Heute startet der GdG-Bildersommer. Den Auftakt bildet ein Aquarellbild von Paul Klee, das durch seinen ersten Besitzer Walter Benjamin eine wirkungsmächtige Deutung erhalten hat. Klees „Angelus novus“ von 1920 ist zum Engel der Geschichte geworden. Doch was ist auf dem Bild zu sehen?

Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Der Blick nach rechts von uns. Paul Klees „Angelus novus“ (1920)
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Paul Klees Aqua­rell­bild „Angelus novus“ ist vor allem durch Walter Benja­mins Kommentar dazu in seinen geschichts­phi­lo­so­phi­schen Thesen von 1940 bekannt geworden. „Ein Engel“ sei „darauf darge­stellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufge­rissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausge­spannt.“ Der „Engel der Geschichte“, so Benjamin weiter, müsse „so aussehen.“ Und weiter:

Er hat das Antlitz der Vergan­gen­heit zuge­wendet. Wo eine Kette von Bege­ben­heiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Kata­strophe, die unab­lässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleu­dert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschla­gene zusam­men­fügen. Aber ein Sturm weht vom Para­diese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unauf­haltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trüm­mer­haufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fort­schritt nennen, ist dieser Sturm.

Es gibt vermut­lich kaum ein anderes Bild in der Geschichte der Kunst, das in seiner Rezep­tion so stark durch eine bestimmte Ausle­gung geprägt worden ist wie Klees „Angelus novus“ durch Benjamin. Dabei lieferte Benjamin nicht nur die berühm­teste Deutung dieses Bildes, er war auch sein erster Besitzer: Er erwarb es 1921 und sah sich ihm zeit­le­bens verbunden. Es handelt sich um ein kleines Bild mit einer Größe von nur 31,8cm × 24,2cm. Inter­es­sant ist das Verfahren, mit dem Klee das Bild 1920 herstellte: Er fertigte zuerst eine Blei­stift­zeich­nung an, die er über eine schwarze Ölpause auf ein neues Blatt Papier über­trug, das er sodann aquarellierte.

Paul Klee, „Angelus novus“ (1920), 31.8cm x 24.2cm (The Israel Museum, Jeru­salem), Quelle: via Wiki­media (gemein­frei)

Die schwarzen Flecken, die sich über das Bild verteilen, sind Spuren des Öldruck­ver­fah­rens. Fast scheint es, als wolle der Engel sich auch von diesen Flecken noch entfernen, im Rücken viel Licht, rund­herum und zu den Ecken hin mehr Düsteres, in dunklen Aqua­rell­farben. Dabei ist der neue Engel – „Angelus novus“ – Teil einer ganzen Reihe von Engel­bil­dern, die Klee in verschie­denen Werk­phasen anfer­tigte. Noch bis zum 13. Juli 2025 ist das Original im Bode Museum in Berlin zu sehen. Ihm ist eine eigene Ausstel­lung gewidmet: Der Engel der Geschichte. Walter Benjamin, Paul Klee und die Berliner Engel 80 Jahre nach Kriegs­ende. Danach dürfte es wieder ins Israel-Museum in Jeru­salem zurück­kehren, in dessen Besitz es sich befindet.

Worauf blickt der Engel?

Über das Bild wurde viel geschrieben. Meist vermit­telt und geprägt durch die Deutung Benja­mins. Doch was ist auf dem Bild zu sehen? Und worauf blickt der Engel? Benja­mins Antworten auf diese Fragen beruhen auf einer Verzeit­li­chung. Folgt man Benjamin, so befindet sich der Engel an der Schwelle zwischen einer Vergan­gen­heit, die er als kata­stro­phales Geschehen wahr­nimmt, und einer Zukunft, die in seinem Rücken liegt. In diese Zukunft hinein werde der Engel vom Para­dies her getrieben durch einen „Sturm“, den „wir“, so Benjamin, „Fort­schritt nennen“.

Von den Betrachter:innen des Bildes her gesehen wäre das Para­dies wohl hinter deren Rücken zu situ­ieren. Die Betrachter:innen schauen ‚fort­schritt­lich‘, aber selbst mitten im Sturm, nach vorn in Rich­tung des Engels. Dieser aber blickt entsetzt, mit dem Rücken zur Zukunft und ohne gegen den Sturm etwas ausrichten zu können, zurück in die Welt. Dass sich diese Welt dem Engel als eine einzige „Kata­strophe“ offen­bart, „die unab­lässig Trümmer auf Trümmer häuft“, gehört zu den bitteren Pointen, die Benja­mins Deutung auszeichnet. In ihr ist bereits radi­ka­li­siert zur Darstel­lung gebracht, was Theodor W. Adorno und Max Hork­heimer später als „Dialektik der Aufklä­rung“ bezeichnen werden: Trüge­risch ist der Eindruck von Fort­schritt, wenn darin nicht die Kata­stro­phen mitbe­dacht werden, die ihn begleiten, ja die ihm zugrunde liegen und dabei den Begriff des Fort­schritts selbst ruinieren.

Es mag sein, dass Benjamin sich durch den dunklen Bild­rand – oder gar durch die klei­neren schwarzen Flecken der Ölfarbe im helleren Bereich des Bildes – veran­lasst sah, den Blick des Engels auf Dunkles gerichtet zu sehen. Im Verbund mit Benja­mins eigener verhee­render Zeit­er­fah­rung während seiner Flucht vor den Nazis, fehlt es der Rede von den Trüm­mern, die vor den Füßen des Engels zu einem Trüm­mer­haufen heran­wachsen, nicht an Überzeugungskraft.

