Kurz nach Beginn des Krieges ist im russischen Fernsehen ein neues Genre entstanden: die Anti-Fake-Show. Allerdings wird hier Desinformation nicht entlarvt, sondern hergestellt.

Ist das Blut, oder ist das viel­leicht nicht doch Farbe? Hat sich die Leiche bewegt? Sind die Körper nicht ange­ordnet wie in histo­ri­schen Aufnahmen aus dem Zweiten Welt­krieg? Warum tauchen die Fotos erst Tage nach dem Abzug der russi­schen Truppen auf? Was sagen die Meta­daten dazu?

Wer solche Fragen an Bilder stellt, will in der Regel Fakes entlarven. Bild­fo­rensik ist zu einem wich­tigen Instru­ment der Beweis­füh­rung von Kriegs­ver­bre­chen geworden. Die Recher­che­gruppe Forensic Archi­tec­ture hat z.B. bereits 2014 eine Analyse durch­ge­führt, die zeigte, dass sich regu­läre Einheiten der russi­schen Armee auf der Seite der Sepa­ra­tisten in die Schlacht um den Donbas einge­mischt hatten. Die Unter­su­chung mit dem Titel „The Battle of Ilovaisk“ griff auf Open Source Mate­rial zurück und wertete Video­ma­te­rial, Satel­li­ten­auf­nahmen und Fotos mit selbst entwi­ckelter Soft­ware aus. Eyal Weizman, Begründer von Forensic Archi­tec­ture, hat die Hinwen­dung zur mate­ri­ellen Beweis­füh­rung als eine epis­te­mo­lo­gi­sche Verschie­bung bezeichnet, die viel stärker auf eine „Zeugen­schaft der Dinge“ als auf Erzäh­lungen von Opfern und Über­le­benden setzt. Aber er hat gleich­zeitig darauf aufmerksam gemacht, dass auch Dinge nicht einfach als Beweis­mittel für sich stehen, sondern „die Sprache der Dinge einer ‚Über­set­zung‘ oder ‚Ausle­gung‘“ bedarf.

Foto­ma­te­rial auszu­legen und zu über­setzen ist auch zu einem Genre der Desin­for­ma­tion geworden. In solchen Fällen wird der foren­si­sche Blick nur imitiert, um eine bestimmte Rezep­tion zu erzeugen. Der foren­si­sche Blick dient dann nicht der Suche nach Evidenz, er soll viel­mehr zu einer entemo­tio­na­li­sierten Rezep­tion führen. Es ist ein kalter Blick, der da erzeugt wird, ein tech­ni­scher Blick, der nicht danach fragt, wer da liegt, wer da gerade gestorben ist, wessen Wohnung auf dem Foto zerbombt wurde und warum? Wenn man so auf Fotos aus dem Krieg gegen die Ukraine schaut, dann blendet man alle Emotionen aus, dann fühlt man nicht mit den Opfern des Krieges mit, sondern wird darauf trai­niert, das Foto zu über­prüfen, seine Echt­heit in Frage zu stellen und diesen Blick für einen kriti­schen Blick zu halten.

„Forensik“ als Desinformation

Die Erzeu­gung dieses Blicks ist Teil der russi­schen Desin­for­ma­tion. Seit dem 9. März gibt es im 1. Kanal des russi­schen Fern­se­hens eine Sendung in der Kate­gorie Show mit dem Titel „Anti-Fake“. Die Sendung wird täglich für ca. 40 Minuten ausge­strahlt. Proto­typen für dieses Format wurden schon etwas früher verbreitet. Am 3. März twit­terte Daniil Bezsonov, ein Beamter der prorus­si­schen Sepa­ra­tis­ten­re­gion in der Ukraine ein Video, das, wie er schreibt, zeigt, „wie ukrai­ni­sche Fälschungen gemacht werden“. Um die Fälschung zu erklären, wurden in einem Clip zwei Videos neben­ein­an­der­ge­stellt, die beide die gleiche gewal­tige Explo­sion in einem städ­ti­schen Gebiet zeigen. Mit russisch­spra­chigen Unter­ti­teln wurde sugge­riert, dass eines der Videos von ukrai­ni­schen „Propa­gan­disten“ verbreitet worden sei, um zu behaupten, dass es sich hier um einen russi­schen Rake­ten­an­griff in Charkiv handle. Im gegen­über­lie­genden Video konnte man dann sehen, woher das Video tatsäch­lich stammt, von einer tödli­chen Explo­sion eines Waffen­de­pots in der glei­chen Gegend im Jahr 2017. Hier sollte also „bewiesen“ werden, dass Ukrainer:innen altes Film­ma­te­rial über den Krieg verbreiten, weil es aktuell gar keine Angriffe gebe.

