„Stille“ Tätigkeiten wie Lesen oder Lernen sind in der gegenwärtigen Populärkultur zunehmend von Musik begleitet, von kuratierten Playlists. Im Rahmen des GdG-Musiksommers fragt sich Christine Lötscher, worin die Faszination des Lesens mit Musik besteht.

  • Christine Lötscher

    Christine Lötscher lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich und ist Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.

„I know the book is good when there is a play­list“, steht dick über einem TikTok-Video. Zu sehen ist eine Play­list, die im Para­text eines Romans abge­druckt ist. Der Titel wird zunächst nicht verraten; das Video setzt auf den Effekt des Wieder­erken­nens inner­halb der BookTok-Community. Denn die Play­lists, die popu­lären Romanen voran­ge­stellt sind, werden nicht nur gehört, sondern vor allem auch gelesen; als inter­me­diale Zitate erwei­tern sie für die Leser:innen den Raum einer geteilten ästhe­ti­schen Erfah­rung. Deshalb sind es in der Regel Namen von Super­stars wie Billie Eilish oder Taylor Swift, die in den Play­lists auftau­chen. Warum eine Play­list ein Buch auto­ma­tisch gut macht, bleibt, zumin­dest im genannten Video, ein Geheimnis.

Das Zusam­men­spiel von Lite­ratur und Musik an sich ist nicht neu. Es hat eine lange Geschichte etwa im Lied, von der Lite­ra­tur­ver­to­nungen im klas­si­schen Kunst­lied bis hin zum Popsong, sie zeigt sich aber auch im Zitieren von Musik in lite­ra­ri­schen Texten und vor allem in der Form, also in der lite­ra­ri­schen Kompo­si­tion. Thomas Manns Arbeit mit Leit­mo­tiven ist nur ein Beispiel dafür.

Die Songs, die in den Play­lists genannt werden, sind kaum je rein instru­mental; in den aller­meisten Fällen wird auf Gebilde aus Text und Musik verwiesen, die oft ihrer­seits auf lite­ra­ri­sche Texte Bezug nehmen. Allein das Werk von Taylor Swift ist voller Anspie­lungen und Über­schrei­bungen des lite­ra­ri­schen Kanons. Neu ist nicht das Zusam­men­spiel von Lite­ratur und Musik, sondern die Form, in der diese Verbin­dung heute sichtbar, verfügbar und in Commu­ni­ties teilbar wird.

Play­lists lesen, Play­list schreiben

Während Musik zu einem wesent­li­chen Element der trans­me­dialen Entgren­zung des Lesens in der gegen­wär­tigen Popu­lär­kultur geworden ist, zu einem Element eines immersiven Trans­media Storytel­ling, kann sie doch sehr unter­schied­liche Funk­tionen haben. In den Kommen­taren zum oben erwähnten TikTok-Video taucht schon bald die Frage nach der Funk­tion und dem Umgang mit der Play­list auf: „Are you supposed to listen to it while you read?“ Die Antwort lautet: „yess“, könnte aber auch ganz anders ausfallen. Dass Songs die Lektüre begleiten und während des Lesens eine bestimmte Atmo­sphäre, einen „Vibe“, verstärken sollen, ist zwar bereits zu einem Business-Modell geworden, aber keines­wegs die einzige Möglich­keit. Musik kann auch dazu dienen, die Erfah­rung der Lektüre in von Musik beglei­tete alltäg­liche Prak­tiken hinein­zu­ver­län­gern und dem Nach­denken über Themen und Figuren einen Raum zu geben – beim Spazie­ren­gehen, auf dem Weg zur Arbeit, beim Putzen, Kochen, Einschlafen. 

