• Maiken Umbach ist Professorin für moderne Geschichte an der Universität Nottingham, England, und Co-Direktorin des ,Centre for the Study of Political Ideologies'. Zur Zeit arbeitet sie an einem grösseren Projekt zum Thema ,Private Fotografie als politische Praxis im Nationalsozialismus'.

„To thine own self be true“ – sei Dir selbst treu. So defi­niert Polo­nius in Shake­speares Hamlet Authen­ti­zität. Diese Sentenz ist heute beliebter als je zuvor. Authen­ti­zität ist zur Mode­formel unserer Zeit avan­ciert. Online infor­mieren uns hunderte von Ratge­bern wie die Karrie­re­bibel, dass im Zeit­alter des ‚Selbst­mar­ke­ting‘ nur der privat und beruf­lich erfolg­reich sein wird, der sich stets selbst treu bleibt. Eine rasch wach­sende Fach­li­te­ratur, die in unzäh­ligen Management-Trainingskursen Anwen­dung findet, preist Authen­ti­zität als das wich­tigste Charak­te­ris­tikum erfolg­rei­cher Führungs­kräfte. Dasselbe Voka­bular erscheint immer öfter in der Sprache von Poli­ti­kern, die sich als authen­ti­sche Alter­na­tiven zu einem korrupten poli­ti­schen Estab­lish­ment präsen­tieren. „The biggest attri­bute you can now have in [American] poli­tics is authen­ti­city“, schrieb Damien McBride 2015. Und dieses Attribut ist nicht auf ein spezi­fi­sches poli­ti­sches Milieu beschränkt. Sätze wie „his words have not been scripted or prepared for the press; he speaks from the heart“, „it’s now clear to every voter that [he] is nothing but himself“, und „no bull­shit, unvar­nished opinion and beliefs“ preisen Poli­tiker sehr unter­schied­li­cher ideo­lo­gi­scher Coleur: in diesem Falle Donald Trump, Bernie Sanders und Jeremy Corbyn. Auch auf Angela Merkels Wahl­pla­katen von 2017, mit dem schlichten Slogan „Sie kennen mich“, klang Ähnli­ches an: Der Wähler, die Wählerin wird aufge­rufen, für die Verläss­lich­keit, Soli­dität und Echt­heit eines Kandi­daten, einer Kandi­datin zu stimmen, nicht für ein spezi­fi­sches poli­ti­sches Programm.

Gesam­meltes Mate­rial vom Leibniz-Forschungsverbund Authen­ti­zität, Quelle: leibniz-historische-authentizitaet.de

Authen­ti­zität ist eine allseits beliebte Antwort auf die Wahr­neh­mung einer Krise. Worin diese Krise aber genau besteht, bleibt heiß umstritten. Manche dieser Krisen­dia­gnosen sind relativ konkret. Viele Kommen­ta­toren verweisen auf jüngere Banken­krisen, Korrup­ti­ons­skan­dale in Manage­ment und Politik – bzw. die Verflech­tung beider – und auf die durch fahr­läs­sige Geschäfts­prak­tiken großer Konzerne verur­sachten Umwelt­ka­ta­stro­phen. Der Ruf nach Führungs­kräften, die „unkor­rupt“, „unent­fremdet“, „sich selbst treu blei­bend“ sein sollen, reagiert auf solche eska­lie­renden Krisen­per­zep­tionen. Am authen­ti­schen Wesen solch neuer Führer soll dann eine „unau­then­ti­sche“ Welt genesen. Aber die Krisen­dia­gnose kann auch allge­meiner ausfallen. Kultu­relle Kritiker der Post­mo­derne wie Ingor Blüh­dorn diagnos­ti­zieren eine Praxis der dauernden Simu­la­tion als Symptom einer digi­talen Konsum­ge­sell­schaft, in der wir verlernt haben, authen­tisch zu handeln und zu fühlen – aber in der wir uns gerade deswegen nach der verlo­renen Authen­ti­zität sehnen.

