„Wir fordern, den irdi­schen Mili­zionär in einen himm­li­schen Mili­zionär zu verwan­deln“ – so lautet die sechste und letzte Forde­rung im „Beken­ner­schreiben“ von Pussy Riot. Sie posten diesen Text kurz nach ihrer Aktion am Sonn­tag­abend auf Face­book. Kurz zuvor – in der 53. Minute des WM-Endspiels Frank­reich gegen Kroa­tien, Mbappé war gerade Vida davon­ge­rannt und konnte erst von Subašić gebremst werden – laufen vier zusätz­liche „Spie­le­rInnen“ in histo­ri­schen Mili­z­uni­formen auf das Spiel­feld: Olga Kuračeva, Nika Niku­lšina, Olga Pach­tu­sova und Petr Verzilov, alle­samt Mitglieder von Pussy Riot.

Olga Kuračeva auf dem Spiel­feld. Quelle: sohu.com

Wer das Spiel live am Fern­sehen verfolgt hat, hat kaum etwas davon mitbe­kommen, die FIFA schal­tete auf Wieder­ho­lung. Doch die inzwi­schen im Netz kursie­renden Fotos zeigen die Aktion: Zu sehen sind vier lachende und strah­lende Mili­zio­nä­rInnen, die regel­recht über den Platz zu fliegen scheinen. Niku­lšina gelingt ein High-Five mit dem irri­tierten und genervten Kylian Mbappé. Kurze Zeit später werden die Mili­zio­nä­rInnen vom Sicher­heits­dienst abge­führt, die falschen Poli­zisten werden von echten aus dem Spiel geholt.

Der himm­li­sche Mili­zionär

Pussy Riot widmeten diese Aktion dem Moskauer Dichter Dmitrij Prigov. Dieser starb am 15. Juli 2011 im Alter von 66 Jahren an einem Herz­in­farkt, den er ein paar Tage zuvor in der Moskauer Metro erlitten hatte. Ihm zu Ehren hatten Pussy Riot damals schon einen üppigen Leichen­schmaus in der Metro veran­staltet. Prigov hatte den Dichter-Milizionär zwischen 1975 und 1980 in seinen berühmten Gedicht­zy­klen erschaffen und in privaten Lesungen in seiner Moskauer Wohnung auch verkör­pert. Sein „Milizaner“ – münd­lich verschliffen ausge­spro­chen – verwan­delte die mythi­sche und gefürch­tete Gestalt der Sowjet­kultur in einen coolen Under­ground­künstler, mit lässiger Into­na­tion, Ziga­rette im Mund­winkel und betont lockerer Gestik. Dieser Dichter-Milizionär ist der „himm­li­sche Mili­zionär“, von dem Pussy Riot spre­chen: ein Ordnungs­hüter, der höchs­tens poeti­sche Regeln verletzt, nicht aber die gesell­schaft­li­chen. Er ist ein fürsorg­li­cher, utopi­scher, anti­he­roi­scher Mili­zionär, der von einer Zukunft träumt, in der er sich selbst als irdi­sche Figur erle­digt haben wird.

Und so der Zukunft zuge­wandt / Vermählt die Welt er seinen Wünschen / Wenn erst verschwinden wird sein Amt / Inmitten einsich­tiger Menschen / Dann legt er seine Mütze nieder / Den Gürtel auch und das Gewehr / Und alle Menschen werden Brüder / Und jeder wird ein Mili­zionär.

