Während 2008 die Finanzkrise die Welt in Atem hielt, wurde die Schweiz zusätzlich von einer ganz eigentümlichen Notlage heimgesucht. „Schweizer Darm-Alarm: Nationalwurst in Gefahr‟ titelte etwa der Spiegel im Januar 2008. Auslöser der „Cervelat-Krise“ war ein ausgerechnet von der EU verhängtes Importverbot für brasilianische Rinderdärme, das die Schweiz aufgrund bilateraler Verträge übernehmen musste. Die perfekten Wursthüllen aus Brasilien drohten laut Fleischverband nun knapp zu werden und den Fortbestand des Cervelats zu gefährden. Im Juni desselben Jahres (die Situation hatte sich offenbar zugespitzt) konnte man im St. Galler Tagblatt lesen: „Die Cervelat-Krise ist kaum mehr zu verhindern, das muss auch der Bundesrat zugeben.“ Innert kurzer Zeit hatte sich die Geschichte in eine regelrechte Staatsaffäre verwandelt, inklusive vom Bund unterstützter Taskforce, Interpellation im Ständerat und zahlreichen öffentlich-medialen Reaktionen.
Wenn der französische Philosoph Roland Barthes in Mythen des Alltags schreibt, der Wein gehöre in Frankreich zur Staatsräson, so dürfte man diese Aussage für die Schweiz wohl auf den Cervelat ummünzen. In Anlehnung an Barthes möchte ich versuchen, den Cervelat als einen Mythos zu lesen. Konkret identifiziere ich ein diskursives Motiv des bedrohten Cervelats, das als Mythos eine spezifische nationale Identität der Schweiz naturalisiert. Denn das ist laut Barthes „das eigentliche Prinzip des Mythos“: die Verwandlung von Geschichte in Natur.
Von der Luxuswurst zum „Büezerkotelett“
Um zu verstehen, wie eine unscheinbare Brühwurst in solch grosse Zusammenhänge gesetzt werden kann, folgt zunächst eine kleine Geschichte des Cervelats. Es sei hier noch angemerkt, dass die in der Schweiz als Cervelat bekannte Brühwurst nicht mit den verschiedenen in Deutschland, Österreich und dem osteuropäischen Raum verbreiteten Zervelatwürsten (die zu den Rohwürsten zählen) zu verwechseln ist.
Erste Erwähnungen lassen sich bereits für das 16. Jahrhundert feststellen, auch wenn sich das damalige Produkt von dem modernen Cervelat stark unterschied. Allgemein scheint die Wurst lange eher eine Luxusware gewesen zu sein. Geändert hat sich das im 19. Jahrhundert mit dem Aufkommen des Fleischwolfs, der die Herstellung von Würsten beschleunigte. Zeugnis für den früh erreichten Status als nationale Spezialität ist die Pariser Weltausstellung 1900, an der im Schweizer Chalet auch Cervelats serviert wurden.

Bräteln am Klöntalersee, Gemeinde Glarus | Openverse
Der Cervelat, wie man ihn heute kennt, ist also ein Produkt der Industrialisierung. Das verhältnismässig preiswerte „Proletenfilet“ entwickelte sich in der Schweiz zum alltäglichen Lebensmittel. Eindrücklich sind die Verkaufszahlen des Cervelats, der übrigens ausschliesslich für den Schweizer Markt hergestellt wird: rund 160 Millionen werden jährlich produziert, was einem pro Kopf Konsum von 22 Stück entspricht; laut Migros war der Cervelat im Jahr 2008 das meistverkaufte Schweizer Lebensmittel und das zweitmeistverkaufte Lebensmittel überhaupt (den ersten Platz belegten übrigens Bananen). Für diese Unmenge an Würsten kristallisieren sich laut Franziska Schürch im öffentlichen Diskurs zwei typische „Verzehrsituationen‟ heraus: „Einerseits das private ,Cervelatbräteln‘ mit Familie und Freunden im Wald oder auf der Schulreise. Und andererseits der Cervelatverzehr im Rahmen der nationalen Festkultur“. Im Rahmen des privaten Cervelatbrätelns verbindet sich der Cervelat mit einer kollektiven Kindheitserfahrung, die als typisch für die Schweiz empfunden wird; „[d]er Cervelat wird […] zum Geschmack der Kindheit“, wie Schürch treffend schreibt. Als Teil der nationalen Festkultur ist vor allem hervorzuheben, wie stark der Cervelat mit den Feierlichkeiten des 1. Augusts verbunden ist. Es gleicht einem rituellen Bekenntnis zum Land, wenn die Nation nach patriotischen Reden, Höhenfeuer betrachtend, dieses phallusartige Stück Schweiz konsumiert.
Sonderfalldenken, Schweizer Tugenden und Befreiungstradition
Mit diesem geschichtlichen Abriss im Gepäck wenden wir uns nun zwei Elementen zu, die meiner Meinung nach Teil einer Schweizer Nationalidentität sind, die über das diskursive Motiv bzw. den Mythos des bedrohten Cervelats naturalisiert werden.
