Der #Troll im Netz. Eine Besichtigung

Trolls stören gezielt und in bösartiger Absicht. Ausgehend von den Chatrooms der 90er Jahre haben sie ihren Siegeszug durch die Sozialen Medien und Kommentarspalten angetreten. Seither besetzen sie die Öffentlichkeit. Die Frage ist: Was tun?



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Vielleicht wird 2016 als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem das post-faktische Zeitalter ausgerufen wurde. Seit einigen Wochen wird dieses Schlagwort jedenfalls heftig diskutiert – auch auf dieser Plattform. Gerne wird dabei argumentiert, dass uns das Internet, Social Media und insbesondere Google die post-faktische Suppe eingebrockt hätten. Genauso gut liesse sich jedoch sagen, dass Internet und Social Media den öffentlichen Diskurs über Fakten und Wirklichkeiten demokratisierten und uns neue Möglichkeiten des Fact-Checkings und der unabhängigen, vielleicht sogar „herrschaftsfreieren“ Informationsbeschaffung eröffneten.

Das Social Web ist in dieser Angelegenheit bloss ein – allenfalls zur Kenntlichkeit entstelltes – Spiegelbild der Gesellschaft in der sogenannten Real World. Den Typus des schamlos lauten, unangenehmen und dabei erstaunlich erfolgreichen post-faktischen Querulanten, der sich in Politik und Medien breitgemacht hat, kennt die Netzkultur seit langem: hier heisst er Troll. Vielleicht lässt sich auch für die Real World etwas aus den Taktiken lernen, die als Abwehr gegen diese klassische Reizfigur des Internets diskutiert werden?

Troll, der | [tʀɔl] (nordgermanisch „Unhold“, „Riese“, „Naturwesen“)

In der nordischen Mythologie sind Trolle unheimliche Wesen, die häufig als schadenbringende Riesen, manchmal auch als dämonische Zwerge in Erscheinung treten. In der Fantasy-Literatur haben sich Trolle als Kreaturen von ausserordentlicher Grösse und erschreckendem Äusseren etabliert. Ihre Körperkraft, ihre dicke, als natürliche Rüstung dienende Haut und ihre simple aber effiziente Grundintelligenz prädestinierte sie als äusserst brutale und durchschlagskräftige Kämpfer. Version 2.0 des Trolls erblickte das flimmernde Licht der Welt in den frühen Diskussionsgruppen des World Wide Web und seiner Vorläufer. Im Netzjargon – und jüngst auch nach dem Duden – bezeichnet der Begriff „Troll“ Personen, die die Kommunikation im Internet fortgesetzt stören, indem sie etwa andere Diskussionsteilnehmer provozieren oder beleidigen, Falschinformationen verbreiten oder Diskussionen gezielt zum Entgleisen zu bringen versuchen. Vom Chatroom aus haben die Trolle ihren Siegeszug durch die Sozialen Medien und Kommentarspalten angetreten. Seither besetzen sie die Öffentlichkeit.

Das Interesse von Trollen gilt nicht primär der Diskussion um das bessere Argument, sondern der Steuerung der Aufmerksamkeit. Dazu muss die eigene Botschaft nicht kohärent sein. Es zählt einzig, dass sie auf Resonanz stösst. Und dass sie rezipientenseitig Reflexe triggert – zumeist empört ablehnende, manchmal auch zustimmende –, die ihre Reichweite multiplizieren. Trolle bewegen sich nicht in der Sphäre des konstruktiven Dialogs, sondern in jener der Wirkungskommunikation. Viele sind darin so effizient und geschickt geworden, dass sich das Trollen für einige unter ihnen zum einträglichen Businessmodell entwickelt hat.

Doch so passend das Bild des asozialen nordgermanischen Schauerwesens auch sein mag: der etymologische Ursprung des Begriffs liegt wohl anderswo. Im Englischen bezeichnet trolling with bait eine Anglertechnik, bei der ein (oder mehrere) Köder von einem langsam fahrenden Boot durchs Wasser geschleppt wird (oder werden). Trolle fischen nach Reaktionen, nach Aufmerksamkeit. In früheren Zeiten des WWW und seinen Vorgängern war es deshalb üblich, auf Troll-Beiträge mit einem aus ASCII-Zeichen gezeichneten Fisch zu reagieren, dem sogenannten roten Hering: <*))))><. Dieser schöne Brauch ist inzwischen leider etwas in Vergessenheit geraten.

1990 – etwa in diesem Zeitraum kommt auch die Rede vom Netz-Troll auf – führte das Adventure-Game Secret of Monkey Island die beiden Wortbedeutungen auf unnachahmliche Weise zusammen: Der Möchtegern-Pirat Guybrush Threepwood wird an einer Brücke von einem grünen Troll aufgehalten, der als Zoll einen Gegenstand verlangt, der „Aufmerksamkeit erregt , dabei aber nicht von eigentlicher Wichtigkeit“ ist. Einen solchen Gegenstand hat Guybrush zuvor im Hinterhof der Hafenkneipe einer gefrässigen Möwe abgeluchst: ein roter Hering.

