Der Kopf unter dem Hut. Helke Sanders kluger Film "Die allseitig reduzierte Persönlichkeit"

Wenn über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf öffentlich gesprochen wird, geht vor allem darum, wie Frauen trotz Kinder Karriere machen können. Dabei steht viel mehr zur Debatte. Ein Film aus den 1970ern hilft, den Blick hierfür zu öffnen.



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Wie man es mit Kindern und Karriere, Beruf und Familie halten sollte, ist zu einer der Gretchenfragen unserer Zeit geworden, die trotz der Diskussionen um den Vaterschaftsurlaub immer noch mehrheitlich mit den Frauen als den Männern in der Gesellschaft in Verbindung gebracht wird. Kaum eine Woche, in der sich nicht in den Zeitungen Meldungen dazu finden lassen, ob der Anteil erwerbstätiger Mütter gestiegen sei oder Kinder sich für Frauen noch immer als „Karrierekiller“ erwiesen. Wissenschaftliche Studien zu dem Thema können sich öffentlicher Aufmerksamkeit sicher sein. Und insgesamt ist es in Politik und Wirtschaft weitgehend unstrittig, dass die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ den entscheidenden Faktor für die Berufstätigkeit und Karrierewege insbesondere von Frauen darstellt. In Deutschland, aber auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern, hat dies zur Einführung neuer Unterstützungs- und Kinderbetreuungsangebote geführt, die Müttern (und Vätern) einen schnelleren Berufseinstieg ermöglichen sollen. Und den Schwierigkeiten, die es weiterhin macht, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bekommen, widmet sich ein stetig wachsender Markt an Ratgebern mit mehr oder weniger hilfreichen Tipps.

Unter dem Schlagwort der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ ist damit ein Problem in das Zentrum gesellschaftlicher Erörterung gerückt, das noch vor wenigen Jahren kaum öffentliche Beachtung fand. Noch Ende der 1970er Jahre waren Beiträge zu diesem Thema so selten, dass sie dort, wo sie den Weg in die breitere Öffentlichkeit fanden, Furore zu machen vermochten. Auf der Berlinale 1978 etwa zog ein Film die Aufmerksamkeit auf sich, der als einer der ersten das Schweigen der Massenmedien über die durch die Doppellast von Arbeit und Familie entstehenden Schwierigkeiten vorführte und zugleich erprobte, wie sich mit den massenmedialen Mitteln von diesem vermeintlich privaten Problem sprechen ließe. Die allseitig reduzierte Persönlichkeit – REDUPER wurde zu einem Klassiker des frühen feministischen Kinos. Der Film ist noch immer sehenswert: als eindrucksvolles Zeitdokument der 1970er Jahre, aber auch, weil er weiterhin die Diskussion um Kinder und Karriere zu bereichern vermag.

Berlin im März 1977: Zwei Tage im Leben von Edda Chiemnyjewski

Am Anfang des Films steht sein Spielort: „Berlin im März 1977“ verkündet die eröffnende Texttafel, bevor eine lange Kamerafahrt der Berliner Mauer und den anschließenden Straßenzügen der Stadt folgt. In ihr lebt und arbeitet Edda Chiemnyjewski, eine Fotojournalistin, die von ihren mageren Foto-Honoraren den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter bestreiten muss. Der Film folgt ihr zwei Tage lang durch das vollgestopfte Leben: zu ihren Fototerminen, auf ihren Wegen durch die Stadt, in ihre Wohnung. Auch hier dominiert die Arbeit. In Bade- und Wohnzimmer werden die Filme entwickelt, retuschiert und Abzüge erstellt. Dennoch ist das Fotografieren für Edda mehr als Broterwerb. Bei einer nächtlichen Demonstration gegen Vergewaltigung macht sie Fotos auf „eigenes Risiko“. Den „interessanten Leuten“, die sie um Fotos für eine Broschüren der Umweltbewegung bitten, schenkt sie Zeit und Ratschläge, obwohl diese sie nicht bezahlen können. Und vor allem engagiert sich Edda mit viel Zeit in einer Frauenfotogruppe, die Gelder des Berliner Senats bekommen hat, um für eine Imagekampagne die Stadt fotografisch zu dokumentieren. Als Großfotos sollen die Arbeiten auf Plakatwänden in der Stadt gezeigt werden, wofür die Gruppe in diesen Tagen mit einem Testfoto die öffentliche Wirkung erprobt. Doch angesichts ihrer Aufnahmen von tristen Straßenzügen und Mauerstreifen ist unklar, ob ihnen die öffentliche Präsentation nicht noch untersagt werden wird. Die Diskussionen über die mögliche Zensur und die unsicheren Versuche, bei Politikern und der Presse Unterstützung zu mobilisieren, beanspruchen viel Zeit.

