Die Identitätspolitiken der Rechten haben in den letzten Jahren eine „woke Rechte“ konstruiert, in der sich Akteure wie Kirk oder Fuentes als Opfer inszenieren. Besonders weiße, christliche Männer sehen sich delegitimiert und fassen dies in die Diskurse progressiver Bewegungen. Entlang welcher historischer und theoretischer Linien hat sich diese Entwicklung vollzogen und welche politischen Dynamiken und Radikalisierungen haben sich daraus ergeben?

  • Luca Di Blasi

    Prof. Luca Di Blasi unterrichtet Philosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Gegenwartsphilosophie, Politische Theologien und Theorien des Postsäkularen. Seine Monographie "Die Politik der Schuld. Eine Durchquerung" ist Ende 2025 bei Matthes & Seitz erschienen.

„The idea that white people—and white men in particular—face discri­mi­na­tion has become some­thing of an obses­sion on the American right“, schrieb am 19. März 2026 die New York Times. Hier reali­siert sich, was ich 2013 als Möglich­keit (und Gefahr) vorher­ge­sehen hatte: dass sich weiße Männer als Opfer (der Opfer) deuten könnten, sogar als die eigent­li­chen Opfer, und zwar nicht zuletzt deswegen, weil nur ihnen der Opfer­status aberkannt würde.

Eines hatte ich indes nicht geahnt: Dass diese Möglich­keit im Namen des Chris­ten­tums zum Durch­bruch kommen würde. Der Ausdruck dafür lautet: „Woke Rechte“. Geprägt wurde er vom ameri­ka­ni­schen Pastor und Hoch­schul­lehrer Kevin DeYoung. Dieser erkannte in Stephen Wolfes Buch The Case for Chris­tian Natio­na­lism von 2022 ein rechtes Chris­tentum, das sich selbst anti­woke versteht und gleich­zeitig in den Spra­chen von Verletz­bar­keit, Aner­ken­nung und kultu­reller Margi­na­li­sie­rung spricht – sich damit also jener Semantik bedient, die lange als Kenn­zei­chen progres­siver Bewe­gungen galt.

Was sich hier zeigt, ist daher nicht einfach eine rechte Gegen­be­we­gung zum soge­nannten Wokismus, sondern dessen eigen­tüm­liche Spie­ge­lung – das Kippen einer progres­siven Iden­ti­täts­po­litik auf die andere Seite. In der woken Rechten gelangt eine postes­sen­tia­lis­ti­sche Iden­ti­täts­po­litik an ihr anderes Ende – und zugleich an ihr Ende. Sie hat das gesamte poli­ti­sche Spek­trum durch­quert, sich dabei rees­sen­tia­li­siert, radi­ka­li­siert und reaf­fir­miert nun, auf christlich-nationalistischer Grund­lage, rechts­extreme Kate­go­rien, deren Über­win­dung die Basis der Iden­ti­täts­po­litik nach 1945 gebildet hatte.

Wurzeln der postes­sen­tia­lis­ti­schen Identitätspolitik

„Ein Mensch kann sich nur als das wehren, als was er ange­griffen wird“, schrieb Hannah Arendt 1942. „Ein Jude kann seine Menschen­würde nur bewahren, wenn er als Jude Mensch sein kann.“ Prägnanter lässt sich nicht arti­ku­lieren, dass die Über­nahme von zuge­schrie­benen kollek­tiven Iden­ti­täten in Verfol­gungs­si­tua­tionen unver­meid­lich ist.

Aller­dings können sich Anti­se­miten eben durch eine von ihnen selbst erzwun­gene Soli­da­ri­sie­rung bestä­tigt sehen: Seht, sie halten zusammen! Genau das hat Jean-Paul Sartre gemeint, als er in seinen „Betrach­tungen zur Juden­frage“ schrieb: „Der Anti­semit macht den Juden“. „Jude“ ist demnach eine Zuschrei­bung von außen, eine soziale Konstruk­tion. Aber auch Konstruk­tionen sind wirksam für die dadurch erschaf­fenen Konstrukte – und bringen schon deshalb Wirk­lich­keiten hervor. Man könnte von einem perfor­ma­tiven Bestä­ti­gungs­zirkel sprechen.

