Im Zuge der Diskussionen zur Rückgabe von kolonialem Raubgut sind die sogenannten „Benin-Bronzen“ – es handelt sich um eine Sammelbezeichnung für Kunstwerke aus unterschiedlichem Material – symbolisch hoch aufgeladen und geradezu emblematisch. Kaum ein Artikel, ein Schulbuchbeitrag, ein Buch zu Fragen der Restitution, die nicht ein Königskopf aus den alten Königreichen von Benin und Ife im heutigen Nigeria ziert. Vermutlich um die 10.000 Objekte aus Gold, Elfenbein, Bronze und Messing, vornehmlich Skulpturen und Reliefplatten, wurden nach einer britischen „Strafexpedition“ 1897 aus dem zerstörten Palast des Oba von Benin als Kriegsbeute nach London gebracht. Während ein Teil der damals in Europa schon hochgeschätzten Kunstwerke, deren handwerkliche und ästhetische Qualität mit den Kunstwerken der Renaissance gleichgesetzt wurde, in britischen Museen verblieben, wurden ein großer Teil auf dem Kunstmarkt verkauft und nahezu jedes größere ethnologische Museum in Europa besitzt ein oder mehrere Stücke. Ein Besitz, der heute zur Disposition steht.
Mangelndes Geschichtsbewusstsein?
Auch in Nigeria selbst, wo in Gilden organisierte Bronzegießer ihre Kunst bis in die Gegenwart weitergegeben und weiterentwickelt haben, besitzen die Benin-Bronzen einen hohen symbolischen, politischen und ästhetischen Wert. Mit der Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten in den 1960er Jahren fand auch eine (Rück-)Besinnung auf die Errungenschaften der eigenen Kunst und Kultur statt, die befreit vom Kolonialismus eine genuin afrikanische Moderne begleiten sollte. So wurde etwa bei der Vorbereitung des Second World Black and African Festival of Arts and Culture (FESTAC), das vom 15. Januar bis 12. Februar 1977 in Nigeria stattfand, eine eigene Bildsprache entwickelt, die sich von vorangegangenen Veranstaltungen absetzte. Diese standen noch unter Schirmherrschaft der Kolonialmächte, wie ein großes Kunst- und Kulturfestival 1966 in Dakar, und bedienten immer noch ein europäisches Publikum mit Interesse an „tribal art“. Als Logo für FESTAC wählte das Veranstaltungskomitee die Queen-Idia-Maske. Es handelt sich hierbei um eine kleine Elfenbeinmaske aus dem 16. Jahrhundert, ein Portrait der Iyoba (Königinmutter), das ebenfalls dem Raubzug von 1879 zum Opfer fiel und die zu einer Ikone der Restitutionsdebatte geworden ist. Diese Wahl war ein bewusster Akt politischer Ikonographie, wie Bénédicte Savoy in ihrem Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“ schreibt. Die Maske verwies in die Vergangenheit und in die Zukunft, sie sollte sowohl an die lange Geschichte des bis in das 6. Jahrhundert zurückreichenden Königreichs erinnern als auch an die künftige kulturelle Überwindung des Kolonialismus, als dessen sichtbares Zeichen die Maske im British Museum in London ausgestellt wurde.

Festac ‘77: 2nd World Black and African Festival of Art and Culture, Buchcover.
