„The idea that white people—and white men in particular—face discrimination has become something of an obsession on the American right“, schrieb am 19. März 2026 die New York Times. Hier realisiert sich, was ich 2013 als Möglichkeit (und Gefahr) vorhergesehen hatte: dass sich weiße Männer als Opfer (der Opfer) deuten könnten, sogar als die eigentlichen Opfer, und zwar nicht zuletzt deswegen, weil nur ihnen der Opferstatus aberkannt würde.
Eines hatte ich indes nicht geahnt: Dass diese Möglichkeit im Namen des Christentums zum Durchbruch kommen würde. Der Ausdruck dafür lautet: „Woke Rechte“. Geprägt wurde er vom amerikanischen Pastor und Hochschullehrer Kevin DeYoung. Dieser erkannte in Stephen Wolfes Buch The Case for Christian Nationalism von 2022 ein rechtes Christentum, das sich selbst antiwoke versteht und gleichzeitig in den Sprachen von Verletzbarkeit, Anerkennung und kultureller Marginalisierung spricht – sich damit also jener Semantik bedient, die lange als Kennzeichen progressiver Bewegungen galt.
Was sich hier zeigt, ist daher nicht einfach eine rechte Gegenbewegung zum sogenannten Wokismus, sondern dessen eigentümliche Spiegelung – das Kippen einer progressiven Identitätspolitik auf die andere Seite. In der woken Rechten gelangt eine postessentialistische Identitätspolitik an ihr anderes Ende – und zugleich an ihr Ende. Sie hat das gesamte politische Spektrum durchquert, sich dabei reessentialisiert, radikalisiert und reaffirmiert nun, auf christlich-nationalistischer Grundlage, rechtsextreme Kategorien, deren Überwindung die Basis der Identitätspolitik nach 1945 gebildet hatte.
Wurzeln der postessentialistischen Identitätspolitik
„Ein Mensch kann sich nur als das wehren, als was er angegriffen wird“, schrieb Hannah Arendt 1942. „Ein Jude kann seine Menschenwürde nur bewahren, wenn er als Jude Mensch sein kann.“ Prägnanter lässt sich nicht artikulieren, dass die Übernahme von zugeschriebenen kollektiven Identitäten in Verfolgungssituationen unvermeidlich ist.
Allerdings können sich Antisemiten eben durch eine von ihnen selbst erzwungene Solidarisierung bestätigt sehen: Seht, sie halten zusammen! Genau das hat Jean-Paul Sartre gemeint, als er in seinen „Betrachtungen zur Judenfrage“ schrieb: „Der Antisemit macht den Juden“. „Jude“ ist demnach eine Zuschreibung von außen, eine soziale Konstruktion. Aber auch Konstruktionen sind wirksam für die dadurch erschaffenen Konstrukte – und bringen schon deshalb Wirklichkeiten hervor. Man könnte von einem performativen Bestätigungszirkel sprechen.
Für Sartre galt, wie für Arendt auch, sich auf der Grundlage antisemitischer Konstrukte zusammenzuschließen – und den Antisemitismus zu bekämpfen. Was er entwickelte, funktionierte als konzeptueller Prototyp für eine postessentialistische Identitätspolitik. Simone de Beauvoir übertrug das Prinzip auf die Kategorie des Geschlechts, Frantz Fanon auf den Kolonialismus. Beide waren von Sartre beeinflusst.
1977 veröffentlichte das Combahee River Collective, ein Zusammenschluss schwarzer, lesbischer Frauen, ein Statement, in dem vermutlich erstmals die Bezeichnung „Identitätspolitik“ verwendet wurde. Darin wurde die partikulare Dimension des politischen Kampfes explizit hervorgehoben: „Das Konzept der Identitätspolitik bildet die Grundlage für den Fokus auf unsere eigene Unterdrückung. Wir glauben, dass eine tiefgehende und möglicherweise die radikalste politische Haltung direkt aus unserer eigenen Identität heraus entsteht und nicht aus dem Kampf gegen die Unterdrückung anderer Menschen.“
Der Unterschied zu Arendt ist deutlich, denn diese verschränkte gerade eine partikulare mit einer universalistischen Perspektive (sie hielt ja an den Begriffen Mensch und Menschenwürde explizit fest). Ebenso deutlich ist der Unterschied zu Sartre, denn Sartres Solidarisierung mit den Opfern des Antisemitismus war gerade das, was das Combahee River Collective für sich ausschloss: Ein Kampf gegen die Unterdrückung anderer Menschen.
Vor allem wirft diese progressive Identitätspolitik der späten 1970er Jahre ein Licht auf einen Unterschied, der bereits zwischen Sartre und Arendt bestand und den man leicht übersehen kann, weil beide in der Solidarisierung mit den Opfern des Antisemitismus übereinstimmten: Sartre war, anders als Arendt, kein Jude. Wie gelang ihm die Solidarisierung mit den Opfern des Antisemitismus?
