Der #Heimat-Hype. Zu einer «grossen Koalition» in der politischen Semantik

In den aktuellen Diskussionen wird der «Heimat»-Begriff zum Fetisch. Wenn nun auch die politische Linke die identitäre Lesart zur natürlichen Grundannahme verklärt, arbeitet sie einer plakativen Eindeutigkeit zu, die schon Max Frisch als «Chauvinismus» bezeichnet hat.



Artikel URL: https://geschichtedergegenwart.ch/der-heimat-hype-zur-einer-grossen-koalition-in-der-politischen-semantik/

«Heimat» ist hip. In Deutschland hat sie es mittlerweile in offizielle Amtsbezeichnungen geschafft. 2018 wurde das 1949 mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland entstandene «Ministerium des Inneren» um den Zusatz «für Bau und Heimat» erweitert. Mit der Umbenennung wollte der neue Minister, der CSU-Hardliner Horst Seehofer, seinen Anspruch auf ein Superministerium unterstreichen, das nun auch, wie die Website festhält, «das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) in unseren Reihen begrüsst». Diese institutionelle Umgruppierung wird mit dem Kollektivsingular «Bau» auf den Punkt gebracht.

Mit «Der Bau» ist eine 1923/24 entstandene, unvollendete und erst posthum veröffentlichte Erzählung von Franz Kafka betitelt. Es geht darin um den aussichtslosen Kampf eines unter Tage lebenden Tieres, das sich mit einem weit verzweigten Erdbau vor seinen Feinden zu schützen versucht. Der zwanghafte Kampf gegen eine eingebildete Bedrohung kippt in Paranoia. Diese kafkaeske literarische Fiktion war bei der administrativen Neukonzeption des «Ministerium des Inneren» offenbar durchaus präsent. Frühere Entwürfe sprachen nämlich noch von einem „Bundesministerium des Innern für Bauen und Heimatschutz“. Deutlicher als in der jetzigen Formulierung brachte dies das Bemühen um die Fusion von «Bauen» und «Heimat» in einem nationalen Schutzprojekt mit Abwehrreflex zum Ausdruck. Die Verantwortlichen stellten umgehend klar, dass der in rechtsextremen Kreisen wertgeschätzte Aufruf zum «Heimatschutz» in der akzeptierten politischen Sprache der BRD nichts zu suchen habe. Hingegen wird nach wie vor ganz selbstverständlich eine semantische Homologie von Heimat, Volk, Nation und Vaterland unterstellt.

Heimat für alle

Heimat ist nicht nur eine staatlich-administrative Angelegenheit. Das europaweit grassierende Reden darüber reicht heute vom rechten Pol des politischen Spektrums bis in dessen linke Sphäre hinein. Im Frühjahr 2018 hob Marc Saxer, Referatsleiter bei der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung, im IPG-Journal zum Themenschwerpunkt «Lob der Nation» zu einem fulminanten Plädoyer für eine «sozialdemokratische Heimat» an, die er als «weltoffenen Ort mitten in Europa» anpreist. Ausgangspunkt sei eine Abstiegs- und Verunsicherungserfahrung, welche die politische Rechte ausnutze. Darauf gelte es zu reagieren, denn «Menschen brauchen eine Identität, die ihnen Stolz, Anerkennung und Selbstachtung verleiht, um sich auf eine rasant verändernde Welt einlassen zu können.» Die Sozialdemokratie habe es versäumt, dem «völkischen Angebot der Rechtspopulisten ein progressives Identitätsangebot entgegenzusetzen». Die «progressive Heimat» wird im Beitrag illustriert durch einen lustig entfremdeten Karl Marx in bayrischer Lederhosen-Tracht vor einer Bergkulisse, der die Heimatverträglichkeit des proletarischen Internationalismus beweisen soll.

Inzwischen ist die Forderung nach Heimat dermassen ins Kraut geschossen, dass ein Überblick über die Diskussion nicht mehr zu leisten ist. Generalisierende Aussagen dazu finden sich etwa in der März 2019-Ausgabe des Magazins der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (wbg) mit dem Titelthema «Heimat: Wo fängt sie an und wo hört sie auf». Die angekündigte Analyse des «politischen Kampfbegriffs» endet indessen mit vagen Unterscheidungen, etwa zwischen «Heimatliebe» und «Heimattümelei». Hingegen schlägt sich der Heimat-Hype in diesem wbg-Werbeträger darin nieder, dass gleich dutzendweise neue Bücher zum Stichwort, aber auch zum «deutschen Wald» oder zur «deutschen Seele» angeboten werden.