Für Sartre galt, wie für Arendt auch, sich auf der Grund­lage anti­se­mi­ti­scher Konstrukte zusam­men­zu­schließen – und den Anti­se­mi­tismus zu bekämpfen. Was er entwi­ckelte, funk­tio­nierte als konzep­tu­eller Prototyp für eine postes­sen­tia­lis­ti­sche Iden­ti­täts­po­litik. Simone de Beau­voir über­trug das Prinzip auf die Kate­gorie des Geschlechts, Frantz Fanon auf den Kolo­nia­lismus. Beide waren von Sartre beeinflusst.

1977 veröf­fent­lichte das Combahee River Coll­ec­tive, ein Zusam­men­schluss schwarzer, lesbi­scher Frauen, ein State­ment, in dem vermut­lich erst­mals die Bezeich­nung „Iden­ti­täts­po­litik“ verwendet wurde. Darin wurde die parti­ku­lare Dimen­sion des poli­ti­schen Kampfes explizit hervor­ge­hoben: „Das Konzept der Iden­ti­täts­po­litik bildet die Grund­lage für den Fokus auf unsere eigene Unter­drü­ckung. Wir glauben, dass eine tief­ge­hende und mögli­cher­weise die radi­kalste poli­ti­sche Haltung direkt aus unserer eigenen Iden­tität heraus entsteht und nicht aus dem Kampf gegen die Unter­drü­ckung anderer Menschen.“

Der Unter­schied zu Arendt ist deut­lich, denn diese verschränkte gerade eine parti­ku­lare mit einer univer­sa­lis­ti­schen Perspek­tive (sie hielt ja an den Begriffen Mensch und Menschen­würde explizit fest). Ebenso deut­lich ist der Unter­schied zu Sartre, denn Sartres Soli­da­ri­sie­rung mit den Opfern des Anti­se­mi­tismus war gerade das, was das Combahee River Coll­ec­tive für sich ausschloss: Ein Kampf gegen die Unter­drü­ckung anderer Menschen.

Vor allem wirft diese progres­sive Iden­ti­täts­po­litik der späten 1970er Jahre ein Licht auf einen Unter­schied, der bereits zwischen Sartre und Arendt bestand und den man leicht über­sehen kann, weil beide in der Soli­da­ri­sie­rung mit den Opfern des Anti­se­mi­tismus über­ein­stimmten: Sartre war, anders als Arendt, kein Jude. Wie gelang ihm die Soli­da­ri­sie­rung mit den Opfern des Antisemitismus?

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Nega­tive Identitätspolitik

Zentral dafür scheint mir ein Schuld­be­kenntnis. Der Schlüs­sel­satz hierfür lautet bei Sartre: „Keiner von uns ist unter diesen Umständen unschuldig, wir sind Verbre­cher, und das Blut, das die Nazis vergossen haben, kommt auf unser Haupt.“ Er bildet den Auftakt zu einem Wechsel von der Täter- (bzw. Mitläufer-) zur Opfer­seite. Damit stif­tete Sartre einen neuen Typus von Intel­lek­tu­ellen, eine neue subjek­tive Figur: Während für dessen Urbild, Émile Zola, ein „J’accuse“ kenn­zeich­nend ist, performte Sartre ein „Je m’accuse“. Und das poli­ti­sche Ergebnis, das dieser neue Intel­lek­tu­elle qua Schuld­ein­ge­ständnis hervor­brachte, nenne ich „nega­tive Iden­ti­täts­po­litik“. Es handelt sich dabei um eine Iden­ti­täts­po­litik für Nicht-Opfer.