Negative Identitätspolitik
Zentral dafür scheint mir ein Schuldbekenntnis. Der Schlüsselsatz hierfür lautet bei Sartre: „Keiner von uns ist unter diesen Umständen unschuldig, wir sind Verbrecher, und das Blut, das die Nazis vergossen haben, kommt auf unser Haupt.“ Er bildet den Auftakt zu einem Wechsel von der Täter- (bzw. Mitläufer-) zur Opferseite. Damit stiftete Sartre einen neuen Typus von Intellektuellen, eine neue subjektive Figur: Während für dessen Urbild, Émile Zola, ein „J’accuse“ kennzeichnend ist, performte Sartre ein „Je m’accuse“. Und das politische Ergebnis, das dieser neue Intellektuelle qua Schuldeingeständnis hervorbrachte, nenne ich „negative Identitätspolitik“. Es handelt sich dabei um eine Identitätspolitik für Nicht-Opfer.
Relevant wurde sie nicht in Frankreich, sondern in Deutschland, dem Land, das für den Holocaust hauptsächlich verantwortlich war. Hier wurde eine negative Identitätspolitik wirksam, die den Tätern und Verstrickten durch Anerkennung einer gemeinsamen Schuld die Bewahrung einer Gemeinschaft und kollektiven Identität ermöglichte. Die „Stuttgarter Schulderklärung“ der Evangelische Kirche Deutschland sprach 1945 von einer „Solidarität in der Schuld“.
Zur negativen Identitätspolitik gehört strukturell die Abgrenzung von jenen, die diese Schuld nicht anerkennen. Wir alle sind schuld, aber wir, die die Schuld bekennen, können uns von ihr reinigen, wodurch jene die wahren Schuldigen werden, die die Schuld nicht eingestehen. Der jüngst verstorbene Jürgen Habermas war vor 40 Jahren einer der zentralen Architekten einer deutschen Gedenkgemeinschaft, die die Anerkennung der Schuld mit dem Ausschluss jener verband, die diese Schuld (oder ihre Singularität) nicht anerkennen.
Kritik der negativen Identitätspolitik und ihre Nebenwirkungen
Habermas’ Förderer Max Horkheimer hatte in der Schuldpolitik schon früh ein „famoses Verfahren“ erblickt, „das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache.“ Eine ähnliche Kritik, diesmal aber am Westen, formulierte Mitte der 1980er Jahre die postkoloniale Theoretikerin Gayatri C. Spivak: „Einige der radikalsten Kritiken, die heute aus dem Westen kommen, sind das Ergebnis eines interessierten Begehrens, das Subjekt des Westens, oder den Westen als Subjekt zu erhalten.“
Spivak verband ihre Kritik mit einem, wenn auch eingeklammerten, Partikularismus der Marginalisierten, den sie mit dem berühmten Begriff des „strategischen Essentialismus“ (von dem sie sich später distanzierte) bezeichnete. Dieser ermöglichte marginalisierten Gruppen die Bejahung temporärer Identitätskonstruktionen. Damit wurde die Vermittlung zwischen einer Dekonstruktion stabiler Identitäten und der identitätspolitischen Affirmation bestimmter, als diskriminiert gelesener Identitäten möglich. Diese temporäre Stärkung einer partikularen progressiven Identitätspolitik der Opfer ging mit einer Kritik einer negativen Identitätspolitik der Nicht-Opfer einher.
Das Anliegen, die Marginalisierten zu stärken, war richtig. Gleichzeitig aber wurde hier für Nicht-Benachteiligte auch eine selbstkritische Bewahrung der eigenen Identität, bzw. eine Bewahrung der kollektiven Identität qua Selbstkritik problematisch. Und etwa seit Mitte der 2010er Jahre wurde ihnen, im Namen der Kritik an kulturellen Aneignungen, selbst die Identifikation und Solidarisierung mit benachteiligten Gruppen erschwert.
Was aus Sicht der Marginalisierten unproblematisch erscheinen konnte, führte ein Problem mit sich: Dass gesellschaftliche Transformationsprozesse, so der Philosoph William E. Connolly, auch den Profiteuren des bestehenden Systems eine positive Aussicht bieten müssten. Das entscheide darüber, ob sie mit erbittertem Widerstand oder Akzeptanz auf Veränderung reagierten.
