Normalerweise bezeichnen sich Diktatoren nicht als Diktatoren. Vielmehr streiten sie es ab und verwenden den Begriff Diktatur für Demokratien. Nicht so Aljaksandr Lukaschenka. In Belarus unternimmt er seit Jahren ein Rebranding von Diktatur mit dem Ziel, Demokratie als Staatsform insgesamt zu diskreditieren.

  • Sylvia Sasse

    Sylvia Sasse lehrt Slavis­­ti­sche Litera­tur­­wis­sen­­schaft an der Univer­sität Zürich und ist Mitbe­gründerin und Mitglied des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK). Sie ist Heraus­geberin von novinki und von Geschichte der Gegenwart.
  • Iryna Herasimovich

    Iryna Herasimovich ist Literaturübersetzerin zahlreicher deutschsprachiger Autor:innen ins Belarusische. Sie arbeitet auch als Dramaturgin und Kuratorin im Bereich bildende Kunst und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Seit 2021 ist sie Doktorandin am Slavischen Seminar der Uni Zürich.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Demo­kratie als Chaos, Diktatur als Ordnung: Über das Rebran­ding von Diktatur
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Es kommt so gut wie nie vor, dass sich Dikta­toren als Dikta­toren bezeichnen. Dass sie Diktatur als akzep­ta­bles poli­ti­sches System vertei­digen. Dass sie ankün­digen: „Ich will die allei­nige Macht und alle, die mich kriti­sieren, werden wahl­weise als Volks­feinde, als Lügner, als Extre­misten oder Terro­risten diffa­miert, werden verhaftet und elimi­niert.“ Dazu fehlt Dikta­toren dann doch der Mut. Viel­mehr kehren sie die Bedeu­tung von Diktatur ins Gegen­teil und sehen Diktatur dort, wo keine ist. Für Putin z. B. ist der „kollek­tive Westen“ eine Diktatur oder beson­ders häufig die EU. Dort sieht er die Meinungs­frei­heit einge­schränkt und Zensur am Werk.

Solche offen­sicht­li­chen Verkeh­rungen ins Gegen­teil sind seit Jahren auch in der hiesigen rechts­po­pu­lis­ti­schen Propa­ganda gang und gebe. Auch für die Schweizer SVP ist Diktatur in der EU zu suchen, und nicht etwa in Russ­land, in Ungarn oder Serbien. Mit Putin, Orban und Vučić fühlt man sich verbunden, sie werden zu Garanten für Frei­heit und Frieden stili­siert. Ueli Mauer, ehema­liger SVP-Bundesrat, inse­rierte jüngst in der NZZ einen Text unter der Über­schrift: „Wir nähern uns einem tota­li­tären Regime“, und auch hier ist mit dem „wir“ die Schweiz gemeint, die nach Norden blickt und dort eine „Stasi 2.0“ erblickt. Ebenso funk­tio­niert die Verwen­dung des Wortes Diktatur bei der AfD und FPÖ. Dikta­toren sind stets die Anderen, die Linken, die „Woken“.

Als Anna­lena Baer­bock jedoch den chine­si­schen Präsi­denten Xi Jinping realis­ti­scher­weise als „Diktator“ bezeich­nete, war nicht nur China empört, weil dies ehrver­let­zend sei, sondern es ging auch ein hyste­ri­scher Aufschrei durch die russi­sche Propa­ganda. Die Spre­cherin des Aussen­mi­nis­te­riums, Marija Zakha­rova, machte deut­lich, dass man das nicht sagen könne, Baer­bock habe wohl den Verstand verloren.

Mikhail Gulin, Der bela­ru­si­sche Opti­mismus (2006-07). Cour­tesy: Mikhail Gulin

Zu den schon beschrie­benen Verkeh­rungen ins Gegen­teil gesellt sich neuer­dings eine andere Stra­tegie hinzu, die man am besten als ein Rebran­ding von Diktatur bezeichnen kann. Hier werden nicht Demo­kratie und Diktatur gegen­ein­ander vertauscht, sondern Diktatur wird als etwas Posi­tives konstru­iert, Demo­kratie hingegen als Problem. Das lässt sich z. B. bei Trump beob­achten, der den Wähler:innen versprach, nie wieder wählen zu müssen, wenn man ihn wählen würde, und der damit koket­tierte, als Eintags-Diktator zu regieren. Als der Fox News-Moderator Sean Hannity Trump fragte: „You’re not going to be a dictator, are you?“, antwor­tete Trump witzelnd:  „No, no, no, other than day one. We’re closing the border and we’re dril­ling, dril­ling, dril­ling. After that, I’m not a dictator.“ Während Sean Hannity den Begriff Diktator noch proble­ma­tisch zu finden scheint, über­nimmt ihn Trump scher­zend und man ahnt, dass er es eigent­lich ernst meint. Ganz ohne Witz verwendet ein anderer Diktator, lange Zeit auch als der letzte Diktator Europas bezeichnet, den Begriff inzwi­schen als Marken­zeichnen für sich selbst: Aljaksandr Lukaschenka.

Diktator als Markenzeichen

Aljaksandr Lukaschenka, Diktator von Belarus, bekennt sich zum Begriff Diktator und zur Staats­form der Diktatur, und zwar – immer wieder anders – von Beginn seiner Herr­schaft an. Natallia Eismant, seine Pres­se­spre­cherin, verkün­dete 2019 in einem Inter­view mit dem russi­schen Sender ONT ganz direkt: „Diktatur ist unser Markenzeichen“.

