• Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler, Journalist, Musiker und Bodybuilder in Teilzeit. Er leitet den Bereich Theorie im Bachelor Kunst & Medien an der Zürcher Hochschule der Künste. Nebenbei ist er Sänger und Bassist des Metal-Duos Malmzeit.

Unsere Gegen­wart wird gemeinhin als eine expe­ri­men­telle, welt­of­fene, ja frivole wahr­ge­nommen. Unan­ge­passte High-Performer und Business-Punks, Berufs­ju­gend­liche und zuneh­mend auch Berufs­pu­ber­täre, kosmo­po­li­ti­sche Out-of-the-Box-Thinkers und inno­va­tive Quer­treiber prägen seit den 1960er Jahren das Bild des libe­ralen Nach­kriegs­wes­tens. Vorbei sind die Zeiten, so scheint es, als Marx und Engels die „Weiß­bier­phi­lister“ verspotten konnten, Nietz­sche verächt­lich auf „Bildungs­phi­lister“ herab­blickte und Flau­bert sich über die versnobte Bour­geoisie mokierte: „Es war wunder­voll zu sehen, wie sie [Sinti und Roma bei Rouen] den Haß der Bürger auf sich zogen, obwohl sie so harmlos waren wie Schafe. Ich sah das Pack die Nase rümpfen, weil ich ihnen ein bißchen Klein­geld gab.“ Das spies­sige „Pack“, das den Bohe­miens weiland als Gegen­spieler diente, ist vorder­gründig einem smarten, coolen Milieu mit Abwei­chungs­ethos, Diffe­renz­sen­si­bi­lität und hoher Entgren­zungs­kom­pe­tenz gewi­chen. Taste the diffe­rence! Push the bounda­ries!

Mansprea­ding als Spies­sertum, Quelle: face­book

Mir scheint, dass es sich hierbei um ein Zerr­bild, viel­leicht auch um ein stra­te­gi­sches Miss­ver­ständnis handelt. Denn die Kehr­seite des Nieder­gangs des alten klein­bür­ger­li­chen Spies­ser­tums und die damit einher­ge­henden Zuwächse an Offen­heit, Libe­ra­lität, Expe­ri­men­tier­freude und Frivo­lität sind eine tief­grei­fende, aber selten beach­tete neue Art der Verspies­se­rung. Viel­leicht wird sie gerade deshalb nicht gesehen, weil sie so allge­gen­wärtig ist. Eigent­lich hätte der Text deshalb „Der Spiesser“ heissen sollen. Da in letzter Zeit häufiger die Forde­rung an mich gerichtet wurde, ich möge doch einmal aus Gründen der histo­ri­schen Gerech­tig­keit das gene­ri­sche Femi­ninum an Stelle des gene­ri­schen Masku­li­nums verwenden, will ich das hier probe­halber wagen.

Welt­raum als Wohn­raum

Zunächst: Was ist eine Spies­serin? Eine Spies­serin ist ein Wesen, das weder inner­lich noch äusser­lich im Stande ist, seine behag­lich einge­rich­tete, säuber­lich abge­zir­kelte Welt zu verlassen. Woran sie auch denkt, wohin sie auch geht – das Bezugs­feld bleibt ihre direkte Umge­bung, einge­denk ihrer persön­li­chen Erfah­rungen sowie jener ästhe­ti­schen Vorlieben und poli­ti­schen Meinungen, die sich „richtig“ anfühlen. Dass da draussen noch etwas anderes ist als diese ihre urei­genste Sphäre, erfüllt die Spies­serin mit Unbe­hagen, weshalb sie sich dagegen immu­ni­siert. Zugleich ist sie bestrebt, das „Aussen“ so anzu­passen, dass es mit ihrem mentalen Wohn­zimmer harmo­ni­siert. Die eigent­lich phleg­ma­ti­sche Spies­serin kann äusserst geschäftig werden, wenn es darum geht, die Welt nach ihrem Bild zu formen.