Wissen­schaft­liche Begriffs­be­stim­mung und Enttar­nungs­be­mü­hungen

Im deutsch­spra­chigen Diskurs findet sich derselbe Topos – aller­dings wird das Wort der Authen­ti­zität selbst hier spar­samer verwendet als von anglo-amerikanischen Kriti­kern, Kommen­ta­toren und Intel­lek­tu­ellen. Das liegt zum Teil an dem nach­hal­tigen Einfluss eines mehr durch seinen prägnanten Titel als durch seinen Inhalt bekannten Aufsatzes des deut­schen Philo­so­phen Theodor W. Adorno, der 1964 als Jargon der Eigent­lich­keit publi­ziert wurde. Adorno argu­men­tierte hier, dass das hohle Pathos einer der Authen­ti­zität verpflich­teten pseudo-sakralen Sprache der jungen Bundes­re­pu­blik sowohl stilis­tisch an den Natio­nal­so­zia­lismus anknüpfte als auch, durch die scheinbar un- oder ‚über­po­li­ti­sche‘ Qualität dieser Sprache, tatsäch­liche ideo­lo­gi­sche Konti­nui­täten mit der Zeit vor 1945 verne­belte. Der Aufsatz wurde wenige Jahre später unter dem Titel The Jargon of Authen­citiy ins Engli­sche über­tragen und machte dann Welt­kar­riere.

Gesam­meltes Mate­rial vom Leibniz-Forschungsverbund Authen­ti­zität, Quelle: leibniz-historische-authentizitaet.de

Seitdem ist der Authen­ti­zi­täts­be­griff suspekt: Sozial- und Kultur­wis­sen­schaft­le­rInnen sind eher bemüht, diese Formel zu ‚enttarnen‘, als sie erst einmal zu verstehen. Dies lässt sich leicht an den inzwi­schen klas­sisch gewor­denen ideo­lo­gie­kri­ti­schen Arbeiten aus den 1970er und 1980er Jahren beob­achten. Als ich im Zusam­men­hang mit der Arbeit an meinem neuen Buch Authen­ti­city: The Cultural History of a Poli­tical Concept zusammen mit dem engli­schen Poli­to­logen Mathew Humphrey letztes Jahr die neuere akade­mi­sche Lite­ratur zur Authen­ti­zität durch­ar­bei­tete, ergab sich aber auch hier ein ganz ähnli­ches Bild. Wissen­schaftler in einer ganzen Reihe von Diszi­plinen bemühen sich darum, Authen­ti­zität als ‚fake‘ zu demas­kieren. Andrew Potter diagnos­ti­zierte gar einen „authen­ti­city hoax“ als ein Symptom der Post­mo­derne schlechthin. Warum diese Idee aber trotzdem so attraktiv für so viele Menschen bleibt, und warum diese Attrak­tion auf kein bestimmtes ideo­lo­gi­sches Lager beschränkt ist, wird in dieser Lite­ratur nicht erklärt.

Dialek­tiken der Authen­ti­zi­täts­kritik

Aus deut­scher Perspek­tive betrachtet, könnte man die erneute Konjunktur der Authen­ti­zität viel­leicht mit einem Verblassen der histo­ri­schen Erin­ne­rung sowohl an den Natio­nal­so­zia­lismus als auch an die Werke seiner frühen Kritiker erklären. Aber Authen­ti­zität als ein poli­ti­sches, soziales und ästhe­ti­sches Ideal, das uns hilft, Deka­denz, Entfrem­dung, Korrup­tion, kurz, „busi­ness as usual“ in der Erwach­se­nen­welt zu über­winden. Es hat eine lange Geschichte hinter sich – und eine, die sich auch durch das Werk ihrer vermeint­li­chen Kritiker zieht. Adornos eigene Schriften zur Musik­äs­thetik zum Beispiel benutzen den Begriff der Authen­ti­zität oft – und positiv.  Während Adorno die Musik Stra­win­skys als nur „Gebärden von Authen­ti­zität“ abtat, pries er den Kompo­nisten Arnold Schön­bergs als einen, der „sich mit geschlos­senen Augen den Forde­rungen der Sache über­lässt, um Authen­ti­zität aller­erst zu gewinnen“. Ganz im Sinne also der neuen Authen­ti­zi­täts­welle war hier Authen­ti­zität keine Atti­tüde, kein gewolltes Selbst­mar­ke­ting, sondern kam von Innen, aus der Sache selbst heraus. An seinen ideo­lo­gi­schen Gegnern wie zum Beispiel dem Philo­so­phen Martin Heidegger störte Adorno nicht die Beru­fung auf Authen­ti­zität an sich, sondern ein aus seiner Sicht entfrem­deter Gebrauch dieses Wortes bzw. des verwandten Begriffs der ‚Eigent­lich­keit‘ – eine Unter­schei­dung, die in der engli­schen Über­set­zung von Adornos Kritik als Jargon of Authen­city aller­dings verloren ging. Aber die Stra­tegie, die posi­tive Authen­ti­zität des eigenen Projektes in Oppo­si­tion zur „falschen“ Verwen­dung desselben Begriffs bei poli­ti­schen Gegner zu defi­nieren, ist so alt wie der Authen­ti­zi­täts­be­griff selbst.