Das Komitee hatte im Vorfeld des Festes, bei dem es Veranstaltungen und Ausstellungen zu afrikanischer Kunst, Film, Musik, Literatur, Tanz und Religion gab, gebeten, die Maske und einige weitere Kunstwerke als Leihgaben zeigen zu dürfen. Allerdings vergeblich, und selbst der Wunsch, wenigstens nur die Maske, die Flugblätter, Plakate und Broschüren von FESTAC schmückte, zeigen zu dürfen, wurde abgeschlagen, und zwar mit den bis heute zu hörenden Begründungen, dass die nigerianische Seite wohl nicht in der Lage sei, bei diesen kostbaren Kunstwerken mit der gebotenen Sorgfalt umzugehen. Während damals das Foreign und Commonwealth Office fürchtete, die Kunstwerke würden vielleicht sogar in Nigeria behalten werden, – die nigerianische Seite könne womöglich auf die Idee kommen, es würde sich hier um ihren eigenen Kulturbesitz handeln –, ist heute im Kontext von Restitutionsdebatten und nachdem sich der politische Wille gedreht hat, ein weiteres Argument zu hören. Nicht nur seien nigerianische Museen kaum in der Lage, mit „unserem Weltkulturerbe“ richtig umzugehen, sondern die Bronzen seien am Hof von Sklavenhändlern hergestellt worden, das Material mit dem Blut von Sklaven gekauft worden, und bei dem heutigen Herrscherhaus in Benin City handele es sich um die direkten Nachfolger von Sklavenhändlern, die aufgrund ihrer eigenen Geschichte kein Recht an den Kunstwerken hätten.
Heutige Maßstäbe
Mit dieser seltsamen Koppelung, dass ein Recht an den eigenen historischen Kunst- und Kulturgütern durch historische Verstöße gegen Menschenrechte verwirkt sei – man mag sich nicht vorstellen, wohin all der Besitz aus Europäischen Museen wandern sollte –, ging eine zweite Anklage einher: Die Museen, die sich um partnerschaftliche Projekte mit Nigeria bzw. dem Oba von Benin und um Restitutionen bemühen, würden die Geschichte der Sklaverei aus Gründen einer falsch verstandenen „politischen Korrektheit“ ignorieren, verschweigen oder beschönigen, oft verbunden mit der durch keinerlei Belege verbundenen These, die Objekte seien erst in Europa zur Kunst und zu afrikanischem Kulturerbe geworden.
Geschichte nicht nach heutigen Maßstäben zu beurteilen, ist eine häufig erhobene Forderung im Kontext des Umgangs etwa mit Kolonialismus und Sklaverei. Und in ernsthaften Debatten stellt sich tatsächlich die Frage, wie es methodisch und theoretisch möglich ist, einer Vergangenheit gerecht zu werden, indem man sie zunächst einmal versteht und nicht sofort verurteilt. Eine Ausnahme gibt es allerdings: die Geschichte der Sklaverei in Afrika bzw. des Königreichs Benin. Hier kommen nicht nur heutige Maßstäbe zum Tragen (die vollkommen richtige Verurteilung der Sklaverei), sondern die Maßstäbe werden gar nicht erst überprüft. Während nämlich europäische Sklavenhändler nicht nach heutigen Maßstäben beurteilt und verurteilt werden sollen, und ihre Nachkommen schon gar nicht für die „Sünden der Väter“ verantwortlich sind, gilt dieses Argument für den afrikanischen Sklavenhandel nicht. Eine weitere Asymmetrie besteht darin, die europäische Geschichte ebenfalls auszublenden, wenn sie nicht den Kampf gegen die Sklaverei oder die vermeintlich einzig richtige Verwahrung afrikanischer Kunst- und Kulturgüter betrifft. Zur Erinnerung, als die Benin-Bronzen gegossen wurden, standen neun Zehntel der deutschen und vier Fünftel der europäischen Bevölkerung unter unterschiedlichen Formen der Leibeigenschaft und Abhängigkeit, auch Kinder leisteten Frondienste (Zwangsarbeit). Und als die Benin-Bronzen drei Jahrhunderte später geraubt worden sind, führten alle europäischen Kolonialmächte blutige Eroberungskriege und ließen der Aufstandsbekämpfung häufig eine „Politik der verbrannten Erde“ folgen, die in Hungersnöten und Flucht resultierte.
Komplizenschaft des Verschweigens?