Es gibt die Play­lists, die im Para­text von Romanen abge­druckt sind, doch noch viel mehr Play­lists entstehen und zirku­lieren erst nach der Publi­ka­tion eines Buches. Judith Niehaus, die dem Phänomen des musi­ka­li­schen Para­textes 2022 in der POP-Zeitschrift nach­ge­gangen ist, zeigt, dass das Kompi­lieren sowohl eine Praktik des Schrei­bens als auch des Lesens geworden ist. Autor:innen stellen Play­lists zusammen, während sie schreiben; Leser:innen reagieren darauf mit eigenen musi­ka­li­schen Lesarten eines Buches.

Play­lists zum Buch

Play­lists zum Buch werden entweder von Autor:innen oder von Leser:innen nach­träg­lich zusam­men­ge­stellt und auf Spotify, YouTube oder anderen Strea­ming­platt­formen publi­ziert. Musik ist Teil des Kura­tie­rens der Autor:innen- ebenso wie der Leser:innenpersona geworden. Doch auch diese Praktik ist nicht neu. Lange vor Spotify versuchten Autor:innen, die Welt ihrer Texte medial zu erwei­tern oder zu mate­ria­li­sieren. Judith Niehaus erin­nert etwa an Ursula K. Le Guin, die zu ihrem Roman Always Coming Home gemeinsam mit dem Musiker Todd Barton das Album Music and Poetry of the Kesh veröf­fent­lichte. Die imagi­nären Instru­mente eines fiktiven Volkes wurden nach­ge­baut und dessen Lieder vertont. Die musi­ka­li­sche Erwei­te­rung des Romans sollte in dieser Weise die fiktio­nale Welt über das Buch hinaus erfahrbar machen. Ähnli­ches lässt sich in den viel­fäl­tigen Fanprak­tiken rund um Tolkiens The Lord of the Rings beob­achten. Von Verto­nungen elbi­scher Gedichte bis hin zu ganzen Tolkien-inspirierten Musik­genres wird daran gear­beitet, die Welt von Mittel­erde mit der Alltags­rea­lität der Fans zu durch­dringen und, wenn nicht zu verzau­bern, so doch zu intensivieren.

Auch Stephen King arbeitet seit langem mit Musik, aller­dings auf etwas andere Weise. In seinen Romanen tauchen immer wieder konkrete Songs auf, von Bob Dylan, den Beatles, Bruce Springsteen; oft Musik, die sich für einen Road­trip eignet. Die Songs dienen dabei nicht nur der Charak­te­ri­sie­rung von Figuren oder der Veror­tung eines Gesche­hens, sondern werden zum Bestand­teil der bei aller Gesell­schafts­kritik oft nost­al­gi­schen Atmo­sphäre seiner Texte. Für den Zeit­rei­se­roman 11/22/63 veröf­fent­lichte King außerdem eine Liste der Songs, die ihn während des Schrei­bens begleitet hatten – ein Vorgehen, das mitt­ler­weile bei Romance-Autor:innen weit verbreitet ist. Die Play­list soll einen Einblick in den Entste­hungs­pro­zess eines Romans ermög­li­chen und Leser:innen am Arbeits­alltag der Schrei­benden teil­haben lassen. Die Play­list wird so zum Ort der Kommu­ni­ka­tion zwischen Autor:innen und Leser:innen.

Inso­fern ist es nicht verwun­der­lich, dass das Romance-Genre der Fantasy und dem Thriller als Playlist-affine Genres in den letzten Jahren den Rang abge­laufen hat, denn in kaum einem anderen Genre ist der Austausch zwischen Autor:innen und Leser:innen so zentral; geschrieben wird nicht für die Ewig­keit, sondern für die Leser:innen, deren Wünsche und kriti­sche Anmer­kungen ernst genommen werden. Die meisten New-Adult-Autor:innen waren ursprüng­lich Leser:innen, die irgend­wann mit dem Schreiben von Fanfic­tion begannen, und viele der Leser:innen, die selbst nicht schreiben, sind auf BookTok, Bookst­gram oder Book­Tube, als Blogger:innen oder Sammler:innen aktiv.