Woran erkennt man, dass die Spies­serin eine Gali­ons­figur unserer Zeit ist? Und wo begegnet man ihr? Das stärkste Indiz des Spies­ser­tums ist die für unsere Gegen­wart typi­sche Ineins­set­zung von öffent­li­chem und privatem Raum. Weil die Spies­serin ihr Wohn­zimmer liebt und die Aussen­welt fürchtet, erklärt sie letz­tere zu ersterem und ihre Mitmen­schen zu Möbel­stü­cken. In den Stadt­park bringt sie ihre Boombox mit und dreht ihre Lieb­lings­songs auf, wie sie es auch zu Hause zu tun pflegt. In Fern­zügen streift sie die Schuhe ab, legt die feuchten, bunt­be­sockten Füsse hoch und diktiert ihre Lebens­ge­schichte als Epos ins Telefon. Nebenbei teilt sie einen damp­fenden Döner mit ihren Mitrei­senden, zumin­dest olfak­to­risch. Die Atmungs­ap­pa­rate der unmit­tel­baren Neben­sit­ze­rinnen dienen ihr als Dunst­abzug.

Wenn sie gähnt, so gähnt sie, wie sie es in den eigenen vier Wänden tut: ausgiebig, laut, mit für alle Umste­henden unver­stelltem Blick auf die farb­li­chen Nuancen des Zungen­be­lags, das Glit­zer­spiel der Spei­chel­fäden und das dunkle Geschmeide der Zahn­fül­lungen. Auch was sons­tige Umgangs­formen und Klei­dungs­mo­da­li­täten betrifft, ist sie überall und immer bei sich zuhause. Ich akzep­tiere mich so, wie ich bin! An mir ist gar nichts falsch! Warum sollte ich es in der Öffent­lich­keit nicht genau so bequem haben wie auf der Couch?

Die Tole­ranz­bring­schuld der Anderen

Dass das öffent­liche Leben auch eine Ästhetik hat, an der alle Menschen als Künst­le­rinnen und Kura­to­rinnen mitwirken, mag der Spies­serin zwar einleuchten. Die Tole­ranz­bring­schuld aber liegt bei den anderen, nicht bei mir! Ob schluffig oder obszön, muffig oder fresh, flam­boyant oder verwahr­lost – anything goes. In den sozialen Netz­werken schliess­lich spart die Spies­serin allen­falls den Toilet­ten­gang aus. Aber da schliesst man ja auch zuhause die Tür. Anders als Vertre­te­rinnen der Gegen­kultur wie die Punks will die Spies­serin bei alledem eigent­lich gar nicht provo­zieren. Ihr ist es nicht um die Zerstö­rung eines „guten Stils“ zu tun. Sie vertritt keine radi­kale Ideo­logie. Sie will einfach nur ihr Wohn­zimmer nicht verlassen.

„Damit es in der Stadt so schön ist wie zuhause“: Zürcher Werbung für die Stadt­rei­ni­gung, Quelle: fb

Kurz, die Spies­serin stülpt ihr Privates unab­lässig in den Aussen­raum, auf dass dieser an Schre­cken verliere. Es ist, als habe sie Wilhelm Worrin­gers Satz verin­ner­licht: „Der Instinkt des Menschen aber ist nicht Welt­fröm­mig­keit, sondern Furcht“, ja sogar eine „unge­heure geis­tige Raum­scheu“. Dass dem Aussen­raum an den Ausstül­pungen der Spies­serin nicht gelegen sein könnte, weil zum gelin­genden Zusam­men­leben eine jede Abstriche bei ihren Neigungen machen muss, hält sie für üble, diskri­mi­nie­rende Nach­rede, wenn nicht für Mobbing. Entspre­chend aggressiv reagiert sie, wenn der Aussen­raum ihren Ausstül­pungen Skepsis oder gar Ableh­nung entge­gen­bringt – und macht damit der Etymo­logie des Begriffs „Spiess­bürger“ alle Ehre: Im Mittel­alter pflegten Bürger ihre Gated Commu­nities mit Spiessen zu vertei­digen. Was als Akt bürger­li­cher Eman­zi­pa­tion begann, fossi­liert in der Folge zur basalen Selbst­re­fe­renz.

