Am 2. Dezember erinnert die UN an die – zumindest rechtliche – Abschaffung der Sklaverei, eine der großen Errungenschaften der Menschheit. Afrikanischen Könighäusern wird hingegen im Kontext von Restitutionsverhandlungen vorgeworfen, sie würden in Komplizenschaft mit Museen und Politik die Geschichte des Sklavenhandels verschweigen.

Im Zuge der Diskus­sionen zur Rück­gabe von kolo­nialem Raubgut sind die soge­nannten „Benin-Bronzen“ – es handelt sich um eine Sammel­be­zeich­nung für Kunst­werke aus unter­schied­li­chem Mate­rial – symbo­lisch hoch aufge­laden und gera­dezu emble­ma­tisch. Kaum ein Artikel, ein Schul­buch­bei­trag, ein Buch zu Fragen der Resti­tu­tion, die nicht ein Königs­kopf aus den alten König­rei­chen von Benin und Ife im heutigen Nigeria ziert. Vermut­lich um die 10.000 Objekte aus Gold, Elfen­bein, Bronze und Messing, vornehm­lich Skulp­turen und Reli­ef­platten, wurden nach einer briti­schen „Straf­ex­pe­di­tion“ 1897 aus dem zerstörten Palast des Oba von Benin als Kriegs­beute nach London gebracht. Während ein Teil der damals in Europa schon hoch­ge­schätzten Kunst­werke, deren hand­werk­liche und ästhe­ti­sche Qualität mit den Kunst­werken der Renais­sance gleich­ge­setzt wurde, in briti­schen Museen verblieben, wurden ein großer Teil auf dem Kunst­markt verkauft und nahezu jedes größere ethno­lo­gi­sche Museum in Europa besitzt ein oder mehrere Stücke. Ein Besitz, der heute zur Dispo­si­tion steht.

Mangelndes Geschichts­be­wusst­sein?

Auch in Nigeria selbst, wo in Gilden orga­ni­sierte Bron­ze­gießer ihre Kunst bis in die Gegen­wart weiter­ge­geben und weiter­ent­wi­ckelt haben, besitzen die Benin-Bronzen einen hohen symbo­li­schen, poli­ti­schen und ästhe­ti­schen Wert. Mit der Unab­hän­gig­keit der afri­ka­ni­schen Staaten in den 1960er Jahren fand auch eine (Rück-)Besinnung auf die Errun­gen­schaften der eigenen Kunst und Kultur statt, die befreit vom Kolo­nia­lismus eine genuin afri­ka­ni­sche Moderne begleiten sollte. So wurde etwa bei der Vorbe­rei­tung des Second World Black and African Festival of Arts and Culture (FESTAC), das vom 15. Januar bis 12. Februar 1977 in Nigeria statt­fand, eine eigene Bild­sprache entwi­ckelt, die sich von voran­ge­gan­genen Veran­stal­tungen absetzte. Diese standen noch unter Schirm­herr­schaft der Kolo­ni­al­mächte, wie ein großes Kunst- und Kultur­fes­tival 1966 in Dakar, und bedienten immer noch ein euro­päi­sches Publikum mit Inter­esse an „tribal art“. Als Logo für FESTAC wählte das Veran­stal­tungs­ko­mitee die Queen-Idia-Maske. Es handelt sich hierbei um eine kleine Elfen­bein­maske aus dem 16. Jahr­hun­dert, ein Portrait der Iyoba (Köni­gin­mutter), das eben­falls dem Raubzug von 1879 zum Opfer fiel und die zu einer Ikone der Resti­tu­ti­ons­de­batte geworden ist. Diese Wahl war ein bewusster Akt poli­ti­scher Ikono­gra­phie, wie Béné­dicte Savoy in ihrem Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“ schreibt. Die Maske verwies in die Vergan­gen­heit und in die Zukunft, sie sollte sowohl an die lange Geschichte des bis in das 6. Jahr­hun­dert zurück­rei­chenden König­reichs erin­nern als auch an die künf­tige kultu­relle Über­win­dung des Kolo­nia­lismus, als dessen sicht­bares Zeichen die Maske im British Museum in London ausge­stellt wurde.

Festac ‘77: 2nd World Black and African Festival of Art and Culture, Buchcover.