Und doch sind diese Trümmer im Bild so wenig zu sehen wie das, was Benjamin zufolge als eine „Kette von Bege­ben­heiten vor uns“ erscheinen mag. Vor uns, so könnte man – zumin­dest für den Moment der Betrach­tung des Bildes – entge­gen­halten, erscheint im Grunde nichts anderes als der gemalte Engel selbst. Und dieser blickt zwar in unsere Rich­tung, aber zur Seite hin: Er blickt, so könnte man sagen, auf das, was uns umgibt, was neben und genau genommen rechts von uns ist, ob man das nun poli­tisch verstehen will oder nicht.

Nicht im Bild

Es ist gut möglich, dass auch Benjamin zunächst dieser Blick­rich­tung des Engels gefolgt ist, das Bild demnach wahr­ge­nommen hat als einen Anlass, via den Engel und dessen Blick die Aufmerk­sam­keit gelenkt zu sehen auf die eigene Zeit und Umge­bung: das Jahr 1940 oder die Monate und Gescheh­nisse unmit­telbar davor. Der Hitler-Stalin-Pakt im August 1939 brachte für Benjamin eine komplette Desil­lu­sio­nie­rung mit sich. Ab September 1939 erfolgte der völker­rechts­wid­rige Angriffs­krieg – ein leider wieder aktuell gewor­dener Begriff – seitens der deut­schen Wehr­macht auf Polen: der Beginn des Zweiten Welt­kriegs. In der Nacht vom 25. auf den 26. September 1940 beging Benjamin Suizid im spani­schen Grenzort Portbou, auf der Flucht aus Frank­reich in Rich­tung Portugal mit dem Ziel einer Ausreise in die USA. Klee starb wenige Monate davor in der Schweiz. Sieb­zehn seiner Bilder wurden 1937 in der NS-Propagandaausstellung als „Entar­tete Kunst“ diffamiert.

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Luft­auf­nahme der bren­nenden polni­schen Haupt­stadt, September 1939 (Quelle: via Wiki­media: Bundes­ar­chiv, Bild 141-0763 / CC-BY-SA 3.0)

Der „Angelus novus“ über­lebte, als Bild. Was er alles an Trüm­mern gesehen haben wird? Und vor welchen Trüm­mern Benjamin stand? Auch wenn nicht klar auszu­ma­chen ist, ab wann genau Benjamin an den geschichts­phi­lo­so­phi­schen Thesen gear­beitet hat, so steht doch fest, dass die Trümmer, von denen seine Ausfüh­rungen zum Engel der Geschichte handeln, während der Arbeit an den letzten der über­lie­ferten Fassungen mehr­fach bereits Realität geworden sind.

Wieluń nach dem Luft­an­griff, 1. September 1939 (Quelle: via Wiki­media, Commons, Autor:in unbe­kannt, Public domain)

Der auf Klees Bild erkenn­bare und verfolg­bare Blick des Engels wird stets ein Blick in die Gegen­wart, also die künf­tige Vergan­gen­heit derer gewesen sein, die das Bild betrachten: das heißt ein Blick in deren jewei­lige Umge­bung, deren Zeit, deren Kata­stro­phen. Der Blick des Engels wird stets gerichtet gewesen sein auf das, was nicht im Bild, sondern nur um dieses herum zu sehen gewesen sein wird. Um dies zu sehen, müsste man nur auch die eigenen Augen weit genug aufma­chen – und von dem, was im Bild erscheint, gerade absehen.

Folgt man der Blick­rich­tung des Engels, dann gibt uns Klees Bild stets etwas zu sehen, das nicht in ihm enthalten, aber doch da ist. Immer wieder neu und anders da ist. Um uns herum. Die Gefahren von rechts (vom Engel her gesehen aller­dings links) darin einbe­griffen. Das Bild kann als eine Einübung in einen solchen Blick in die eigene Zeit und Umge­bung gelesen werden, und zwar ausge­hend von einer exzen­tri­schen Warte, die wie bei Benjamin auch eine Verdre­hung der zeit­li­chen Para­meter impli­zieren kann.

Gut möglich, dass die Attrak­ti­vität des Bildes ebenso wie seiner Deutung durch Benjamin damit zu tun hat, dass es als Aufruf verstanden werden kann, und so auch immer wieder verstanden worden ist, den Blick gerade auf die Kata­stro­phen der Gegen­wart im Verbund mit deren Geschichte zu richten. Viel Hoff­nung verbindet sich damit nicht. Es sei denn viel­leicht dieje­nige, dass es diesen Engel immer noch gibt: als Bild und Vorstel­lung, die dazu anhalten kann, einer jeden Rede von einem Fort­schritt grund­sätz­lich zu miss­trauen und sich im Blick auf das, was ist und gewesen sein wird, keinen Illu­sionen hinzu­geben. Der Faschismus lebt fort. Die Warnung davor, erin­nert im Blick des Engels, ebenso. Was dann noch zu tun übrig­bleibt, um das „Zerschla­gene zusammen[zu]fügen“, bleibt in Klees Bild und in Benja­mins Deutung unge­löst. Aber als Frage immerhin erhalten. Erhalten in dem, was – zum Glück? – weder vom Bild noch von Benja­mins Deutung bereits als geklärt gelten könnte.

 

Mit diesem Beitrag startet der GdG-Bildersommer. Bis Ende August bringen wir Beiträge, die sich jeweils mit einem Bild oder der Frage beschäf­tigen, was Bilder für eine Geschichte der Gegen­wart bedeuten können.