Rele­vant wurde sie nicht in Frank­reich, sondern in Deutsch­land, dem Land, das für den Holo­caust haupt­säch­lich verant­wort­lich war. Hier wurde eine nega­tive Iden­ti­täts­po­litik wirksam, die den Tätern und Verstrickten durch Aner­ken­nung einer gemein­samen Schuld die Bewah­rung einer Gemein­schaft und kollek­tiven Iden­tität ermög­lichte. Die „Stutt­garter Schuld­er­klä­rung“ der Evan­ge­li­sche Kirche Deutsch­land sprach 1945 von einer „Soli­da­rität in der Schuld“.

Zur nega­tiven Iden­ti­täts­po­litik gehört struk­tu­rell die Abgren­zung von jenen, die diese Schuld nicht aner­kennen. Wir alle sind schuld, aber wir, die die Schuld bekennen, können uns von ihr reinigen, wodurch jene die wahren Schul­digen werden, die die Schuld nicht einge­stehen. Der jüngst verstor­bene Jürgen Habermas war vor 40 Jahren einer der zentralen Archi­tekten einer deut­schen Gedenk­ge­mein­schaft, die die Aner­ken­nung der Schuld mit dem Ausschluss jener verband, die diese Schuld (oder ihre Singu­la­rität) nicht anerkennen.

Kritik der nega­tiven Iden­ti­täts­po­litik und ihre Nebenwirkungen

Habermas’ Förderer Max Hork­heimer hatte in der Schuld­po­litik schon früh ein „famoses Verfahren“ erblickt, „das völki­sche Gemein­schafts­emp­finden in die Nach­kriegs­pe­riode hinüber­zu­retten. Das Wir zu bewahren war die Haupt­sache.“ Eine ähnliche Kritik, diesmal aber am Westen, formu­lierte Mitte der 1980er Jahre die post­ko­lo­niale Theo­re­ti­kerin Gayatri C. Spivak: „Einige der radi­kalsten Kritiken, die heute aus dem Westen kommen, sind das Ergebnis eines inter­es­sierten Begeh­rens, das Subjekt des Westens, oder den Westen als Subjekt zu erhalten.“

Spivak verband ihre Kritik mit einem, wenn auch einge­klam­merten, Parti­ku­la­rismus der Margi­na­li­sierten, den sie mit dem berühmten Begriff des „stra­te­gi­schen Essen­tia­lismus“ (von dem sie sich später distan­zierte) bezeich­nete. Dieser ermög­lichte margi­na­li­sierten Gruppen die Beja­hung tempo­rärer Iden­ti­täts­kon­struk­tionen. Damit wurde die Vermitt­lung zwischen einer Dekon­struk­tion stabiler Iden­ti­täten und der iden­ti­täts­po­li­ti­schen Affir­ma­tion bestimmter, als diskri­mi­niert gele­sener Iden­ti­täten möglich. Diese tempo­räre Stär­kung einer parti­ku­laren progres­siven Iden­ti­täts­po­litik der Opfer ging mit einer Kritik einer nega­tiven Iden­ti­täts­po­litik der Nicht-Opfer einher.

Das Anliegen, die Margi­na­li­sierten zu stärken, war richtig. Gleich­zeitig aber wurde hier für Nicht-Benachteiligte auch eine selbst­kri­ti­sche Bewah­rung der eigenen Iden­tität, bzw. eine Bewah­rung der kollek­tiven Iden­tität qua Selbst­kritik proble­ma­tisch. Und etwa seit Mitte der 2010er Jahre wurde ihnen, im Namen der Kritik an kultu­rellen Aneig­nungen, selbst die Iden­ti­fi­ka­tion und Soli­da­ri­sie­rung mit benach­tei­ligten Gruppen erschwert.