Das Komitee hatte im Vorfeld des Festes, bei dem es Veran­stal­tungen und Ausstel­lungen zu afri­ka­ni­scher Kunst, Film, Musik, Lite­ratur, Tanz und Reli­gion gab, gebeten, die Maske und einige weitere Kunst­werke als Leih­gaben zeigen zu dürfen. Aller­dings vergeb­lich, und selbst der Wunsch, wenigs­tens nur die Maske, die Flug­blätter, Plakate und Broschüren von FESTAC schmückte, zeigen zu dürfen, wurde abge­schlagen, und zwar mit den bis heute zu hörenden Begrün­dungen, dass die nige­ria­ni­sche Seite wohl nicht in der Lage sei, bei diesen kost­baren Kunst­werken mit der gebo­tenen Sorg­falt umzu­gehen. Während damals das Foreign und Common­wealth Office fürch­tete, die Kunst­werke würden viel­leicht sogar in Nigeria behalten werden, – die nige­ria­ni­sche Seite könne womög­lich auf die Idee kommen, es würde sich hier um ihren eigenen Kultur­be­sitz handeln –, ist heute im Kontext von Resti­tu­ti­ons­de­batten und nachdem sich der poli­ti­sche Wille gedreht hat, ein weiteres Argu­ment zu hören. Nicht nur seien nige­ria­ni­sche Museen kaum in der Lage, mit „unserem Welt­kul­tur­erbe“ richtig umzu­gehen, sondern die Bronzen seien am Hof von Skla­ven­händ­lern herge­stellt worden, das Mate­rial mit dem Blut von Sklaven gekauft worden, und bei dem heutigen Herr­scher­haus in Benin City handele es sich um die direkten Nach­folger von Skla­ven­händ­lern, die aufgrund ihrer eigenen Geschichte kein Recht an den Kunst­werken hätten.

Heutige Maßstäbe

Mit dieser selt­samen Koppe­lung, dass ein Recht an den eigenen histo­ri­schen Kunst- und Kultur­gü­tern durch histo­ri­sche Verstöße gegen Menschen­rechte verwirkt sei – man mag sich nicht vorstellen, wohin all der Besitz aus Euro­päi­schen Museen wandern sollte –, ging eine zweite Anklage einher: Die Museen, die sich um part­ner­schaft­liche Projekte mit Nigeria bzw. dem Oba von Benin und um Resti­tu­tionen bemühen, würden die Geschichte der Skla­verei aus Gründen einer falsch verstan­denen „poli­ti­schen Korrekt­heit“ igno­rieren, verschweigen oder beschö­nigen, oft verbunden mit der durch keinerlei Belege verbun­denen These, die Objekte seien erst in Europa zur Kunst und zu afri­ka­ni­schem Kultur­erbe geworden.    

Geschichte nicht nach heutigen Maßstäben zu beur­teilen, ist eine häufig erho­bene Forde­rung im Kontext des Umgangs etwa mit Kolo­nia­lismus und Skla­verei. Und in ernst­haften Debatten stellt sich tatsäch­lich die Frage, wie es metho­disch und theo­re­tisch möglich ist, einer Vergan­gen­heit gerecht zu werden, indem man sie zunächst einmal versteht und nicht sofort verur­teilt. Eine Ausnahme gibt es aller­dings: die Geschichte der Skla­verei in Afrika bzw. des König­reichs Benin. Hier kommen nicht nur heutige Maßstäbe zum Tragen (die voll­kommen rich­tige Verur­tei­lung der Skla­verei), sondern die Maßstäbe werden gar nicht erst über­prüft. Während nämlich euro­päi­sche Skla­ven­händler nicht nach heutigen Maßstäben beur­teilt und verur­teilt werden sollen, und ihre Nach­kommen schon gar nicht für die „Sünden der Väter“ verant­wort­lich sind, gilt dieses Argu­ment für den afri­ka­ni­schen Skla­ven­handel nicht. Eine weitere Asym­me­trie besteht darin, die euro­päi­sche Geschichte eben­falls auszu­blenden, wenn sie nicht den Kampf gegen die Skla­verei oder die vermeint­lich einzig rich­tige Verwah­rung afri­ka­ni­scher Kunst- und Kultur­güter betrifft. Zur Erin­ne­rung, als die Benin-Bronzen gegossen wurden, standen neun Zehntel der deut­schen und vier Fünftel der euro­päi­schen Bevöl­ke­rung unter unter­schied­li­chen Formen der Leib­ei­gen­schaft und Abhän­gig­keit, auch Kinder leis­teten Fron­dienste (Zwangs­ar­beit). Und als die Benin-Bronzen drei Jahr­hun­derte später geraubt worden sind, führten alle euro­päi­schen Kolo­ni­al­mächte blutige Erobe­rungs­kriege und ließen der Aufstands­be­kämp­fung häufig eine „Politik der verbrannten Erde“ folgen, die in Hungers­nöten und Flucht resultierte.

Kompli­zen­schaft des Verschweigens?