Eine Priva­ti­sie­rung und Profa­ni­sie­rung ideo­lo­gi­scher Mythen, Zeichen, Symbole und Figuren war insge­samt typisch für die Künstler des Moskauer Konzep­tua­lismus, zu denen neben Prigov auch Ilja Kabakov, Andrej Monas­tyrskij, Juri Al’bert oder Vladimir Sorokin gehör(t)en. Sie gingen während der Sowjet­zeit nicht mit poli­ti­schen Plakaten durch die Stadt, um zu demons­trieren, sie hängten viel­mehr meditativ-poetische Losungen in den Wald. Sie agierten getarnt als sozia­lis­ti­sche Perso­nagen: als Haus­meister, die Bänke golden stri­chen, oder als Wohnungs­ver­walter, die so taten, als würden sie harm­lose Samm­ler­aus­stel­lungen orga­ni­sieren, und dabei ihre inof­fi­zi­elle Kunst präsen­tierten. Das Verfahren wurde später „subver­sive Affir­ma­tion“ genannt, eine die sozia­lis­ti­sche Ideo­logie imitie­rende und zugleich verfrem­dende Hand­lung, die unter­suchte, wie Ideo­logie funk­tio­niert, und die diese Ideo­logie gleich­zeitig als großen Bluff, als hohle Geste, als leere, sinn­lose Phrase bloß­stellte. Subver­sive Affir­ma­tion war mal Tarnung, um als Künstler über­haupt in Erschei­nung treten zu können, mal Kritik an den typi­schen Verfahren der Kritik, der Distanz und Nega­tion. Denn subver­sive Affir­ma­tion zielte auf Nach­vollzug und Wieder­ho­lung, erst dadurch könne man verstehen, wie Ideo­logie funk­tio­niert, verführt und affi­ziert.

Prigov und die anderen Moskauer Konzep­tua­listen hatten also keine Dich­tung oder Akti­ons­kunst im Sinn, die – wie bei Pussy Riot – in den öffent­li­chen Raum eingreift, provo­ziert und sich direkt mit der Macht anlegt. Ihre künst­le­ri­sche Arbeit war viel­mehr ein Akt ästhe­ti­scher Dissi­denz. Und das Merk­wür­dige ist, dass diese ästhe­ti­sche Dissi­denz – die Provo­ka­tion durch die Form – zu Sowjet­zeiten größere Ängste bei den poli­ti­schen Instanzen auslöste als ein paar kriti­sche Sätze oder Bilder.

Die Wieder­be­le­bung des himm­li­schen Mili­zio­närs

Pussy Riot und die Gruppe Vojna, von denen einige auch zu Pussy Riot gehören, begannen vor ein paar Jahren, Prigovs Milizaner in ihren eigenen poli­ti­schen Aktionen wieder­zu­be­leben. Sie konfron­tierten dabei die irdi­schen, realen Mili­zio­näre in Moskau entweder mit Prigovs Idee des utopi­schen himm­li­schen Dichter-Milizionärs, also mit Liebe, Poesie und Fürsorg­lich­keit. Oder sie konfron­tierten die realen Mili­zio­näre mit ihrer Art von Regel­bruch. Deshalb wurden 2010 auch zwei Mitglieder der Gruppe Vojna wegen ihrer Perfor­mance „Palace Revo­lu­tion“ wegen Störung der öffent­li­chen Ordnung und wegen Schü­rens von Hass und Feind­schaft gegen eine soziale Gruppe (die Miliz) nach Art. 213 UK RF ange­klagt. Sie hatten für ein Video ein Poli­zei­auto aufs Dach gedreht.

2011, bei der Aktion „Küss den Bullen“ („Lobzaj musora“, musor = Müll), küssten die weib­li­chen Mitglieder von Vojna ohne Vorwar­nung Poli­zis­tInnen in der Moskauer Metro. Sie taten dies, kurz bevor der dama­lige Präsi­dent Dmitrij Medvedev die Miliz auflöste und mit dem neuen Gesetz „Über die Polizei“ wieder eine Polizei instal­lierte. Die Miliz und mit ihm die Gestalt des Mili­zio­närs war 1917 von der Provi­so­ri­schen Regie­rung als Nach­fol­gerin der zaris­ti­schen zivilen Polizei gegründet worden. Medvedev wollte mit der Abschaf­fung der Miliz zugleich auch Korrup­tion und Geset­zes­über­schrei­tung abschaffen, tatsäch­lich hat sich aber nur der Name geän­dert.

Petr Verzilov und Nika Nukuilšina nach der Aktion im „Gespräch“ mit einem Poli­zisten. Über­lie­fert ist, dass der Poli­zei­be­amte sagte: Schade, dass wir nicht das Jahr 37 haben“ (Жалею, что сейчас не 37-й год). Quelle: inshe.tv

In einer anderen Aktion vom 6. Mai 2008 verklei­deten sich Vojna-Mitglieder als Muster­schü­le­rInnen und besuchten am Vortag der Inau­gu­ra­tion des neuen Präsi­denten Dmitrij Medvedev eine Poli­zei­sta­tion in der Moskauer Vorstadt Mytišči. Dort schmückten sie die Räume mit Präsi­den­ten­por­träts, machten Akro­batik zur Unter­hal­tung und bewir­teten die Poli­zisten. Schon damals zitierten sie ein berühmtes absurdes Milizionär-Gedicht von Prigov.

