Als der Autor und Psychologe Jürgen Fuchs 1995 das Buch Zersetzung der Seele herausgab, beschäftigte er sich u.a. mit der Frage, wie autokratische Systeme die Persönlichkeit von Menschen zerstören wollen, indem sie sie dazu zwingen, sich permanent mit sich selbst zu beschäftigen. Mit der erzwungenen Selbstbeschäftigung war keine Selbstsorge gemeint, wie wir sie etwa aus den späten Schriften des französischen Philosophen Michel Foucault kennen. Foucault hatte Selbstsorge im Sinne der antiken Ethik als eine Möglichkeit beschrieben, sich gerade in erzwungenen Situationen und unter disziplinierenden Mechanismen eine Möglichkeit der inneren Freiheit zu bewahren. So gesehen ist Selbstsorge als Schutz, als Selbstschutz gegenüber einer ungerechten Macht oder einer tyrannischen Herrschaft gedacht. Damit muss nicht einmal ein tyrannisches politisches System gemeint sein, auch auf dem Arbeitsplatz oder in der Familie kann man unterdrückerische Situationen erleben.
Foucault interessierte sich vor allem für die Frage, wie in der Antike Selbstsorge, „Sorge um sich“ (epimeleia heautou), betrieben wurde. Dazu gehörten auf den ersten Blick eher unscheinbare „Selbsttechniken“ wie das Einüben von Selbstreflexion, also der Versuch, ein Verständnis von sich selbst zu gewinnen, um bewusst handeln und das eigene Leben gestalten zu können. Foucault forderte eine Ethik des Selbst, „wenn es denn wahr ist, dass es keinen anderen, ersten und letzten Punkt des Widerstands gegen die politische Macht gibt als die Beziehung seiner selbst zu sich“. Mit anderen Worten: Ist schon die Beziehung zu sich selbst kaputt oder gestört, ist Widerstand gegen eine zerstörerische Macht kaum mehr möglich.
Selbstsorge vs. erzwungene Selbstbeschäftigung
Dreht man den Gedanken um, dann wird auch verständlich, warum autokratische Politik oder unterdrückerische Systeme gezielt versuchen, die Beziehung des Einzelnen zu sich selbst zu manipulieren: Sie wollen den Widerstand, der auf das unterdrückerische System gerichtet ist, verhindern und unterdrücken.
Jürgen Fuchs, den die DDR-Staatssicherheit jahrelang „zersetzen“ wollte, interessierte sich nach dem Ende der Diktatur für diese Praxis nicht nur als Autor, sondern auch als Psychologe. Er untersuchte die Psychologie, die sich in den Dienst der Diktatur stellte, die „operative Psychologie“, die das Ministerium für Staatssicherheit in einer Hochschule in Potsdam lehrte. In der Diplomarbeit eines Stasi-Hauptmanns zum Thema „Zersetzung“ konnte Fuchs die Maßnahmen nachlesen, die auf eine gezielte „Beschäftigung mit sich selbst“ abzielten. Der Hauptmann stellte sich die Aufgabe, auszuarbeiten, wie man Personen „von der Verwirklichung feindlich-negativer Pläne und Absichten“ ablenken könne, indem man ganz gezielt und sehr individuell Probleme für sie kreiert – persönliche und soziale. Dazu gehörte, Gerüchte über Personen zu streuen, Personen in ihrem Selbstbewusstsein, z. B. im Beruf, durch Misserfolge zu verunsichern, ihr Verhalten zu kriminalisieren oder zu pathologisieren.
Auf diese Weise wollte man Menschen, die ihre Kritik auf die Diktatur richteten, von dieser Kritik und vom Widerstand insgesamt abbringen. Wenn zum Beispiel das Gerücht verbreitet wurde, der Partner gehe fremd, oder wenn man das Fremdgehen durch „inoffizielle Mitarbeiter:innen“ sogar staatlicherseits verursachte, dann beschäftigte man die Person erst einmal mit privaten Problemen, lenkte sie durch Anrufe ab, provozierte sie mit Andeutungen, chaotisierte ihren Alltag, so dass keine Zeit und Kraft blieb für Widerstand gegen das System. Oder wenn über Kritiker:innen des Staates das Gerücht gestreut wurde, sie würden mit der Stasi zusammenarbeiten, dann weil man sich davon erhoffte, dass die Person fortan damit beschäftigt sei, dieses für sie vernichtende Gerücht aus der Welt zu räumen. Eine solche erzwungene Beschäftigung mit sich selbst zielt darauf ab, die Kräfte nicht mehr auf Widerstand und Protest zu richten, sondern auf die Reparatur dessen, was die Staatssicherheit selbst angerichtet hatte.