Entgegen in Feuil­le­tons und auf Social Media weit­ver­brei­teter Annahmen gehört die Geschichte inner­afri­ka­ni­scher Skla­verei zu den beson­ders gut unter­suchten Themen der afri­ka­ni­schen Geschichte. Schon in den 1970er Jahren schrieb Martin A. Klein „The debate on African slavery is an old one.“ Und diese alte Debatte hatte immer zwei Seiten, die eine Seite betraf die kolo­niale Recht­fer­ti­gung eigener Untaten, erst im Zuge des trans­at­lan­ti­schen Skla­ven­han­dels und später bei der Einfüh­rung kolo­nialer Zwangs­ar­beit und der Koope­ra­tion mit skla­ven­hal­tenden und skla­ven­han­delnden Ober­häup­tern in den Kolo­ni­al­ge­bieten. Die andere Seite der Debatte betraf Aufklä­rung und Eman­zi­pa­tion. Und während die eine Seite vergessen ist, erscheint die andere Seite in umso hellerem Licht.

Forschungen zur Geschichte der inner­afri­ka­ni­schen Skla­verei, die bereits in der Kolo­ni­al­zeit begannen, zeigen ein viel­fäl­tiges System von Abhän­gig­keit und Unter­drü­ckung vor allem in der Land­wirt­schaft. Sklav:innen konnten aller­dings auch zu Hofbe­amten werden und ihrer­seits Sklav:innen besitzen. Mit der Unab­hän­gig­keit der Kolo­nien ab den 1960er Jahren begann eine neue Welle der Forschung an fran­zö­si­schen und briti­schen sowie afri­ka­ni­schen Univer­si­täten. 1977 brachten Suzanne Miers und Igor Kopy­toff den Band Slavery in Africa zu “various types of bondage in preco­lo­nial Africa” heraus. Zehn Jahre später unter­suchte Claude Meil­las­soux, wie das Sozi­al­system Skla­verei repro­du­zieren konnte. In diesen Büchern fand keinerlei Verklä­rung der Geschichte der vorko­lo­nialen Gesell­schaften mit Sklaven statt.

Die Diskus­sion bewegte sich zwischen unter­schied­li­chen Polen, und während die eine Seite darauf hinwies, dass im weit­ge­hend unter­be­völ­kerten Afrika die Inte­gra­tion von Fremden über­le­bens­not­wenig war und zu milderen Formen der Skla­verei und raschen Inte­gra­tion von Sklaven in die eigene Gesell­schaft geführt habe, formu­lierten andere, wie Paul Lovejoy, eine dezi­dierte Gegen­po­si­tion. Sklaven wurden demnach in großem Umfang in der Produk­tion einge­setzt, und obwohl sich die Ausbeu­tungs­me­thoden und die Bezie­hungen zu den Welt­märkten, von denen in Amerika unter­schieden, entwi­ckelte sich die Skla­verei in Afrika, ebenso wie die Skla­verei in Amerika, aus einer Posi­tion an der Peri­pherie des kapi­ta­lis­ti­schen Europas.

Geteilte Geschichte

Diese Verla­ge­rung von Unfrei­heit in die skla­ven­hal­tenden Gesell­schaften an der Peri­pherie lässt Europa nun als Ort von Eman­zi­pa­tion und Aufklä­rung erscheinen. Diese Gegen­über­stel­lung lässt aller­dings vergessen, dass sich Europa im atlan­ti­schen System in genau dieser Span­nung von entste­henden Frei­heits­rechten und krasser Unter­drü­ckung entwi­ckelt hat. Skla­verei, so Oster­hammel, ist die „unver­wech­sel­bare gesell­schaft­liche Insti­tu­tion“ der atlan­ti­schen Welt und geht uns daher heute als eigene Geschichte an.

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Auch in Nigeria findet eine Ausein­an­der­set­zung mit dem Thema Skla­verei in der Geschichts­wis­sen­schaft sowie in Kunst und Lite­ratur statt. Die Schrift­stel­lerin und Jour­na­listin Adaobi Tricia Nwau­bani hat sich dabei auch mit der Frage von „Rasse“ in den unter­schied­li­chen Skla­ven­ge­sell­schaften in den Südstaaten und dem vorko­lo­nialen Igboland ausein­an­der­ge­setzt. Das Erbe der Skla­verei ist in Nigeria kein Erbe, das erst durch Geschichts­bü­cher ins Bewusst­sein gerufen werden muss – wie in Europa. Die Nach­kommen von Sklav:innen und von Sklavenhalter:innen wissen von ihrer Geschichte, ihnen fehlt nicht, wie Oster­hammel schreibt, der „Stachel von Gedächtnis und Erin­ne­rung“. Ihre Geschichte ist in direkter Weise eine geteilte Geschichte.

