Der alte (weiße) Mann und das (gespal­tene) Land: Joe Biden und das Projekt der Versöhnung

Die Bilder der Amtseinführung von Joe Biden wirken und klingen noch nach: Amanda Gorman, Lady Gaga und natürlich Kamala Harris überstrahlten einen Präsidenten, der sich selbst als Brücke bezeichnet und nun zum dritten Mal zur Wahl angetreten ist. Ein Rück- und Ausblick.

Die Amts­ein­füh­rung von Joe Biden als Präsi­dent war senti­mental insze­niert und symbol­po­li­tisch gelungen. Nun muss Biden nicht nur das tief gespal­tene Land poli­tisch führen, sondern auch eine Vergan­gen­heits­be­wäl­ti­gung in Gang setzen, die die letzten vier Jahre umfasst, insbe­son­dere aber die turbu­lenten letzten Wochen. Andern­falls bleibt der Neuan­fang ein halb­her­ziger Versuch der Befrie­dung und „Heilung“.

Der neue Präsident

Nach dem gefühlt längsten Inter­re­gnum in der ameri­ka­ni­schen Geschichte wurde Joseph Robi­nette Biden Jr. plan­mäßig am 20. Januar 2021 kurz vor 12 Uhr mittags als 46. Präsi­dent der Verei­nigten Staaten von Amerika verei­digt. Der Zeit­raum seit der Wahl am 3. November 2020, mit der Verkün­di­gung des Wahl­er­geb­nisses durch die führenden Fern­seh­sender wenige Tage später, den andau­ernden Bemü­hungen des unter­le­genen Kandi­daten, auf alle erdenk­li­chen legalen (und nicht legalen) Arten das Ergebnis anzu­fechten und umzu­drehen – und schließ­lich die Eska­la­tion der Gewalt und die Erstür­mung des Capi­tols am 6. Januar 2021 mit Toten und Verletzten: All das wird uns noch lange in Erin­ne­rung bleiben und auch die ameri­ka­ni­schen Ermitt­lungs­be­hörden stark beschäftigen. 

Am 6. Januar schloss sich gleichsam der Kreis von der „American Carnage“, dem Ader­lass, den Trump einst in seiner Antritts­rede beschwor, und dem Blut­zoll, den die Eindring­linge ins Capitol von den gewählten Mandatsträger*innen forderten und die zudem noch dem Vize­prä­si­denten Mike Pence nach dem Leben trach­teten. Der Slogan „Hang Mike Pence“ erin­nerte an eine lange Geschichte der Lynch­ge­walt in den USA, die vor allem Nicht-Weiße getroffen hat. Der Lynchmob am Capitol hatte vor allem die poli­ti­sche Elite im Visier und bestä­tigte einmal mehr Richard Slot­kins These, dass das Muster einer „Rege­ne­ra­tion durch Gewalt“ die USA und ihre Geschichte charak­te­ri­siert, eine Gewalt, die nicht un-amerikanisch, sondern viel­mehr ur-amerikanisch ist. Dieser gewalt­same Angriff auf die ameri­ka­ni­sche Demo­kratie wurde vorerst abge­wehrt; die Amts­ein­füh­rung Joe Bidens musste jedoch unter erhöhten Sicher­heits­vor­keh­rungen und mit 25.000 Soldaten der Natio­nal­garde in der Haupt­stadt stattfinden. 

Inau­gural plat­form at the United States Capitol; Quelle: Wikipedia.

Der 46. Präsi­dent ist kein strah­lender Held oder Sieger. Zwei Mal zuvor war Joe Biden schon für die Präsi­dent­schafts­wahl ange­treten, zwei Mal hatte er es nicht in die Endaus­wahl der Kandi­daten geschafft. In seinem Klas­siker über den Präsi­dent­schafts­wahl­kampf 1988, What It Takes (Biden trat damals zum ersten Mal an), beschreibt ihn Richard Ben Cramer bereits als eine tragi­sche, ja geschei­terte Figur, die häufig mit Erfah­rungen von Leid, Verlust und schwerer Krank­heit in Verbin­dung gebracht wurde. Biden erlitt seiner­zeit einen Zusam­men­bruch und wurde mit einem lebens­be­droh­li­chen Aneu­rysma ins Kran­ken­haus einge­lie­fert. Er über­lebt und setzte seine poli­ti­sche Karriere fort. Als er mit Ablauf der Obama-Präsidentschaft und seiner eigenen Vize-Präsidentschaft erneut eine Kandi­datur anstrebte, starb sein Sohn Beau Biden und die Trauer darüber über­wäl­tigte ihn. 

