Der Cervelat fehlt in der Schweiz auf keiner Schulreise, keinem Vereinsgrillfest und schon gar nicht am Nationalfeiertag – trotz vermeintlich vegetarischem Zeitgeist. Als Barthes’scher Mythos naturalisiert die Brühwurst eine bestimmte Schweizer Nationalidentität.

  • Leci-Andri Flepp

    Leci-Andri Flepp studiert im Master Geschichte und Kulturanalyse an der Universität Zürich. Zudem ist er gelegentlich als freier Journalist tätig.

Während 2008 die Finanz­krise die Welt in Atem hielt, wurde die Schweiz zusätz­lich von einer ganz eigen­tüm­li­chen Notlage heim­ge­sucht. „Schweizer Darm-Alarm: Natio­nal­wurst in Gefahr‟ titelte etwa der Spiegel im Januar 2008. Auslöser der „Cervelat-Krise“ war ein ausge­rechnet von der EU verhängtes Import­verbot für brasi­lia­ni­sche Rinder­därme, das die Schweiz aufgrund bila­te­raler Verträge über­nehmen musste. Die perfekten Wurst­hüllen aus Brasi­lien drohten laut Fleisch­ver­band nun knapp zu werden und den Fort­be­stand des Cerve­lats zu gefährden. Im Juni desselben Jahres (die Situa­tion hatte sich offenbar zuge­spitzt) konnte man im St. Galler Tagblatt lesen: „Die Cervelat-Krise ist kaum mehr zu verhin­dern, das muss auch der Bundesrat zugeben.“ Innert kurzer Zeit hatte sich die Geschichte in eine regel­rechte Staats­af­färe verwan­delt, inklu­sive vom Bund unter­stützter Taskforce, Inter­pel­la­tion im Stän­derat und zahl­rei­chen öffentlich-medialen Reaktionen.

Wenn der fran­zö­si­sche Philo­soph Roland Barthes in Mythen des Alltags schreibt, der Wein gehöre in Frank­reich zur Staats­räson, so dürfte man diese Aussage für die Schweiz wohl auf den Cervelat ummünzen. In Anleh­nung an Barthes möchte ich versu­chen, den Cervelat als einen Mythos zu lesen. Konkret iden­ti­fi­ziere ich ein diskur­sives Motiv des bedrohten Cerve­lats, das als Mythos eine spezi­fi­sche natio­nale Iden­tität der Schweiz natu­ra­li­siert. Denn das ist laut Barthes „das eigent­liche Prinzip des Mythos“: die Verwand­lung von Geschichte in Natur.

Von der Luxus­wurst zum „Büez­er­ko­te­lett“

Um zu verstehen, wie eine unschein­bare Brüh­wurst in solch grosse Zusam­men­hänge gesetzt werden kann, folgt zunächst eine kleine Geschichte des Cerve­lats. Es sei hier noch ange­merkt, dass die in der Schweiz als Cervelat bekannte Brüh­wurst nicht mit den verschie­denen in Deutsch­land, Öster­reich und dem osteu­ro­päi­schen Raum verbrei­teten Zerve­lat­würsten (die zu den Rohwürsten zählen) zu verwech­seln ist.

Erste Erwäh­nungen lassen sich bereits für das 16. Jahr­hun­dert fest­stellen, auch wenn sich das dama­lige Produkt von dem modernen Cervelat stark unter­schied. Allge­mein scheint die Wurst lange eher eine Luxus­ware gewesen zu sein. Geän­dert hat sich das im 19. Jahr­hun­dert mit dem Aufkommen des Fleisch­wolfs, der die Herstel­lung von Würsten beschleu­nigte. Zeugnis für den früh erreichten Status als natio­nale Spezia­lität ist die Pariser Welt­aus­stel­lung 1900, an der im Schweizer Chalet auch Cerve­lats serviert wurden.