Fast alle Rechtfertigungen des «Heimat»-Begriffs, die von Autorinnen und Autoren links der Mitte verfasst werden, kommen im Duktus «Wir müssen diesen Begriff neu besetzen» oder «Wir dürfen die Heimat nicht der Rechten überlassen» daher. Dies verweist auf eine asymmetrische Situation. Offensichtlich hat der Gegner das Gelände bereits erfolgreich besetzt. Die nationale Rechte und rechtsextreme Kräfte setzten «Heimat» als Schlüsselkategorien der politischen Mobilisierung ein. Sie schmiedeten daraus ein Schutz und Trutz bietendes nationales «Wir» im Zeichen der Abwehr, Ausgrenzung und Ausschliessung.

Demgegenüber sind liberale und linke «Wir»-Konzepte europaweit mit ganz anderen historischen Erfahrungen angereichert. Die Arbeiter- und die Frauenbewegungen verbanden ihre politischen Aspirationen weit stärker mit Begriffen wie «Freiheit», «Bildung», «Demokratie», «Solidarität» und – in ihren liberalemanzipatorischen Varianten – mit «Individuum». Mit dem Einschwenken der Linken auf einen Heimat-(Dis-)Kurs wird diese Spannung aufgelöst. Alle kämpfen nun um denselben Fetisch, nämlich um einen Heimatbegriff, der zur Ermöglichungsbedingung persönlicher Geborgenheit und kultureller Orientierung aufgewertet wird.

Mit diesem rhetorischen Tanz um die «Heimat» entsteht so etwas wie eine semantische «grosse Koalition», die einen intrinsischen Rechtsdrall aufweist, weil ihre Agenda von weit rechts stammt. Die Crux dieses Werbens besteht darin, dass das Bedürfnis nach Zugehörigkeit hypostasiert wird. Es spricht nichts für die Annahme der «Identitären», dass Menschen «eine Identität» haben müssen. Zudem koexistieren Heimatgefühle meistens mit einem Wunsch nach Ferne. Gerade in der Populärkultur liegen die Sehnsuchtsorte von Menschen nicht da, wo sie leben, sondern sind in einem imaginären Anderen angesiedelt. Das Interesse am Unbekannten, die Lust am Aufbrechen verschwindet im Schatten eines fiktiven Sicherheits- und Eindeutigkeitsangebots. Die zentrale Einsicht, dass der Freiheitsgrad einer jeden Gesellschaft sich daran bemisst, ob und wie man die Heimat verlassen und generell aus «herrschenden Verhältnissen» wegkommen kann, geht verloren. Das Mantra der Heimat-Apologeten ist die Unterstellung, das einzig Relevante im Leben von Menschen sei ein nationaler Stalldrang und eine darauf beruhende Gemeinschaftsbildung.

Die Schweiz als Heimat?

«Heimat» aus dem politischen Vokabular streichen zu wollen, ist keine erfolgsversprechende Strategie. Die Geschichte der Literatur und insbesondere die Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Nachkriegszeit bieten Beispiele für einen anderen Umgang mit diesem problematischen Begriff. Die Autoren Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch setzten ihn kritisch ein. Dürrenmatt, der sich Zeit seines Lebens an gesellschaftlichen Ambivalenzen abarbeitete und dem jede plakative Vereindeutigung ein Dorn im Auge war, publizierte 1963 ein Buch mit Zeichnungen unter dem Titel «Die Heimat im Plakat». Anlass dazu bot die im selben Jahr in der rasch aufstrebenden Walliser Tourismusmetropole Zermatt ausgebrochene schwere Typhusepidemie. Für Dürrenmatt waren die drei Todesopfer und die über 450 hospitalisierten Personen Resultat behördlicher Inkompetenz und einer zynischen Politik.

Sein Buch konfrontierte die «heile-Welt»-Schweiz, welche der touristischen Verwertung des kulturellen Kapitals des «Schweizeralpenlandes» dient, mit bitter-bösen Bildern. Es codierte das Ehrlichkeit und Ehrbarkeit verkörpernde nationalen Selbstverständnis symbolisch um – durch die grotesk-entfremdete Darstellung von Gemeindepräsidenten, Generälen, Lehrern, aber auch durch die Abbildung sich rächender Klavieren und ungeniessbaren Weissweins.

Zehn Jahre später erhielt Max Frisch den hoch dotierten und äusserst renommierten «Grossen Schillerpreis»  –  das letzte Mal war dieser 1960 an Dürrenmatt verliehen worden. Aus diesem Anlass hielt Frisch am 12. Januar 1974 im Zürcher Schauspielhaus eine Rede mit dem fragenden Titel «Die Schweiz als Heimat?». Die Rede ist aufgezeichnet worden; im Filmvorspann fehlt bezeichnenderweise das Fragezeichen.