Was aus Sicht der Margi­na­li­sierten unpro­ble­ma­tisch erscheinen konnte, führte ein Problem mit sich: Dass gesell­schaft­liche Trans­for­ma­ti­ons­pro­zesse, so der Philo­soph William E. Connolly, auch den Profi­teuren des bestehenden Systems eine posi­tive Aussicht bieten müssten. Das entscheide darüber, ob sie mit erbit­tertem Wider­stand oder Akzep­tanz auf Verän­de­rung reagierten.

Rück­bli­ckend war die mangelnde Berück­sich­ti­gung dieser Einsicht viel­leicht der größte Fehler einer progres­siven Iden­ti­täts­po­litik der vergan­genen Jahr­zehnte. Denn tatsäch­lich ist unüber­sehbar, dass iden­ti­täts­po­li­ti­sche Spiel­räume für Nicht-Opfer (und das waren im Westen in erster Linie weiße, hete­ro­se­xu­elle, christlich-säkulare Männer) seit den 1990er Jahren immer enger wurden. Im Zuge dessen machte sich die nega­tive Iden­ti­täts­po­litik, die Herstel­lung eines „Wir“ qua Schuld­an­er­ken­nung und Abgren­zung von jenen, die diese Schuld nicht aner­kannten, geltend.

Die Abgren­zung von rechts wiederum war gewöhn­lich auch eine Abgren­zung von unten. Und da sozial schlechter gestellte Weiße nach den Aner­ken­nungs­kri­te­rien Haut­farbe, Geschlecht oder sexu­elle Orien­tie­rung als „privi­le­giert“ betrachtet werden konnten, galten sie von allen Seiten, sieht man von Ausnahmen wie Didier Eribon (Rück­kehr nach Reims) oder Arlie Hoch­schild (Fremd in ihrem Land) ab, als nicht sonder­lich empa­thie­würdig, ja zuweilen als legi­time Ziele von Geringschätzung.

Regel­recht verhee­rend wurde dies, wenn die Herab­set­zung durch sozial, ökono­misch und akade­misch Besser­ge­stellte erfolgte. Emble­ma­tisch dafür wurde die Wendung „basket of deplo­rables“, mit der Hillary Clinton „half of Trump’s supporters“ abur­teilte. Sie waren als „white trash“ irgend­wann zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts zum beliebten Gegen­stand kultu­reller Abwer­tungen (und damit auch hoch­kul­tu­reller Umwer­tungen als „Hipster“) geworden. Oder, in den Worten David Wongs: „everyone’s punching bag, one of society’s last remai­ning safe comedy targets.“

Die über­ra­schende Wahl Donald Trumps 2016 leitete einen Back­lash ein, der auch die Umwand­lung des Begriffs woke zum rechten Kampf­be­griff hervor­brachte. Gleich­zeitig drang eine kriti­sche Revi­sion der ameri­ka­ni­schen Geschichte bis in die tiefsten Wurzeln eines weißen ameri­ka­ni­schen Selbst­ver­ständ­nisses vor.

Durch das 2019 von der New York Times lancierte „Projekt 1619“ wurden viele zum ersten Mal darauf aufmerksam gemacht, dass ein Jahr vor der Mayflower ein anderes Schiff in Nord­ame­rika ange­legt hatte: die White Lion. Sie hatte die ersten Schwarz­afri­kaner in die engli­sche Kolonie Virginia gebracht. Das Skla­ven­schiff war also noch vor den für das weiße, protes­tan­ti­sche Amerika iden­ti­täts­stif­tenden Pilgrim­fa­thers in Nord­ame­rika gelandet. Einer iden­ti­täts­stif­tenden Erzäh­lung wurde damit die Erin­ne­rung an ein Ereignis vorge­la­gert, das den Beginn der Skla­verei auf ameri­ka­ni­schem Boden markiert: Am Anfang stand ein Urverbrechen.