Bräteln am Klön­ta­lersee, Gemeinde Glarus | Openverse

Der Cervelat, wie man ihn heute kennt, ist also ein Produkt der Indus­tria­li­sie­rung. Das verhält­nis­mässig preis­werte „Prole­ten­filet“ entwi­ckelte sich in der Schweiz zum alltäg­li­chen Lebens­mittel. Eindrück­lich sind die Verkaufs­zahlen des Cerve­lats, der übri­gens ausschliess­lich für den Schweizer Markt herge­stellt wird: rund 160 Millionen werden jähr­lich produ­ziert, was einem pro Kopf Konsum von 22 Stück entspricht; laut Migros war der Cervelat im Jahr 2008 das meist­ver­kaufte Schweizer Lebens­mittel und das zweit­meist­ver­kaufte Lebens­mittel über­haupt (den ersten Platz belegten übri­gens Bananen). Für diese Unmenge an Würsten kris­tal­li­sieren sich laut Fran­ziska Schürch im öffent­li­chen Diskurs zwei typi­sche „Verzehr­si­tua­tionen‟ heraus: „Einer­seits das private ,Cerve­lat­brä­teln‘ mit Familie und Freunden im Wald oder auf der Schul­reise. Und ande­rer­seits der Cerve­lat­ver­zehr im Rahmen der natio­nalen Fest­kultur“. Im Rahmen des privaten Cerve­lat­brä­telns verbindet sich der Cervelat mit einer kollek­tiven Kind­heits­er­fah­rung, die als typisch für die Schweiz empfunden wird; „[d]er Cervelat wird […] zum Geschmack der Kind­heit“, wie Schürch tref­fend schreibt. Als Teil der natio­nalen Fest­kultur ist vor allem hervor­zu­heben, wie stark der Cervelat mit den Feier­lich­keiten des 1. Augusts verbunden ist. Es gleicht einem ritu­ellen Bekenntnis zum Land, wenn die Nation nach patrio­ti­schen Reden, Höhen­feuer betrach­tend, dieses phal­lus­ar­tige Stück Schweiz konsumiert.

Sonder­fall­denken, Schweizer Tugenden und Befreiungstradition

Mit diesem geschicht­li­chen Abriss im Gepäck wenden wir uns nun zwei Elementen zu, die meiner Meinung nach Teil einer Schweizer Natio­nal­iden­tität sind, die über das diskur­sive Motiv bzw. den Mythos des bedrohten Cerve­lats natu­ra­li­siert werden.

Zunächst soll die Idee der Schweiz als Sonder­fall erwähnt werden. Im Rahmen dieses Beitrags verstehe ich darunter nach Georg Kreis gene­rell, dass „der Schweiz aufgrund ihrer Geschichte und Kultur eine einzig­ar­tige Stel­lung mit Vorbild­cha­rakter inner­halb der Staa­ten­welt zukommt.“ Eng damit verbunden sind „Tugenden wie Arbeits­freu­dig­keit, Spar­sam­keit, Sauber­keit und Vertrags­treue, die zwar nicht exklusiv bean­sprucht, aber doch als [in der Schweiz] beson­ders ausge­prägt verstanden werden.“ Ergänzen möchte ich diese Aufzäh­lung mit der oft als typisch schwei­ze­risch geltenden Bescheidenheit.

Um die Verbin­dung dieses Schweizer Sonder­fall­den­kens mit dem Cervelat zu veran­schau­li­chen, lohnt es sich, einen Werbe­spot von Suisse Garantie (also der Verei­ni­gung der land­wirt­schaft­li­chen Bran­chen­ver­bände der Schweiz) zu betrachten. Dieser zeigt 18 Sekunden lang eine langsam rotie­rende Nahauf­nahme eines typi­schen Cerve­lats vor tief­schwarzem Hinter­grund, eine „Art moderne[s] Still Life“, wie es in der offi­zi­ellen Beschrei­bung der Werbung heisst. Am Wurs­tende spreizen sich in typi­scher Manier vier leicht verkohlte Zehen ausein­ander, dort wo das Sack­messer ein Kreuz geritzt haben muss. Aus dem Off spricht eine Stimme in nüch­ternem Ton:

Dies ist ein Schweizer Cervelat. Er sieht aus, wie jede andere Wurst. Und dennoch ist es nicht irgend­eine Wurst. Denn der Cervelat wird nach tradi­tio­nellen Schweizer Rezepten herge­stellt. Suisse Garantie. Auf die inneren Werte kommt es an.