Demokratie mit sich selbst beschäftigen lassen
All diese Beispiele habe ich angeführt, um den Blick auf die Gegenwart zu lenken. Denn eine erzwungene Beschäftigung mit sich selbst muss nicht auf einzelne Personen gerichtet sein, sondern kann auch auf Gruppen, Gesellschaften oder politische Systeme wie Demokratien abzielen.
Wie schon im Kalten Krieg ist auch heute Desinformation ein effektives Mittel, demokratische Gesellschaften sich permanent mit sich selbst beschäftigen zu lassen. Sie wird nicht nur in die Welt gesetzt, um zu täuschen, sondern auch um Gesellschaften damit zu beschäftigen, sie zu entlarven, zu entkräften, d. h. die irreführenden Nachrichten wieder aus dem Weg zu räumen. Das bindet immense finanzielle, mediale und gesellschaftliche Ressourcen, lenkt die Aufmerksamkeit stets von der eigentlichen und eigenen Agenda ab und macht die mediale Berichterstattung und Politik reaktiv, d. h. das, was als Lüge entlarvt wird, bekommt stets mehr Aufmerksamkeit als das, was gesellschaftlich relevant ist.
Schon zur Zeit des Kalten Krieges versuchte z. B. die Sowjetunion, Gerüchte und Narrative zu streuen, um den Kapitalismus bzw. den Klassenfeind zu „zersetzen“ und ihn dabei auch zu einer „Selbstzersetzung“ zu animieren. Aber damals verfügte die Sowjetunion nicht über die medialen Möglichkeiten, die Russland heute zur Verfügung stehen. Die geheimdienstlichen „Aktiven Maßnahmen“ von damals muten im Vergleich zu heute eher lächerlich an. Aber auch damals ging es schon darum, die westliche Gesellschaft mit Unterstellungen zu beschäftigen. Sie sollte Verdacht gegen sich selbst hegen, sie sollte sich die als Kritik und Selbstkritik verschleierte Propaganda aneignen und gegen sich selbst richten. 1986 etwa streute der KGB das Gerücht, dass das AIDS-Virus versehentlich aus einem US-Labor, dem Army Medical Research Institute of Infectious Diseases (USAMRIID), einem P4-Forschungslabor zum Studium von Infektionskrankheiten in Fort Detrick, entwichen sei. Dort habe man es, nachdem es in Afrika entdeckt worden sei, als Biokampfwaffe weiterentwickeln wollen, und zwar gezielt gegen Afroamerikaner in den USA. Mit dieser Erzählung sollten nicht nur bei politischen Kräften in Afrika antiimperialistische Gefühle verstärkt werden, sondern auch bei der afroamerikanischen Bevölkerung gegenüber der eigenen Regierung. Vier Jahre lang geisterte diese Erzählung durch die Presse und fand überall ihre Multiplikator:innen.
