Die georgische Regierungspartei und die Georgische Orthodoxe Kirche arbeiten vor den Wahlen immer stärker mit Verschwörungstheorien über den „Westen“ und mit politischer Homofeindlichkeit. Zaal Andronikashvili über die Quellen dieser Ideologie.

  • Zaal Andronikashvili

    Zaal Andronikashvili ist Literaturwissenschaftler. Er arbeitet am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung. Dort koordiniert er ein Projekt über die "Kulturelle Semantik des Schwarzen Meeres".

Im Mai und Juni 2024 hat die regie­rende Partei Geor­giens, „Geor­gi­scher Traum“, eine Reihe von Gesetzen verab­schiedet, die im Land Massen­pro­teste ausge­löst haben. Sie galten insbe­son­dere dem Gesetz „Über die Trans­pa­renz des auslän­di­schen Einflusses“ (das soge­nannte Agen­ten­ge­setz, das letztes Jahr nach den Protesten zurück­ge­zogen wurde). Daraufhin folgte ein Gesetz, welches erlaubte, Geld aus Offshore-Konten unbe­grenzt, unkon­trol­liert und unver­steuert nach Geor­gien zu bringen, sowie das explizit gegen die LGBTQ+ Commu­nity gerich­tete „Gesetz über den Schutz der Fami­li­en­werte und Minderjährigen“.

Hinter­grund der Geset­zes­vor­haben, die Poli­tik­wis­sen­schaftler Hans Gutbrod tref­fend als Staatstreich von oben bezeich­nete, sind die Parla­ments­wahlen am 26. Oktober 2024. Der „Geor­gi­sche Traum“ befürchtet, seine Macht bei den ersten reinen Verhält­nis­wahlen in der geor­gi­schen Geschichte zu verlieren, und versucht auf allen Wegen – auch über die Gesetz­ge­bung – die Wahlen zu mani­pu­lieren, die Öffent­lich­keit zu spalten, schwarzes Geld ins Land zu bringen und die Zivil­ge­sell­schaft auszuschalten.

Die regie­rende Partei, die inzwi­schen seit 12 Jahren Geor­gien zuneh­mend auto­kra­tisch regiert, wurde von Bidzina Ivanish­vili gegründet, einem Olig­ar­chen, der in Russ­land der 1990er Jahre reich geworden ist und zum russi­schen Olig­ar­chen­netz­werk mit Verbin­dungen zu Putin und dessen Geheim­diensten gehört. In den vergan­genen Jahren konnte Ivanish­vili neben der Legis­la­tiven und Exeku­tiven auch die Judi­ka­tive seinem Einfluss unter­ordnen. Er kontrol­liert die größten Medien des Landes, sein Vermögen macht ein Fünftel des geor­gi­schen Brut­to­in­lands­pro­duktes aus. Geor­gien möchte er nun endgültig zu seinem Macht- und Finanz­basis ausbauen. Dafür muss er die EU-Integration stoppen und Geor­gien der auto­ri­tären Achse zuschlagen.

Während über die poli­ti­schen Folgen der neuen geor­gi­schen Gesetze, die weder von Massen­pro­testen in Geor­gien noch durch das Veto der Staats­prä­si­dentin oder vom außen­po­li­ti­schen Druck der geor­gi­schen Partner aufge­halten werden konnten, viel geschrieben wurde, möchte ich hier die ideo­lo­gi­sche Kompo­nente dieser Gesetze ins Visier nehmen.

Ivanish­vili kam 2012 an die Macht, ange­führt von einem Zweck­bündnis, dessen Haupt­ziel es war, die „Natio­nale Bewe­gung“ des dama­ligen Staats­prä­si­denten Micheil Saakash­vili abzu­wählen. Damals posi­tio­nierte sich der „Geor­gi­sche Traum“ als linke Partei, die die neoli­be­ralen Reformen Saakash­vilis durch eine soziale Wirt­schafts­po­litik ersetzen wollte. Im Gegen­satz zu Saakash­vilis auto­ri­tärem Führungs­stil versprach Ivanish­vili, Geor­gien umfas­send zu demo­kra­ti­sieren. Statt der US-orientierten Außen­po­litik sollte Geor­gien der EU näher­ge­bracht werden. Die Menschen wurden mit Verspre­chen zahl­rei­cher Finanz­spritzen und eines einfa­chen Zugangs zu Krediten gelockt. Bereits damals zeich­nete sich ab, dass der „Geor­gi­sche Traum“ eine reine Macht­partei war, die poli­ti­sche Rhetorik jeder Couleur nach Bedarf annehmen oder ändern konnte.

