Remo Grolimund

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Remo Grolimund ist Historiker, forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich zur Umwelt- und Wissensgeschichte und publiziert als freier Autor zu Themen mit Schwerpunkt Schweizer Geschichte.

Viel­leicht wird 2016 als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem das post-fakti­sche Zeit­alter ausge­rufen wurde. Seit einigen Wochen wird dieses Schlag­wort jeden­falls heftig disku­tiert – auch auf dieser Platt­form. Gerne wird dabei argu­men­tiert, dass uns das Internet, Social Media und insbe­son­dere Google die post-fakti­sche Suppe einge­brockt hätten. Genauso gut liesse sich jedoch sagen, dass Internet und Social Media den öffent­li­chen Diskurs über Fakten und Wirk­lich­keiten demo­kra­ti­sierten und uns neue Möglich­keiten des Fact-Checkings und der unab­hän­gigen, viel­leicht sogar „herr­schafts­freieren“ Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung eröff­neten.

Das Social Web ist in dieser Ange­le­gen­heit bloss ein – allen­falls zur Kennt­lich­keit entstelltes – Spie­gel­bild der Gesell­schaft in der soge­nannten Real World. Den Typus des schamlos lauten, unan­ge­nehmen und dabei erstaun­lich erfolg­rei­chen post-fakti­schen Queru­lanten, der sich in Politik und Medien breit­ge­macht hat, kennt die Netz­kultur seit langem: hier heisst er Troll. Viel­leicht lässt sich auch für die Real World etwas aus den Taktiken lernen, die als Abwehr gegen diese klas­si­sche Reiz­figur des Inter­nets disku­tiert werden?

Troll, der | [tʀɔl] (nordgermanisch „Unhold“, „Riese“, „Naturwesen“)

Troll-Face; Quelle: FactSpy.net

Troll-Face; Quelle: FactSpy.net

In der nordi­schen Mytho­logie sind Trolle unheim­liche Wesen, die häufig als scha­den­brin­gende Riesen, manchmal auch als dämo­ni­sche Zwerge in Erschei­nung treten. In der Fantasy-Lite­ratur haben sich Trolle als Krea­turen von ausser­or­dent­li­cher Grösse und erschre­ckendem Äusseren etabliert. Ihre Körper­kraft, ihre dicke, als natür­liche Rüstung dienende Haut und ihre simple aber effi­zi­ente Grund­in­tel­li­genz präde­sti­nierte sie als äusserst brutale und durch­schlags­kräf­tige Kämpfer. Version 2.0 des Trolls erblickte das flim­mernde Licht der Welt in den frühen Diskus­si­ons­gruppen des World Wide Web und seiner Vorläufer. Im Netz­jargon – und jüngst auch nach dem Duden – bezeichnet der Begriff „Troll“ Personen, die die Kommu­ni­ka­tion im Internet fort­ge­setzt stören, indem sie etwa andere Diskus­si­ons­teil­nehmer provo­zieren oder belei­digen, Falsch­in­for­ma­tionen verbreiten oder Diskus­sionen gezielt zum Entgleisen zu bringen versu­chen. Vom Chat­room aus haben die Trolle ihren Siegeszug durch die Sozialen Medien und Kommen­tar­spalten ange­treten. Seither besetzen sie die Öffent­lich­keit.

Das Inter­esse von Trollen gilt nicht primär der Diskus­sion um das bessere Argu­ment, sondern der Steue­rung der Aufmerk­sam­keit. Dazu muss die eigene Botschaft nicht kohä­rent sein. Es zählt einzig, dass sie auf Reso­nanz stösst. Und dass sie rezi­pi­en­ten­seitig Reflexe trig­gert – zumeist empört ableh­nende, manchmal auch zustim­mende –, die ihre Reich­weite multi­pli­zieren. Trolle bewegen sich nicht in der Sphäre des konstruk­tiven Dialogs, sondern in jener der Wirkungs­kom­mu­ni­ka­tion. Viele sind darin so effi­zient und geschickt geworden, dass sich das Trollen für einige unter ihnen zum einträg­li­chen Busi­ness­mo­dell entwi­ckelt hat.

Doch so passend das Bild des asozialen nord­ger­ma­ni­schen Schau­er­we­sens auch sein mag: der etymo­lo­gi­sche Ursprung des Begriffs liegt wohl anderswo. Im Engli­schen bezeichnet trol­ling with bait eine Angler­technik, bei der ein (oder mehrere) Köder von einem langsam fahrenden Boot durchs Wasser geschleppt wird (oder werden). Trolle fischen nach Reak­tionen, nach Aufmerk­sam­keit. In früheren Zeiten des WWW und seinen Vorgän­gern war es deshalb üblich, auf Troll-Beiträge mit einem aus ASCII-Zeichen gezeich­neten Fisch zu reagieren, dem soge­nannten roten Hering: <*))))><. Dieser schöne Brauch ist inzwi­schen leider etwas in Verges­sen­heit geraten.