Da kommt der Klempner vorbei / und beschä­digt die Kloschüssel / der Gasin­stal­la­teur beschä­digt die Gaslei­tung / der Elek­triker die Elek­tri­zität / der Feuer­wehr­mann legt Feuer / der Post­bote ist indis­kret / Doch da kommt der Milizaner / Und sagt zu ihnen: macht keinen Unfug (1978).

Klempner, Gasin­stal­la­teur, Feuer­wehr­mann und Mili­zionär funk­tio­nieren in diesem Text nur noch nach poeti­schen Regeln, folgen der Wieder­ho­lung und dem Reim, inhalt­lich sind sie völlig dysfunk­tional und verstoßen quasi gegen sich selbst. Diese Selbst­auf­he­bung eines Systems ist es, die Pussy Riot inter­es­siert, der Mili­zionär, der Richter, der repres­sive Staat, dessen Ideo­logie selbst nur Form oder Hülle ist und der, mit allem was er tut, das Problem nicht besei­tigt, sondern Teil des Problems ist.

Der irdi­sche Mili­zionär

Prigov hat, um es mit den Worten von Pussy Riots „Beken­ner­schreiben“ zu sagen, das Bild eines „himm­li­schen Staats“ geschaffen. In diesem himm­li­schen Staat lebt der „himm­li­sche Mili­zionär“:

Während der himm­li­sche Mili­zionär fürsorg­lich den Fans bei der Welt­meis­ter­schaft folgt, bereitet der irdi­sche Mili­zionär die Zerschla­gung von Demons­tra­tionen vor. Der himm­li­sche Mili­zionär berührt zärt­lich eine Blume auf dem Spiel­feld und freut sich über den Sieg der russi­schen Mann­schaft, der irdi­sche Mili­zionär ist gleich­gültig gegen­über Oleg Sent­sovs Hunger­streik. Der himm­li­sche Mili­zionär beschützt Babys im Schlaf, der irdi­sche verfolgt poli­ti­sche Gefan­gene, inhaf­tiert Menschen für „reposts“ und „likes“. Der himm­li­sche Mili­zionär ist auch der Orga­ni­sator des wunder­baren Karne­vals dieser West­meis­ter­schaft, der irdi­sche hat Angst vor dieser Party. Der himm­li­sche Mili­zionär über­wacht sorgsam die Einhal­tung der Regeln, der irdi­sche Mili­zionär betritt das Spiel­feld, ohne auf die Regeln zu achten. Die Welt­meis­ter­schaft hat uns an die Möglich­keit des himm­li­schen Mili­zio­närs erin­nert – in einem wunder­baren Russ­land der Zukunft, aber jeden Tag greift der irdi­sche Mili­zionär ohne Regeln ins Spiel ein und zerstört unsere Welt.

Nika Niku­lšina beim High-Five mit Kylian Mbappé. Quelle: meduza.ru

Während der Aktion von Pussy Riot waren also beide Mili­zio­näre auf dem Fußball­feld, der „irdi­sche Mili­zionär“, der sich an keine Regeln hält, und der Himm­li­sche, der ledig­lich die Regeln der Poesie bricht. Es ist unschwer zu erkennen, dass mit dem, der sich an keine Regeln hält, Putin, Trump und Konsorten gemeint sind, jenes Prinzip von Macht, dessen Credo in der steten Erzeu­gung von Unvor­her­seh­bar­keit und Regel­ver­stoß zu finden ist. Und zugleich war es auch der „himm­li­sche Mili­zionär“, der auf dem Platz war, der lächelte, harmlos war, der als einziger während der WM gegen die Auto­kratie, den poli­ti­schen Regel­ver­stoß und die Gesetz­lo­sig­keit demons­trierte und sich dabei auch noch fröh­lich abführen ließ.

Politik und Poesie

Dass Pussy Riot Politik und Poetik so zusam­men­denkt, ist selbst eine über­fäl­lige Geste, die darauf verzichtet, die poli­ti­sche und eher radi­kale Akti­ons­kunst gegen die Subti­lität der ästhe­ti­schen Dissi­denz auszu­spielen. Denn beides ist nötig, und beides ist glei­cher­maßen in der russi­schen Geschichte präsent.