Aus Ivanish­vilis Verspre­chen ist nichts geworden. Seine Partei begüns­tigte die Super­rei­chen und kam dem Ausschluss aus der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Partei Europas, der sie seit 2015 als Beob­ach­terin ange­hörte, mit einem Austritt zuvor. Die verspro­chene Demo­kra­ti­sie­rung blieb aus: Geor­gien ist heute einem auto­kra­ti­schen Regime näher denn je. Statt der EU-Annäherung kam der offene Bruch mit dem Westen.

Mit der zuneh­menden Auto­ri­ta­ri­sie­rung änderte sich die Rhetorik der regie­renden Partei. Diese stützt sich auf zwei Säulen: poli­ti­sche Homo­phobie und Verschwö­rungs­theo­rien. Diese beiden Elemente sind eng mitein­ander verflochten und haben ihren Ursprung in Putin-Russland.

„Globale Kriegs­partei“

Ivanish­vili ist nicht nur geld­gierig und macht­hungrig, sondern auch ein Verschwö­rungs­theo­re­tiker. Er glaubt, dass die „globale Kriegs­partei“, die die EU und die USA kontrol­liere, hinter seinem Vermögen her sei. Ivanish­vili und inzwi­schen auch die geor­gi­sche Regie­rung haben die russi­sche Sicht­weise auf die Georgien- und Ukrai­ne­kriege über­nommen. Sie behaupten, jene „globale Kriegs­partei“ habe den Geor­gi­en­krieg 2008 und den Ukrai­ne­krieg 2022 provo­ziert und wollten nun in Geor­gien eine zweite Front gegen Russ­land eröffnen. Da Ivanish­vili dies nicht zulasse, werde er persön­lich abge­straft und erpresst. Um die Regie­rung abzu­setzen, bereite die „globale Kriegs­partei“ mit Hilfe der geor­gi­schen NGOs eine Revo­lu­tion vor.

Auf die Frage nach dieser ominösen „globalen Kriegs­partei“ antwortet Irakli Kobach­idze, ein Jurist, der in Düssel­dorf von Martin Morlok zum Dr. jur. promo­viert wurde und der zwar eine Mario­nette Ivanish­vilis ist, aber immerhin den Posten des geor­gi­schen Premier­mi­nis­ters bekleidet: Das seien „gefähr­liche Leute.“ Sie hätten „Einfluss auf die EU“ und würden „Geor­gien erpressen“. Er habe „konkrete Infor­ma­tionen“ über „Orga­ni­sa­tionen, Menschen, Namen“, die der „globalen Kriegs­partei“ ange­hören. Darunter seien EU-Parlamentarier und Senatoren.

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Mariam Lashkhi, die stell­ver­tre­tende Vorsit­zende des Bildungs­aus­schusses, war in ihren Aussagen gegen­über dem briti­schen Podcast „The News Agents“ klarer: Die globale Kriegs­partei seien „zum Beispiel die Frei­maurer“, die „seit Jahr­zehnten die Welt­po­litik beein­flussen“. Am Propa­gan­da­krieg betei­ligte sich auch Ivanish­vilis Frau, Ekate­rina Khve­delidze. In ihrer Video­bot­schaft war in einem Teil des Bild­schirms zu sehen, wie US-amerikanische und euro­päi­sche Poli­tiker die Demo­kratie in der Ukraine unter­stützen, und im anderen eine lange Einstel­lung auf die Gräber ukrai­ni­scher Soldaten. Die Botschaft dieses Videos war eindeutig: Der Kampf gegen das Regime ihres Mannes und für die Demo­kratie in Geor­gien werde zum Krieg mit Russ­land und zum Tod von Tausenden Geor­giern führen. Damit unter­stützte sie indi­rekt die Verschwö­rungs­theorie ihres Mannes über die „globale Kriegs­partei“ und schürte zugleich die Kriegs­ängste der geor­gi­schen Bevöl­ke­rung – eine Propa­gan­da­stra­tegie, die das Ivanishvili-Regime seit Jahren erfolg­reich ausnutzt. Kobach­idze und andere Figuren des Regimes bedienen sich einer Propa­gan­da­sprache, die direkt aus Orwells Neusprech zu stammen scheint und die Tatsa­chen, wie Sylvia Sasse für Russ­land gezeigt hat, nicht nur verdreht, sondern auf den Kopf stellt.