1990 – etwa in diesem Zeit­raum kommt auch die Rede vom Netz-Troll auf – führte das Adven­ture-Game Secret of Monkey Island die beiden Wort­be­deu­tungen auf unnach­ahm­liche Weise zusammen: Der Möch­te­gern-Pirat Guybrush Threep­wood wird an einer Brücke von einem grünen Troll aufge­halten, der als Zoll einen Gegen­stand verlangt, der „Aufmerk­sam­keit erregt , dabei aber nicht von eigent­li­cher Wich­tig­keit“ ist. Einen solchen Gegen­stand hat Guybrush zuvor im Hinterhof der Hafen­kneipe einer gefräs­sigen Möwe abge­luchst: ein roter Hering.

Guybrush und der Troll im Point-And-Click-Adventure-Game

Guybrush Threep­wood und der Troll im Point-And-Click-Adven­ture-Game “Secret of Monkey Island”

Der ursprüng­liche, der Fische­rei­technik entlehnte Strang der Wort­be­deu­tung charak­te­ri­siert das Phänomen weniger als Wesensart („der Troll“), sondern als Tätig­keit („das Trollen“), als Kommu­ni­ka­ti­ons­modus. Diese Perspek­tive erlaubt es, neben dem klas­si­schen Forums-Troll auch andere Trol­lende (inkl. uns selbst) in den Blick zu nehmen – on- und offline.

"Welcome to SVP": Wahlkampf-Video 2015; Quelle: YouTube.com

“Welcome to SVP”: Wahl­kampf-Video 2015; Quelle: YouTube.com

Nazi-Symbol "88" in "Welcome to SVP", Wahlkampf-Video 2015; Quelle: YouTube.com

Nazi-Symbol “88” in “Welcome to SVP”; Quelle: YouTube.com

Seit sich das Social Web mit der „realen Welt“ zuneh­mend verzahnt hat, erkennen wir auch in Persön­lich­keiten in Politik und Medien troll­ar­tige Züge. Donald Trumps Aufstieg zum Präsi­dent­schafts­kan­di­daten bietet hierfür genü­gend Anschau­ungs­ma­te­rial. Und Troll-Taktiken zur viralen Verbrei­tung eigener „Inhalte“ und zum Agen­da­set­ting erfreuen sich auch in der Schweiz zuneh­mender Beliebt­heit, wie etwa das SVP-Wahl­kampf-Video „welcome to SVP“ von 2015 zeigte. (Zur Erklä­rung: Im Neonazi-Zahlen­code steht “88” einer­seits für zweimal den achten Buch­staben im Alphabet und damit für “Heil Hitler”, sowie andrer­seits für zweimal den acht­letzten Buch­staben: “SS”.)

Don’t feed the Trolls – wirklich?

Trolle sind unan­ge­nehm. Sie zapfen uns nicht nur Zeit und Aufmerk­sam­keit ab, sie nötigen uns auch, uns in irgend­einer Weise zu ihnen zu verhalten. Dabei frus­trieren sie: Egal wie man auf ihre Provo­ka­tionen reagiert, egal wie eloquent man ihre Irrtümer bloss­stellt, egal wie messer­scharf argu­men­tie­rend man ihre Posi­tion dekon­stru­iert, sie tragen immer zumin­dest einen Teil­sieg davon: man hat reagiert und ihnen damit eine Platt­form geboten, man hat ihr Spiel mitge­spielt und sich zu ihrem Multi­pli­kator gemacht. „Don’t feed the trolls“ lautet deshalb eine goldene Regel der Inter­net­kom­mu­ni­ka­tion. Der beste Umgang mit Trollen sei, sie auszu­hun­gern, indem man ihnen die Aufmerk­sam­keit entziehe, auf die sie im Grunde aus sind.

Don't feed the trolls!

Don’t feed the trolls!