Zunächst soll die Idee der Schweiz als Sonderfall erwähnt werden. Im Rahmen dieses Beitrags verstehe ich darunter nach Georg Kreis generell, dass „der Schweiz aufgrund ihrer Geschichte und Kultur eine einzigartige Stellung mit Vorbildcharakter innerhalb der Staatenwelt zukommt.“ Eng damit verbunden sind „Tugenden wie Arbeitsfreudigkeit, Sparsamkeit, Sauberkeit und Vertragstreue, die zwar nicht exklusiv beansprucht, aber doch als [in der Schweiz] besonders ausgeprägt verstanden werden.“ Ergänzen möchte ich diese Aufzählung mit der oft als typisch schweizerisch geltenden Bescheidenheit.
Um die Verbindung dieses Schweizer Sonderfalldenkens mit dem Cervelat zu veranschaulichen, lohnt es sich, einen Werbespot von Suisse Garantie (also der Vereinigung der landwirtschaftlichen Branchenverbände der Schweiz) zu betrachten. Dieser zeigt 18 Sekunden lang eine langsam rotierende Nahaufnahme eines typischen Cervelats vor tiefschwarzem Hintergrund, eine „Art moderne[s] Still Life“, wie es in der offiziellen Beschreibung der Werbung heisst. Am Wurstende spreizen sich in typischer Manier vier leicht verkohlte Zehen auseinander, dort wo das Sackmesser ein Kreuz geritzt haben muss. Aus dem Off spricht eine Stimme in nüchternem Ton:
Dies ist ein Schweizer Cervelat. Er sieht aus, wie jede andere Wurst. Und dennoch ist es nicht irgendeine Wurst. Denn der Cervelat wird nach traditionellen Schweizer Rezepten hergestellt. Suisse Garantie. Auf die inneren Werte kommt es an.
Eine Werbung ganz ohne Effekte oder Schauspielende. Im Fokus liegt einzig der Cervelat selbst, verstärkt durch den neutralen Hintergrund und die Nahaufnahme. Sparsam, unaufdringlich und bescheiden wie das Schweizer Gemüt. Und doch – oder gerade deswegen – lässt sich hier ein Sonderfalldenken identifizieren. Denn der Cervelat mag zwar unspektakulär und bescheiden aussehen, ist aber dank traditioneller Schweizer Rezepte (die seine inneren Werte erzeugen) eben nicht nur irgendeine Wurst. In der Beschreibung steht gar: „Der Cervelat ist die Schweizerische Nationalwurst und steht für alles, was die Schweiz begehrenswert und beliebt macht.“
Die Bestimmung einer nationalen Identität über Abgrenzung war und ist für die Schweiz ein wichtiges erzählerisches Motiv. Davon zeugt auch die sogenannte Befreiungstradition, ein äusserst wirkmächtiges Element einer identitätsstiftenden nationalen Erzählung, das bis auf die Gründung der Eidgenossenschaft zurückgreift. Unter diesen Begriff versammeln sich zahlreiche über die Jahrhunderte angesammelte, fallengelassene und wieder aufgewärmte Klischees einer mythischen Schweizer Geschichte: Wilhelm Tell, Winkelried, fremde Vögte, das unbeugsame freiheitsliebende Bergbauernvolk. Maximal eingedampft würde ich den Inhalt der Befreiungstradition als eine Wehrhaftigkeit gegenüber freiheitsberaubender Unterdrückung definieren.

„SVP-Dettling verbrennt EU-Verträge – und bröötlet Cervelat“ (Titelzeile beim Blick), Quelle: ZVG, SVP Schweiz
Die Verbindung der Befreiungstradition mit dem Cervelat wurde bei eingangs erwähnter Krise deutlich. Diese wurde in der Öffentlichkeit gerne als Problem der EU mit der Schweizer Cervelatproduktion gesehen. Die Schweiz im freiheitlichen Kampf gegen die unterdrückerischen Machenschaften der EU – ein spätestens seit der wegweisenden EWR-Abstimmung 1992 gängiges Motiv, das sich auch des Öfteren bei den Klischees der Befreiungstradition bedient. Im Zuge der Cervelat-Krise wurde die Wurst auch „als Kampfsymbol in einem Schattenkrieg gegen die EU“ (Schürch) eingesetzt. Für Franziska Schürch wurde durch diese Entwicklung im Rahmen der Cervelat-Krise der Wurst eine neue Bedeutungsdimension hinzugefügt, als ein „Ausdruck für […] recht eigentliche Schweizer Eigenart wurde er zu einem schützenswerten nationalen Kulturgut.“ Denkbar wäre jedoch auch, dass diese Bedeutungsdimension schon länger besteht. Wenn die Cervelat-Krise das Motiv des bedrohten Cervelats aber nicht produziert, so hat sie es zumindest neu belebt.