Rückblickend war die mangelnde Berücksichtigung dieser Einsicht vielleicht der größte Fehler einer progressiven Identitätspolitik der vergangenen Jahrzehnte. Denn tatsächlich ist unübersehbar, dass identitätspolitische Spielräume für Nicht-Opfer (und das waren im Westen in erster Linie weiße, heterosexuelle, christlich-säkulare Männer) seit den 1990er Jahren immer enger wurden. Im Zuge dessen machte sich die negative Identitätspolitik, die Herstellung eines „Wir“ qua Schuldanerkennung und Abgrenzung von jenen, die diese Schuld nicht anerkannten, geltend.
Die Abgrenzung von rechts wiederum war gewöhnlich auch eine Abgrenzung von unten. Und da sozial schlechter gestellte Weiße nach den Anerkennungskriterien Hautfarbe, Geschlecht oder sexuelle Orientierung als „privilegiert“ betrachtet werden konnten, galten sie von allen Seiten, sieht man von Ausnahmen wie Didier Eribon (Rückkehr nach Reims) oder Arlie Hochschild (Fremd in ihrem Land) ab, als nicht sonderlich empathiewürdig, ja zuweilen als legitime Ziele von Geringschätzung.
Regelrecht verheerend wurde dies, wenn die Herabsetzung durch sozial, ökonomisch und akademisch Bessergestellte erfolgte. Emblematisch dafür wurde die Wendung „basket of deplorables“, mit der Hillary Clinton „half of Trump’s supporters“ aburteilte. Sie waren als „white trash“ irgendwann zu Beginn des 21. Jahrhunderts zum beliebten Gegenstand kultureller Abwertungen (und damit auch hochkultureller Umwertungen als „Hipster“) geworden. Oder, in den Worten David Wongs: „everyone’s punching bag, one of society’s last remaining safe comedy targets.“
Die überraschende Wahl Donald Trumps 2016 leitete einen Backlash ein, der auch die Umwandlung des Begriffs woke zum rechten Kampfbegriff hervorbrachte. Gleichzeitig drang eine kritische Revision der amerikanischen Geschichte bis in die tiefsten Wurzeln eines weißen amerikanischen Selbstverständnisses vor.
Durch das 2019 von der New York Times lancierte „Projekt 1619“ wurden viele zum ersten Mal darauf aufmerksam gemacht, dass ein Jahr vor der Mayflower ein anderes Schiff in Nordamerika angelegt hatte: die White Lion. Sie hatte die ersten Schwarzafrikaner in die englische Kolonie Virginia gebracht. Das Sklavenschiff war also noch vor den für das weiße, protestantische Amerika identitätsstiftenden Pilgrimfathers in Nordamerika gelandet. Einer identitätsstiftenden Erzählung wurde damit die Erinnerung an ein Ereignis vorgelagert, das den Beginn der Sklaverei auf amerikanischem Boden markiert: Am Anfang stand ein Urverbrechen.
Der Umschlag von einer Erinnerungskultur, die die protestantischen Pilgerväter positiv-verklärend ins Zentrum gerückt hatte (zelebriert im Thanksgiving-Fest), zu ihrer radikalen Um- und Abwertung zeigte sich in populärer Weise in der 2022 erschienenen ersten Staffel der Serie Wednesday. In ihr erschienen die „Heiligen“, wie sich die Pilgerväter selbst nannten, als xenophobe Hasser.
Die woke Rechte als vanishing mediator
2022 war auch das Jahr, in dem „woke Rechte“ als Bezeichnung für einen bestimmten christlichen Nationalismus aufkam. Und jetzt wird der Hintergrund deutlicher: Es war eine Zeit, in der sich Weiße, vor allem weiße Männer, von positiven Mythen und Identitätsangeboten weitgehend abgeschnitten sehen konnten. Viele antworteten mit einer Re-Appropriation hochkulturell abgewerteter Identitäten: weiß, männlich, heterosexuell, konservativer Christ. Und mit dem uneingestanden „woken“ Selbstverständnis, Opfer von gegen sie gerichteter Machenschaften („Bevölkerungsaustausch“, Feminismus, Antichristentum etc.) zu sein.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Mord am rechten christlichen Influencer Charlie Kirk 2025 eine so große Resonanz erfuhr. Hier kam nämlich beides zusammen: Ermordet wurde ein rechter, weißer, heterosexueller und bekennender konservativer Christ. Eben das schien die Selbstwahrnehmung vieler weißer Konservativer zu bestätigen, potenzielle Opfer von gegen sie gerichteten Entwicklungen und Angriffen geworden zu sein.
Die Gedenkfeier für den ermordeten Gründer von „Turning Point USA“ im September 2025, bei der fast die gesamte US-Administration anwesend war und auch Regierungsvertreter immer wieder Jesus Christus in den Mund nahmen, war rückblickend der Höhepunkt einer woken christlichen Rechten. Also auch ein Übergang – der turning point für „Turning Point“. Denn sofort trat eine innere Fraktur zutage, die Kirk als Integrationsfigur bis dahin noch hatte überbrücken können. Sie betraf das Verhältnis der christlichen Rechten zu Israel.