Aber Desinformation soll nicht nur Kräfte binden, sie soll das kritische Potential, das Demokratien ausmacht, gegen die Demokratie selbst richten. Dies nicht nur mithilfe von Lügen und tendenziösen Narrativen, sondern auch durch das Nutzen kritischer direktdemokratischer Werkzeuge, durch die Erfindung „kritischer“ Figuren und durch die Mobilisierung von als Selbstkritik maskierter Propaganda. Ein Beispiel dafür, ein Genre der gezielten „kritischen“ Beschäftigung, sind die parlamentarischen Anfragen, die z.B. die AfD nutzt, um die Arbeit von Kulturinstitutionen, NGOs und Hochschulen zu lähmen. Die Amadeu Antonio Stiftung, die seit 2002 antisemitische Vorfälle in Deutschland dokumentiert, hat das Vorgehen der AfD analysiert, weil sie selbst auch von solchen gezielten Anfragen betroffen ist. Seit geraumer Zeit versucht die AfD durch „kleine Anfragen“ ihre Arbeit zu diskreditieren. Die Stiftung schreibt auf ihrer Website: „Die AfD flutet den Bundestag mit ‚Kleinen Anfragenʻ, aber nicht zur Kontrolle – sondern, um die Zivilgesellschaft zu diffamieren, zu lähmen und letztendlich zu zerschlagen.“
Ein anderes Beispiel, bei dem das Wort ,Sorge‘ auch als Begriff in den Mittelpunkt gestellt wurde, ist die schon ab 2015 zu beobachtende „Kümmerer-Strategie“ der NPD in Deutschland, später die Figur des „besorgten Bürgers“ oder international das „concerned citizens movement“, das tatsächliches zivilgesellschaftliches Engagement kaperte, um sich ganz auf pauschale ausländerfeindliche Parolen zu konzentrieren. Schon 2018 schrieb der Stern über den Effekt dieser „Sorge“: „Ständig geht es darum, mit ihnen in den Dialog zu treten, ihre Sorgen und Ängste ernst zu nehmen: Kaum eine Bevölkerungsgruppe wurde in den letzten Jahren so verhätschelt wie der ‚besorgte Bürger‘.“ Damit traf der Stern einen entscheidenden Punkt. Aus vermeintlicher Sorge um die Demokratie wurden in Medien oder auf öffentlichen Podien demokratiefeindliche Stimmen gefördert, um die ‚Meinungsvielfalt‘ aufrechtzuerhalten.
Autoimmunstörung
Jacques Derrida hat 2003 in seinem Buch über Schurken das Paradoxon der Demokratie ausführlich beschrieben. Demokratische Systeme, so kann man Derrida paraphrasieren, neigen dazu, ihre eigenen Grundlagen – wie Freiheit, Offenheit und Rechtsstaatlichkeit – im Namen des Schutzes eben dieser Grundlagen zu untergraben oder zu zerstören. Sie können nicht anders, als ihren Anspruch auf Freiheit und Gleichheit auch für diejenigen geltend zu machen, die gegen die Demokratie vorgehen und sie durch ihre Stimme abschaffen würden. Derrida spricht in diesem Sinne von „suizidärer Autoimmunität“. Denn eigentlich müsste die Demokratie sich gegen die von ihr geduldete Zerstörung ihrer selbst immunisieren, doch genau eine solche Einschränkung widerspräche dem demokratischen Prinzip und würde somit Demokratie gegen sich selbst immunisieren. Typische Beispiele für diese Autoimmunstörung sind bei Derrida die Einschränkung von Bürgerrechten zur Terrorismusbekämpfung oder die Aussetzung demokratischer Normen im Ausnahmezustand.
Dieses Grundparadoxon von Demokratien beschäftigte Derrida hinsichtlich der Frage nach der „künftigen Demokratie“. Was wir heute infolge der zerstörerischen Politik von Trump oder Putin beobachten können, hängt zwar mit diesem Grundparadoxon von Demokratie zusammen, hat aber bereits eine neue Stufe erreicht. Es geht nicht mehr darum, aufgrund von einem realen Schutzbedürfnis demokratische Rechte teilweise einzuschränken, sondern bereits darum, diese Achillesferse demokratischer Gesellschaften gezielt anzusteurn, um Demokratien gegen sich selbst zu mobilisieren. Das ist keine selbstzerstörerische Autoimmunreaktion mehr, wie man sie etwa bei Bush nach 9/11 sehen konnte. Trump und Putin, um nur diese beiden Akteure stellvertretend zu nennen, erfinden und nutzen Bedrohungen, um ihre aggressive und zerstörerische Politik gezielt als Schutz von und Sorge um Demokratie oder Souveränität zu interpretieren.
