„I know the book is good when there is a playlist“, steht dick über einem TikTok-Video. Zu sehen ist eine Playlist, die im Paratext eines Romans abgedruckt ist. Der Titel wird zunächst nicht verraten; das Video setzt auf den Effekt des Wiedererkennens innerhalb der BookTok-Community. Denn die Playlists, die populären Romanen vorangestellt sind, werden nicht nur gehört, sondern vor allem auch gelesen; als intermediale Zitate erweitern sie für die Leser:innen den Raum einer geteilten ästhetischen Erfahrung. Deshalb sind es in der Regel Namen von Superstars wie Billie Eilish oder Taylor Swift, die in den Playlists auftauchen. Warum eine Playlist ein Buch automatisch gut macht, bleibt, zumindest im genannten Video, ein Geheimnis.
Das Zusammenspiel von Literatur und Musik an sich ist nicht neu. Es hat eine lange Geschichte etwa im Lied, von der Literaturvertonungen im klassischen Kunstlied bis hin zum Popsong, sie zeigt sich aber auch im Zitieren von Musik in literarischen Texten und vor allem in der Form, also in der literarischen Komposition. Thomas Manns Arbeit mit Leitmotiven ist nur ein Beispiel dafür.
Die Songs, die in den Playlists genannt werden, sind kaum je rein instrumental; in den allermeisten Fällen wird auf Gebilde aus Text und Musik verwiesen, die oft ihrerseits auf literarische Texte Bezug nehmen. Allein das Werk von Taylor Swift ist voller Anspielungen und Überschreibungen des literarischen Kanons. Neu ist nicht das Zusammenspiel von Literatur und Musik, sondern die Form, in der diese Verbindung heute sichtbar, verfügbar und in Communities teilbar wird.
Playlists lesen, Playlist schreiben
Während Musik zu einem wesentlichen Element der transmedialen Entgrenzung des Lesens in der gegenwärtigen Populärkultur geworden ist, zu einem Element eines immersiven Transmedia Storytelling, kann sie doch sehr unterschiedliche Funktionen haben. In den Kommentaren zum oben erwähnten TikTok-Video taucht schon bald die Frage nach der Funktion und dem Umgang mit der Playlist auf: „Are you supposed to listen to it while you read?“ Die Antwort lautet: „yess“, könnte aber auch ganz anders ausfallen. Dass Songs die Lektüre begleiten und während des Lesens eine bestimmte Atmosphäre, einen „Vibe“, verstärken sollen, ist zwar bereits zu einem Business-Modell geworden, aber keineswegs die einzige Möglichkeit. Musik kann auch dazu dienen, die Erfahrung der Lektüre in von Musik begleitete alltägliche Praktiken hineinzuverlängern und dem Nachdenken über Themen und Figuren einen Raum zu geben – beim Spazierengehen, auf dem Weg zur Arbeit, beim Putzen, Kochen, Einschlafen.
Es gibt die Playlists, die im Paratext von Romanen abgedruckt sind, doch noch viel mehr Playlists entstehen und zirkulieren erst nach der Publikation eines Buches. Judith Niehaus, die dem Phänomen des musikalischen Paratextes 2022 in der POP-Zeitschrift nachgegangen ist, zeigt, dass das Kompilieren sowohl eine Praktik des Schreibens als auch des Lesens geworden ist. Autor:innen stellen Playlists zusammen, während sie schreiben; Leser:innen reagieren darauf mit eigenen musikalischen Lesarten eines Buches.
Playlists zum Buch
Playlists zum Buch werden entweder von Autor:innen oder von Leser:innen nachträglich zusammengestellt und auf Spotify, YouTube oder anderen Streamingplattformen publiziert. Musik ist Teil des Kuratierens der Autor:innen- ebenso wie der Leser:innenpersona geworden. Doch auch diese Praktik ist nicht neu. Lange vor Spotify versuchten Autor:innen, die Welt ihrer Texte medial zu erweitern oder zu materialisieren. Judith Niehaus erinnert etwa an Ursula K. Le Guin, die zu ihrem Roman Always Coming Home gemeinsam mit dem Musiker Todd Barton das Album Music and Poetry of the Kesh veröffentlichte. Die imaginären Instrumente eines fiktiven Volkes wurden nachgebaut und dessen Lieder vertont. Die musikalische Erweiterung des Romans sollte in dieser Weise die fiktionale Welt über das Buch hinaus erfahrbar machen. Ähnliches lässt sich in den vielfältigen Fanpraktiken rund um Tolkiens The Lord of the Rings beobachten. Von Vertonungen elbischer Gedichte bis hin zu ganzen Tolkien-inspirierten Musikgenres wird daran gearbeitet, die Welt von Mittelerde mit der Alltagsrealität der Fans zu durchdringen und, wenn nicht zu verzaubern, so doch zu intensivieren.