Poli­ti­sche Homofeindlichkeit

Die poli­ti­sche Homof­eind­lich­keit hat in Geor­gien eine längere Geschichte. Ihre Trägerin war zunächst die eben­falls stark von der Russi­schen Ortho­doxen Kirche beein­flusste Geor­gi­sche Ortho­doxe Kirche. Am 17. Mai 2013, als der „Geor­gi­sche Traum“ kaum ein halbes Jahr an der Macht war, wurde eine Demons­tra­tion zum inter­na­tio­nalen Tag gegen Homo­phobie und Trans­phobie von einem von der Geor­gi­schen Ortho­doxen Kirche gesteu­erten Mob gewaltsam über­fallen. Der Euro­päi­sche Gerichtshof für Menschen­rechte urteilte, dass die Regie­rung die Demons­tranten nicht vor dem Mob geschützt hatte. Dennoch verab­schie­dete die regie­rende Partei 2014 ein von der EU und der Zivil­ge­sell­schaft gefor­dertes Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz gegen den ausdrück­li­chen Wunsch der Geor­gi­schen Ortho­doxen Kirche. Die regie­rende Partei dele­gierte die poli­ti­sche Homof­eind­lich­keit ursprüng­lich an ihre prorus­si­schen Satel­li­ten­par­teien am rechten Rand, an die Geor­gi­sche Ortho­doxe Kirche und an die prorus­si­sche popu­lis­ti­sche Presse. Später über­nahm die Regie­rung die homo­phobe Rhetorik selbst. 2017 änderte sie die Verfas­sung und defi­nierte die Ehe als Verbin­dung zwischen Mann und Frau zum Zweck der Familiengründung.

Mit dem Gesetz „Über Fami­li­en­werte und den Schutz von Minder­jäh­rigen“ werden die Rechte von LGBT nun dras­tisch einge­schränkt. Gleich­ge­schlecht­liche Ehen, Kinderad­op­tion durch Nicht-Heterosexuelle, Opera­tionen zur Geschlechts­an­glei­chung, die Eintra­gung nicht-binärer Iden­ti­täten in Perso­nal­aus­weise sowie Gay Prides werden verboten. Das Diskri­mi­nie­rungs­verbot wegen sexu­eller Iden­ti­fi­ka­tion wird aus dem Arbeits­recht gestrichen.

Nicht weniger brisant ist die Zens­ur­kom­po­nente des neuen Gesetzes: Es verbietet Bildungs­ein­rich­tungen, „LGBT-Propaganda“ zu betreiben. Fern­seh­sen­dern und Kinos wird verboten, Filme zu zeigen, die als solche Propa­ganda ausge­legt werden könnten. Laut dem Parla­ments­prä­si­denten Shalva Papu­ash­vili, der das Gesetz vorstellte und seine juris­ti­sche Doktor­ar­beit in Saar­brü­cken bei Michail Martinek geschrieben hat, sei dies eine „gängige Praxis“.

Die russi­sche Genea­logie der Ivanishvili-Ideologie

Ivanish­vilis schein­barer Werte­kon­ser­va­tismus hat seine Quelle im Russkij Mir (deutsch: Russi­sche Welt), einer ideo­lo­gi­schen Mischung aus anti­west­li­cher Rhetorik, Werte­kon­ser­va­tismus und Verschwö­rungs­theo­rien, derer sich das Putin-Regime in Russ­land bedient. Diese Ideo­logie wurde auch in der von Russ­land europa- und mitt­ler­weile welt­weit geschmie­deten vermeint­li­chen Konser­va­tiven Inter­na­tio­nale verbreitet.