Gegen diese zunächst einleuch­tende, breit akzep­tierte Weis­heit gibt es auch gewich­tige Einwände. Zunächst einen empi­ri­schen: das Fütte­rungs­verbot der letzten Jahre scheint die Troll-Popu­la­tion kaum beein­druckt zu haben. Dann einen mora­li­schen Einwand: das Fütte­rungs­verbot kehrt bis zu einem gewissen Grad die Schuld­frage um. Zumin­dest macht sie jene Kommu­ni­ka­ti­ons­teil­nehmer für den Erfolg der Taktik des Trolles mitver­ant­wort­lich, die ihm ihre Aufmerk­sam­keit schenken – und sei es, um ihm zu wider­spre­chen. Und zuletzt ein stra­te­gi­scher Einwand: die Evolu­tion des Trolles ist voran­ge­schritten. Die Verlaut­ba­rungen einer profes­sio­nell agie­renden Troll-Elite erhalten in den sozialen Medien Tausende Likes, egal wie destruktiv, unwahr oder verzer­rend sie sein mögen. Die Troll-Elite giert nicht mehr nach Aufmerk­sam­keit, sie hat sie bereits – ob in Tausend­schaften von Follo­wers auf Twitter, in ihrer Funk­tion als Parla­men­ta­rier, in der Leser­schaft des wöchent­li­chen Edito­rials oder ander­wei­tiger Promi­nenz.

Voll­ge­fressen wie sie sind, kümmern diese „Trolls gone pro“ läppi­sche Fütte­rungs­ver­bote wenig. Und spätes­tens hier wird die goldene Regel zum Teil des Problems, das sie zu lösen sucht: Sie hat zur Konse­quenz, dass die Äusse­rungen des Trolls von seinen Gesin­nungs­ge­nossen multi­pli­ziert werden, ohne dass sie in gebüh­renden Masse mit Gegen­mei­nungen kontras­tiert, ohne dass die Aussagen kontex­tua­li­siert oder korri­giert werden. Das verzerrt das Bild über die tatsäch­li­chen Mehr­heits­ver­hält­nisse in einer Debatte. Die Folge: bislang unent­schlos­sene oder zurück­hal­tende Kommu­ni­ka­ti­ons­teil­nehmer können den Eindruck erhalten, die Meinung des Trolls sei breit akzep­tiert, viel­leicht sogar legitim und richtig. Ausserdem hält das verzerrte Bild an konstruk­tiven Debatten inter­es­sierte Teil­nehmer ab, sich zu äussern: weil die „Mehr­heits­ver­hält­nisse“ sie einschüch­tern oder weil sie keine Lust haben, sich unter Trollen zu bewegen.

Was tun?

„Don’t feed the trolls“ – diese Haltung hat sich in unsere Köpfe und in unseren alltäg­li­chen Umgang mit (sozialen) Medien so sehr einge­schliffen, dass sich zuweilen recht­fer­tigen muss, wer es mit Trollen aufnimmt. So sah sich etwa die Wochen­zei­tung genö­tigt, den Kommentar zu ihrem ebenso aufschluss­rei­chen wie bedrü­ckenden Inter­view  mit einem Hass­redner mit der beinahe schuld­be­wusst klin­genden Frage einzu­leiten: „Warum bekommt ein Rassist und Sexist so viel Raum?“ Die Woz-Redak­ti­ons­lei­terin Susan Boos nahm dabei eine Unter­schei­dung auf, die der israe­li­sche Psycho­loge und Nobel­preis­träger Daniel Kahne­mann einge­führt hat: die Unter­schei­dung zwischen dem einfa­chen, schnellen Denken („System 1“), wie es etwa bei den Recht­strollen zu beob­achten ist, und dem anstren­gen­deren lang­samen Denken („System 2“) konstruk­ti­verer Zeit­ge­nossen. Daran anschlies­send stellte sie die Frage nach dem „Was tun?“ – ihre Antwort: „Solche Gespräche“ – wie das erwähne Inter­view –  „führen und nüch­tern Fragen stellen.“ Fragen, die Hass­red­nern in ihrem Umfeld gar nicht mehr gestellt würden. Und sie deshalb auch nicht zu lang­sa­merem Denken anregen.

Eine sehr opti­mis­ti­sche Haltung. Schliess­lich machen wir tagtäg­lich die Erfah­rung, dass solche „Schnell­denker“ oft derart in ihrem „confir­ma­tion bias“ und in ihrer post-fakti­schen Paral­lel­welt verstrickt sind, das sie mit einfa­chen Nach­fragen nicht mehr aus dem Konzept zu bringen sind. Dennoch hat Susan Boos nicht unrecht: denn wenn wir in den (sozialen) Medien kommu­ni­zieren, dann kommu­ni­zieren wir nicht nur mit dem direkten Adres­saten – sei es nun ein Troll, ein Bot oder ein ganz „normaler“ Account – sondern auch mit allen, die diese Kommu­ni­ka­tion – zumeist mehr­heit­lich schwei­gend – mitlesen.