Der Umschlag von einer Erin­ne­rungs­kultur, die die protes­tan­ti­schen Pilger­väter positiv-verklärend ins Zentrum gerückt hatte (zele­briert im Thanksgiving-Fest), zu ihrer radi­kalen Um- und Abwer­tung zeigte sich in popu­lärer Weise in der 2022 erschie­nenen ersten Staffel der Serie Wednesday. In ihr erschienen die „Heiligen“, wie sich die Pilger­väter selbst nannten, als xeno­phobe Hasser.

Die woke Rechte als vanis­hing mediator

2022 war auch das Jahr, in dem „woke Rechte“ als Bezeich­nung für einen bestimmten christ­li­chen Natio­na­lismus aufkam. Und jetzt wird der Hinter­grund deut­li­cher: Es war eine Zeit, in der sich Weiße, vor allem weiße Männer, von posi­tiven Mythen und Iden­ti­täts­an­ge­boten weit­ge­hend abge­schnitten sehen konnten. Viele antwor­teten mit einer Re-Appropriation hoch­kul­tu­rell abge­wer­teter Iden­ti­täten: weiß, männ­lich, hete­ro­se­xuell, konser­va­tiver Christ. Und mit dem unein­ge­standen „woken“ Selbst­ver­ständnis, Opfer von gegen sie gerich­teter Machen­schaften („Bevöl­ke­rungs­aus­tausch“, Femi­nismus, Anti­chris­tentum etc.) zu sein.

Vor diesem Hinter­grund wird verständ­lich, warum der Mord am rechten christ­li­chen Influencer Charlie Kirk 2025 eine so große Reso­nanz erfuhr. Hier kam nämlich beides zusammen: Ermordet wurde ein rechter, weißer, hete­ro­se­xu­eller und beken­nender konser­va­tiver Christ. Eben das schien die Selbst­wahr­neh­mung vieler weißer Konser­va­tiver zu bestä­tigen, poten­zi­elle Opfer von gegen sie gerich­teten Entwick­lungen und Angriffen geworden zu sein.

Die Gedenk­feier für den ermor­deten Gründer von „Turning Point USA“ im September 2025, bei der fast die gesamte US-Administration anwe­send war und auch Regie­rungs­ver­treter immer wieder Jesus Christus in den Mund nahmen, war rück­bli­ckend der Höhe­punkt einer woken christ­li­chen Rechten. Also auch ein Über­gang – der turning point für „Turning Point“. Denn sofort trat eine innere Fraktur zutage, die Kirk als Inte­gra­ti­ons­figur bis dahin noch hatte über­brü­cken können. Sie betraf das Verhältnis der christ­li­chen Rechten zu Israel.

In der natio­na­lis­ti­schen America-first-Politik war von Anbe­ginn die Möglich­keit ange­legt, sich von einer tradi­tio­nellen ameri­ka­ni­schen Israel-Unterstützung abzu­wenden. Dieser – aufgrund demo­gra­fi­scher und theo­lo­gi­scher Verschie­bungen inner­halb der ameri­ka­ni­schen Rechten schon länger beob­acht­bare – Trend wurde mit der Vernich­tung Gazas und über 70.000 Toten weiter verstärkt. Nachdem die Israel-Unterstützung schon unter jungen Demo­kra­tinnen rapide gesunken war, zeichnet sich nun das gleiche unter jungen Repu­bli­ka­nern ab.

Ohne breite Unter­stüt­zung wiederum, schreibt der ameri­ka­ni­sche Autor John B. Judis, müssten sich Israel-Sympathisanten zuneh­mend auf den Einfluss von Gruppen wie AIPAC und der Anti-Defamation League sowie auf „super-wealthy pro-Israel Jews such as Bill Ackman, Miriam Adelson and Larry Ellison“ verlassen. Und das wiederum sei geeignet, Kritik an ameri­ka­ni­scher Israel-Unterstützung in Anti­se­mi­tismus zu verwandeln.