In der nationalistischen America-first-Politik war von Anbeginn die Möglichkeit angelegt, sich von einer traditionellen amerikanischen Israel-Unterstützung abzuwenden. Dieser – aufgrund demografischer und theologischer Verschiebungen innerhalb der amerikanischen Rechten schon länger beobachtbare – Trend wurde mit der Vernichtung Gazas und über 70.000 Toten weiter verstärkt. Nachdem die Israel-Unterstützung schon unter jungen Demokratinnen rapide gesunken war, zeichnet sich nun das gleiche unter jungen Republikanern ab.
Ohne breite Unterstützung wiederum, schreibt der amerikanische Autor John B. Judis, müssten sich Israel-Sympathisanten zunehmend auf den Einfluss von Gruppen wie AIPAC und der Anti-Defamation League sowie auf „super-wealthy pro-Israel Jews such as Bill Ackman, Miriam Adelson and Larry Ellison“ verlassen. Und das wiederum sei geeignet, Kritik an amerikanischer Israel-Unterstützung in Antisemitismus zu verwandeln.
Unmittelbar nach dem Tod Kirks tauchte, für viele wie aus dem Nichts, eine Gestalt auf, die von der New York Times wenig später als sein Nachfolger bezeichnet wurde: Der Influencer Nick Fuentes. Er steht für den nahtlosen Übergang von einer woken christlichen Rechten zu einem christlichen Rechtsextremismus: Er ist offen rassistisch und misogyn. Vor allem aber repräsentiert er am deutlichsten die Radikalisierung einer Abwendung von Israel zu einem offenen Antisemitismus.
Anders als der machtvolle und massenmörderische Antisemitismus, den Arendt und Sartre vor Augen hatten, kann sich dieser neue Antisemitismus als Opfer darstellen. Fuentes verweist darauf, 2016 wegen seiner Hinterfragung der amerikanischen Israel-Unterstützung von proisraelischen Rechten angegriffen und gecancelt worden zu sein. Das war offenbar der Anfang seiner Radikalisierung. Hier scheint sich Sartres Satz „Der Antisemit macht den Juden“ regelrecht verkehrt zu haben: Der (israelbezogene) Anti-Antisemit macht den Antisemiten.
Fuentes ist gerade im Kontext der weiteren Entwicklung der woken christlichen Rechten relevant. Die Geschichte, die er über sich selbst erzählt, ist die eines Opfers des canceling, deplatforming und doxing von allen politischen Seiten. Er war offenbar auch Ziel eines Mordversuchs. Das macht ihn für eine woke christliche Rechte anschlussfähig, zumal sich Fuentes eindeutig als Christ inszeniert. Gleichzeitig macht er sich über rechtswoke Christen lustig – die „All-American Halftime Show“ von Turning Point USA etwa nannte er „safe space for white losers“.
Jene Identitätspolitik, die mit der woken Rechten auf die weißen Männer übergewechselt ist, löst sich hier von woken Restbeständen, die für rechte christliche Weiße unter einer pro-christlichen und pro-weißen Regierung ohnehin anachronistisch geworden sind – und kippt in eine aggressive und gewaltbereite Selbstaffirmation. Hierin ist Fuentes symptomatisch für ein nationalistisches „Muskelchristentum“, das sich vom „woken Christentum“ ebenso löst wie sich vor hundert Jahren das zionistische „Muskeljudentum“ (Max Nordau) polemisch von einem diasporischen, talmudischen „Nervenjudentum“ absetzte.
Dieses nationalistische Muskelchristentum wiederum scheint, verstärkt seit dem völkerrechtswidrigen israelisch-amerikanischen Angriffskrieg gegen den Iran, in zwei antagonistische Fraktionen auseinanderzubrechen: einen christlich-zionistischen bzw. abendländisch-kulturchristlichen Teil, der mehr oder weniger offen antiislamisch und (auch deswegen) proisraelisch ausgerichtet ist; sowie einen neuen, antiisraelischen – und in seinen extremeren Formen antisemitischen – Zweig.
So bedrohlich diese Entwicklung auch ist: Mit der Radikalisierung wächst auch die Abwendung der Gemäßigteren. Es gibt Zeichen für das Ende des rechten Vibe-Shifts. Zudem dürften aus einer Spaltung der christlichen Rechten Chancen für die Linke erwachsen. Vor allem dann, wenn sie, wie das Zohran Mamdani erfolgreich vorgemacht hat, identitätspolitische Einseitigkeiten und Rigorismen der Woke-Jahre hinter sich lässt – und zu einer materiellen Politik zurückkehrt.