„Der Milizionär kommt ins Spiel“ - Wie Pussy Riot den Dichter Dmitrij Prigov zitieren und das Politische poetisch wird

Der Milizionär, den Pussy Riot am Sonntag während des WM-Finals in Moskau „ins Spiel brachte“, ist eine Kultfigur der Moskauer Kunstszene der 1980er Jahre. Sie stammt von Dmitrij Prigov, dessen Todestag sich gerade zum elften Mal jährte.



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„Wir fordern, den irdischen Milizionär in einen himmlischen Milizionär zu verwandeln“ – so lautet die sechste und letzte Forderung im „Bekennerschreiben“ von Pussy Riot. Sie posten diesen Text kurz nach ihrer Aktion am Sonntagabend auf Facebook. Kurz zuvor – in der 53. Minute des WM-Endspiels Frankreich gegen Kroatien, Mbappé war gerade Vida davongerannt und konnte erst von Subašić gebremst werden – laufen vier zusätzliche „SpielerInnen“ in historischen Milizuniformen auf das Spielfeld: Olga Kuračeva, Nika Nikulšina, Olga Pachtusova und Petr Verzilov, allesamt Mitglieder von Pussy Riot.

Wer das Spiel live am Fernsehen verfolgt hat, hat kaum etwas davon mitbekommen, die FIFA schaltete auf Wiederholung. Doch die inzwischen im Netz kursierenden Fotos zeigen die Aktion: Zu sehen sind vier lachende und strahlende MilizionärInnen, die regelrecht über den Platz zu fliegen scheinen. Nikulšina gelingt ein High-Five mit dem irritierten und genervten Kylian Mbappé. Kurze Zeit später werden die MilizionärInnen vom Sicherheitsdienst abgeführt, die falschen Polizisten werden von echten aus dem Spiel geholt.

Der himmlische Milizionär

Pussy Riot widmeten diese Aktion dem Moskauer Dichter Dmitrij Prigov. Dieser starb am 15. Juli 2011 im Alter von 66 Jahren an einem Herzinfarkt, den er ein paar Tage zuvor in der Moskauer Metro erlitten hatte. Ihm zu Ehren hatten Pussy Riot damals schon einen üppigen Leichenschmaus in der Metro veranstaltet. Prigov hatte den Dichter-Milizionär zwischen 1975 und 1980 in seinen berühmten Gedichtzyklen erschaffen und in privaten Lesungen in seiner Moskauer Wohnung auch verkörpert. Sein „Milizaner“ – mündlich verschliffen ausgesprochen – verwandelte die mythische und gefürchtete Gestalt der Sowjetkultur in einen coolen Undergroundkünstler, mit lässiger Intonation, Zigarette im Mundwinkel und betont lockerer Gestik. Dieser Dichter-Milizionär ist der „himmlische Milizionär“, von dem Pussy Riot sprechen: ein Ordnungshüter, der höchstens poetische Regeln verletzt, nicht aber die gesellschaftlichen. Er ist ein fürsorglicher, utopischer, antiheroischer Milizionär, der von einer Zukunft träumt, in der er sich selbst als irdische Figur erledigt haben wird.

Und so der Zukunft zugewandt / Vermählt die Welt er seinen Wünschen / Wenn erst verschwinden wird sein Amt / Inmitten einsichtiger Menschen / Dann legt er seine Mütze nieder / Den Gürtel auch und das Gewehr / Und alle Menschen werden Brüder / Und jeder wird ein Milizionär.

Eine Privatisierung und Profanisierung ideologischer Mythen, Zeichen, Symbole und Figuren war insgesamt typisch für die Künstler des Moskauer Konzeptualismus, zu denen neben Prigov auch Ilja Kabakov, Andrej Monastyrskij, Juri Al’bert oder Vladimir Sorokin gehör(t)en. Sie gingen während der Sowjetzeit nicht mit politischen Plakaten durch die Stadt, um zu demonstrieren, sie hängten vielmehr meditativ-poetische Losungen in den Wald. Sie agierten getarnt als sozialistische Personagen: als Hausmeister, die Bänke golden strichen, oder als Wohnungsverwalter, die so taten, als würden sie harmlose Sammlerausstellungen organisieren, und dabei ihre inoffizielle Kunst präsentierten. Das Verfahren wurde später „subversive Affirmation“ genannt, eine die sozialistische Ideologie imitierende und zugleich verfremdende Handlung, die untersuchte, wie Ideologie funktioniert, und die diese Ideologie gleichzeitig als großen Bluff, als hohle Geste, als leere, sinnlose Phrase bloßstellte. Subversive Affirmation war mal Tarnung, um als Künstler überhaupt in Erscheinung treten zu können, mal Kritik an den typischen Verfahren der Kritik, der Distanz und Negation. Denn subversive Affirmation zielte auf Nachvollzug und Wiederholung, erst dadurch könne man verstehen, wie Ideologie funktioniert, verführt und affiziert.