Unmit­telbar nach dem Tod Kirks tauchte, für viele wie aus dem Nichts, eine Gestalt auf, die von der New York Times wenig später als sein Nach­folger bezeichnet wurde: Der Influencer Nick Fuentes. Er steht für den naht­losen Über­gang von einer woken christ­li­chen Rechten zu einem christ­li­chen Rechts­extre­mismus: Er ist offen rassis­tisch und misogyn. Vor allem aber reprä­sen­tiert er am deut­lichsten die Radi­ka­li­sie­rung einer Abwen­dung von Israel zu einem offenen Antisemitismus.

Anders als der macht­volle und massen­mör­de­ri­sche Anti­se­mi­tismus, den Arendt und Sartre vor Augen hatten, kann sich dieser neue Anti­se­mi­tismus als Opfer darstellen. Fuentes verweist darauf, 2016 wegen seiner Hinter­fra­gung der ameri­ka­ni­schen Israel-Unterstützung von prois­rae­li­schen Rechten ange­griffen und gecan­celt worden zu sein. Das war offenbar der Anfang seiner Radi­ka­li­sie­rung. Hier scheint sich Sartres Satz „Der Anti­semit macht den Juden“ regel­recht verkehrt zu haben: Der (israel­be­zo­gene) Anti-Antisemit macht den Antisemiten.

Fuentes ist gerade im Kontext der weiteren Entwick­lung der woken christ­li­chen Rechten rele­vant. Die Geschichte, die er über sich selbst erzählt, ist die eines Opfers des cance­ling, deplat­forming und doxing von allen poli­ti­schen Seiten. Er war offenbar auch Ziel eines Mord­ver­suchs. Das macht ihn für eine woke christ­liche Rechte anschluss­fähig, zumal sich Fuentes eindeutig als Christ insze­niert. Gleich­zeitig macht er sich über rechts­woke Christen lustig – die „All-American Halftime Show“ von Turning Point USA etwa nannte er „safe space for white losers“.

Jene Iden­ti­täts­po­litik, die mit der woken Rechten auf die weißen Männer über­ge­wech­selt ist, löst sich hier von woken Rest­be­ständen, die für rechte christ­liche Weiße unter einer pro-christlichen und pro-weißen Regie­rung ohnehin anachro­nis­tisch geworden sind – und kippt in eine aggres­sive und gewalt­be­reite Selb­staf­fir­ma­tion. Hierin ist Fuentes sympto­ma­tisch für ein natio­na­lis­ti­sches „Muskel­chris­tentum“, das sich vom „woken Chris­tentum“ ebenso löst wie sich vor hundert Jahren das zionis­ti­sche „Muskel­ju­dentum“ (Max Nordau) pole­misch von einem diaspo­ri­schen, talmu­di­schen „Nerven­ju­dentum“ absetzte.

Dieses natio­na­lis­ti­sche Muskel­chris­tentum wiederum scheint, verstärkt seit dem völker­rechts­wid­rigen israelisch-amerikanischen Angriffs­krieg gegen den Iran, in zwei antago­nis­ti­sche Frak­tionen ausein­an­der­zu­bre­chen: einen christlich-zionistischen bzw. abendländisch-kulturchristlichen Teil, der mehr oder weniger offen anti­is­la­misch und (auch deswegen) prois­rae­lisch ausge­richtet ist; sowie einen neuen, anti­is­rae­li­schen – und in seinen extre­meren Formen anti­se­mi­ti­schen – Zweig.

So bedroh­lich diese Entwick­lung auch ist: Mit der Radi­ka­li­sie­rung wächst auch die Abwen­dung der Gemä­ßig­teren. Es gibt Zeichen für das Ende des rechten Vibe-Shifts. Zudem dürften aus einer Spal­tung der christ­li­chen Rechten Chancen für die Linke erwachsen. Vor allem dann, wenn sie, wie das Zohran Mamdani erfolg­reich vorge­macht hat, iden­ti­täts­po­li­ti­sche Einsei­tig­keiten und Rigo­rismen der Woke-Jahre hinter sich lässt – und zu einer mate­ri­ellen Politik zurückkehrt.