In Russ­land und auch für Ivanish­vili ist poli­ti­sche Homo­phobie ein fester Bestand­teil des ideologisch-rhetorischen Appa­rats. Poli­ti­sche Homof­eind­lich­keit ist Homo­phobie, die für poli­ti­sche Zwecke einge­setzt wird. Im Westen wurde das Recht auf freie Selbst­be­stim­mung und freie Meinungs­äu­ße­rung für homo­se­xu­elle Männer und Frauen und später auch für trans Menschen nach jahre­langem Kampf seit den 1970er Jahren zum festen Bestand­teil der Grund­rechte und -frei­heiten. In Russ­land der Putin-Jahre wurde die poli­ti­sche Homof­eind­lich­keit zu einem Unter­schei­dungs­merkmal zwischen der russi­schen Welt und dem Westen ausge­baut. Mit diesem Unter­schei­dungs­merkmal sollen einer­seits die Ideen von Frei­heit und Gleich­heit, auf denen der Westen und die west­liche Demo­kratie seit der Aufklä­rung beruhen, diskre­di­tiert werden, ande­rer­seits soll symbo­lisch die Schwäche des Westens gegen­über der russi­schen Welt demons­triert werden.

Fragt man danach, warum ausge­spro­chene poli­ti­sche Homof­eind­lich­keit zum Unter­schei­dungs­merkmal zwischen Russkij Mir und dem Westen ausge­baut werden konnte, findet man eine mögliche Erklä­rung in den unter­schied­li­chen Genea­lo­gien der Kommu­ni­ka­ti­ons­me­cha­nismen im demo­kra­ti­schen Westen und in der Sowjet­union, die ihre Erfah­rung der Gewalt­herr­schaft nie aufge­ar­beitet hat. Der west­liche Kommu­ni­ka­ti­ons­me­cha­nismus beruht auf dem Glauben darauf, dass jeder Konflikt im Prinzip durch Dialog gelöst werden kann (Kommu­ni­ka­tion hat nach Habermas’ Theorie des kommu­ni­ka­tiven Handelns eine dialo­gi­sche Form). Wenn beispiels­weise Bundes­kanzler Scholz sagt, Putin müsse zur Einsicht kommen, dann ist das ein Ausdruck des Prin­zips der dialo­gi­schen und verstän­di­gungs­ori­en­tierten Kommunikation.

In der Sowjet­union, insbe­son­dere nach dem Stali­nismus, war die Kommu­ni­ka­ti­ons­kultur nicht auf Dialog, sondern auf Gewalt aufge­baut: Konflikte wurden durch Gewalt gelöst. Das heißt, Gewalt exis­tierte nicht nur in der Gesell­schaft, sondern wurde zum Medium der gesell­schaft­li­chen Kommu­ni­ka­tion. Wenn Gewalt zu einer Kommu­ni­ka­ti­ons­sprache wird, dann gibt es in ihr zwei asym­me­tri­sche Rollen: die des Gewalt­tä­ters und die desje­nigen, der Gewalt erleidet. Die Ausdrucks­formen dieser Kommu­ni­ka­ti­ons­kultur, die ein Produkt des Stali­nismus sind, wurden häufig aus dem GULAG über­nommen; sie werden unter anderem in der Lager­prosa Warlam Scha­la­mows beschrieben.

Eine Figur dieser asym­me­tri­schen Kommu­ni­ka­ti­ons­glei­chung bezeich­nete im sowjetisch-russischen Lager­jargon eine radi­kale Entwer­tung des Menschen, die ein Ausdruck des sexu­ellen Miss­brauchs durch stär­kere und gewalt­tä­ti­gere männ­liche Lager­ge­nossen aus dem krimi­nellen Milieu ist. Entspre­chend steht an der Spitze des kommu­ni­ka­tiven Gewalt­paares ein Ober­kri­mi­neller, der ein unein­ge­schränktes, auch sexu­elles Gewalt­po­ten­zial verkörpert.

Auch wenn die asym­me­tri­schen Figuren der Gewalt als Kommu­ni­ka­tion aus dem Kultur­rand des GULAG stammen, wurden sie in den Putin-Jahren nicht nur norma­li­siert, sondern fanden Eingang in die Sprache der poli­ti­schen Führung und der Diplo­matie. Der russi­sche Außen­mi­nister Lawrow nutzte etwa das krimi­nelle Lexikon für die inter­na­tio­nalen Bezie­hungen: „‘Patsan‘ (deutsch: ein krimi­neller Stra­ßen­junge) hat gesagt, ‘Patsan‘ hat getan“. Die inter­na­tio­nalen Bezie­hungen verglich Lawrow mit „Ponja­tija“, dem unge­schrie­benen Gesetz, an das man sich als Krimi­neller halten müsse. Es war keine rheto­ri­sche Entglei­sung, sondern die Sprache einer von Putin-Russland bevor­zugten Welt­ord­nung, die nicht auf Recht, sondern auf Stärke und den von ihr diktierten Regeln basiert.

