Demokratie ist machbar, Herr Nachbar! Warum gute Nachbarn nicht automatisch gute Bürger sind

Dass Demokratie durch einen bestimmten Lebensstil ‚gemacht’ werden kann, glauben wir schon eine Weile. Doch sollten wir nicht vergessen, dass Demokratie auch eine Staatsform mit handfesten Institutionen ist, die dadurch funktionieren, dass wir sie als Bürgerinnen und Bürger bespielen.



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Das Laster der Demokratie sind ja eigentlich ihre Bürgerinnen und Bürger. Um funktionieren zu können, braucht die Demokratie natürlich Institutionen. Parlamente, große Prachtbauten, hohe Richter in makellosen Roben: Sie vertreten und versichern den demokratischen Staat. Doch wenn sich die Bürger ihr Vertrauen in diesen Apparat abgewöhnen, bleibt der Demokratie schnell die Luft weg. So weit, so bekannt und in den letzten Jahren so vertraut. In Zeiten, in denen ein ominöser Volkswille und Leute, die ihn zu kennen glauben, mit Volkssouveränität auf entstellende Weise verwechselt werden, ruft die Diagnose vom Bürger als Schwachstelle alte Ideen wieder auf den Plan. Moral und die Lehren des Alltags versprechen Heilung: Um die demokratische Schwachstelle zu beheben, müsse man Demokratie als eine Lebensform im mitmenschlichen Umgang verankern, so eine gängige Vorstellung. Ihr Ideal findet sie im guten Nachbarn, den sie dem schwachen Staatsbürger als Vorbild entgegenhält. Sind alle Probleme gelöst, wenn wir wieder liebe Nachbarn werden?

Der gute Nachbar

Es verwundert nicht, dass die amerikanische Politikwissenschaftlerin Nancy Rosenblum ihr Buch von den guten Nachbarn und der Demokratie des täglichen Lebens am Vorabend der Trump-Regentschaft veröffentlichte. Wenn die Integrität formaler Demokratien nicht mehr gewährleistet ist, sei die Demokratie, die sich im alltäglichen Umgang der Menschen zeige, der rettende Anker – so Rosenblum. Die Professorin aus Harvard begibt sich mit Good Neighbors: The Democracy of Everyday Life in America auf die Suche nach einem strahlenden Beispiel gelingender, gelebter Demokratie und findet dieses bei den guten Nachbarn. Dabei trifft sie eine wichtige Unterscheidung: Ihr Fokus liegt nicht auf der Nachbarschaft als Teil des öffentlichen Raums, wo nach demokratischen Spielregeln und bürgerlichen Werten lokale Politik betrieben wird, wo aus lokaler Organisation und Selbstverwaltung der Grundstein eines größeren demokratischen Institutionengefüges entsteht. Ihr Interesse gilt vielmehr dem zwischenmenschlichen Raum der sozialen Beziehungen unter Nachbarn. Doch warum soll die Demokratie ausgerechnet von unseren lieben Nachbarn gerettet werden können? Die Beziehung von Nachbarn ist eine von unmittelbarer physischer Nähe geprägte Verbindung. Und diese Verbindung wird von uns tagtäglich bespielt, ohne dass wir eine genauere Vorstellung davon hätten, was eine Ethik des Nachbar-Seins ausmacht. Außer groben Vorstellungen von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wissen wir – laut Rosenblum – eigentlich gar nicht, wie dieses Nachbar-Sein funktioniert und doch praktizieren wir es jeden Tag.

Der Nachbar ist unsere direkte Umwelt und der Hintergrund, vor dem sich unser privates Leben abspielt. Und was wir da spielen, was wir da mit unseren Nachbarn machen, sei eben die „Demokratie des alltäglichen Lebens“. Geben und Nehmen, Seine-Stimme-Erheben sowie Leben und Leben-Lassen, das seien die drei Grundprinzipien, auf denen der nachbarliche Umgang aufbaue. Also: Gießt Du meine Blumen, wenn ich im Urlaub bin, leere ich dafür Deinen Briefkasten, während Du verreist bist. Höre ich laute Schreie und handgreiflichen Streit aus der Nachbarwohnung, gehe ich mal klingeln und frage, ob alles in Ordnung ist. Und wenn Herr Müller von nebenan meint, er müsse jeden Tag sein Auto putzen, dann finde ich das zwar seltsam, lasse ihm aber seinen Spleen. In der Begegnung mit dem Nachbarn handeln wir stets Verhaltensregeln aus und bringen sie gleichzeitig zur Anwendung. Nach Rosenblum ist eine demokratische Grundethik im nachbarlichen Umgang erlern- und erfahrbar. Und da wir den Nachbarn als einen Jedermann wahrnehmen, findet dieser Aushandlungsprozess des nachbarlichen Umgangs sogar im Angesicht der Gleichheit statt. Was mich am Nachbarn interessiert, seien nämlich nicht sein sozialer Status, seine Hautfarbe oder sein Portmonee, sondern der Umstand, dass er in meiner Nähe wohnt und gerade darum meine Blumen gießen kann. So zumindest das von Rosenblum beschriebene Ideal, das sich in der Realität leider nur zu oft an genau diesen benannten Punkten bricht.