Quelle: youtube

Craig Silverman and Jeff Kao führten dieses Beispiel auf der Website ProPu­blica schon am 8. März an, um über das Fakt­che­cking als neues Genre der russi­schen Desin­for­ma­tion zu berich­teten. In ihrem Artikel „Fake Fact-Checks Are Being Used to Spread Disin­for­ma­tion“ stellten sie fest, dass das Video zuvor gar nicht in Umlauf gewesen war. „Statt­dessen“, so schreiben sie, „scheint das Entlar­vungs­video selbst Teil einer neuar­tigen und beun­ru­hi­genden Kampagne zu sein, die Desin­for­ma­tionen verbreitet, indem sie sie als Fakten­über­prü­fung tarnt.“ Erst das Video der angeb­li­chen russi­schen Fakt­che­cker streute die Fälschung.

Inzwi­schen begnügt sich das russi­sche „Fakt­che­cking“ nicht mehr mit der Verbrei­tung angeb­lich von Ukrai­nern gefälschter Videos, nun werden alle kursie­renden Bilder oder Augen­zeu­gen­be­richte als „Theater“ „enttarnt“ und Opfer als Krisen­dar­steller „entlarvt“. Auf diese Weise kann die russi­sche Regie­rung, die nicht in der Lage ist, die Verbrei­tung von Kriegs­fotos zu verhin­dern, das inten­sive foren­si­sche Betrachten der Fotos als Modus einer stra­te­gi­schen Fehl­re­zep­tion verwenden. Denn wer täglich die Anti-Fake-Sendung schaut, wird zur Spezia­listin für auffäl­lige Details, für histo­ri­sche Muster und kleinste Kompo­si­ti­ons­fehler. Die Toten verschwinden bei diesem Blick vom Bild.

Butscha-Anti-Fake

In der Sendung vom 5. April 2022 ging es um Butscha, der Titel lautete unmiss­ver­ständ­lich: (Butscha – das ist Fake. Die Beweise (Буча – это ФЕЙК! Доказательства). Der Mode­rator, der in einem grellen Studio sitzt, wieder­holt zu Beginn der Sendung das Ziel: „unseren Kampf gegen Desin­for­ma­tion“. Einge­laden hat er diesmal drei Gäste, einen jungen Daten­ana­lysten, einen Jour­na­listen und Histo­riker und einen Mili­tär­ex­perten. Alle drei haben eine spezi­fi­sche Funk­tion, die für die „Aufklä­rung“ über Desin­for­ma­tion zentral sein soll, der eine liefert Daten, der andere histo­ri­sche Analo­gien, der dritte evalu­iert mili­tä­ri­sche Strategien.

Der Mode­rator selbst achtet darauf, dass die wich­tigen Sätze gesagt werden und die rich­tigen Begriffe fallen, zur Not ergänzt er auch mal, wenn es nicht so richtig rund läuft. Im Studio leuchtet das engli­sche Wort Fake – fejk – von allen Wänden, das Tempo der Gespräche ist rasant, die einge­spielten Bilder sind vorsichts­halber stets von roten Schrift­kreuzen über­klebt, auf denen eben­falls das Wort „fejk“ auf Russisch und Englisch steht. Auf diese Weise sieht man in der Sendung auch die ersten Bilder aus Butscha, die man, wie der Mode­rator ankün­digt, eigent­lich lieber nicht sehen möchte. Er selbst, so fügt er später hinzu, stürzte, als er eines der Videos zuge­schickt bekam, zunächst in ein „emotio­nales Chaos“, aber der Blick auf Details habe ihm geholfen, dieses Chaos zu bewäl­tigen. Das ist das Konzept der gesamten Sendung: dem kollek­tiven Westen eine beispiel­lose Emotio­na­li­sie­rung vorwerfen, die auf Fakes basiert, den Zuschauern das rich­tige Sehen beibringen und dabei die Gefühle loswerden. Oder in den Worten der Redak­tion der Anti-Fake-Sendung: „Der Westen verfolgt Russ­land mit einem bestia­li­schen Hass. Videos, die einen in einen Gefühls­taumel versetzen, können sich in Wirk­lich­keit als seelen­lose und zyni­sche Fälschungen entpuppen.“