Play­lists sind aber nicht nur Teil von Commu­nitys bzw. Stil­ge­mein­schaften, sondern sie sind auch Teil des öffent­li­chen Diskurses um Lite­ratur geworden. Dua Lipa als Popstar und leiden­schaft­liche Leserin mit eigenem Buch­club ist viel­leicht die Verkör­pe­rung schlechthin der aktu­ellen musi­ka­lisch durch­drun­genen Lese­kultur und der lite­ra­risch durch­drun­genen Musik­kultur. Auf ihrer Buchclub-Website stellt sie jeden Monat ein Buch vor, führt Inter­views mit Autor:innen und lässt diese eine Play­list zusam­men­stellen. Im Juli war Lea Ypi mit ihrer Auto­bio­grafie Free (2021), in der sie von ihrer Jugend im kommu­nis­ti­schen Alba­nien erzählt, zu Gast. In ihrem Fall habe es, wie sie sagt, zwei konkur­rie­rende Play­lists gegeben, die sie beim Schreiben begleitet hätten: „The songs the state gave you, and the Western pop we used to listen to secretly from Italian TV.“ Der kommen­tierte „Sound­track von Leas Jugend“ beginnt mit der Inter­na­tio­nale, die damals im isolier­testen Land der Welt ironie­frei gesungen worden sei; dann folgen Feli­cità von Al Bano und Romina Power und Wind of Change von den Scor­pions, bevor die Play­list mit Nirvanas Version von The Man Who Sold the World endet. Die Play­list doku­men­tiert hier nicht so sehr musi­ka­li­sche Vorlieben, sondern eine Erin­ne­rungs­land­schaft. Musik wird zum Medium auto­bio­gra­fi­scher Selbst­deu­tung und soll histo­ri­sche Erfah­rungen sinn­lich nach­voll­ziehbar machen.

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Play­lists im Buch

Noch auffäl­liger sind Play­lists, die direkt im Buch erscheinen. Beson­ders in Jugend­ro­manen sowie popu­lären Genres wie New Adult, Dark Romance und Fantasy lädt die Play­list, ähnlich wie ein dem Text voran­ge­stelltes Motto, zum Nach­denken über mögliche Verbin­dungen zwischen Text und Para­text und damit zur Inter­pre­ta­tion ein.

Sie schafft aber auch eine bestimmte Atmo­sphäre und versetzt die Leser:innen unter Umständen in die Gefühls­welt der Protagonist:innen. Die Bücher zeichnen sich, wie auch in BookTok-Videos immer wieder betont wird, nicht nur durch ihr Spiel mit Romance-Tropes wie Enemies to LoversFake Dating oder Forced Proxi­mity aus, sondern durch einen bestimmten „Vibe“, der sich im Zusam­men­spiel von Play­list und sprach­li­chem Sound ergibt. So entsteht für die Leser:innen der Eindruck, ganz bei sich selbst und doch mit der Welt und einer Leserinnen-Community verbunden zu sein. Genau dieses Allein-und-doch-Verbunden-Sein, eine Form der affek­tiven Selbst­re­gu­lie­rung, die von den Akteur:innen selbst auch als „cozy“ bezeichnet wird, macht die spezi­fi­sche Immersion bei New Adult aus. Das Eintau­chen ins Buch verbindet sich mit einem Gefühl, das bisher vor allem in Fandoms möglich war.

Gabri­ella Santos de Limas Young-Adult-Roman Warum willst du jetzt schon gehen? zum Beispiel bietet nicht nur medi­en­über­grei­fende Anbin­dungen, um die Immersion der Leserin in die erzählte Welt zu verlän­gern und zu vertiefen. Er beschreibt diese Immersion auch auf der Meta­ebene. Den melan­cho­li­schen Ton setzt das Buch bereits mit dem ersten Titel der voran­ge­stellten Play­list. „In deiner Auffahrt stehen hundert rote Flaggen, die ich seh“, singt der deut­sche Singer-Songwriter Berq im Song „Rote Flaggen“. Der Song­text liest sich wie ein Young-Adult-Roman im Minia­tur­format: Das lyri­sche Ich lässt sich trotz deut­lich sicht­barer „Red Flags“ auf eine Liebes­be­zie­hung ein, die ihm nur Schmerz bringt. „Fuck, du tust weh“, heißt es im Refrain wieder und wieder.