Prigov und die anderen Moskauer Konzeptualisten hatten also keine Dichtung oder Aktionskunst im Sinn, die – wie bei Pussy Riot – in den öffentlichen Raum eingreift, provoziert und sich direkt mit der Macht anlegt. Ihre künstlerische Arbeit war vielmehr ein Akt ästhetischer Dissidenz. Und das Merkwürdige ist, dass diese ästhetische Dissidenz – die Provokation durch die Form – zu Sowjetzeiten größere Ängste bei den politischen Instanzen auslöste als ein paar kritische Sätze oder Bilder.

Die Wiederbelebung des himmlischen Milizionärs

Pussy Riot und die Gruppe Vojna, von denen einige auch zu Pussy Riot gehören, begannen vor ein paar Jahren, Prigovs Milizaner in ihren eigenen politischen Aktionen wiederzubeleben. Sie konfrontierten dabei die irdischen, realen Milizionäre in Moskau entweder mit Prigovs Idee des utopischen himmlischen Dichter-Milizionärs, also mit Liebe, Poesie und Fürsorglichkeit. Oder sie konfrontierten die realen Milizionäre mit ihrer Art von Regelbruch. Deshalb wurden 2010 auch zwei Mitglieder der Gruppe Vojna wegen ihrer Performance „Palace Revolution“ wegen Störung der öffentlichen Ordnung und wegen Schürens von Hass und Feindschaft gegen eine soziale Gruppe (die Miliz) nach Art. 213 UK RF angeklagt. Sie hatten für ein Video ein Polizeiauto aufs Dach gedreht.

2011, bei der Aktion „Küss den Bullen“ („Lobzaj musora“, musor = Müll), küssten die weiblichen Mitglieder von Vojna ohne Vorwarnung PolizistInnen in der Moskauer Metro. Sie taten dies, kurz bevor der damalige Präsident Dmitrij Medvedev die Miliz auflöste und mit dem neuen Gesetz „Über die Polizei“ wieder eine Polizei installierte. Die Miliz und mit ihm die Gestalt des Milizionärs war 1917 von der Provisorischen Regierung als Nachfolgerin der zaristischen zivilen Polizei gegründet worden. Medvedev wollte mit der Abschaffung der Miliz zugleich auch Korruption und Gesetzesüberschreitung abschaffen, tatsächlich hat sich aber nur der Name geändert.

In einer anderen Aktion vom 6. Mai 2008 verkleideten sich Vojna-Mitglieder als MusterschülerInnen und besuchten am Vortag der Inauguration des neuen Präsidenten Dmitrij Medvedev eine Polizeistation in der Moskauer Vorstadt Mytišči. Dort schmückten sie die Räume mit Präsidentenporträts, machten Akrobatik zur Unterhaltung und bewirteten die Polizisten. Schon damals zitierten sie ein berühmtes absurdes Milizionär-Gedicht von Prigov.

Da kommt der Klempner vorbei / und beschädigt die Kloschüssel / der Gasinstallateur beschädigt die Gasleitung / der Elektriker die Elektrizität / der Feuerwehrmann legt Feuer / der Postbote ist indiskret / Doch da kommt der Milizaner / Und sagt zu ihnen: macht keinen Unfug (1978).

Klempner, Gasinstallateur, Feuerwehrmann und Milizionär funktionieren in diesem Text nur noch nach poetischen Regeln, folgen der Wiederholung und dem Reim, inhaltlich sind sie völlig dysfunktional und verstoßen quasi gegen sich selbst. Diese Selbstaufhebung eines Systems ist es, die Pussy Riot interessiert, der Milizionär, der Richter, der repressive Staat, dessen Ideologie selbst nur Form oder Hülle ist und der, mit allem was er tut, das Problem nicht beseitigt, sondern Teil des Problems ist.

Der irdische Milizionär

Prigov hat, um es mit den Worten von Pussy Riots „Bekennerschreiben“ zu sagen, das Bild eines „himmlischen Staats“ geschaffen. In diesem himmlischen Staat lebt der „himmlische Milizionär“:

Während der himmlische Milizionär fürsorglich den Fans bei der Weltmeisterschaft folgt, bereitet der irdische Milizionär die Zerschlagung von Demonstrationen vor. Der himmlische Milizionär berührt zärtlich eine Blume auf dem Spielfeld und freut sich über den Sieg der russischen Mannschaft, der irdische Milizionär ist gleichgültig gegenüber Oleg Sentsovs Hungerstreik. Der himmlische Milizionär beschützt Babys im Schlaf, der irdische verfolgt politische Gefangene, inhaftiert Menschen für „reposts“ und „likes“. Der himmlische Milizionär ist auch der Organisator des wunderbaren Karnevals dieser Westmeisterschaft, der irdische hat Angst vor dieser Party. Der himmlische Milizionär überwacht sorgsam die Einhaltung der Regeln, der irdische Milizionär betritt das Spielfeld, ohne auf die Regeln zu achten. Die Weltmeisterschaft hat uns an die Möglichkeit des himmlischen Milizionärs erinnert – in einem wunderbaren Russland der Zukunft, aber jeden Tag greift der irdische Milizionär ohne Regeln ins Spiel ein und zerstört unsere Welt.