Dazwischen stehen kurze Szenen mit Edda und ihrer Tochter Dorothea, die sie am Morgen nicht zur Arbeit gehen lassen will und schon hinter der Scheibe wartet, wenn die Mutter nach Hause kommt. Eine extra große Eisportion soll den Mangel an gemeinsamer Zeit ausgleichen, ebenso Versprechungen. „Heute war kein schöner Tag für uns“, sagt Edda als sie Dorothea ins Bett bringt. „Morgen machen wir einen besseren“. Und dann ist da noch alles Weitere, was auch zum Leben gehört: der Aikidō-Kurs am Abend, der Edda verspricht, „sich selbst zu finden“, zu dem sie es in den letzten drei Monaten aber nur fünf Mal geschafft hat; die spärliche Zeit mit ihrem Partner, der ihr „irgendwann zugelaufen“ ist und an dem sie vor allem schätzt, dass Dorothea so gut mit ihm spielen kann; die morgendliche Zeitungslektüre, um „auf dem Laufenden zu bleiben“; ein Anruf ihrer Mutter; Frühsport. Und immer wieder Arbeit – auch abends und nachts, wenn Edda auf einer Vernissage Kontakte zu knüpfen versucht oder für Nachtaufnahmen aus dem Bett geklingelt wird. Edda stolpert durch ein Leben, dass für vieles keine Zeit lässt: in dem „aus Zeitmangel verdrängt wird, was auf Verarbeitung drängt“, wie es die Erzählerinnenstimme beschreibt, die im Film die distanzierten und ruhigen Schwarz-Weiß-Bilder mit Ironie, Sarkasmus und Literaturzitaten kommentiert. „Vor dem Einschlafen denke ich, dass aus Tagen wie diesen das Leben besteht“, spricht die Stimme Edda Worte von Christa Wolf zu, als die Fotografin erschöpft ins Bett fällt. „Punkte, die am Ende, wenn man Glück gehabt hat, eine Linie verbindet.“

Filme, Studenten, Frauen

Edda Chiemnyjewski ist keine reale Person. Erdacht und verkörpert hat sie Helke Sander, die mit Die allseitig reduzierte Persönlichkeit 1978 ihren ersten abendfüllenden Spielfilm vorlegte. Filme machte Sander zu diesem Zeitpunkt aber schon mehr als zehn Jahre; mindestens ebenso lang wehrte sie sich dagegen, dass die Doppellast aus Arbeit und Kindererziehung unsichtbar blieb. 1966 hatte Sander als Teil des legendären ersten Jahrgangs der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) ihr zweites Studium begonnen, um Filme machen zu können. Doch schon im zweiten Studienjahr drängte sich anderes in den Vordergrund: Die dffb wurde 1967/68 zu einem der Hotspots der Studentenbewegung, an dem sich viele der angehenden Filmemacher(innen) – mit und ohne Kamera – der politischen Revolte verschrieben. Auch Sander gehörte dazu. Dass sie dabei zur treibenden Figur der entstehenden Frauenbewegung wurde, war in starkem Maße jener Lebenskonstellation geschuldet, für die sie später in Die allseitig reduzierte Persönlichkeit so starke Bilder fand.

Als alleinerziehende Mutter waren Filmtätigkeit, politische Arbeit und Kindererziehung für sie in den turbulenten Monaten 1967/68 schlicht nicht zusammenzubringen. Die von ihr maßgeblich initiierte Gründung der Berliner Kinderläden stellte eine ebenso praktische Lösung für drängende Alltagsprobleme dar, wie sie die Aufmerksamkeit der revoltierenden Studenten auf das darin sichtbare „spezifische Ausbeutungsverhältnis, unter dem die Frauen stehen“, lenken sollte. Aus der Initiative entstand der Aktionsrat zur Befreiung der Frau und ihn vertrat Helke Sander im Herbst 1968 auf der Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes in Frankfurt, wo sie den männlichen Genossen ihre Unfähigkeit vorhielt, vermeintlich private Probleme als gesellschaftliche zu erkennen, und wo eine anschließend auf das Podium geschleuderte Tomate das ikonische Bild für die Gründung der zweiten Frauenbewegung schuf.