Dabei wird in der Propaganda, zumindest von russischer Seite aus, die sowjetische Halluzination vom „untergehenden“ und „faulenden“ Westen erneut bemüht. Weil es Europa, dem Westen oder den Demokratien angeblich so schlecht gehe, weil sie sich selbst zerstören, benötigen sie „Nachhilfe“ von Putin und nun auchTrump. Die Zerstörer bezeichnen sich als Retter und ihre Aggression als Fürsorge. So hat Putin den Krieg Russlands gegen die Ukraine begründet, so rechtfertigt die russische Regierung in einem neuen Gesetz militärische Einsätze zum „Schutz“ russischer Bürger im Ausland. Bei RT Deutsch ist z.B. vom Selbstmord oder auch von der Selbstsabotage Europas die Rede: „Liegt Berlin bald in Ruinen? Nur eines kann Europas Selbstmord noch abwenden“ (28.12.2025) Oder, politisch gewendet: „Das ‚Vierte Reich‘ ist dem Untergang geweiht: Die EU muss sterben, damit Europa leben kann“ (11.12.2025). Und bei der US-amerikanischen Regierung wird auf die angebliche Schwäche Europas angespielt, die wie JD Vance es formulierte, als Selbstsabotage („Europa sabotiert sich selbst“) in Erscheinung tritt. Oder in der Formulierung von Elon Musk, der die „fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation“ ausgerechnet im Mitgefühl, also in der Sorge um andere gesehen hat. Das führe laut Musk in den „gesellschaftlichen Selbstmord“ („civilizational suicidal empathy“).
Das Ziel dieses Narratives ist aber erst dann erreicht, wenn auch die hiesige Politik und Presse die propagandistische Untergangsvision als „Kritik“ aufgreift und sich damit beschäftigt. Beispiele dafür gibt es viele, besonders engagiert ist z.B. die NZZ: „Trump und Europa, das heisst Raubtier gegen Sozialarbeiter“ (NZZ, 14.1.25), „Europa endet in der Gerontokratie: Alles für den Sozialstaat“ (NZZ, 10.9.25), „Europa: Von der Eiche zur Topfpflanze“ (NZZ, 15.2.26) oder im Chor mit dem ehemaligen österreichischen Bundeskanzler „Sebastian Kurz: Ist der Westen am Ende?“ (NZZ, 22.1.26).
Dabei ist zusätzlich zu beobachten, dass europäische Kräfte nicht nur das antieuropäische und auch antidemokratische Narrativ aufgreifen, sondern zugleich auch sich selbst, also der europäischen progressiven Politik, die Schuld für den Aufstieg derer geben, die die Demokratie zerstören wollen und die diesen Untergang Europas herbeireden. Die Headlines lauten z. B.: „Selbst schuld? Welchen Anteil hat die politische Linke am Aufstieg der Rechten? Welchen Anteil hat die politische Linke am Aufstieg der Rechten?“ (Jens Jessen, 28.8.25, Die Zeit) Oder als Reaktion auf diesen Titel beim SWR eine Diskussion unter dem Titel: „Woke und weltfremd – Ist die Linke schuld am Rechtsruck?“ und im Teaser: „Ist gesellschaftliche Spaltung der Preis für emanzipatorische Politik?“ Und dann im Schweizer Tagesanzeiger ein paar Wochen später: „Ist die radikale Linke wirklich verantwortlich für den Anstieg der Gewalt in den USA?“, die Frage wird verbunden mit der Schuld für den Mord an Charlie Kirk.
Da beisst sich nicht nur die Katze in den Schwanz, sondern Journalismus wird zum Werkzeug populistischer und autokratischer Beschäftigungspolitik. Denn das Ziel von Desinformation ist auch, nicht nur den Verdacht in Demokratien hineinzutragen, diese seien zu schwach, um sich gegen autokratische „Raubtiere“ zu wehren, sondern sie glauben zu machen, es sei ihre ,radikale‘ Schwäche die autokratische Raubtiere hervorbringe. Ein Blick nach Russland würde genügen, um zu verstehen, dass dort (und nicht nur dort) nicht etwa linke Politik oder ein Zuviel an Feminismus oder Identitätspolitik dafür verantwortlich sind, dass Putin an der Macht bleibt, sondern Betrug, Repression und massive Korruption.