Mit ihren subversiv affir­ma­tiven Milizionär-Aktionen erin­nern Pussy Riot nicht nur an eine Kunst­praxis der 80er Jahre im Under­ground, sondern auch an den Beginn der poli­ti­schen Dissi­denz in der Sowjet­union. Diese begann 1965 im Vorfeld des Gerichts­pro­zesses gegen die Schrift­steller Andrej Sinjavskij und Julij Daniėl’ mit einer kleinen, aber wirk­samen Protest­ak­tion auf dem Puškin-Platz in Moskau. Der Tag war klug gewählt, es war der 5. Dezember, der ‚Tag der Verfas­sung‘ in der Sowjet­union. Im Aufruf zur öffent­li­chen Kund­ge­bung hieß es u.a.: „In der Vergan­gen­heit hat die Gesetz­lo­sig­keit der Regie­rung Millionen von Sowjet­bür­gern Leben und Frei­heit gekostet.“ Während der Demons­tra­tion versuchten einige wenige Demons­tranten, ein Plakat auszu­rollen, auf dem „Achtet die sowje­ti­sche Verfas­sung – das Grund­ge­setz der UdSSR!“ („Uvažajte Sovets­kuju Konsti­tu­ciju – osnovnoj zakon SSSR!“) stand.

Die Demons­tranten wurden anschlie­ßend wegen der Aktion verhaftet und zwei Stunden lang verhört. Es gibt wohl kaum eine para­do­xere Situa­tion als jene, in der ein Staat Demons­tranten dafür verhaftet, den Staat aufzu­for­dern, sich an seine eigenen Gesetze zu halten. Aller­dings gibt es auch keine subver­si­vere Geste als jene, den Staat an die Einhal­tung der Gesetze zu erin­nern, beinhaltet diese Auffor­de­rung doch ex nega­tivo, dass der Staat gegen seine eigenen Gesetze verstößt und sich selbst als Diktatur entlarvt.

Das Insis­tieren auf der Inan­spruch­nahme des Gesetzes, also auf dem Recht des Mili­zio­närs, für Ordnung im Sinne des Gesetzes und der Verfas­sung zu sorgen, ist eines der Grund­merk­male zunächst der Protest- und dann der Bürgerrechts- bzw. Menschen­rechts­be­we­gungen in Osteu­ropa. In der Sowjet­union hieß die Bürger­rechts­be­we­gung – ganz in diesem Sinne – sogar ‚Rechts­ver­tei­di­gende Bewe­gung‘ (Pravo­zaščitnoe dviženie). Der Unter­schied zwischen west­li­chen (Civil Rights Move­ment) und osteu­ro­päi­schen Bürger­rechts­be­we­gungen zeigt sich in eben jenem affir­ma­tiven Bezug zum Gesetz. Während in den USA die Afro­ame­ri­kaner gegen die gesetz­lich vorge­schrie­bene Rassen­dis­kri­mi­nie­rung – also gegen das Gesetz – oppo­nierten, gingen die osteu­ro­päi­schen Bewe­gungen für die Einhal­tung der Gesetze auf die Straße.

Pussy Riot, Screen­shot des Beken­ner­vi­deos. Quelle: meduza.ru

Wenn Pussy Riot nun fordern, alle poli­ti­schen Gefan­genen zu befreien, niemanden für „Likes“ einzu­sperren, unge­setz­mä­ßige Verhaf­tungen bei Demons­tra­tion zu stoppen, poli­ti­sche Konkur­renz im Land zuzu­lassen, keine erfun­denen Ankla­ge­punkte in Umlauf zu bringen und Leute nicht grundlos in Unter­su­chungs­haft zu nehmen – dann beziehen sie sich auf etwas Ähnli­ches wie damals die Bürger­rechts­be­we­gungen, sie wollen etwas ganz Banales, nämlich, dass sich der Staat und seine Organe an das Gesetz halten bzw. das Gesetz nicht perma­nent im Sinne der auto­kra­ti­schen Macht ausdehnen, verän­dern und korrum­pieren.

Dmitri Prigow, Der Mili­zionär und die anderen, Gedichte und Alpha­bete, hg. und über­setzt von Günther Hirt und Sascha Wonders, Leipzig 1992.

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