Männer-Fernsehen – Frauen-Probleme

Zehn Jahre später ging es Helke Sander nicht mehr darum, der aus der Studentenbewegung erwachsenen Linken ihre geschlechterpolitische Blindheit vorzuführen, wie sie es noch bei ihrem ersten Spielfilm Eine Prämie für Irene (1971) getan hatte; eine feministische Variante des zu dieser Zeit viel beachteten „Berliner Arbeiterfilms“, in der sie eine Gruppe von Fabrikarbeiterinnen ins Zentrum der Handlung stellte und auch deren Leben außerhalb der Fabriktore. In Die allseitig reduzierte Persönlichkeit hallte die Auseinandersetzung innerhalb der Linken zwar noch nach – nicht zuletzt im Titel, der das sozialistische Ideal der „allseitig entwickelten Persönlichkeit“ verballhornt. Doch die Anklage, die der Film formulierte, galt nun vor allem den Massenmedien: insbesondere Film und Fernsehen, in denen Frauen in den 1970er Jahren noch immer ebenso einflusslos geblieben waren wie weibliche und feministische Perspektiven. Die Wut darüber, „dass die Bevölkerung rund 40 Prozent ihrer Freizeit, wenn nicht mehr, vor dem Fernsehschirm zubringt, dessen Programm fast 100 Prozent von Männern gemacht wird und männliche Leitbilder prägt“, hatte sich Sander Mitte der 1970er Jahre in einem programmatischen Text von der Seele geschrieben, der wichtige Diskussionen um die Situation von Filmemacherinnen anstieß. Diskussionen, die nun in der neuen Zeitschrift Frauen und Film geführt wurden, die Sander zugleich gründete.

In Die allseitig reduzierte Persönlichkeit fand sie eine subtilere Sprache für diese Wut. Gleich in den ersten Minuten folgt der Film seiner Protagonistin zu einem Fotoauftrag, bei dem sich Edda gemeinsam mit anderen Fotografen am kalten Frühlingsmorgen die Beine in den Bauch steht. Im Niemandsland vor dem Mauerstreifen sind die Objektive auf eine Eisenbahnbrücke gerichtet, über die an diesem Morgen die letzte Dampflokomotive der Strecke Hamburg – Berlin passieren soll. „Ein der Veröffentlichung wert befundenes Ereignis“, kommentiert die Stimme aus dem Off, das Edda für eine Zeitung dokumentieren soll. Solche Ereignisse gibt es in dem Film viele. Edda macht Pressefotos beim Treffen des Kuratoriums „Unteilbares Deutschland“ oder bei einer Seniorenfeier. Die Stimme aus dem Off verliest eine Nachrichtenmeldung über die Aufnahme von Grußnachrichten des UN-Generalsekretärs an mögliche fremde Lebensformen, die mit einer Sonde in den Weltraum geschossen werden sollen. Und immer wieder ist da das Radio, das Edda bei ihren Autofahrten oder zu Hause hört, und das von der ersten Sonnenenergietagung in München, Reformen im Berufsschulwesen oder der internationalen Tourismusmesse berichtet. Auch ein Beitrag über das Jubiläum der DDR-Frauenorganisation ist zu hören, aber nie ist von den Dingen die Rede, die das Leben von Edda bestimmen und die die Kamera zugleich einfängt. „Ihrer Meinung nach werden ihr viel zu wenig Bilder abgenommen von Dingen, die Leute wirklich bewegen“, kommentiert die Erzählerin aus dem Off, als Edda ohne Auftrag bei der Demonstration gegen Vergewaltigung fotografiert, und spricht damit aus, was der Film beständig vor Augen führt. Auch die Sorgen um das Fotoprojekt für den Berliner Senat kreisen um das Problem, dass solche Bilder, wie sie sie zeigen wollen, „nicht in Zeitungen“ zu finden sind. Und was nicht in der Zeitung erscheine, „darfst Du in einer Ausstellung auch nicht machen“, sagt eine der Frauen. Wieder und wieder provoziert der Film so die Spannung zwischen dem, was man sieht und dessen mangelnder Sichtbarkeit in den Massenmedien. „Was erfährt man nicht und ist doch Zeitgenosse“, heißt es an seinem Ende.