Authen­ti­zität – Konturen der Begriffs­ent­wick­lung

Authen­ti­zität ist keine Erfin­dung der Moderne, auch wenn der Sozio­loge Lionel Tril­ling dies in seinem einfluss­rei­chen Buch von 1971, Since­rity and Authen­ti­city, behauptet hat. Für Tril­ling bezeichnet der Begriff ‚since­rity‘, den man mit Aufrich­tig­keit oder Ehrlich­keit über­setzen kann, eine typisch vormo­derne Form von Authen­ti­zität, in der die soziale Verläss­lich­keit und Bere­chen­bar­keit im Vorder­grund stand. Dies änderte sich, so Tril­ling, mit der Romantik, wo since­rity durch den funda­mental a-sozialen Begriff der authen­ti­city verdrängt wurde, der die Selbst­ver­wirk­li­chung des genialen Indi­vi­duums bezeichnet, die ohne Rück­sicht auf, und oft auf Kosten von, sozialer Kohä­renz und gesell­schaft­li­chem Zusam­men­halt ausge­lebt wird.

Gesam­meltes Mate­rial vom Leibniz-Forschungsverbund Authen­ti­zität, Quelle: leibniz-historische-authentizitaet.de

Tatsäch­lich ist eine im Ursprung intro­ver­tierte Konzep­tion von Authen­ti­zität aber viel älter. Die etymo­lo­gi­schen Ursprünge des Wortes liegen im Altgrie­chi­schen: Es ist ein Kompo­situm von auto, selbst, and hentes, Tun oder Handeln. Authen­tisch sein bedeutet also zunächst, aus dem Selbst heraus, also aus eigener Moti­va­tion, zu handeln. In der christ­li­chen Theo­logie wurde Authen­ti­zität mit der nach der Vertrei­bung aus dem Para­dies verlo­renen mensch­li­chen Unschuld asso­zi­iert. Der bibli­sche Sünden­fall hatte den Menschen nicht nur von Gott, sondern damit auch von seinem eigent­li­chen, authen­ti­schen Selbst entfremdet. Ziel zahl­rei­cher theo­lo­gi­scher Diskus­sionen der frühen Neuzeit war es daher, zu entde­cken, wie eine authen­ti­sche Exis­tenz auch jenseits des Para­dieses zurück­zu­ge­winnen sei. Protes­tan­ti­sche Reformer wie Francis Bacon, Calvin und John Milton sahen die Lösung in einer neuen Bezug­nahme auf die Natur: Nur durch das Verständnis der Natur, d.h. der von Gott geschaf­fenen natür­li­chen Ordnung, könne der neuzeit­liche Mensch wieder Anschluss an ein authen­ti­sches Sein gewinnen. Ein hand­greif­li­ches Resultat solcher Über­le­gungen waren die bota­ni­schen Gärten der frühen Neuzeit, in denen eine scheinbar chao­ti­sche und will­kür­lich über alle Erdteile verstreute Schöp­fung wieder zusam­men­ge­führt und logisch geordnet wurde – und die es so den Menschen ermög­lichten, die wahre Ordnung der Natur, und damit auch der eigenen Natur, zu erfassen.