Demokratische Selbstsorge
Eine demokratische Selbstsorge hingegen lässt sich nicht zum Werkzeug der Selbstzersetzung machen. Sich permanent – erzwungen – mit sich selbst beschäftigen zu müssen, führt im Gegenteil zu fehlender Selbstsorge. Auf diese Weise vergisst man, welche Themen eigentlich diskutiert werden müssen, weil man stets diskutiert, was Populist:innen und Demokratiegegegner:innen der Gesellschaft als Thema aufzwingen. Permanent auf die „Kritik“ von Populist:innen und Diktatoren zu reagieren, ihre Desinformation zu entlarven und zu analysieren, führt nicht nur zu einer permanenten Selbstbeschäftigung, sondern auch zur Unmöglichkeit, Demokratie gestalten zu können. Gerade jüngst wurde dieser Mechanismus, die (potentielle) Instrumentalisierung von Kritik gegen die Demokratie, im Spiegel reflektiert, als ein Journalist sich fragte, ob er mit seiner Kritik und seinem „Spott vor allem den Feinden der Demokratie in die Hände spiele“.
Demokratische „Selbsttechniken“, um Foucaults Wort zu benutzen, sollten jedoch gerade eine demokratische Selbstreflexion fördern, die Sorge überhaupt erst ermöglicht. Denn die Gestaltung des eigenen Lebens hängt auch von Sorge um die Demokratie ab: Wenn man jetzt etwas diskutieren müsste, dann die Frage nach der „künftigen Demokratie“, wie man sie verbessert und schützt.
Es ist kein Zufall, dass Dissident:innen in Osteuropa, die sich aus autokratischen Regimen befreit haben oder befreien wollten, gerade den Aspekt der Selbstsorge, und damit verbunden auch der Selbstachtung und der Würde in den Vordergrund gerückt haben. Die Revolution in der Ukraine, der Euromaidan von 2014, wurde auch Revolution der Würde (Революція гідності) genannt. Viele Ukrainer:innen wollten sich weder kulturell noch politisch demütigen lassen von Russland. Dies betraf den kolonialen Anspruch Russlands gleichermaßen wie den politischen Zwang zur Diktatur, vom rückwärtsgewandten, patriarchalen Druck ganz zu schweigen. Man darf nicht unterschätzen, dass, sich von einem autoritären, imperialen, patriarchalen Regime demütigen zu lassen, bedeutet, sich selbst als nicht handlungsfähig erleben zu müssen. Das ist etwas, was man derzeit durchaus auch in den USA beobachten kann: Trump als Präsidenten zu ertragen, hat auch etwas mit Scham zu tun – mit der Scham, sich auf diese Weise regieren zu lassen und kaum Mittel zu finden, gegen die Zerstörung der Demokratie vorzugehen.
Auch die Menschen in Belarus haben von Würde gesprochen, auch wenn die Revolution 2020 niedergeschlagen wurde. Der belarusische Schriftsteller Alhierd Bacharevič sagte sinngemäß: Die Revolution in Belarus sei ein Akt der Selbstsorge gewesen, ein Akt der „Liebe zu sich selbst“. Bacharevičs Interpretation der friedlichen Revolution in Belarus als Selbstsorge zeigt eine Antwort auf die selbstzerstörerischen Aspekte von Diktaturen. Und dies betrifft nicht nur jene, gegen die der Staat seine Zersetzung richtet, die er zwingt, sich mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Das betrifft auch jene, die sich dem Konformitätsdruck beugen. Auch das ist eine Form von Zerstörung, die man gegen sich selbst richtet. Konformität ersetzt Widerstand gegen die Diktatur durch Widerstandsfähigkeit, die die Unterdrückung aushaltbar macht und ein Funktionieren unter repressiven Bedingungen ermöglicht. Aber Diktaturen zu ertragen, ist eine Form von Resilienz, die auch zu Selbstverleugnung und fehlender Selbstachtung führt.
Danke. Spannender Aspekt: Selbstbeschäftigung vs. Selbstfürsorge. Werde diesbezüglich künftig achtsamer sein. Für ein Leben mit Demokratie