Entgegen in Feuilletons und auf Social Media weitverbreiteter Annahmen gehört die Geschichte innerafrikanischer Sklaverei zu den besonders gut untersuchten Themen der afrikanischen Geschichte. Schon in den 1970er Jahren schrieb Martin A. Klein „The debate on African slavery is an old one.“ Und diese alte Debatte hatte immer zwei Seiten, die eine Seite betraf die koloniale Rechtfertigung eigener Untaten, erst im Zuge des transatlantischen Sklavenhandels und später bei der Einführung kolonialer Zwangsarbeit und der Kooperation mit sklavenhaltenden und sklavenhandelnden Oberhäuptern in den Kolonialgebieten. Die andere Seite der Debatte betraf Aufklärung und Emanzipation. Und während die eine Seite vergessen ist, erscheint die andere Seite in umso hellerem Licht.
Forschungen zur Geschichte der innerafrikanischen Sklaverei, die bereits in der Kolonialzeit begannen, zeigen ein vielfältiges System von Abhängigkeit und Unterdrückung vor allem in der Landwirtschaft. Sklav:innen konnten allerdings auch zu Hofbeamten werden und ihrerseits Sklav:innen besitzen. Mit der Unabhängigkeit der Kolonien ab den 1960er Jahren begann eine neue Welle der Forschung an französischen und britischen sowie afrikanischen Universitäten. 1977 brachten Suzanne Miers und Igor Kopytoff den Band Slavery in Africa zu “various types of bondage in precolonial Africa” heraus. Zehn Jahre später untersuchte Claude Meillassoux, wie das Sozialsystem Sklaverei reproduzieren konnte. In diesen Büchern fand keinerlei Verklärung der Geschichte der vorkolonialen Gesellschaften mit Sklaven statt.
Die Diskussion bewegte sich zwischen unterschiedlichen Polen, und während die eine Seite darauf hinwies, dass im weitgehend unterbevölkerten Afrika die Integration von Fremden überlebensnotwenig war und zu milderen Formen der Sklaverei und raschen Integration von Sklaven in die eigene Gesellschaft geführt habe, formulierten andere, wie Paul Lovejoy, eine dezidierte Gegenposition. Sklaven wurden demnach in großem Umfang in der Produktion eingesetzt, und obwohl sich die Ausbeutungsmethoden und die Beziehungen zu den Weltmärkten, von denen in Amerika unterschieden, entwickelte sich die Sklaverei in Afrika, ebenso wie die Sklaverei in Amerika, aus einer Position an der Peripherie des kapitalistischen Europas.
Geteilte Geschichte
Diese Verlagerung von Unfreiheit in die sklavenhaltenden Gesellschaften an der Peripherie lässt Europa nun als Ort von Emanzipation und Aufklärung erscheinen. Diese Gegenüberstellung lässt allerdings vergessen, dass sich Europa im atlantischen System in genau dieser Spannung von entstehenden Freiheitsrechten und krasser Unterdrückung entwickelt hat. Sklaverei, so Osterhammel, ist die „unverwechselbare gesellschaftliche Institution“ der atlantischen Welt und geht uns daher heute als eigene Geschichte an.
Auch in Nigeria findet eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sklaverei in der Geschichtswissenschaft sowie in Kunst und Literatur statt. Die Schriftstellerin und Journalistin Adaobi Tricia Nwaubani hat sich dabei auch mit der Frage von „Rasse“ in den unterschiedlichen Sklavengesellschaften in den Südstaaten und dem vorkolonialen Igboland auseinandergesetzt. Das Erbe der Sklaverei ist in Nigeria kein Erbe, das erst durch Geschichtsbücher ins Bewusstsein gerufen werden muss – wie in Europa. Die Nachkommen von Sklav:innen und von Sklavenhalter:innen wissen von ihrer Geschichte, ihnen fehlt nicht, wie Osterhammel schreibt, der „Stachel von Gedächtnis und Erinnerung“. Ihre Geschichte ist in direkter Weise eine geteilte Geschichte.