Demokratie als Lebensform

Ob man es nun für sinnvoll hält oder nicht: Im Ideal des guten Nachbarn als moralischem Kompass, durch den das ins Wanken geratene Schiff des demokratischen Staates wieder auf Kurs gebracht werden kann, leuchtet eine bereits bekannte Idee wieder auf. Das Interessante an Rosenblums Argumentation ist, dass sie zwei Dinge miteinander verschmilzt: zum einen die Dynamiken und Spielregeln des sozialen Miteinanders, zum anderen die abstrakte Idee einer demokratischen Haltung. Dabei kommt so etwas wie eine Verhaltenslehre der Nähe unter demokratischen Vorzeichen heraus. Demokratie wird zu einer Lebensform erklärt, zu einem Set sozialer Praktiken. Das ist nicht neu: Dass eine Demokratie Demokraten braucht, sagt man sich schon eine ganze Weile. Ihre wissenschaftliche Theoretisierung erfuhr diese Überzeugung durch John Dewey: 1916 machte der Philosoph und Pädagoge mit seinem Buch Democracy and Education unmissverständlich klar, dass Demokratie nicht nur ein Staats-, sondern auch ein Gesellschaftsprojekt sei. Um sie zu haben, müsse man Demokraten machen.

Diese Einsicht setzte sich im Denken über Demokratie fest. Seither kann man fleißig zur Demokratie erziehen und in der Gesellschaft darauf achten, dass alle einen demokratischen Lebensstil pflegen. Spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts geriet die Schwachstelle Bürger dann auf eine Weise in den Fokus, wie sie auch noch das Denken von Nancy Rosenblum prägt. Der Blick wandte sich vom Einzelnen mit seinen staatsbürgerlichen Rechten und der abstrakten Gesellschaft ab, hin zu konkreten Beziehungen zwischen den Menschen. Auch die Sozialwissenschaften begannen sich jetzt für Gruppenprozesse und zwischenmenschliche Beziehungsgeflechte zu interessieren. Seien es die Forschungen einer Elisabeth Pfeil, eines Paul Watzlawick oder die Gruppenexperimente Friedrich Pollocks: Die soziale Nähe wurde zum entscheidenden Beeinflussungsfaktor für alle möglichen Prozesse – und damit auch für die Demokratie. Der Umgang im nahen sozialen Umfeld versprach fortan, einen Einblick in den Zustand der gelebten Demokratie zu geben. Und gleichzeitig boten sich soziale Nahbeziehungen wie die der Nachbarn als geeignete Stellschrauben an, um den demokratischen Lebensstil richtig einzupegeln.

Demokratie im Aufbau

Wirft man einen Blick auf Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, kann man diese Art von Arbeit an der demokratischen Einstellung gut beobachten. Am Phänomen der sogenannten Nachbarschaftsheime zeigt sich eindrücklich, wie aus der unmittelbaren Not des Nachkriegs heraus in nachbarlicher Unterstützung am Geist der Demokratie gezimmert wurde. 1951 gründete sich der Verband Deutscher Nachbarschaftsheime. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 13 Nachbarschaftsheime in städtischen Gebieten der jungen Bundesrepublik eingerichtet worden, sechs davon in Westberlin. Diese Einrichtungen sollten „bewegliche“ und „spontane“ Selbsthilfe jenseits der staatlichen Sozialfürsorge gewährleisten und dienten in verschiedenen Spielarten als soziale Treffpunkte und Begegnungsorte der Anwohner und Familien. Von Sozialarbeitern entworfen und durch Aufbauprogramme der Alliierten gefördert, fungierten diese Einrichtungen als Komponenten einer Gemeinwesenarbeit, die den Bürgerinnen und Bürgern Möglichkeiten zur Selbsthilfe bieten wollte. Hier wurden Diskussionsabende veranstaltet, hier wurde mit Kindern und Jugendlichen in Arbeitsräumen gewerkelt, hier wurden Schuhe repariert, Kleider genäht, wurde gegessen, gesungen und getanzt.