Der ursprüngliche, der Fischereitechnik entlehnte Strang der Wortbedeutung charakterisiert das Phänomen weniger als Wesensart („der Troll“), sondern als Tätigkeit („das Trollen“), als Kommunikationsmodus. Diese Perspektive erlaubt es, neben dem klassischen Forums-Troll auch andere Trollende (inkl. uns selbst) in den Blick zu nehmen – on- und offline.

Seit sich das Social Web mit der „realen Welt“ zunehmend verzahnt hat, erkennen wir auch in Persönlichkeiten in Politik und Medien trollartige Züge. Donald Trumps Aufstieg zum Präsidentschaftskandidaten bietet hierfür genügend Anschauungsmaterial. Und Troll-Taktiken zur viralen Verbreitung eigener „Inhalte“ und zum Agendasetting erfreuen sich auch in der Schweiz zunehmender Beliebtheit, wie etwa das SVP-Wahlkampf-Video „welcome to SVP“ von 2015 zeigte. (Zur Erklärung: Im Neonazi-Zahlencode steht „88“ einerseits für zweimal den achten Buchstaben im Alphabet und damit für „Heil Hitler“, sowie andrerseits für zweimal den achtletzten Buchstaben: „SS“.)

Don’t feed the Trolls – wirklich?

Trolle sind unangenehm. Sie zapfen uns nicht nur Zeit und Aufmerksamkeit ab, sie nötigen uns auch, uns in irgendeiner Weise zu ihnen zu verhalten. Dabei frustrieren sie: Egal wie man auf ihre Provokationen reagiert, egal wie eloquent man ihre Irrtümer blossstellt, egal wie messerscharf argumentierend man ihre Position dekonstruiert, sie tragen immer zumindest einen Teilsieg davon: man hat reagiert und ihnen damit eine Plattform geboten, man hat ihr Spiel mitgespielt und sich zu ihrem Multiplikator gemacht. „Don’t feed the trolls“ lautet deshalb eine goldene Regel der Internetkommunikation. Der beste Umgang mit Trollen sei, sie auszuhungern, indem man ihnen die Aufmerksamkeit entziehe, auf die sie im Grunde aus sind.

Gegen diese zunächst einleuchtende, breit akzeptierte Weisheit gibt es auch gewichtige Einwände. Zunächst einen empirischen: das Fütterungsverbot der letzten Jahre scheint die Troll-Population kaum beeindruckt zu haben. Dann einen moralischen Einwand: das Fütterungsverbot kehrt bis zu einem gewissen Grad die Schuldfrage um. Zumindest macht sie jene Kommunikationsteilnehmer für den Erfolg der Taktik des Trolles mitverantwortlich, die ihm ihre Aufmerksamkeit schenken – und sei es, um ihm zu widersprechen. Und zuletzt ein strategischer Einwand: die Evolution des Trolles ist vorangeschritten. Die Verlautbarungen einer professionell agierenden Troll-Elite erhalten in den sozialen Medien Tausende Likes, egal wie destruktiv, unwahr oder verzerrend sie sein mögen. Die Troll-Elite giert nicht mehr nach Aufmerksamkeit, sie hat sie bereits – ob in Tausendschaften von Followers auf Twitter, in ihrer Funktion als Parlamentarier, in der Leserschaft des wöchentlichen Editorials oder anderweitiger Prominenz.

Vollgefressen wie sie sind, kümmern diese „Trolls gone pro“ läppische Fütterungsverbote wenig. Und spätestens hier wird die goldene Regel zum Teil des Problems, das sie zu lösen sucht: Sie hat zur Konsequenz, dass die Äusserungen des Trolls von seinen Gesinnungsgenossen multipliziert werden, ohne dass sie in gebührenden Masse mit Gegenmeinungen kontrastiert, ohne dass die Aussagen kontextualisiert oder korrigiert werden. Das verzerrt das Bild über die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse in einer Debatte. Die Folge: bislang unentschlossene oder zurückhaltende Kommunikationsteilnehmer können den Eindruck erhalten, die Meinung des Trolls sei breit akzeptiert, vielleicht sogar legitim und richtig. Ausserdem hält das verzerrte Bild an konstruktiven Debatten interessierte Teilnehmer ab, sich zu äussern: weil die „Mehrheitsverhältnisse“ sie einschüchtern oder weil sie keine Lust haben, sich unter Trollen zu bewegen.

Was tun?

„Don’t feed the trolls“ – diese Haltung hat sich in unsere Köpfe und in unseren alltäglichen Umgang mit (sozialen) Medien so sehr eingeschliffen, dass sich zuweilen rechtfertigen muss, wer es mit Trollen aufnimmt. So sah sich etwa die Wochenzeitung genötigt, den Kommentar zu ihrem ebenso aufschlussreichen wie bedrückenden Interview  mit einem Hassredner mit der beinahe schuldbewusst klingenden Frage einzuleiten: „Warum bekommt ein Rassist und Sexist so viel Raum?“ Die Woz-Redaktionsleiterin Susan Boos nahm dabei eine Unterscheidung auf, die der israelische Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann eingeführt hat: die Unterscheidung zwischen dem einfachen, schnellen Denken („System 1“), wie es etwa bei den Rechtstrollen zu beobachten ist, und dem anstrengenderen langsamen Denken („System 2“) konstruktiverer Zeitgenossen. Daran anschliessend stellte sie die Frage nach dem „Was tun?“ – ihre Antwort: „Solche Gespräche“ – wie das erwähne Interview –  „führen und nüchtern Fragen stellen.“ Fragen, die Hassrednern in ihrem Umfeld gar nicht mehr gestellt würden. Und sie deshalb auch nicht zu langsamerem Denken anregen.