Wenn nun mit großer Geste auf das Blut hingewiesen wird, das an den Benin Bronzen klebt, und eine Aufarbeitung der Geschichte als Voraussetzung dafür verlangt wird, über Rückgaben oder die Rückübertragung von Eigentumsrechten zu verhandeln, dann unterstellt das zum einen, dass es keine Formen der Auseinandersetzung mit der Geschichte (und Gegenwart) von Sklaverei in Nigeria gibt, und zum anderen richtet sich diese Anklage gegen die Falschen.
Beginn des Gesprächs
Dass sich heutige (kulturelle) Königtümer in vorkolonialer Tradition sehen und damit auch in einer Tradition mit Sklavengesellschaften, hängt zentral mit der Geschichte des Kolonialismus zusammen, der neben der Entmachtung einheimischer Herrscherhäuser auch die Geschichtslosigkeit afrikanischer Gesellschaften propagierte. Zugleich ist es royaler Geschichte eigen, nicht mit der eigenen Tradition zu brechen – oder hat sich das englische Königshaus von seiner imperialistischen Vergangenheit losgesagt?
Nun könnte ja das Interesse am Königreich Benin, dessen Geschichte bis in das 6. Jahrhundert zurückreicht, tatsächlich zu einem Dialog führen, der auch die Sklaverei nicht ausklammert – als geteilte Geschichte von Sklavenhandel, Sklaverei und Unfreiheit in den eigenen Gesellschaften bis hin zu heutigen Problemen des Menschenhandels. Jedoch ist der Zweck der oft in einem denunziatorischen und höhnischen Ton verfassten Artikel, oder zumindest ihr Effekt, jede Diskussion zu beenden, weil das Ergebnis feststeht. Der Oba von Benin als Nachfahre von Sklavenhändlern fordert Kunstwerke zurück, die in Europa sehr viel besser aufgehoben sind, erst hier als Weltkulturerbe begriffen worden sind und nicht im Privatbesitz „verschwinden“ dürften.
Sprechen „wir“ aus dem Zustand der Unschuld bewältigter Geschichte mit Menschen, mit Vertreter:innen von Kultureinrichtungen, Museen und Politik, denen wir erst einmal das Verwerfliche ihrer Geschichte nahebringen müssten? Zudem befinden sich die meisten Objekte in Kunstmuseen und Ethnologischen Museen, deren Auftrag nicht in erster Linie die Vermittlung afrikanischer Geschichte ist. Zu behaupten, die Geschichte der Sklaverei würde systematisch verschwiegen, ließe sich an jedes Museum richten. Verschweigen nicht viele Kunstmuseen systematisch die Geschichte von Sklaverei und Kolonialismus, die sich sichtbar auf Bildern in Gestalt „exotischer“ Figuren oder von Südseephantasien zeigen, die zum Aufbau der Sammlungen beigetragen haben und die untrennbar verwoben sind mit der weltweiten Vernetzung der imperialen und kolonialen Welt? Die verschwiegene Geschichte der Sklaverei betrifft insofern alle Museen, diejenigen, die mit Geldern aus der Beteiligung am Sklavenhandel Kunst gekauft haben oder solche Kunstwerke erhalten haben, diejenigen, die die eigene Geschichte ohne die Verwicklung in den globalen Sklavengeschäfte erzählen.
Bénédicte Savoy und Felwine Sarr haben in ihrem Bericht für eine neue Ethik der Beziehungen plädiert. Im Dezember 2022 wurden die ersten Benin-Bronzen von Außenministerin Baerbock und Kulturstaatsministerin Roth in Abuja, der Hautstadt Nigerias, zurückgegeben. Damit sollten die Gespräche erst beginnen, nun unter der Voraussetzung, das Recht auf die eigenen Kunst- und Kulturgüter zumindest erstmal anzuerkennen. Was an wen und wie zurückgegeben wird, wird sich weisen. Leere Museen sind nicht zu befürchten.
Nachtrag zum letzten Satz: Mir fiel gestern das Wort „verschleppt“ nicht ein, das angemessener ist.