Quelle: youtube

Die Sendung ist so aufge­baut, dass Schritt für Schritt gezeigt wird, wie die ukrai­ni­schen Medien und die Medien aus dem Westen mit jener Stra­tegie arbeiten, die man als typisch für die russi­sche Desin­for­ma­tion bezeichnen kann, der Verkeh­rung ins Gegen­teil. Dem Westen wird unter­stellt, Fakes als Realität zu betrachten. Bei der Sendung geht es umge­kehrt darum, die Realität konse­quent als Fake wahr­zu­nehmen: die Bilder aus Butscha seien alle gestellt, Butscha habe es nicht gegeben.

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Der erste Schritt in der Beweis­kette der Sendung ist eine „objek­tive Analyse“ mit Daten. Der Daten­ana­lyst hat auf den Fotos 23 „zwei­fel­hafte Momente“ gefunden, auf die ihn teils aufmerk­same Betrachter aus dem Netz aufmerksam gemacht haben sollen: z.B. sollen die Körper auf der einen Aufnahme so liegen, auf einem anderen Foto jedoch anders, die Fahr­räder seien auffällig unbe­schä­digt und zu neu, die Gesichter deshalb nicht zu sehen, damit sie niemand erkennen könne, auch fehle Blut. Als drama­tur­gi­scher Höhe­punkt wurde eine Zeit­kurve einge­blendet, die nahe­legen soll, dass die Bilder der Toten erst Tage nach dem Abzug der Russen kursierten. Anders gesagt, der Daten­ex­perte will sugge­rieren, dass die Leichen erst später hinge­legt worden sind.

Andere Versionen und  histo­ri­sche Vergleiche

Der zweite Schritt ist die Streuung alter­na­tiver Versionen. Was also könnte in Butscha sonst passiert sein? Um dies zu klären, wird ein weiterer Experte von RT hinzu­ge­schaltet, er hat bemerkt, dass die Toten Zeichen tragen, weiße Armbinden, die auch die russi­schen Truppen verwenden. Deshalb sei es nahe­lie­gend anzu­nehmen, dass sich die Einwohner als prorus­sisch zu erkennen geben wollten. Die Schluss­fol­ge­rung ist klar, es können nicht die Russen gewesen sein, die prorus­si­sche Einwohner:innen erschossen haben. Das können nur Ukrainer:innen gemacht haben.

Nach zehn Minuten fragt der Mode­rator drit­tens nach histo­ri­schen Analo­gien, nachdem im Intro bereits Fotos aus Srebre­nica und Syrien zu sehen waren. Doch zunächst erkennt der Histo­riker eine Ähnlich­keit in der „Drama­turgie“ mit dem Massaker von Nemmers­dorf vom 21. Oktober 1944. Damals waren in dem kleinen Dorf in Ostpreussen unge­fähr 20 Menschen getötet worden, als die Rote Armee den Ort einge­nommen hat. Die Nazi­pro­pa­ganda deutete die Ereig­nisse als gezielte Tötungen durch die Rote Armee, um die deut­sche Bevöl­ke­rung gegen die vorrü­ckenden Sowjet­truppen zu mobi­li­sieren. Goeb­bels Propa­gan­da­mi­nis­te­rium liess nach­träg­lich Aufnahmen mit Erschos­senen anfer­tigen und verbrei­tete Berichte, in denen von Folte­rungen, Verge­wal­ti­gungen und Morden die Rede war.

Quelle: youtube

Wenn der russi­sche Histo­riker diesen Nazi­ver­gleich herbei­zieht, kann er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er stellt die Verbin­dung zwischen Ukrai­nern und Nazis her und er kann mit einer Halb­wahr­heit versu­chen, die eigene Lüge glaub­würdig erscheinen zu lassen. Nicola Gess hat in ihrem Buch Halb­wahr­heiten Aussagen, die nur zum Teil falsch sind, als effek­tives Mittel des Lügens bezeichnet. Wenn, wie hier der Fall, korrekt über Nazi­pro­pa­ganda berichtet wird, kann somit auch die Inter­pre­ta­tion der Fotos in Butscha nicht falsch sein. Halb­wahr­heiten gehören zu einem zentralen Mittel geheim­dienst­li­cher Desin­for­ma­tion, die DDR-Stasi hat Desin­for­ma­tion z.B. als Kombi­na­tion von «mitein­ander verbun­denen wahren, über­prüf­baren diskre­di­tie­renden sowie unwahren, glaub­haften, nicht wider­leg­baren und damit eben­falls diskre­di­tie­renden Angaben» bezeichnet.