Aber sollten wir dann nicht eher bloss über die Trolle reden, statt mit ihnen? Ihr Tun kontex­tua­li­sieren, ihren Kommu­ni­ka­ti­ons­modus entlarven? Ihnen als einziges Futter – und als Signal für die Mitle­senden – einen roten Hering hinwerfen? Sollen wir uns in coun­ter­speak versu­chen und ihre Atta­cken erbar­mungslos kontern, ihre Lügen rich­tig­stellen? Sollen wir zurück­trollen, „pöbeln, aber präzise“? Ist das Igno­rieren nicht doch manchmal die effi­zi­en­teste Lösung?

Was tun also? Zuerst einmal sollten wir – wie so oft und wie es in solchen Debatten allzu selten geschieht – langsam denken und diffe­ren­zieren. So müssen wir uns zunächst die Frage stellen, wie hungrig oder voll­ge­fressen der jewei­lige Troll gerade sei. Denn, wie wir aus dem ökono­mi­schen Prinzip des abneh­menden Grenz­nut­zens wissen, haben Fütte­rungen je nach Sätti­gungs­grad unter­schied­liche Wirkungen. Ausserdem müssen wir uns jeweils fragen, mit welcher Art von Troll wir es gerade zu tun haben. Ingrid Brodnig, die sich mit dem „Hass im Netz“ für ihr dieses Jahr erschie­nenes gleich­na­miges Buch ausein­an­der­setzte, hat vor allem zwei Gruppen von Nutzern iden­ti­fi­ziert, die, so Brodnig, für den Frust im Netz verant­wort­lich sind: „Die erste Gruppe sind die klas­si­schen Trolle, also User, die sich daran erfreuen, wenn sie andere Menschen auf die Palme bringen können.“ Die andere Gruppe bezeichnet sie als „Glau­bens­krieger“, die zurzeit beson­ders aktiv seien. „Dabei handelt es sich um Menschen, die mit beinahe reli­giösem Eifer von einem Thema besessen sind und die oftmals glauben, eine Bedro­hung erkannt zu haben, von der nur sie etwas wissen. Dieser „Wissens­vor­sprung“ recht­fer­tigt es in ihren Augen auch, sehr vehe­ment und aggressiv vorzu­gehen[…].“

Taxonomie der Trolle

Betrachtet man das Phänomen aller­dings weniger als Wesensart (der Troll)  sondern eher als Tätig­keit (das Trollen), wird die Ange­le­gen­heit noch ein wenig komplexer. Es eröffnet sich ein ganzes Spek­trum von Misch­formen, Vari­anten und Verwandten von Trollen und Trol­lenden. Neben dem von Brodnig beschrie­benen klas­si­schen „LULZ-Troll“, der eine kindi­sche bis sadis­ti­sche Freude verspürt, wenn es ihm gelingt andere User negativ zu mani­pu­lieren, tummeln sich im Netz auch „Polit-Trolle“, die gezielt Shit­s­torms anfa­chen, um es damit im besten Falle in die klas­si­schen Medien zu schaffen, wo sie dann bei der Ziel­gruppe punkten können.

The future of War? Quelle: bigthink.com

The future of War? Quelle: bigthink.com

Weiter begegnen wir „Hater-Trollen“, die ihre ange­stauten Frus­tra­tion und Wut unge­fil­tert in die Kommen­tar­spalten fliessen lassen. Wieder eine andere Gattung sind „Söldner-Trolle“, die für Regie­rungen in den Cyber-War ziehen. Oder auch Chef­re­dak­toren, die in der Hoff­nung, ihren serbelnden Blät­tern zu etwas mehr Reso­nanz zu verhelfen, immer grotes­keren Gedan­ken­müll in ihre Edito­rials und Leit­ar­tikel giessen…

Diese kleine Taxo­nomie der Trolle und Trol­lenden ist weder komplett noch syste­ma­tisch ausge­ar­beitet. Sie soll ledig­lich zeigen, dass je nach Troll, der einem gegen­über­steht – on- oder offline (soweit sich das heute noch sauber ausein­an­der­halten lässt) –, eine andere Taktik ange­bracht sein kann. „Don’t feed the trolls“ ist bei gewissen Trollen sicher das Mittel der Wahl. Andere sollten wir viel­leicht besser füttern. Bis sie platzen.

Remo Grolimund

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Remo Grolimund ist Historiker, forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich zur Umwelt- und Wissensgeschichte und publiziert als freier Autor zu Themen mit Schwerpunkt Schweizer Geschichte.