Das „Mein“ der „Meinung“

Aber nicht nur bei Alltags­pe­ti­tessen, auch mit Blick auf die poli­ti­sche Kultur ist die Verspies­se­rung weit fort­ge­schritten – das stets etwas neuro­tisch wirkende Lippen­be­kenntnis, man stelle selbst eine „Alter­na­tive“ dar, bilde eine „Avant­garde“, sei „gegen das Estab­lish­ment“ oder wirke als „Outsider“, verstärkt diesen Eindruck noch. So betont die Spies­serin in poli­ti­schen Ausein­an­der­set­zungen unab­lässig, es sei ihr gutes Recht, ihre Meinung kund­zutun, niemand könne ihr das verbieten. Man wird doch wohl noch! Die anderen sollen sich nicht so haben! Dabei ist die Tatsache, dass man dieses und jenes doch wohl noch sagen dürfe, für die Spies­serin gleich­be­deu­tend damit, dass das, was da von ihr gesagt worden ist, richtig ist. Das „Mein“ in „Meinung“ nimmt sie überaus ernst.

Spricht sie hingegen von „wir“, so ist es nicht das empi­ri­sche, mannig­fal­tige, wider­stän­dige „Wir“ der Fakti­zität, sondern das knet­mas­sen­ar­tige „Wir“ der heime­ligen Imagi­na­tion. Die Spies­serin ist das Volk, ob auf rechter oder linker Seite. Zaghafte Einwände, sie stelle doch eher eine Minder­heit dar, wertet sie als ehrver­let­zend, Kritik steht kurz vor Terro­rismus. Über­haupt akzep­tiert sie Argu­mente nur, wenn diese in ihrem Sinne sind und tauscht sich am liebsten mit Menschen aus, die wie sie denken, sich wie sie fühlen, sich wie sie kleiden, wie sie leben. Ihre Gegen­über sind in Wahr­heit also keine Gegen­über, sondern sie selbst in anderer Gestalt. Im Wohl­fühlbad der wech­sel­sei­tigen Selbst­be­stä­ti­gung erfreut sie sich an den schil­lernden Blasen – wenn sie platzen, wird einfach neuer Schaum geschlagen.

Wenn sie schliess­lich Entschei­dungen trifft, die poli­ti­sche oder soziale oder ökono­mi­sche oder ökolo­gi­sche Impli­ka­tionen haben, dann kann es sich stets nur um einzelne, einma­lige Hand­lungen von kleinst­mög­li­cher Trag­weite handeln. Diese selbst­be­wusste Selbst­verzwer­gung ist eine raffi­nierte Form der Selbst­ent­las­tung. So fährt die Spies­serin ihr ganzes Leben lang immer wieder nur einmal kurze Stre­cken mit dem Auto, fliegt immer wieder nur einmal zum Shop­ping­wo­chen­ende nach London, vergisst immer wieder nur einmal, an einer wich­tigen Abstim­mung teil­zu­nehmen und ist ihren Mitmen­schen gegen­über immer wieder nur einmal unflätig. So schlimm kann das eine Mal doch nicht sein! Bin doch nur ich! Und plötz­lich ist sie nicht mehr „das Volk“.