Von dieser aufge­stellten Halb­wahr­heit soll auch der nächste „Beweis“ noch profi­tieren, nämlich der Vergleich mit Srebre­nica. Vom 11. bis zum 19. Juli 1995 wurden in Srebre­nica mehr als 8000 Bosniaken von der Armee der Repu­blika Srpska (Vojska Repu­blike Srpske, VRS), der Polizei und serbi­schen Para­mi­li­tärs getötet, meist Männer und Jungen zwischen 13 und 78 Jahren. Die UN-Gerichte stuften die Morde als Genozid ein. In der Anti-Fake-Sendung aber soll auch dieser Genozid als Lüge des Westens darge­stellt und Zweifel an der Beweis­füh­rung des Uno-Kriegsverbrechertribunals gesät werden. Schon 2015 schei­terte aufgrund eines Vetos von Russ­land eine Reso­lu­tion des Sicher­heits­rates der Vereinten Nationen, die die Gescheh­nisse als Völker­mord einstufte.

Emotio­nale Verkehrung

In der Mitte der Sendung folgt dann der eigent­liche Plot: Der Westen arbeite histo­risch und aktuell mit Hass gegen Russ:innen und Serb:innen, seine Desin­for­ma­tion vertau­sche stets Wahr­heit und Lüge. Dem Gegner, dem Westen, wird also konse­quent das unter­stellt, was man gerade selbst tut.

Die Umkehr richtet sich aber nicht nur, und das ist in der Sendung das Wesent­liche, auf eine Umkehr von Realität und Fiktion, sondern auch auf eine Gefühls­um­kehr. Die Gefühle sollen nicht den Toten in der Ukraine gelten, sie sollen nicht betrauert werden, die Gefühle für die Toten sollen nicht den Krieg, d.h. die angeb­liche „Rettung der russisch­spra­chigen Bevöl­ke­rung“ in Zweifel ziehen. Viel­mehr wird dem Westen unter­stellt, dass seine Propa­ganda nur dazu da sei, die russi­sche Bevöl­ke­rung emotional aufzu­wie­geln, Hass gegen Russ­land zu schüren und, wie der Mode­rator meint, „emotio­nales Chaos“ hervor­zu­rufen, das eine „ratio­nale“ Einschät­zung des Krieges bzw. der „Spezi­al­ope­ra­tion“ verhin­dere. Das Mitge­fühl für die Toten wird so zu einem fremden, feind­li­chen, west­li­chen Gefühl. Gleich­zeitig wird das „emotio­nale Chaos“, das die Sendung selbst hervor­ruft, dazu genutzt, die falschen Gefühle der Angst, Trauer und des Mitleids in Wut gegen­über jenen umzu­wan­deln, die die Morde doku­men­tieren, den „Westen“.

Wir haben es also mit einem emotio­nalen Tausch zu tun. Die russi­sche Desin­for­ma­tion versucht genau dort zu entemo­tio­na­li­sieren, wo die Betrachter:innen etwas berühren müsste, nämlich nicht gleich­gültig zu sein ange­sichts der Morde an der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung im Namen des russi­schen Volkes. Statt­dessen wird die poten­zi­elle Trauer, bevor sie über­haupt aufkommen kann, in Wut gegen­über dem Westen verwan­delt, die Nüch­tern­heit beim Betrachten der Fotos hingegen als Objek­ti­vität gelobt.

Beun­ru­hi­gend ist, dass dieser Blick nicht nur der russi­schen Bevöl­ke­rung aufge­zwungen wird. Verschwörungstheoretiker:innen, rechte und linke Verteiler russi­scher Desin­for­ma­tion über­nehmen diesen Blick und geben sich ganz im Sinne der russi­schen Regie­rung als kritisch, objektiv oder ausge­wogen aus. Wenn Tenden­ziö­sität rheto­risch als objektiv und rational erscheint, der Glaube an Desin­for­ma­tion als Kritik, dann beginnt die russi­sche Stra­tegie zu wirken. Deshalb sollte man auch genau hinhören, von wem die deut­sche Außen­mi­nis­terin wegen ihrer Gefühle kriti­siert und der Kanzler wegen seiner Nüch­tern­heit gelobt wird.