Ähnlich geht es der Ich-Erzählerin Helena im Roman. Als leiden­schaft­liche Leserin von Liebes­ro­manen und Fanfiction-Autorin kennt sie den Unter­schied zwischen Fiktion und Realität theo­re­tisch genau, und doch verdreht ihr Arthur, der Indie-Sänger der coolsten Band ihrer Schule, den Kopf. Irgend­wann gelingt es ihr, Arthurs Spiel, ein Wech­selbad zwischen Love­bom­bing und Ghos­ting, zu beenden. Denn auch das hat sie aus den Liebes­ro­manen gelernt. Die trans­me­diale Welt, zu der Taylor Swifts Breakup-Songs ebenso gehören wie das neue Album von Olivia Rodrigo, erlaubt es, Liebes­fan­ta­sien dort zu genießen, wo sie hinge­hören: in der Lite­ratur, in der Musik, in Filmen und TV-Serien.

Den Vibe vermarkten

Böse Zungen behaupten denn auch, die Play­lists seien vor allem als Marke­ting­tool zu verstehen. Die Autor:innen werden als Marke aufge­baut, als Vermittler:innen eines bestimmten Lebens­ge­fühls. Sie erheben dabei keinen Anspruch auf Origi­na­lität, sondern bringen im Gegen­teil ein Gefühl zum Ausdruck, in dem sich nach Möglich­keit eine ganze Gene­ra­tion wiedererkennt.

Kritik an dieser Entwick­lung formu­liert Liz Pelli in ihrer Studie Mood Machine. The Rise of Spotify and the Costs of the Perfect Play­list. Sie weist darauf hin, dass digi­tale Musik­platt­formen Musik zuneh­mend als Mittel der Stim­mungs­re­gu­lie­rung verstehen: Es geht nicht um Kunst, sondern um Vibes. Der Begriff des Vibes selbst ist jedoch viel­schichtig, wie der Kultur­wis­sen­schaftler Julian Schmitz­berger schreibt. Vibes werden intuitiv erkannt, aber nur selten genau beschrieben. Sie beruhen weniger auf objek­tiven Urteilen als auf subjek­tiven Wahr­neh­mungen und affek­tiven Erfah­rungen. Er schreibt dem Vibe mitunter demo­kra­ti­sches Poten­zial zu:

„Wenn eine breite Bevöl­ke­rungs­schicht sinn­liche Sensi­bi­li­täten ausprägt und die Bereit­schaft zum Unter­scheiden ästhe­ti­scher Werte steigt, kann das auch als Selbst­er­mäch­ti­gung gesehen werden, da sich dadurch viel­zäh­lige Möglich­keiten eröffnen, die Lebens­füh­rung zu berei­chern. Auf vibes zu rekur­rieren, bietet zudem eine prak­ti­sche Lösung für jene, die ohne die Vokabel vor der Anfor­de­rung stünden, sich der – vielen schwer zugäng­li­chen – sprach­li­chen Mittel des künst­le­ri­schen Diskurses bedienen zu müssen – inso­fern hat die zuneh­mende Verbrei­tung des Spre­chens von Schwin­gungen demo­kra­ti­sches Potenzial.“

Gerade deshalb eignet sich der Begriff des Vibes, um die gegen­wär­tige trans­me­diale Lese­kultur zu beschreiben. Play­lists erlauben es, etwas in Schwin­gung zu versetzen, was im Text zwischen den Zeilen steht – und etwas zu mate­ria­li­sieren, was sich zwischen Buch und Leser:in abspielt.