Wenn nun mit großer Geste auf das Blut hinge­wiesen wird, das an den Benin Bronzen klebt, und eine Aufar­bei­tung der Geschichte als Voraus­set­zung dafür verlangt wird, über Rück­gaben oder die Rück­über­tra­gung von Eigen­tums­rechten zu verhan­deln, dann unter­stellt das zum einen, dass es keine Formen der Ausein­an­der­set­zung mit der Geschichte (und Gegen­wart) von Skla­verei in Nigeria gibt, und zum anderen richtet sich diese Anklage gegen die Falschen.

Beginn des Gesprächs

Dass sich heutige (kultu­relle) König­tümer in vorko­lo­nialer Tradi­tion sehen und damit auch in einer Tradi­tion mit Skla­ven­ge­sell­schaften, hängt zentral mit der Geschichte des Kolo­nia­lismus zusammen, der neben der Entmach­tung einhei­mi­scher Herr­scher­häuser auch die Geschichts­lo­sig­keit afri­ka­ni­scher Gesell­schaften propa­gierte. Zugleich ist es royaler Geschichte eigen, nicht mit der eigenen Tradi­tion zu brechen – oder hat sich das engli­sche Königs­haus von seiner impe­ria­lis­ti­schen Vergan­gen­heit losgesagt?

Nun könnte ja das Inter­esse am König­reich Benin, dessen Geschichte bis in das 6. Jahr­hun­dert zurück­reicht, tatsäch­lich zu einem Dialog führen, der auch die Skla­verei nicht ausklam­mert – als geteilte Geschichte von Skla­ven­handel, Skla­verei und Unfrei­heit in den eigenen Gesell­schaften bis hin zu heutigen Problemen des Menschen­han­dels. Jedoch ist der Zweck der oft in einem denun­zia­to­ri­schen und höhni­schen Ton verfassten Artikel, oder zumin­dest ihr Effekt, jede Diskus­sion zu beenden, weil das Ergebnis fest­steht. Der Oba von Benin als Nach­fahre von Skla­ven­händ­lern fordert Kunst­werke zurück, die in Europa sehr viel besser aufge­hoben sind, erst hier als Welt­kul­tur­erbe begriffen worden sind und nicht im Privat­be­sitz „verschwinden“ dürften.

Spre­chen „wir“ aus dem Zustand der Unschuld bewäl­tigter Geschichte mit Menschen, mit Vertreter:innen von Kultur­ein­rich­tungen, Museen und Politik,  denen wir erst einmal das Verwerf­liche ihrer Geschichte nahe­bringen müssten? Zudem befinden sich die meisten Objekte in Kunst­mu­seen und Ethno­lo­gi­schen Museen, deren Auftrag nicht in erster Linie die Vermitt­lung afri­ka­ni­scher Geschichte ist. Zu behaupten, die Geschichte der Skla­verei würde syste­ma­tisch verschwiegen, ließe sich an jedes Museum richten. Verschweigen nicht viele Kunst­mu­seen syste­ma­tisch die Geschichte von Skla­verei und Kolo­nia­lismus, die sich sichtbar auf Bildern in Gestalt „exoti­scher“ Figuren oder von Südsee­phan­ta­sien zeigen, die zum Aufbau der Samm­lungen beigetragen haben und die untrennbar verwoben sind mit der welt­weiten Vernet­zung der impe­rialen und kolo­nialen Welt? Die verschwie­gene Geschichte der Skla­verei betrifft inso­fern alle Museen, dieje­nigen, die mit Geldern aus der Betei­li­gung am Skla­ven­handel Kunst gekauft haben oder solche Kunst­werke erhalten haben, dieje­nigen, die die eigene Geschichte ohne die Verwick­lung in den globalen Skla­ven­ge­schäfte erzählen.

Béné­dicte Savoy und Felwine Sarr haben in ihrem Bericht für eine neue Ethik der Bezie­hungen plädiert. Im Dezember 2022 wurden die ersten Benin-Bronzen von Außen­mi­nis­terin Baer­bock und Kultur­staats­mi­nis­terin Roth in Abuja, der Haut­stadt Nige­rias, zurück­ge­geben. Damit sollten die Gespräche erst beginnen, nun unter der Voraus­set­zung, das Recht auf die eigenen Kunst- und Kultur­güter zumin­dest erstmal anzu­er­kennen. Was an wen und wie zurück­ge­geben wird, wird sich weisen. Leere Museen sind nicht zu befürchten.