Eine Bildsprache für das ganze Leben

Doch der Film ist nicht nur Anklage, sondern zugleich eine Reflexion darüber, wie sich mit den Mitteln des Films überhaupt von dem erzählen ließe, was man nicht erfährt. Ausführlich thematisiert er diese Frage in den Schwierigkeiten der Frauengruppe, ihre Sicht auf die Stadt ins Bild zu bannen, in ihren Enttäuschungen über die mangelhafte Wirkung des Großbildes im Stadtraum und in der Sorge, mit den eigenen Fotografien „keine völlig andere Perspektive“, sondern nur die Umkehr bekannter Bilder geschaffen zu haben. Fehlende Sichtbarkeit wird in Die allseitig reduzierte Persönlichkeit nicht nur als Ergebnis mangelnden Interesses oder politischer Absichten gekennzeichnet, sondern ist auch eine Frage der Darstellungsform.

Der Film findet seine Antwort darauf in ruhigen, fast unscheinbaren Bildern, in denen Details und Beiläufigkeiten zählen: In der Fotogruppe mault eine, dass „jedes Mal eine von Euch ihr Kind mitschleppen“ müsse. Edda berichtet einer Freundin, wie sie auf der Suche nach ihrem Fotopapier die Warenhäuser abklappern musste, weil es dieses nicht mehr im Großhandel zu kaufen gibt, was fast doppelt so hohe Kosten bedeutet. Die Umweltaktivisten bitten sie um Fotos, weil sie glauben, dass Edda, im Gegensatz zu einem männlichen Kollegen, Zeit für so etwas hat. Bei der Seniorenfeier tanzt und spricht Edda mit den alten Frauen, statt sich auf ihren Fotoauftrag zu konzentrieren. Dorothea klammert sich bei der Verabschiedung zur Arbeit „wie jeden Morgen“ an ihre Mutter, will sie nicht gehen lassen und behält schließlich wenigstens ihren Schal zurück. Zum Gespräch mit dem Vertreter der Werbefirma, auf deren Plakatwänden die Fotos der Gruppe gezeigt werden sollen, fahren die Frauen zu zweit, „um sicherer aufzutreten“. Als Edda bei einer Zeitung ihr Honorar für ein ohne Absprache abgedrucktes Foto einfordert, muss sie sich dafür rechtfertigen, „mit Freundlichkeit nicht immer weiter“ zu kommen.

All diese Kleinigkeiten verweisen auf etwas Größeres, das der Film aber nicht benennt. Er gibt die Fragen an die Zuschauenden weiter: wo alltägliche Schwierigkeiten gesellschaftliche oder persönliche Ursachen haben, inwieweit sie auf ökonomischen Strukturen oder sexistischen Vorurteilen gründen, ob sie Edda alleine oder auch andere betreffen – und inwieweit sich das alles überhaupt unterscheiden und separiert betrachten lässt. Im Film entfalten die einzelnen Szenen ihre Bedeutung jedenfalls erst in der Zusammenschau: So marginal die einzelnen Momente für sich genommen sind, so zeigen sie gemeinsam ein Leben, dessen Hauptfigur auf ganz unterschiedliche Grenzen und Hindernisse stößt, die weit mehr verhindern als beruflichen Erfolg und eine liebevoll-gelassene Kindererziehung. Was vor allem auf der Strecke bleibt, sind die „vielen in ihr verborgenen, gespeicherten Pläne“, von denen der Film nur ganz am Rande spricht: Dinge, die Edda gerne einmal machen oder können würde, wie etwa „mehr von Physik verstehen“.

Sie würde „das Wort ‚Vereinbarkeit‘“ nicht mögen, hat Helke Sander vor ein paar Jahren zu ihrem Film gesagt, „weil in einem Leben so viel mehr existiert als nur Beruf und Familie: Wünsche, Tätigkeiten, Philosophie, Poesie …“. In dem Wort zeige sich letztlich nur die nochmalige „Reduzierung der reduzierten Persönlichkeit“. In der Tat demonstriert Die allseitig reduzierte Persönlichkeit auch in der heutigen Konstellation, wo die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ zum medialen Dauerthema geworden ist, wie beschränkt die öffentliche Debatte zu diesem Thema weiterhin ist. Darin haben sich andere Darstellungsformen durchgesetzt, nicht zuletzt Daten und Zahlen, die das Problem auf die Frage nach dem Anteil von Frauen in Führungsgremien und der Fortsetzung ihrer Karriere nach der Geburt konzentrieren. Helke Sanders kluger und suchender Film hilft deshalb noch immer dabei zu erkennen, dass bei der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ weit mehr zur Disposition steht als die Frage, wie sich Kinder und Karriere am geschicktesten unter einen Hut bekommen lassen. Es geht vor allem um den Kopf, auf dem der Hut sitzen soll.