Im dritten Anlauf hat er nun sein Ziel, die ameri­ka­ni­sche Präsi­dent­schaft, erreicht. Und nach diesem Erfolg sah es lange Zeit nicht aus. Auch wenn er nun als der rich­tige Mann zur rich­tigen Zeit gefeiert wird, war er vor einem Jahr noch hoff­nungslos abge­schlagen im Bewer­ber­feld und bereits bei den ersten Vorwahlen arg ins Hinter­treffen geraten. Erst am 29. Februar 2020 gelangte er mit der breiten Unter­stüt­zung der afro­ame­ri­ka­ni­schen Wähler­schaft in South Caro­lina an die Spitze des Kandi­da­ten­feldes und setzte sich damit gegen seine Mitbewerber*innen durch. Viele Wähle­rinnen und Wähler sahen ihn ledig­lich als das klei­nere Übel, als kleinster gemein­samer Nenner der ideo­lo­gisch diversen Demo­kra­ti­schen Partei und als eine Möglich­keit, die Herr­schaft Trumps real­po­li­tisch zu beenden: „Settle for Biden“ war vieler­orts der wenig glamou­röse Wahl­kampf­slogan, mit dem für ihn geworben wurde.

Als ältester Präsi­dent der Geschichte der USA bei Amts­an­tritt, der zudem bei und nach öffent­li­chen Auftritten häufig unkon­zen­triert und erschöpft wirkt, über­nimmt er nun ein müdes und erschöpftes Land, das von dem norm­ver­let­zenden Poli­tik­stil und den Psycho­dramen seines narziss­ti­schen Vorgän­gers in immer weiteren Eska­la­ti­ons­schleifen fügsam gemacht wurde („outraged into submis­sion“ nannte das die Jour­na­listin Susan Glasser). Ein Land, das zudem von einer Gesund­heits­krise und einer Wirt­schafts­krise gebeu­telt wird und das eine gesell­schaft­liche Spal­tung zu über­winden hat, der ein anhal­tender struk­tu­reller Rassismus ebenso einge­schrieben ist wie andere Formen sozialer Unge­rech­tig­keit und zahl­reiche Ressen­ti­ments. Und selbst die Erde, so Biden in seiner Amts­an­tritts­rede, stoße einen Hilfe­schrei nach Über­leben („cry for survival“) aus.

Die Zere­mo­nien der Amtseinführung

Am 20. Januar begann nun Joe Bidens „Grup­pen­the­rapie“ für Amerika – ein Anti-Aggressionstraining für eine ganze Nation – um die verhär­teten Fronten zu über­winden. Bidens Rede zum Amts­an­tritt war ganz anders als die so stark ab- und ausgren­zende von Donald Trump vor vier Jahren, als viele kaum ihren Ohren trauten. Bidens Rede stellte in mehr­fa­cher Hinsicht eine Rück­kehr zum ameri­ka­ni­schen Staats­bür­ger­sen­ti­men­ta­lismus dar: Sie rief reli­giöse und zivil­re­li­giöse Topoi auf und unter­nahm eine Re-Sakralisierung des Ortes, des Amtes und des Gefühls der Einheit der Nation. Der neue Präsi­dent – der zweite Katholik im Amt – rekur­rierte auf Augus­tinus; er sprach von Erneue­rung („renewal“) und Einheit („unity“) und von Mäßi­gung (im Ton und im Umgang mitein­ander) ange­sichts der enormen Bedro­hung des inneren Frie­dens. Ein Satz, der mit seiner Anspie­lung auf den Bürger­krieg sicher lange nach­hallen wird, ist dieser: „We must end this uncivil war“.

Siegel der 46. Amts­ein­füh­rung des Präsi­denten und der Vize­prä­si­dentin; Quelle: Wikipedia

Bereits am Vorabend der Inau­gu­ra­tion fand eine Gedenk­ver­an­stal­tung für die 400.000 Corona-Toten in den USA mit 400 Lich­tern entlang des Reflec­ting Pool vor dem Lincoln Memo­rial statt, und es zeigte sich, dass Joe Biden große Erfah­rung im Trauern hat. Er versteht es wie kaum ein anderer, Trauer als öffent­li­ches Gefühl auszu­drü­cken,  und arti­ku­liert Betrof­fen­heit und Anteil­nahme in einer Weise, die die Menschen schätzen. Und es gibt derzeit viele Gründe zu trauern in Amerika. Biden weckt daher auch keine falschen Hoff­nungen, sondern betont immer wieder, dass es schlimmer wird, bevor es besser wird. Hat jemals ein Präsi­dent seine Rede zur Amts­ein­füh­rung für eine Schwei­ge­mi­nute unter­bro­chen? Sicher nicht in der jüngsten Geschichte.