Die ideo­lo­gi­sche Linie der russi­schen Welt beruht also darauf, dass die hori­zon­tale Frei­heit letzt­lich zur Schwäche und Demü­ti­gung, Degra­die­rung und Entwer­tung führt, während die Verti­kale der Gewalt Stärke ausstrahlt. Folg­lich gibt es eine verein­fachte symbo­li­sche Verbin­dung: Frei­heit (d. h. der Westen) steht für die homo­se­xuell konno­tierte Schwäche, während die Macht­ver­ti­kale der russi­schen Welt Stärke und Kraft konnotiert.

Möchte man sehen, wie die beiden Bestand­teile des anti­west­li­chen Ideo­lo­gems – die Verschwö­rungs­theorie und poli­ti­sche Homof­eind­lich­keit – mitein­ander verknüpft werden, kann man einen Blick in die Romane des russi­schen Schrift­stel­lers Viktor Pelewin werfen. Pelewin stei­gert in mehreren seiner Romane die verschie­denen Aspekte Putin-Russlands in die dysto­pi­sche Groteske. Er bedient sich bei verschwö­rungs­theo­re­ti­schen Narra­tiven. In seinem Roman Lampa Mafu­saila ili krajn­jaja bitva čeki­stov s maso­nami (2016) [Die Lampe des Methu­salem oder der Letzte Kampf der Tsche­kisten mit den Frei­mau­rern] wird Russ­lands Konfron­ta­tion mit dem Westen als ein kosmi­sches Science-Fiction-Drama insze­niert. Ein „Taxi­fahrer mit isla­mi­schen Gebets­ketten am Rück­spiegel“ bringt dort das anti­west­liche Narrativ auf den Punkt: „Ich habe etwas gehört, weißt du, ja? Die Welt wird von Frei­mau­rern regiert. Und der oberste Frei­maurer der Welt ist jetzt eine verrückte Schwuchtel. Es heißt, er sei ein wahn­sin­niger Irrer, der bei jeder Gele­gen­heit versucht, alle flach zu legen. Ich meine, er ist wirk­lich durch­ge­knallt. Er redu­ziert jede Frage auf das Eine. Er will die ganze Welt­kultur verän­dern, solange er noch kann. Das sind die Infor­ma­tionen, die von ganz oben kommen…“

Geor­gien auf dem Scheideweg

Mit den anti­de­mo­kra­ti­schen, aus dem Russ­land über­nommen Gesetzen wie dem Agenten-Gesetz und dem Anti-LGBTQ+ Gesetz sowie durch die Über­nahme der verschwö­rungs­theo­re­ti­schen Rhetorik und der poli­ti­schen Homof­eind­lich­keit möchten Ivanish­vili und seine Partei ein Signal nach Russ­land senden. Der Eintritt bzw. die Rück­kehr in die russi­sche Welt wäre der Preis, den Geor­gien für den Macht­er­halt Ivanish­vilis wird zahlen müssen. Doch auch innen­po­li­tisch wurde zumin­dest die poli­ti­sche Homof­eind­lich­keit seit Jahren zum festen Bestand­teil der russ­land­freund­li­chen Gruppen und Orga­ni­sa­tionen, die in Geor­gien anti­west­liche und anti­de­mo­kra­ti­sche Propa­ganda betreiben. Massen­pro­teste auf den Straßen von Tbilissi und anderen Städten Geor­giens, die proeu­ro­päi­sche Stim­mung, die etwa 80 % der Geor­gie­rinnen und Geor­gien teilen, könnte ein Zeugnis dafür sein, dass diese Propa­ganda ihre Wirkung nicht habe entfalten können. Aber das ist nur ein Teil der Wahr­heit. An die 80 % der Geor­gie­rinnen und Geor­gier vertrauen der Geor­gi­schen Ortho­doxen Kirche, die die wich­tigste Trägerin des anti­west­li­chen Affekts ist. Die Wahlen am 26. Oktober werden nicht nur über die demo­kra­ti­sche Zukunft Geor­giens entscheiden – sie werden auch zeigen, wie wirksam russi­sche Propa­ganda im Kampf gegen die demo­kra­ti­schen Werte ist.