Stei­ge­rungs­form: die Global­spies­serin

Die Stei­ge­rungs­form der Spies­serin ist die Global­spies­serin. Diese zwängt der Umwelt nicht ihr Wohn­zimmer auf, viel­mehr ist sie der Über­zeu­gung, dass die gesamte Welt seit jeher ihr palast­ar­tiges Wohn­haus ist. Wohin sie auch reist, ob zum Yoga-Retreat nach Sri Lanka oder zur Safari nach Namibia, ob zur Kunst­ver­nis­sage in Washington D.C. oder zu einer Gourmet-Verköstigung in Wrocław –, das Haus der Welt ist für sie einge­richtet und hat nur auf sie gewartet. In weit entfernt gele­genen Zimmern, die sie auf einem genau fest­ge­legten Parcours jeweils „entdeckt“, findet sie alles „fantas­tisch“, die Mitbe­woh­ne­rinnen sind stets „total freund­lich“ und die Küche „super inter­es­sant“. Stets entspricht das „Andere“, dem sie voller Span­nung entge­gen­sieht, genau den Erwar­tungen, die sie daran hegt.

Aber wehe, wenn sie entdeckt, dass infolge einer Unauf­merk­sam­keit der Haus­ver­wal­tung Räume an unge­fü­gige Mitbe­woh­ne­rinnen vergeben wurden! Mitbe­woh­ne­rinnen, die ihre Zimmer­türen verschliessen, die keinen Wert auf gemein­same Mahl­zeiten legen, die sich für die Inter­essen der Haus­herrin nicht inter­es­sieren und die sogar ohne Erlaubnis Hinter­aus­gänge gebaut haben. Dann beschliesst sie, dass so etwas nicht sein darf, weist die Haus­ver­wal­tung an, die Miet­ver­träge zu kündigen oder, sollte das aus recht­li­chen Gründen nicht möglich sein, künf­tige Zusam­men­stösse zu unter­binden. Fortan begibt sie sich nur noch in Räume, von denen sie sicher sein kann, dort keine unlieb­samen Begeg­nungen zu machen.

Wer also von der Frivo­lität, Offen­heit und Expe­ri­men­tier­freude der Gegen­wart spricht oder diese als exzessiv kriti­siert, darf von der sie beglei­tenden Verspies­se­rung nicht schweigen. Die frivole Noncha­lance, die zu Flau­berts Zeiten noch Spies­ser­schreck­qua­li­täten hatte, ist ihrer­seits spiessig geworden. Auch dieje­nigen, die vorder­gründig unan­ge­passt wirken, die sich indi­vi­dua­lis­tisch oder „ganz natür­lich“ geben, sind vor ihr nicht gefeit. Locker­heit und Entgren­zung sind oft nur Chif­fren für die angst­ge­trie­bene oder narziss­ti­sche Ausstül­pung des Selbst in die Anderen oder des Wohn-Raums in den Welt-Raum. Die einst revo­lu­tio­näre Erkenntnis, dass das Indi­vi­duum zählt und dass das Private poli­tisch ist, regre­diert in diesem Zuge zur Verbrä­mung eines selbst­ge­fäl­ligen, selbst­ge­nüg­samen Exhi­bi­tio­nismus – in Demo­kra­tien ist Politik eine öffent­liche Ange­le­gen­heit, also raus mit dem Intimsten, ob in den sozialen Netz­werken oder beim Handy­ge­spräch im Zug! Überall dort, wo die eigene Welt zum Universum wird, wo die Mein-ung alles und die Wir-ung nichts zählt, wo die Mitmen­schen zu Staf­fa­ge­fi­guren des eigenen Welt­bilds werden, da regiert das Spies­sertum.

 

Für den Hinweis auf die Spiesse danke ich dem selbst­er­nannten „Vollzeitberufstätige[n] Teilzeitideologe[n], weiße[n], alte[n], cis-heteronormative[m] Mann und Vater ohne Bezug von staat­li­chen Trans­fer­leis­tungen sowie besorgte[m],“ unter dem Pseud­onym „R____B____“ zwit­schernden „Bürger“ für den entspre­chenden Hinweis während einer Twitter-Diskussion (https://twitter.com/joergscheller1/status/1082326670168784901).
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