Diese Suche nach dem authen­ti­schen Selbst in und durch die Erfah­rung einer authen­ti­schen Natur­be­zie­hung zieht sich wie ein roter Faden durch die moderne Geschichte der Authen­ti­zität, auch als diese ihre explizit christ­liche Konno­ta­tion längst verloren hatte. Man findet sie seit dem 18. Jahr­hun­dert in der west­li­chen Faszi­na­tion mit soge­nannten ‚Wilden‘ und ‚primi­tiven‘ Natur­völ­kern, von Robin­sons Crusoes para­die­si­scher Insel über Gauguins Südsee­la­gunen bis zu Karl Mays India­nern und seinen heute noch uner­schüt­ter­li­chen Fans. Oft vermischt sich diese Sehn­sucht nach natur­be­zo­gener Authen­ti­zität mit einer Imagi­na­tion von Jugend­lich­keit, in der die Zuge­hö­rig­keit zu einer noch nicht korrum­pierten und verformten Genera­tion selbst Authen­ti­zität garan­tiert. Für die 68er wurde diese Jugend­lich­keit zur poli­ti­schen Kampf­pa­role: „Trau keinem über 30!“ Aber auch schon ein halbes Jahr­hun­dert früher fanden sich ganz ähnliche Gedanken in den unter­schied­li­chen euro­päi­schen Spiel­arten der Jugend­be­we­gung. Was als Protest gegen eine entfrem­dete und ‚unna­tür­liche‘ Erwach­se­nen­welt begann, ließ sich in der Zwischen­kriegs­zeit leicht zur Kampf­an­sage gegen das gesell­schaft­liche poli­ti­sches ‚System‘ umfunk­tio­nieren. Und wie heute profi­tierten auch damals rechte und rechts­ra­di­kale Kräfte ebenso von dieser diskur­siven Mobi­li­sie­rung wie progres­sive Kritiker. Jugend war hier nicht nur das Aushän­ge­schild für eine Lebens­hal­tung, die (noch) nicht system­kon­form war. Sie fungierte auch als ein Symbol der verlo­renen Jugend der Mensch­heit an sich, also für jene para­die­si­sche Unschuld, die noch nicht vom Baum der Erkenntnis korrum­piert war. Viel­leicht beschwören auch deshalb heute vor allem solchen Poli­tiker die Authen­ti­zität, die selbst, wie Trump und Corbyn, bis vor kurzen kaum direkte Erfah­rung mit der Ausübung poli­ti­scher Ämter gehabt haben, und sich daher als nicht vom ‚System‘ korrum­piert präsen­tieren können.

Der anhal­tende Charme der Authen­ti­zität

Quelle: contentpuppy.com

Aber jenseits all solcher poli­ti­schen Instru­men­ta­li­sie­rung bleibt das Faktum bestehen, dass die Sehn­sucht nach Authen­ti­zität, also nach Alter­na­tiven zu einer Exis­tenz, in der sich Indi­vi­duen als von sich selbst entfremdet empfinden, über Epochen, ideo­lo­gi­sche und kultu­relle Grenzen hinweg ein wich­tiges Moment in der poli­ti­schen Imagi­na­tion zahl­loser Menschen ist. Zwar mögen falsche Propheten der Authen­ti­zität auf ille­gi­time Weise von solchen Sehn­süchten profi­tieren, aber wir täten besser dran, diese Sehn­sucht ernst zu nehmen, als sie als ‚hoax‘ abzutun, auf den nur dumme Menschen herein­fallen. Denn anders als viele andere poli­ti­sche und soziale Wunsch­vor­stel­lungen kann Authen­ti­zität nie rein passiv konsu­miert werden: Eine gesell­schaft­liche Ordnung mag zu unserer Entfrem­dung beitragen, aber ein authen­ti­sches Leben können wir nur dann wirk­lich erfahren, wenn wir selbst Verant­wor­tung für dessen Reali­sie­rung über­nehmen. Authen­ti­zität macht jeden Einzelnen von uns zu einem wesent­li­chen Akteur, nicht nur zum Empfänger von Ideo­logie oder Konsum­gü­tern. Andere poli­ti­sche Ideale wie Frei­heit oder Gerech­tig­keit werden erst dann glaub­würdig und erstre­bens­wert, wenn sie in Rela­tion zu einem authen­ti­schen Selbst und einer authen­ti­schen Gesell­schaft gedacht werden. Aus genau diesem Grunde ist Authen­ti­zität mehr als nur ein Mode­wort. Solange es im gesell­schaft­li­chen Diskurs nicht nur darum geht, wie wir prak­ti­sche Probleme lösen, sondern auch um die grund­sätz­li­chere Frage, wie wir in einer Gesell­schaft über­haupt leben, so lange wird auch der diskrete Charme der Authen­ti­zität wenig an Zauber­kraft einbüßen.

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