Viel­fach hat sich Biden im Wahl­kampf zurück­hal­tend als Über­gangs­prä­si­dent beschrieben und als eine „Brücke“ zu einer neuen, jüngeren Genera­tion wie sie die Vize­prä­si­dentin Kamala Harris reprä­sen­tiert. Nachdem deut­lich wurde, wieviel Schaden ein charis­ma­ti­scher, aber anti-demokratisch agie­render Führer anrichten kann, wird diese Zurück­hal­tung eine Wohltat sein. Amerika habe nun, so hieß es viel­fach, einen lang­wei­ligen Präsi­denten verdient, einen, der nicht ständig alle Aufmerk­sam­keit fordert und braucht, sondern der einfach, ganz unspek­ta­kulär, seinen Job macht. 

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Biden gerierte sich nicht einmal bei seiner Amts­ein­füh­rung als Haupt­figur und ließ sich gerne vom Glamour der Darbie­tenden in den Schatten stellen. Das Antritts­pro­gramm beinhal­tete die Verei­di­gung der ersten schwarzen/asiatischen Vize­prä­si­dentin, die stets mehr Applaus bekommt als er, einen Auftritt Lady Gagas als/mit Frie­dens­taube, J Lo, die einen Satz Spanisch ins Publikum warf und Garth Brooks, der „Amazing Grace“ sang und damit eine Verbin­dung von der Präsi­dent­schaft Barack Obamas zu der von Joe Biden herstellte – fast so, als wäre zwischen­durch nichts gewesen. Aber etwas Gewich­tiges ist geschehen, und die junge afro­ame­ri­ka­ni­sche Dich­terin Amanda Gorman erin­nerte mit ihrem Gedicht „The Hills We Climb“ daran: „It’s the past we step into and how we repair it“. Ihre Rezi­ta­tion galt viel­fach als Höhe­punkt der Zere­monie – doch wie ist die Vergan­gen­heit zu repa­rieren? „Den Abend lang währet das Weinen, / aber des Morgens ist Freude.“ So heißt es in dem Psalm, den Biden zitierte. Und noch ist Abend in Amerika.

Vergan­gen­heits­be­wäl­ti­gung und Tribunal

Am Abend der Amts­ein­füh­rung führte Tom Hanks durch die „Cele­brate America“-Gala. Künst­le­rinnen und Künstler sangen von Einheit („United“), Versöh­nung („Better Days“) und Licht („Here Comes the Sun“) und reprä­sen­tierten gleichsam eine neue „multi­ra­cial demo­cracy“. Auch hier war das Lincoln Memo­rial wieder präsent, und der über­di­men­sio­nierte Abraham Lincoln auf seinem Stuhl wachte quasi über die Szenerie. Lincoln galt Zeit seines Lebens als Melan­cho­liker, und er wird häufig als tief traurig beschrieben. Hier mag man eine selten erwähnte Paral­lele zu Biden erkennen. Es ist nicht der heroi­sche Lincoln, an den uns Biden erin­nert, sondern der Lincoln, der seine Seele einer Sache verschrieben hat, als er die Eman­ci­pa­tion Procla­ma­tion unter­schrieb. Lincoln mag am 20. Januar 2021 in mehreren Funk­tionen aufge­rufen werden – als Mahnmal/Gespenst einer früheren ameri­ka­ni­schen Spal­tung, als Schutz­pa­tron des Neuan­fangs, viel­leicht auch als symbo­li­scher Richter. Denn eine Aufar­bei­tung („reck­o­ning“) mit der jüngsten Vergan­gen­heit ist und bleibt notwendig. Täter und Anstifter müssen zur Rechen­schaft gezogen werden, damit die Rhetorik der Versöh­nung nicht zur leeren Floskel verkommt.

Bidens eigener Leidensweg zur Präsi­dent­schaft ist am Ziel. Zu seiner erneuten, dritten Kandi­datur, so wird er nicht müde zu betonen, habe ihn die „Unite the Right“-Demonstration in Char­lot­tes­ville bewogen, bei der es zu gewalt­samen Ausschrei­tungen kam und eine Frau starb. Die von Trump ermu­tigten Rechts­ex­tre­misten und ihre Mitläufer haben Anfang Januar dieses Jahres ihren Hass buch­stäb­lich von Char­lot­tes­ville nach Washington getragen. Täglich werden neue Details bekannt über Trumps Versuche des Macht­er­halts einer­seits und über die Bedro­hungen, der die Abge­ord­neten im Capitol ausge­setzt waren, andererseits.