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Eine Werbung ganz ohne Effekte oder Schau­spie­lende. Im Fokus liegt einzig der Cervelat selbst, verstärkt durch den neutralen Hinter­grund und die Nahauf­nahme. Sparsam, unauf­dring­lich und bescheiden wie das Schweizer Gemüt. Und doch – oder gerade deswegen – lässt sich hier ein Sonder­fall­denken iden­ti­fi­zieren. Denn der Cervelat mag zwar unspek­ta­kulär und bescheiden aussehen, ist aber dank tradi­tio­neller Schweizer Rezepte (die seine inneren Werte erzeugen) eben nicht nur irgend­eine Wurst. In der Beschrei­bung steht gar: „Der Cervelat ist die Schwei­ze­ri­sche Natio­nal­wurst und steht für alles, was die Schweiz begeh­rens­wert und beliebt macht.“

Die Bestim­mung einer natio­nalen Iden­tität über Abgren­zung war und ist für die Schweiz ein wich­tiges erzäh­le­ri­sches Motiv. Davon zeugt auch die soge­nannte Befrei­ungs­tra­di­tion, ein äusserst wirk­mäch­tiges Element einer iden­ti­täts­stif­tenden natio­nalen Erzäh­lung, das bis auf die Grün­dung der Eidge­nos­sen­schaft zurück­greift. Unter diesen Begriff versam­meln sich zahl­reiche über die Jahr­hun­derte ange­sam­melte, fallen­ge­las­sene und wieder aufge­wärmte Klischees einer mythi­schen Schweizer Geschichte: Wilhelm Tell, Winkel­ried, fremde Vögte, das unbeug­same frei­heits­lie­bende Berg­bau­ern­volk. Maximal einge­dampft würde ich den Inhalt der Befrei­ungs­tra­di­tion als eine Wehr­haf­tig­keit gegen­über frei­heits­be­rau­bender Unter­drü­ckung definieren.

„SVP-Dettling verbrennt EU-Verträge – und bröötlet Cervelat“ (Titel­zeile beim Blick), Quelle: ZVG, SVP Schweiz

Die Verbin­dung der Befrei­ungs­tra­di­tion mit dem Cervelat wurde bei eingangs erwähnter Krise deut­lich. Diese wurde in der Öffent­lich­keit gerne als Problem der EU mit der Schweizer Cerve­lat­pro­duk­tion gesehen. Die Schweiz im frei­heit­li­chen Kampf gegen die unter­drü­cke­ri­schen Machen­schaften der EU – ein spätes­tens seit der wegwei­senden EWR-Abstimmung 1992 gängiges Motiv, das sich auch des Öfteren bei den Klischees der Befrei­ungs­tra­di­tion bedient. Im Zuge der Cervelat-Krise wurde die Wurst auch „als Kampf­symbol in einem Schat­ten­krieg gegen die EU“ (Schürch) einge­setzt. Für Fran­ziska Schürch wurde durch diese Entwick­lung im Rahmen der Cervelat-Krise der Wurst eine neue Bedeu­tungs­di­men­sion hinzu­ge­fügt, als ein „Ausdruck für […] recht eigent­liche Schweizer Eigenart wurde er zu einem schüt­zens­werten natio­nalen Kulturgut.“ Denkbar wäre jedoch auch, dass diese Bedeu­tungs­di­men­sion schon länger besteht. Wenn die Cervelat-Krise das Motiv des bedrohten Cerve­lats aber nicht produ­ziert, so hat sie es zumin­dest neu belebt.

Der bedrohte Cervelat als Mythos

Den bedrohten Cervelat will ich nun in Anleh­nung an Barthes als Mythos denken. Barthes stützt sich auf Ferdi­nand de Sauss­ures einfluss­rei­ches Zeichen­mo­dell. Zunächst dient der Cervelat an sich als Signi­fi­kant bzw. Zeichen (die Korre­la­tion zwischen Signi­fi­kant und Signi­fikat) der Objekt­sprache (dem ersten semio­lo­gi­schen System), bei der sich der Mythos bedient. Als abschlies­senden Term in diesem ersten System bezeichne ich ihn analog zu Barthes als Sinn und als Ausgangs­term im zweiten System (dem des Mythos) als Form. Die Korre­la­tion bezeichne ich wieder analog zu Barthes auf der ersten semio­lo­gi­schen Ebene als Zeichen und auf der zweiten Ebene als Bedeutung.