Eine sehr optimistische Haltung. Schliesslich machen wir tagtäglich die Erfahrung, dass solche „Schnelldenker“ oft derart in ihrem „confirmation bias“ und in ihrer post-faktischen Parallelwelt verstrickt sind, das sie mit einfachen Nachfragen nicht mehr aus dem Konzept zu bringen sind. Dennoch hat Susan Boos nicht unrecht: denn wenn wir in den (sozialen) Medien kommunizieren, dann kommunizieren wir nicht nur mit dem direkten Adressaten – sei es nun ein Troll, ein Bot oder ein ganz „normaler“ Account – sondern auch mit allen, die diese Kommunikation – zumeist mehrheitlich schweigend – mitlesen.

Aber sollten wir dann nicht eher bloss über die Trolle reden, statt mit ihnen? Ihr Tun kontextualisieren, ihren Kommunikationsmodus entlarven? Ihnen als einziges Futter – und als Signal für die Mitlesenden – einen roten Hering hinwerfen? Sollen wir uns in counterspeak versuchen und ihre Attacken erbarmungslos kontern, ihre Lügen richtigstellen? Sollen wir zurücktrollen, „pöbeln, aber präzise“? Ist das Ignorieren nicht doch manchmal die effizienteste Lösung?

Was tun also? Zuerst einmal sollten wir – wie so oft und wie es in solchen Debatten allzu selten geschieht – langsam denken und differenzieren. So müssen wir uns zunächst die Frage stellen, wie hungrig oder vollgefressen der jeweilige Troll gerade sei. Denn, wie wir aus dem ökonomischen Prinzip des abnehmenden Grenznutzens wissen, haben Fütterungen je nach Sättigungsgrad unterschiedliche Wirkungen. Ausserdem müssen wir uns jeweils fragen, mit welcher Art von Troll wir es gerade zu tun haben. Ingrid Brodnig, die sich mit dem „Hass im Netz“ für ihr dieses Jahr erschienenes gleichnamiges Buch auseinandersetzte, hat vor allem zwei Gruppen von Nutzern identifiziert, die, so Brodnig, für den Frust im Netz verantwortlich sind: „Die erste Gruppe sind die klassischen Trolle, also User, die sich daran erfreuen, wenn sie andere Menschen auf die Palme bringen können.“ Die andere Gruppe bezeichnet sie als „Glaubenskrieger“, die zurzeit besonders aktiv seien. „Dabei handelt es sich um Menschen, die mit beinahe religiösem Eifer von einem Thema besessen sind und die oftmals glauben, eine Bedrohung erkannt zu haben, von der nur sie etwas wissen. Dieser „Wissensvorsprung“ rechtfertigt es in ihren Augen auch, sehr vehement und aggressiv vorzugehen[…].“

Taxonomie der Trolle

Betrachtet man das Phänomen allerdings weniger als Wesensart (der Troll)  sondern eher als Tätigkeit (das Trollen), wird die Angelegenheit noch ein wenig komplexer. Es eröffnet sich ein ganzes Spektrum von Mischformen, Varianten und Verwandten von Trollen und Trollenden. Neben dem von Brodnig beschriebenen klassischen „LULZ-Troll“, der eine kindische bis sadistische Freude verspürt, wenn es ihm gelingt andere User negativ zu manipulieren, tummeln sich im Netz auch „Polit-Trolle“, die gezielt Shitstorms anfachen, um es damit im besten Falle in die klassischen Medien zu schaffen, wo sie dann bei der Zielgruppe punkten können.

Weiter begegnen wir „Hater-Trollen“, die ihre angestauten Frustration und Wut ungefiltert in die Kommentarspalten fliessen lassen. Wieder eine andere Gattung sind „Söldner-Trolle“, die für Regierungen in den Cyber-War ziehen. Oder auch Chefredaktoren, die in der Hoffnung, ihren serbelnden Blättern zu etwas mehr Resonanz zu verhelfen, immer groteskeren Gedankenmüll in ihre Editorials und Leitartikel giessen…

Diese kleine Taxonomie der Trolle und Trollenden ist weder komplett noch systematisch ausgearbeitet. Sie soll lediglich zeigen, dass je nach Troll, der einem gegenübersteht – on- oder offline (soweit sich das heute noch sauber auseinanderhalten lässt) –, eine andere Taktik angebracht sein kann. „Don’t feed the trolls“ ist bei gewissen Trollen sicher das Mittel der Wahl. Andere sollten wir vielleicht besser füttern. Bis sie platzen.