Während der Aktion von Pussy Riot waren also beide Milizionäre auf dem Fußballfeld, der „irdische Milizionär“, der sich an keine Regeln hält, und der Himmlische, der lediglich die Regeln der Poesie bricht. Es ist unschwer zu erkennen, dass mit dem, der sich an keine Regeln hält, Putin, Trump und Konsorten gemeint sind, jenes Prinzip von Macht, dessen Credo in der steten Erzeugung von Unvorhersehbarkeit und Regelverstoß zu finden ist. Und zugleich war es auch der „himmlische Milizionär“, der auf dem Platz war, der lächelte, harmlos war, der als einziger während der WM gegen die Autokratie, den politischen Regelverstoß und die Gesetzlosigkeit demonstrierte und sich dabei auch noch fröhlich abführen ließ.

Politik und Poesie

Dass Pussy Riot Politik und Poetik so zusammendenkt, ist selbst eine überfällige Geste, die darauf verzichtet, die politische und eher radikale Aktionskunst gegen die Subtilität der ästhetischen Dissidenz auszuspielen. Denn beides ist nötig, und beides ist gleichermaßen in der russischen Geschichte präsent.

Mit ihren subversiv affirmativen Milizionär-Aktionen erinnern Pussy Riot nicht nur an eine Kunstpraxis der 80er Jahre im Underground, sondern auch an den Beginn der politischen Dissidenz in der Sowjetunion. Diese begann 1965 im Vorfeld des Gerichtsprozesses gegen die Schriftsteller Andrej Sinjavskij und Julij Daniėl’ mit einer kleinen, aber wirksamen Protestaktion auf dem Puškin-Platz in Moskau. Der Tag war klug gewählt, es war der 5. Dezember, der ‚Tag der Verfassung‘ in der Sowjetunion. Im Aufruf zur öffentlichen Kundgebung hieß es u.a.: „In der Vergangenheit hat die Gesetzlosigkeit der Regierung Millionen von Sowjetbürgern Leben und Freiheit gekostet.“ Während der Demonstration versuchten einige wenige Demonstranten, ein Plakat auszurollen, auf dem „Achtet die sowjetische Verfassung – das Grundgesetz der UdSSR!“ („Uvažajte Sovetskuju Konstituciju – osnovnoj zakon SSSR!“) stand.

Die Demonstranten wurden anschließend wegen der Aktion verhaftet und zwei Stunden lang verhört. Es gibt wohl kaum eine paradoxere Situation als jene, in der ein Staat Demonstranten dafür verhaftet, den Staat aufzufordern, sich an seine eigenen Gesetze zu halten. Allerdings gibt es auch keine subversivere Geste als jene, den Staat an die Einhaltung der Gesetze zu erinnern, beinhaltet diese Aufforderung doch ex negativo, dass der Staat gegen seine eigenen Gesetze verstößt und sich selbst als Diktatur entlarvt.

Das Insistieren auf der Inanspruchnahme des Gesetzes, also auf dem Recht des Milizionärs, für Ordnung im Sinne des Gesetzes und der Verfassung zu sorgen, ist eines der Grundmerkmale zunächst der Protest- und dann der Bürgerrechts- bzw. Menschenrechtsbewegungen in Osteuropa. In der Sowjetunion hieß die Bürgerrechtsbewegung – ganz in diesem Sinne – sogar ‚Rechtsverteidigende Bewegung‘ (Pravozaščitnoe dviženie). Der Unterschied zwischen westlichen (Civil Rights Movement) und osteuropäischen Bürgerrechtsbewegungen zeigt sich in eben jenem affirmativen Bezug zum Gesetz. Während in den USA die Afroamerikaner gegen die gesetzlich vorgeschriebene Rassendiskriminierung – also gegen das Gesetz – opponierten, gingen die osteuropäischen Bewegungen für die Einhaltung der Gesetze auf die Straße.

Wenn Pussy Riot nun fordern, alle politischen Gefangenen zu befreien, niemanden für „Likes“ einzusperren, ungesetzmäßige Verhaftungen bei Demonstration zu stoppen, politische Konkurrenz im Land zuzulassen, keine erfundenen Anklagepunkte in Umlauf zu bringen und Leute nicht grundlos in Untersuchungshaft zu nehmen – dann beziehen sie sich auf etwas Ähnliches wie damals die Bürgerrechtsbewegungen, sie wollen etwas ganz Banales, nämlich, dass sich der Staat und seine Organe an das Gesetz halten bzw. das Gesetz nicht permanent im Sinne der autokratischen Macht ausdehnen, verändern und korrumpieren.

Dmitri Prigow, Der Milizionär und die anderen, Gedichte und Alphabete, hg. und übersetzt von Günther Hirt und Sascha Wonders, Leipzig 1992.