Der bedrohte Cervelat als Mythos
Den bedrohten Cervelat will ich nun in Anlehnung an Barthes als Mythos denken. Barthes stützt sich auf Ferdinand de Saussures einflussreiches Zeichenmodell. Zunächst dient der Cervelat an sich als Signifikant bzw. Zeichen (die Korrelation zwischen Signifikant und Signifikat) der Objektsprache (dem ersten semiologischen System), bei der sich der Mythos bedient. Als abschliessenden Term in diesem ersten System bezeichne ich ihn analog zu Barthes als Sinn und als Ausgangsterm im zweiten System (dem des Mythos) als Form. Die Korrelation bezeichne ich wieder analog zu Barthes auf der ersten semiologischen Ebene als Zeichen und auf der zweiten Ebene als Bedeutung.
Der Sinn des Cervelats besteht in der Geschichte, den Assoziationen und Bedeutungen, die damit verknüpft sind; ein Teil dieses Sinnes wurde also weiter oben bereits aufgespannt. Der Sinn wird durch das Auftreten der Form nicht ausgelöscht, sondern dient als „leicht zugänglicher Vorrat von Geschichte […] [,] ein disponibler Reichtum, der in raschem Wechsel herangezogen und wieder fallen gelassen werden kann.“ Das Verhältnis von Sinn und Form beschreibt Barthes auch mit dem Bild der Autoscheibe: der Fokus des Passagiers oszilliert stetig zwischen der Scheibe und der dahinter liegenden Landschaft (also Sinn und Form). Dieser Übergang führt dazu, dass die Form einen deformierten oder verarmten Sinn aufweist. Das ermöglicht es dem Begriff (Signifikat des sekundären bzw. mythischen Systems) sich mit einem durch eine Tendenz geleiteten Wissen anzureichern, wobei für Barthes dieses Wissen „aus unscharfen, unbegrenzten Assoziationen [besteht].“

Hier setzt nun die konkrete Analyse des Mythos vom bedrohten Cervelat an. Beim Übergang zur Form wird der Sinn des Cervelats deformiert, um ihn für die Ergreifung durch den Mythos vorzubereiten. Gewisse Aspekte seiner Geschichte und Assoziationen werden also ausgeklammert. Ich denke hier etwa an materielle Verhältnisse, wie die Profitabilität, die teils fragwürdigen Produktionsbedingungen der Fleischindustrie (bspw. Massentierhaltung) oder die globalisierten Produktionsumstände (z. B. die brasilianischen Därme!). Das im Begriff enthaltene Wissen, das den Cervelat „mit der Totalität der Welt wieder neu verknüpft“, lässt sich durch zwei kurze Beispiele der „Wiederholung des Begriffs durch die verschiedenen Formen“ näher bestimmen (Barthes).
Zunächst wäre da die bereits erwähnte „Cervelat-Krise“. In zahlreichen Fällen (insbesondere in der medialen Berichterstattung) knüpfte während dieser Krise der durch ein Darmimportverbot bedrohte Cervelat an ein Wissen oder in Barthes Worten „eine bestimmte Kenntnis des Realen“ an, nämlich eine von aussen angegriffene Schweizer Identität bzw. an ein Sonderfalldenken oder eine Befreiungstradition. Der bedrohte Cervelat wurde zum Mythos, der (über die Bedeutung, also die hergestellte Korrelation des Signifikats und Signifikanten auf der mythischen Ebene) diese bedrohte Schweizer Identität naturalisiert.
Als weiteres Beispiel möchte ich exemplarisch einen Facebook-Post des SVP-Nationalrates Andreas Glarner anführen. Nicht das erste Mal wurde hier im Kontext einer Schulfeier von einem angeblichen „Cervelatverbot für Schweizer Kinder wegen Muslimen“ gesprochen. Die Form mag sich von der Cervelat-Krise unterscheiden: Der „Vorrat von Geschichte“, der „disponible[] Reichtum“ des Sinns wird in diesem Fall anders angezapft; kollektive Vorstellungen einer als einzigartig empfundenen schweizerischen Kindheitserfahrung (dem Bräteln) rücken hier beispielsweise stärker in den Vordergrund als bei der Cervelat-Krise. Der Begriff bleibt jedoch gleich, eine von aussen (der Islam wird in diesem Fall als nicht zur Schweiz gehörig identifiziert) angegriffene Schweizer Identität. Naturalisiert wird wiederum eine nationale Identität, die sich über Sonderfalldenken und Befreiungstradition definiert.
Schlussgedanke
„En rechta schwizer maa, de brucht en cervelat“ singt ein in Tracht gehüllter Stefan Roos, während er im dazugehörigen Musikvideo über den Times Square läuft und beim Probieren eines Burgers demonstrativ die Nase rümpft. Ich musste hierbei unweigerlich an Barthes Überlegungen zu Beefsteak und Pommes frites denken. Der Cervelat als Sehnsuchtsobjekt der Schweizer*innen, als Zeichen des schweizerischen Wesens. General de Castries, der nach dem Waffenstillstand in Indochina nach Pommes frites verlangte: Wäre er Schweizer gewesen, so hätte er sich sicherlich einen Cervelat gewünscht.