Auch Stephen King arbeitet seit langem mit Musik, allerdings auf etwas andere Weise. In seinen Romanen tauchen immer wieder konkrete Songs auf, von Bob Dylan, den Beatles, Bruce Springsteen; oft Musik, die sich für einen Roadtrip eignet. Die Songs dienen dabei nicht nur der Charakterisierung von Figuren oder der Verortung eines Geschehens, sondern werden zum Bestandteil der bei aller Gesellschaftskritik oft nostalgischen Atmosphäre seiner Texte. Für den Zeitreiseroman 11/22/63 veröffentlichte King außerdem eine Liste der Songs, die ihn während des Schreibens begleitet hatten – ein Vorgehen, das mittlerweile bei Romance-Autor:innen weit verbreitet ist. Die Playlist soll einen Einblick in den Entstehungsprozess eines Romans ermöglichen und Leser:innen am Arbeitsalltag der Schreibenden teilhaben lassen. Die Playlist wird so zum Ort der Kommunikation zwischen Autor:innen und Leser:innen.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass das Romance-Genre der Fantasy und dem Thriller als Playlist-affine Genres in den letzten Jahren den Rang abgelaufen hat, denn in kaum einem anderen Genre ist der Austausch zwischen Autor:innen und Leser:innen so zentral; geschrieben wird nicht für die Ewigkeit, sondern für die Leser:innen, deren Wünsche und kritische Anmerkungen ernst genommen werden. Die meisten New-Adult-Autor:innen waren ursprünglich Leser:innen, die irgendwann mit dem Schreiben von Fanfiction begannen, und viele der Leser:innen, die selbst nicht schreiben, sind auf BookTok, Bookstgram oder BookTube, als Blogger:innen oder Sammler:innen aktiv.
Playlists sind aber nicht nur Teil von Communitys bzw. Stilgemeinschaften, sondern sie sind auch Teil des öffentlichen Diskurses um Literatur geworden. Dua Lipa als Popstar und leidenschaftliche Leserin mit eigenem Buchclub ist vielleicht die Verkörperung schlechthin der aktuellen musikalisch durchdrungenen Lesekultur und der literarisch durchdrungenen Musikkultur. Auf ihrer Buchclub-Website stellt sie jeden Monat ein Buch vor, führt Interviews mit Autor:innen und lässt diese eine Playlist zusammenstellen. Im Juli war Lea Ypi mit ihrer Autobiografie Free (2021), in der sie von ihrer Jugend im kommunistischen Albanien erzählt, zu Gast. In ihrem Fall habe es, wie sie sagt, zwei konkurrierende Playlists gegeben, die sie beim Schreiben begleitet hätten: „The songs the state gave you, and the Western pop we used to listen to secretly from Italian TV.“ Der kommentierte „Soundtrack von Leas Jugend“ beginnt mit der Internationale, die damals im isoliertesten Land der Welt ironiefrei gesungen worden sei; dann folgen Felicità von Al Bano und Romina Power und Wind of Change von den Scorpions, bevor die Playlist mit Nirvanas Version von The Man Who Sold the World endet. Die Playlist dokumentiert hier nicht so sehr musikalische Vorlieben, sondern eine Erinnerungslandschaft. Musik wird zum Medium autobiografischer Selbstdeutung und soll historische Erfahrungen sinnlich nachvollziehbar machen.
Playlists im Buch
Noch auffälliger sind Playlists, die direkt im Buch erscheinen. Besonders in Jugendromanen sowie populären Genres wie New Adult, Dark Romance und Fantasy lädt die Playlist, ähnlich wie ein dem Text vorangestelltes Motto, zum Nachdenken über mögliche Verbindungen zwischen Text und Paratext und damit zur Interpretation ein.
