die Phase der Fikti­ons­lo­sig­keit an. Diese wird gefüllt von Meinungs­bei­trägen, Flos­keln und offenen Briefen. Auch das Genre der Antho­logie hat auffal­lend Konjunktur, so als wäre es einfa­cher zusammen mit anderen zu spre­chen als allein. Unter dem bezeich­nenden Titel trotzdem spre­chen haben beispiels­weise Lena Gorelik, Miryam Schell­bach und Miryam Zadoff einen Band mit vor allem poli­ti­schen Essays publi­ziert. Der renom­mierte öster­rei­chi­sche Autor (und Histo­riker) Doron Rabi­no­vici, bekannt für seine ironi­schen Romane über jüdi­sche Themen und Figuren, hat sich an verschie­denen Orten eben­falls vor allem als poli­ti­scher Kommen­tator geäu­ßert, so etwa in einer Antho­logie, die vor allem die Zäsur der Hamas-Massaker für Jüdinnen und Juden unter­sucht.

Die Antho­logie Wir schon wieder. 16 jüdi­sche Erzäh­lungen, 2024 heraus­ge­geben von der Autorin Dana von Suffrin – eben­falls bekannt und mit Preisen ausge­zeichnet für ihre unter­halt­samen und diffe­ren­zierten jüdi­schen Fami­li­en­ro­mane – enthält zwar neben Essays erzäh­lende Texte, aber der 7. Oktober als Zeit­er­eignis ist in keiner der Erzäh­lungen explizit Gegen­stand. Im bereits erwähnten Essay Notizen aus Zeiten beschreibt in diesem Band Lena Gorelik die Gründe für die Erzähl­blo­ckade: „was tue ich hier, schreiben, Stereo­type bedienen.“ – „Was tue ich hier, schreiben. Wie fange ich an, ich kann doch nicht schon wieder mit dem Anti­se­mi­tismus beginnen.“ Gorelik beschreibt ihren Ärger, auf das Jüdi­sche redu­ziert zu werden, über Klischees in wohl­mei­nenden TV-Features und Inter­view­an­fragen, die ihre Person auf die ,jüdi­sche Stimme‘ redu­zieren, aber auch das anhal­tende Grauen über die Ereig­nisse, vor denen alle lite­ra­ri­schen Pläne wie in Brechts Gedicht belanglos scheinen. Die Zeugen­schaft löscht das Erzählen aus, bis fast nichts mehr übrigbleibt.

Sasha Mari­anna Salz­mann, Ofer Waldman: „Gleich­zeit. Briefe zwischen Israel und Europa“ (Buch­cover), Suhr­kamp 2024

Der Impuls Zeugen­schaft abzu­legen ist auch zentral für Theater- und Romanautor:in Sasha Mari­anna Salz­mann. Im zusammen mit dem Musiker und Jour­na­listen Ofer Waldman verfasste Brief-Mail- und Nach­rich­ten­wechsel Gleich­zeit schreibt Salz­mann am 21. Januar 2024 an Waldman:

Stell dir vor – es wird Menschen geben, die es schaffen, den Roll­stuhl zu beschreiben, der in einem verwüs­teten Kibbuz allein zurück­blieb. Die Asche unter seinen Rädern auf dem Boden, das abge­nutzte Leder der Armlehnen, den abge­wetzten Sitz. Die Holz­splitter am Rahmen der aufge­bro­chenen Tür. Es wird Menschen geben, die den Geruch der Pini­en­bäume beschreiben in diesem Garten im Norden von Gaza. Auf dem Foto, das ich davon sah (aufge­nommen nur ein paar Tage vor der Boden­of­fen­sive), blühte der Hibiskus, ich erin­nere Zypressen. Ein wunder­schöner gepflegter Garten, mit Spazier­wegen und einer Bank. Der Himmel darüber wie ausge­lau­fene Tinte.

Diese Passage impli­ziert zuerst, dass nur kommende Autor:innen von den Verwüs­tungen werden erzählen können, um dann aber unmit­telbar eine solche Erzäh­lung zu sein – bezie­hungs­weise in die vorge­stellten Beschrei­bungen selbst über­zu­gehen. Im letzten Satz „Der Himmel darüber wie ausge­lau­fene Tinte“ greift Salz­mann zu einem klas­sisch erschei­nenden lite­ra­ri­schen Mittel: Einer Himmels­be­schrei­bung, die zugleich eine Alle­gorie für das verun­mög­lichte Schreiben selbst ist.