In der Tradi­tion der Bürger­rechts­be­we­gung, deren Ikonen er zitiert, steht Joe Biden für Black Lives Matter und gegen rassis­ti­sche Gewalt. Die drei afro­ame­ri­ka­ni­schen Gefäng­nis­in­sassen, deren Todes­strafe Trump kurz vor seinem Amts­ende noch voll­stre­cken ließ, kann Biden nicht wieder lebendig machen. Aber er wird noch viele weitere Maßnahmen seines Vorgän­gers rück­gängig machen, die von einer rassis­ti­schen und frem­den­feind­li­chen Ideo­logie (und auch von Igno­ranz) geprägt waren und die das erklärte Ziel hatten, die Politik des ersten schwarzen Präsi­denten unge­schehen zu machen. Darüber hinaus muss er sich für eine Aufar­bei­tung der Präsi­dent­schaft seines Vorgän­gers einsetzen, die Rassismus wieder salon­fähig gemacht und rechts­ex­treme Gruppen in ihrem Agieren bestärkt hat.

Jasper Johns. Three Flags (1958); Quelle: Wikimedia

Die Auffor­de­rung Bidens im Sinne der Über­win­dung der poli­ti­schen Eiszeit die Perspek­tive der anderen zu über­nehmen („to stand in the other person’s shoes“, ein Ratschlag seiner Mutter), dürfte hier zu kurz greifen und Wider­spruch hervor­rufen: Will man in den Schuhen eines Rechts­ra­di­kalen laufen, wenn man seine Perspek­tive verstehen will? Muss man das? Und wieso sollten gerade dieje­nigen für die Versöh­nung werben, die stets die Angriffs­fläche rechter und rechts­ra­di­kaler Atta­cken waren und noch sind? Die Auffor­de­rung zur Versöh­nung ist derzeit eine einseitig ausge­streckte Hand, und es muss sicher­ge­stellt werden, dass sie nicht als Anbie­de­rungs­ver­such an rechte Gruppen miss­ver­standen wird, denn das würde den Neuan­fang erheb­lich beschädigen.

Die Repu­bli­ka­ni­sche Partei instru­men­ta­li­siert ihrer­seits gerade die Rhetorik der Versöh­nung, um Scha­dens­be­gren­zung zu betreiben und das juris­ti­sche Nach­spiel der Ereig­nisse am Capitol am 6. Januar zu verhin­dern oder zumin­dest abzu­schwä­chen bzw. die ganze Ange­le­gen­heit (inklu­sive des zweiten Impeachment-Verfahrens gegen Trump) ad acta zu legen. Das wäre frei­lich ein zu hoher Preis für eine Versöh­nung, zumal eine solche „Versöh­nung“ ohnehin nur faden­scheinig wäre. Es kann kein Weg daran vorbei­führen, die Trump-Präsidentschaft ebenso wie die demago­gisch gene­rierte Verblen­dung größerer Teile der Bevöl­ke­rung kritisch und umfas­send aufzu­ar­beiten. Verschie­dent­lich erklang schon der Ruf nach einer „Wahr­heits­kom­mis­sion“ für die ameri­ka­ni­sche Demo­kratie, wie wir sie aus anderen Kontexten und Ländern kennen.

Eine solche Insti­tu­tion könnte beispiels­weise die gemäß Washington Post am 24. Januar 2021 aufge­lau­fenen 30.573 falschen und irre­füh­renden Behaup­tungen des 45. Präsi­denten (fast die Hälfte davon in seinem letzten Jahr) doku­men­tieren, korri­gieren und die teils verbre­che­ri­schen Taten, zu denen sie geführt haben, öffent­lich expo­nieren. Joe Biden mag ein trau­ernder Mann sein, aber er kann den ameri­ka­ni­schen Wähle­rinnen und Wählern helfen, ihr Vertrauen in die Exeku­tive als eine von drei Gewalten der ameri­ka­ni­schen Demo­kratie zurück­zu­ge­winnen. Dazu muss er aller­dings auch bereit sein, im Weißen Haus mehr zu tun, als die Möbel wieder umzu­stellen. Die Zusam­men­stel­lung seines Teams lässt dies­be­züg­lich jeden­falls hoffen.