Sie schafft aber auch eine bestimmte Atmosphäre und versetzt die Leser:innen unter Umständen in die Gefühlswelt der Protagonist:innen. Die Bücher zeichnen sich, wie auch in BookTok-Videos immer wieder betont wird, nicht nur durch ihr Spiel mit Romance-Tropes wie Enemies to Lovers, Fake Dating oder Forced Proximity aus, sondern durch einen bestimmten „Vibe“, der sich im Zusammenspiel von Playlist und sprachlichem Sound ergibt. So entsteht für die Leser:innen der Eindruck, ganz bei sich selbst und doch mit der Welt und einer Leserinnen-Community verbunden zu sein. Genau dieses Allein-und-doch-Verbunden-Sein, eine Form der affektiven Selbstregulierung, die von den Akteur:innen selbst auch als „cozy“ bezeichnet wird, macht die spezifische Immersion bei New Adult aus. Das Eintauchen ins Buch verbindet sich mit einem Gefühl, das bisher vor allem in Fandoms möglich war.
Gabriella Santos de Limas Young-Adult-Roman Warum willst du jetzt schon gehen? zum Beispiel bietet nicht nur medienübergreifende Anbindungen, um die Immersion der Leserin in die erzählte Welt zu verlängern und zu vertiefen. Er beschreibt diese Immersion auch auf der Metaebene. Den melancholischen Ton setzt das Buch bereits mit dem ersten Titel der vorangestellten Playlist. „In deiner Auffahrt stehen hundert rote Flaggen, die ich seh“, singt der deutsche Singer-Songwriter Berq im Song „Rote Flaggen“. Der Songtext liest sich wie ein Young-Adult-Roman im Miniaturformat: Das lyrische Ich lässt sich trotz deutlich sichtbarer „Red Flags“ auf eine Liebesbeziehung ein, die ihm nur Schmerz bringt. „Fuck, du tust weh“, heißt es im Refrain wieder und wieder.
Ähnlich geht es der Ich-Erzählerin Helena im Roman. Als leidenschaftliche Leserin von Liebesromanen und Fanfiction-Autorin kennt sie den Unterschied zwischen Fiktion und Realität theoretisch genau, und doch verdreht ihr Arthur, der Indie-Sänger der coolsten Band ihrer Schule, den Kopf. Irgendwann gelingt es ihr, Arthurs Spiel, ein Wechselbad zwischen Lovebombing und Ghosting, zu beenden. Denn auch das hat sie aus den Liebesromanen gelernt. Die transmediale Welt, zu der Taylor Swifts Breakup-Songs ebenso gehören wie das neue Album von Olivia Rodrigo, erlaubt es, Liebesfantasien dort zu genießen, wo sie hingehören: in der Literatur, in der Musik, in Filmen und TV-Serien.
Den Vibe vermarkten
Böse Zungen behaupten denn auch, die Playlists seien vor allem als Marketingtool zu verstehen. Die Autor:innen werden als Marke aufgebaut, als Vermittler:innen eines bestimmten Lebensgefühls. Sie erheben dabei keinen Anspruch auf Originalität, sondern bringen im Gegenteil ein Gefühl zum Ausdruck, in dem sich nach Möglichkeit eine ganze Generation wiedererkennt.
Kritik an dieser Entwicklung formuliert Liz Pelli in ihrer Studie Mood Machine. The Rise of Spotify and the Costs of the Perfect Playlist. Sie weist darauf hin, dass digitale Musikplattformen Musik zunehmend als Mittel der Stimmungsregulierung verstehen: Es geht nicht um Kunst, sondern um Vibes. Der Begriff des Vibes selbst ist jedoch vielschichtig, wie der Kulturwissenschaftler Julian Schmitzberger schreibt. Vibes werden intuitiv erkannt, aber nur selten genau beschrieben. Sie beruhen weniger auf objektiven Urteilen als auf subjektiven Wahrnehmungen und affektiven Erfahrungen. Er schreibt dem Vibe mitunter demokratisches Potenzial zu:
„Wenn eine breite Bevölkerungsschicht sinnliche Sensibilitäten ausprägt und die Bereitschaft zum Unterscheiden ästhetischer Werte steigt, kann das auch als Selbstermächtigung gesehen werden, da sich dadurch vielzählige Möglichkeiten eröffnen, die Lebensführung zu bereichern. Auf vibes zu rekurrieren, bietet zudem eine praktische Lösung für jene, die ohne die Vokabel vor der Anforderung stünden, sich der – vielen schwer zugänglichen – sprachlichen Mittel des künstlerischen Diskurses bedienen zu müssen – insofern hat die zunehmende Verbreitung des Sprechens von Schwingungen demokratisches Potenzial.“
Gerade deshalb eignet sich der Begriff des Vibes, um die gegenwärtige transmediale Lesekultur zu beschreiben. Playlists erlauben es, etwas in Schwingung zu versetzen, was im Text zwischen den Zeilen steht – und etwas zu materialisieren, was sich zwischen Buch und Leser:in abspielt.