Lite­ratur und Verantwortung

Das Bild des wunder­schönen gepflegten – aber nun verwüs­teten und verlo­renen – Gartens kehrt wieder in Salz­manns Rede Vor dem Para­dies anläss­lich der Kleist-Preis-Verleihung am 17. November 2024. Die Rede bildet zwar eben­falls keine zusam­men­hän­gende lite­ra­ri­sche Erzäh­lung, entwi­ckelt aber aus erzäh­le­ri­schen Bruch­stü­cken essay­is­tisch eine sehr kurze Poetik nach dem 7. Oktober. Zunächst erzählt Salz­mann vom weiß­rus­si­schen Groß­vater, der die Shoah, den Stali­nismus und die Sowjet­union über­lebte und als Emigrant im Deutsch­land ab den 1990er Jahren den erstar­kenden Rechts­ra­di­ka­lismus erlebte, bis er „vom Schre­cken über den 7. Oktober 2023 nieder­ge­streckt worden war. Drei Schlag­an­fälle nach dem Massaker der Hamas, danach konnte und wollte er nicht mehr.“ Salz­mann beschreibt auch die Enttäu­schung über deut­sche Reak­tionen nach der russi­schen Inva­sion der Ukraine 2022:

Es ist nicht unser Krieg – wie oft habe ich diese Wand­schmie­rerei seit Februar 2022 gelesen? Wie wirksam das Gift der Verdrän­gung sein muss, dachte ich. Der Wunsch nach Unschuld brennt einem die Augen aus. Hohl blicken die Schädel in eine leere Vergan­gen­heit, die keine Fäden zieht zu dem, was jetzt geschieht.“

Salz­manns Text dagegen zieht diese Fäden. Er stellt eine multi­per­spek­ti­vi­sche Verknüp­fung verschie­dener wech­sel­seitig sich spie­gelnder Trau­mata dar.

Dabei geht Salz­mann (inner­halb einer Ausein­an­der­set­zung mit Hein­rich von Kleists Text Über das Mario­net­ten­theater) von der Fest­stel­lung aus, „dass das Wort ,Para­dies‘ vom Altira­ni­schen ,pairi daeza‘ abstammt. Es bedeutet umzäunt, und ursprüng­lich errichtet wurden die herr­schaft­li­chen Gärten und Parks im alten Meso­po­ta­mien von Sklaven.“ Das Paradox, das Salz­mann umkreist, besteht darin, dass der „Sehn­suchtsort der Unschuld“ selbst auf Schuld beruht.

Die Entschei­dung, den Wunsch nach dieser illu­so­ri­schen Frei­heit aufzu­geben, geht mit Frei­heit und (poli­ti­scher) Verant­wor­tung einher. Das Beharren auf der eigenen Unschuld dagegen führt zu einer Trübung der Sicht. Es führt dazu, die Schuld an den Krisen den Anderen aufzu­laden. Die Konse­quenzen zeigt Salz­mann knapp, indem der Text zum einen das offi­zi­elle ,Nie Wieder!‘ bundes­deut­scher Poli­tik­rhe­torik mit der Realität krasser anti­se­mi­ti­scher Reali­täten konfron­tiert. Zum anderen beschreibt Salzman, „wie bei Demons­tra­tionen gegen Rechts, gegen die Vision einer ethnisch gesäu­berten Gesell­schaft, Mitde­mons­trie­rende, die eine Kufiya um die Schul­tern trugen, bespuckt wurden.“ Die Rede schält aus diesen trau­ma­ti­schen Zeug­nissen die Aufgabe der Lite­ratur: Die Autor:in vermeidet Klischees, Flos­keln, Parolen und Oppo­si­tionen zemen­tie­rende Kampf­be­griffe – und rückt die Suche nach einer eigenen Sprache und eigenen Bildern für die inein­ander verfloch­tenen Krisen ins Zentrum.

Um diese mehr­fache Zeugen­schaft zu über­nehmen, bedarf es der Illu­si­ons­lo­sig­keit und zugleich der Bereit­schaft, die eigene Verant­wor­tung gegen­über der Geschichte anzu­er­kennen. Als Reak­tion auf die Krise muss das Erzählen also von einer Posi­tion ausgehen, die immer schon außer­halb imagi­nierter Para­diese besteht: „Ich denke, das ist es, was Schreiben ausmacht: Unser Platz ist außer­halb des umzäunten Gartens. Wir gehören vor die Tore.“ Über­setzt für das Schreiben deut­scher Jüdinnen und Juden bedeutet dies eine Absage an einfache Opfer­n­ar­ra­tive – verbunden mit einem scho­nungs­losen Blick auf die inein­ander verzahnten trau­ma­ti­schen Wirk­lich­keiten der Gegen­wart. Es bedeutet auch, dass sich Lite­ratur konse­quent den unter­schied­li­chen Instru­men­ta­li­sie­rungen, dem Krieg und jeder Gewalt entgegensetzt.