Der Sinn des Cerve­lats besteht in der Geschichte, den Asso­zia­tionen und Bedeu­tungen, die damit verknüpft sind; ein Teil dieses Sinnes wurde also weiter oben bereits aufge­spannt. Der Sinn wird durch das Auftreten der Form nicht ausge­löscht, sondern dient als „leicht zugäng­li­cher Vorrat von Geschichte […] [,] ein dispo­nibler Reichtum, der in raschem Wechsel heran­ge­zogen und wieder fallen gelassen werden kann.“ Das Verhältnis von Sinn und Form beschreibt Barthes auch mit dem Bild der Auto­scheibe: der Fokus des Passa­giers oszil­liert stetig zwischen der Scheibe und der dahinter liegenden Land­schaft (also Sinn und Form). Dieser Über­gang führt dazu, dass die Form einen defor­mierten oder verarmten Sinn aufweist. Das ermög­licht es dem Begriff (Signi­fikat des sekun­dären bzw. mythi­schen Systems) sich mit einem durch eine Tendenz gelei­teten Wissen anzu­rei­chern, wobei für Barthes dieses Wissen „aus unscharfen, unbe­grenzten Asso­zia­tionen [besteht].“

Hier setzt nun die konkrete Analyse des Mythos vom bedrohten Cervelat an. Beim Über­gang zur Form wird der Sinn des Cerve­lats defor­miert, um ihn für die Ergrei­fung durch den Mythos vorzu­be­reiten. Gewisse Aspekte seiner Geschichte und Asso­zia­tionen werden also ausge­klam­mert. Ich denke hier etwa an mate­ri­elle Verhält­nisse, wie die Profi­ta­bi­lität, die teils frag­wür­digen Produk­ti­ons­be­din­gungen der Fleisch­in­dus­trie (bspw. Massen­tier­hal­tung) oder die globa­li­sierten Produk­ti­ons­um­stände (z. B. die brasi­lia­ni­schen Därme!). Das im Begriff enthal­tene Wissen, das den Cervelat „mit der Tota­lität der Welt wieder neu verknüpft“, lässt sich durch zwei kurze Beispiele der „Wieder­ho­lung des Begriffs durch die verschie­denen Formen“ näher bestimmen (Barthes).

Zunächst wäre da die bereits erwähnte „Cervelat-Krise“. In zahl­rei­chen Fällen (insbe­son­dere in der medialen Bericht­erstat­tung) knüpfte während dieser Krise der durch ein Darm­im­port­verbot bedrohte Cervelat an ein Wissen oder in Barthes Worten „eine bestimmte Kenntnis des Realen“ an, nämlich eine von aussen ange­grif­fene Schweizer Iden­tität bzw. an ein Sonder­fall­denken oder eine Befrei­ungs­tra­di­tion. Der bedrohte Cervelat wurde zum Mythos, der (über die Bedeu­tung, also die herge­stellte Korre­la­tion des Signi­fi­kats und Signi­fi­kanten auf der mythi­schen Ebene) diese bedrohte Schweizer Iden­tität naturalisiert.

Als weiteres Beispiel möchte ich exem­pla­risch einen Facebook-Post des SVP-Nationalrates Andreas Glarner anführen. Nicht das erste Mal wurde hier im Kontext einer Schul­feier von einem angeb­li­chen „Cerve­lat­verbot für Schweizer Kinder wegen Muslimen“ gespro­chen. Die Form mag sich von der Cervelat-Krise unter­scheiden: Der „Vorrat von Geschichte“, der „dispo­nible[] Reichtum“ des Sinns wird in diesem Fall anders ange­zapft; kollek­tive Vorstel­lungen einer als einzig­artig empfun­denen schwei­ze­ri­schen Kind­heits­er­fah­rung (dem Bräteln) rücken hier beispiels­weise stärker in den Vorder­grund als bei der Cervelat-Krise. Der Begriff bleibt jedoch gleich, eine von aussen (der Islam wird in diesem Fall als nicht zur Schweiz gehörig iden­ti­fi­ziert) ange­grif­fene Schweizer Iden­tität. Natu­ra­li­siert wird wiederum eine natio­nale Iden­tität, die sich über Sonder­fall­denken und Befrei­ungs­tra­di­tion definiert.

Schluss­ge­danke

„En rechta schwizer maa, de brucht en cervelat“ singt ein in Tracht gehüllter Stefan Roos, während er im dazu­ge­hö­rigen Musik­video über den Times Square läuft und beim Probieren eines Burgers demons­trativ die Nase rümpft. Ich musste hierbei unwei­ger­lich an Barthes Über­le­gungen zu Beef­steak und Pommes frites denken. Der Cervelat als Sehn­suchts­ob­jekt der Schweizer*innen, als Zeichen des schwei­ze­ri­schen Wesens. General de Castries, der nach dem Waffen­still­stand in Indo­china nach Pommes frites verlangte: Wäre er Schweizer gewesen, so hätte er sich sicher­lich einen Cervelat gewünscht.