Der Redner ging die Heimat-Problematik mit einer Doppelstrategie an. Zum einen distanzierte er sich deutlich von jeder Vorstellung der «Heimat» als eines heimeligen Wunschortes. Selbstverständlich, sagt Frisch, «habe ich Heimat», aber daraus folge nicht zwingend, dass die Schweiz seine Heimat sei. Wenn er sage, «ICH BIN SCHWEIZER», so könne er sich «nicht mehr begnügen mit Pfannenstiel und Greifensee und Lindenhof und Mundart, nicht einmal mit Gottfried Keller; dann gehört zu meiner Heimat auch die Schande, zum Beispiel die schweizerische Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg und anderes, was zu unserer Zeit geschieht oder nicht geschieht». Das sei «nicht der Heimat-Begriff nach dem Schnittmuster der Abteilung HEER UND HAUS», sondern sein eigener, denn: «Heimat ist nicht durch Behaglichkeit definiert. Wer HEIMAT sagt, nimmt mehr auf sich.» Frisch lenkt den Blick dann auf den Militärputsch in Chile, rügt die Passivität der schweizerischen Diplomatie, weist darauf hin, dass Oppositionelle mit «Sturmgewehren schweizerischer Herkunft» exekutiert werden und fügt an, angesichts all dessen «verstehe ich mich als Schweizer ganz und gar, dieser meiner Heimat verbunden – einmal wieder – in Zorn und Scham.»

Heimat und Xenophobie

Mittels dieses kritisch gewendeten, polare Gefühlslagen integrierenden Heimatbegriffs versucht Max Frisch zum anderen, die sozialpsychologische Logik heimatlicher Affekte zu dechiffrieren. Im Kleinen beginnend, entfaltet er die Ambivalenz personaler Identitätsbildung. Die Heimat, in die Menschen hineingeboren werden, ist «der Bezirk (…) wo wir als Kind und als Schüler die ersten Erfahrungen machen mit der Umwelt, der natürlichen und der gesellschaftlichen». Dieser sozial abgesteckte Bereich ermöglicht das Sich-Nicht-Mehr-Fremdfühlen und erfordert gleichzeitig Anpassung. Kinder und Jugendliche werden vergesellschaftet. Sie müssen sich ein- und unterordnen und werden mit Widersprüchen konfrontiert. Tendenziell ist Fremdheitsminimierung die Kehrseite der Anpassungsmaximierung: «Ist Heimat infolgedessen der Bezirk, wo wir durch unbewusste Anpassung (oft bis zum Selbstverlust in frühen Jahren) zur Illusion gelangen, hier sei die Welt nicht fremd, so ist Heimat ein Problem der Identität, d.h. ein Dilemma zwischen Fremdheit im Bezirk, dem wir zugeboren sind, oder Selbstentfremdung durch Anpassung.»

Dieses Spannungsfeld löst nun einen kompensatorischen Mechanismus aus: «Je weniger ich, infolge Anpassung an den Bezirk, jemals zur Erfahrung gelange, wer ich bin, um so öfter werde ich sagen: ICH ALS SCHWEIZER, WIR ALS SCHWEIZER; umso bedürftiger bin ich, als rechter Schweizer im Sinne der Mehrheit zu gelten. Identifikation mit einer Mehrheit, die aus Angepassten besteht, als Kompensation für die versäumte oder durch gesellschaftlichen Zwang verhinderte Identität der Person mit sich selbst, das liegt jedem Chauvinismus zugrunde.»

So rabiat sich diese chauvinistische Haltung äussert, so sehr ist sie im Kern das Produkt von Verunsicherung und Verlustangst: «Chauvinismus ist das Gegenteil von Selbstbewusstsein. Der primitive Ausdruck solcher Angst, man könnte im eigenen Nest der Fremde sein, ist die Xenophobie.» Aus dieser Sicht kann es keine unschuldigen Heimatgefühle geben. Und wer «Heimat» an Nationalstaaten koppelt, gerät unter Beweispflicht. Frisch entwickelt ein systematisches Sensorium für jene mächtigen Interessen, die Vorteile aus dieser Verbindung ziehen. Nur allzu rasch entpuppen sich die grossen Erzählungen von der schönen Heimat in einem kleinen Staat als bürgerliche Ideologie in einer «Epoche der Herrschaft multinationaler Konzerne» (so Max Frisch im Wortlaut).

Die Interventionen von Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch sind längst historisch geworden und müssen im Kontext des Kalten Krieges der 1960er und 70er Jahre analysiert werden. Doch noch immer lässt sich aus ihnen die Einsicht gewinnen, dass, «wer Heimat sagt», «mehr auf sich (nimmt)» als die schlichte Vorstellung, dass Menschen doch so gerne spüren wollen, wo sie und alle anderen ein für alle Mal hingehören. Dieses «Mehr», das Frisch eingefordert hat, ist in heutigen Debatten kaum mehr da. Der Ruf nach Heimat ist auf eine eindimensionale Ordnungsbehauptung geschrumpft, die, wie schon in der Vergangenheit, auch künftig zwischen schrecklicher Langeweile und erschreckender Gewalt oszillieren wird.