Auffällig ist dabei, wie stark der Verein der Nachbarschaftsheime seine Praxis als eine demokratische verstand. Nicht nur sollte der Aufbau des Vereins und eines jeden Nachbarschaftsheims demokratisch verfasst sein, sollten Unterausschüsse aus „Besuchern, Nachbarn und Freunden“ die einzelnen Schwerpunkte und Gruppenarbeiten planen wie auch ausführen. Sondern die gesamte Idee der Nachbarschaftsheime galt übergeordnet dem politischen Zweck, im Kleinen der Nachbarschaft das Große des Staates vorzubereiten, Demokratie alltäglich zu leben. So findet man etwa Sätze wie den folgenden in den Präambeln der Vereinssatzungen der Nachbarschaftsheime Ende der 40er Jahre: „Wir wollen in der von uns gebildeten Gemeinschaft lernen, Verantwortung zu übernehmen […] und Initiative zu entwickeln, um so dem Einzelnen zu helfen, seinen Platz in einer größeren gemeinschaftlichen Ordnung auszufüllen.“

„Demokratie ist machbar, Herr Nachbar!“ hätte sich durchaus als Motto der Nachbarschaftsheime der Nachkriegszeit angeboten. Doch der Spruch entstand erst Jahre später in jenem politischen Milieu, das nach 1968 voller Verachtung auf die apolitische Adenauer-Ära zurückschaute. In der Abwendung von den spießigen, staatsgläubigen und autoritären Jugendjahren der Bundesrepublik wollten die unkonventionellen Linksalternativen „mehr Demokratie wagen“, die Demokratisierung der gesamten Gesellschaft nachholen, die bisher versäumt worden sei. Auch sie setzten dabei ihre Hoffnungen auf die Nachbarschaft: neue Wohnformen, Hausbesetzungen und Stadtteilfeste waren dabei nur die konkretesten Formen dieser nachbarschaftlichen Demokratiebemühungen von unten. Letztlich schien alles, was das alternative Milieu erstrebte (Feminismus, Anarchie, atomwaffenfreie Zonen), im Austausch mit den Nachbarn vor der eigenen Haustür „machbar“. Die Idee der Nachbarschaftsdemokratie leuchtete nicht nur denen ein, die im zerstörten Deutschland einen demokratischen Staat errichteten. Auch jenen, die den Muff von tausend Jahren endlich aus der Republik wegwünschten, versprach die Gemeinschaft der Nachbarn demokratische Heilung.

Demokratie als Staatsform

Mit ein wenig Abstand sieht man: Die Vorstellung der Demokratie als Lebensform stammt aus einer Zeit, als sich unsere heutigen Demokratien etablierten bzw. festigten. Was in den 1950er- und 1970er-Jahren dazu diente, ungeübten Demokraten in ihre Staatsform zu helfen, kann heute nicht die alleinige Lösung sein. Natürlich ist es aus vielen Gründen sinnvoll, danach zu fragen, ob wir noch anständig miteinander umgehen und wie wir uns besser unter die Arme greifen können. Hier ist Nancy Rosenblum durchaus beizupflichten. Doch ist das wirklich die Antwort auf die Probleme unserer heutigen Demokratie? Vielleicht brauchen Demokratien der Gegenwart wieder mehr Mut zu der Einsicht, dass die Demokratie eben auch eine Staatsform ist. Das klingt erstmal recht banal. Doch Demokratie ist nicht nur ein Feeling, ein Spirit und eine Haltung, die man in nächster Nähe zu anderen ausleben kann, sondern eben auch ein Ensemble handfester Institutionen. Auch daran erinnert der Blick in die Nachbarschaft gerade dann, wenn er sich vom Klischee der guten Nachbarn befreit, das die demokratischen Hoffnungen beständig beschwören: Die stetig stänkernden Leute von nebenan, der rassistische Hauswart, die Streitigkeiten um Hausordnungen, zu laute Musik und Gartenhecken, die die Gerichte des Landes beschäftigen – dies alles fehlt in jenem Bild der nachbarschaftlichen Demokratie, das uns heute wieder den Weg weisen soll. Doch gerade diese Konflikte zeigen, dass es für ein gelingendes Miteinander mehr braucht als Freundlichkeit und nachbarschaftliche Solidarität: nämlich Rechte und Regeln sowie Institutionen, die Streitigkeiten entscheiden, die sich nicht im Guten klären lassen. Hierin liegt die wichtigere Einsicht für die gegenwärtige Krise der Demokratie: Ihr Demos ist nicht allein dein freundlicher Nachbar, findet sich nicht nur in der beschaulichen Heimat und ist auch sicherlich nicht das eine geeinte Volk, sondern auch eine abstrakte Funktion. Wie die Nachbarn vor der eigenen Wohnungstür sind auch die Staatsbürger eine bunte und widersprüchliche Menge an Menschen, die staatliche Institutionen bespielt, am Leben erhält und begrenzt. Dadurch wird Demokratie gemacht.