Der Poli­tik­wis­sen­schaftler Heinz Timmer­mann schil­derte in seiner Studie zur auto­ri­tären Herr­schaft aus dem Jahr 1997, wie Lukaschenka schon 1995 im Inter­view mit dem Handels­blatt Adolf Hitler als Vorbild für die innere Neuord­nung des Landes charak­te­ri­sierte. Dieser habe Deutsch­land dank einer „starken Staats­macht“ sowie „der Verei­ni­gung der Nation um einen Führer“ aus der Krise geführt und konso­li­diert. Weiter bemerkte Lukaschenka: „Die deut­sche Ordnung hat sich über Jahr­hun­derte heraus­ge­bildet. Unter Hitler erreichte diese Entwick­lung ihren Höhe­punkt. Dies ist genau das, was unserem Verständnis einer präsi­dialen Repu­blik und der Rolle des Präsi­denten darin entspricht.“ Das Handels­blatt ,verzich­tete‘ damals auf die Hitler-Passagen, die wurden später aller­dings in der bela­ru­si­schen Zeitung Narod­naya volja abge­druckt. Auf diese Weise erzählt das Inter­view noch eine andere Geschichte, die man auch als Geschichte der jour­na­lis­ti­schen Verharm­lo­sung bezeichnen könnte. Wäre es jour­na­lis­tisch nicht notwendig gewesen, die Aussagen zu veröf­fent­li­chen? Oder hätte man auf die Publi­ka­tion eines Inter­views mit jemanden verzichten können, der solche Vergleiche zieht?

Lukaschenka wird wohl damals bemerkt haben, dass Hitler nicht nur in Deutsch­land als Vorbild nicht unbe­dingt salon­fähig ist, weiterhin war er damit vorsich­tiger. Die Vorstel­lung aber, dass Ordnung der höchste Wert ist und nur dank der starken führenden Hand (seiner eigenen) erreicht werden kann, stellte er aller­dings nie in Frage. Das Verspre­chen der Ordnung und die vermeint­liche Entlas­tung durch die starke führende Hand kam in Belarus Mitte der 1990er Jahre in weiten Teilen der Bevöl­ke­rung gut an. Das Land befand sich zu dieser Zeit eigent­lich auf dem Weg zur Demo­kra­ti­sie­rung, die Mecha­nismen und die Vorteile der Demo­kratie waren aller­dings noch nicht im Erfah­rungs­raum der Gesell­schaft veran­kert, einer Gesell­schaft, die von Unsi­cher­heiten der Über­gangs­phase und von Zukunfts­ängsten geplagt wurde und bereit­willig der Sehn­sucht nach einfa­chen Lösungen nachgab.

Patri­ar­chale Sorge: Der Helikoptervater

Aljaksandr Lukaschenka hat diese Stim­mungen geschickt aufge­griffen und „sich als Landes­vater darge­stellt, der sein Kind – Belarus – an die Hand nimmt und ihm zuver­lässig den Weg weist“, schreibt Timmer­mann. Das sind bis heute die wich­tigsten Bausteine des poli­ti­schen Systems von Lukaschenka, dessen Zentrum de facto er selbst ist, rheto­risch aber ein wie auch immer gear­tetes „wir“, „die geliebte Belarus“ oder „die (einfa­chen) Leute“ sind. Im Hinter­grund steht keine Ideo­logie, wie noch bei der angeb­li­chen „Diktatur des Prole­ta­riats“, sondern unver­blümt die Figur des Dikta­tors als sorgender Vater und Patriarch.

Mit seinen Beamten spricht er wie ein strenger Lehrer mit unar­tigen Schüler:innen: Er duzt sie, verspottet, tadelt und bestraft sie – und all das „für die Leute“, so immer wieder seine Recht­fer­ti­gung. Das Bild, das er vorzugs­weise von sich proji­ziert, ist das des einfa­chen Mannes, der es ganz nach oben geschafft hat. Einer von uns, ein ehema­liger Kolchose-Vorsitzender, der die miss­ra­tenen Beamten im Griff hat.

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Mikhail Gulin, Tarzan, Dipty­chon (2007), Cour­tesy: Mikhail Gulin.

Sein Verfahren ist die Insze­nie­rung von Norma­lität und das Vertu­schen der realen Lage in allen Lebens­be­rei­chen. Auf diese Weise verwan­delt sich jegliche öffent­liche und offi­zi­elle Kommu­ni­ka­tion in ein Spek­takel, dessen wich­tigster Akteur und Zuschauer Lukaschenka selbst ist. Selbst­be­stim­mung und die Parti­zi­pa­tion an den poli­ti­schen Prozessen im Land, wie man das in einer Demo­kratie kennt, wäre für dieses Spek­takel wirk­lich fatal. Dass nicht der Diktator entscheidet, wie sich eine Zivil­ge­sell­schaft formiert und wie sich die Teil­habe in der Gesell­schaft gestaltet, dass eine Gemein­schaft tatsäch­lich in der Lage sein kann, das zu verhan­deln, sprengt wohl die Vorstel­lungs­kraft eines Dikta­tors. Lässt man diesen Gedanken ernst­haft zu, müsste man zwangs­läufig schliessen, dass gerade „die starke Hand“ über­flüssig ist.

Denn die Insze­nie­rung der Sorge um das Volk funk­tio­niert nur, wenn das Volk genauso klein und bedürftig bleibt, wie zum Beispiel Lukaschenkas weißer, nied­li­cher Spitz, der beim allein­er­zie­henden Vater viele Frei­heiten geniesst, über­allhin mitge­nommen wird, sogar beim Essen auf dem Tisch thronen oder es sich auf dem Arbeits­tisch des Präsi­denten inmitten von Verord­nungen gemüt­lich machen darf.

Patri­ar­chale Sorge bedeutet, extreme Abhän­gig­keiten herbei­zu­führen und dabei radi­kalen Oppor­tu­nismus einzu­for­dern. Diese Sorge hat nichts gemein mit der philo­so­phi­schen Einsicht, dass Menschen gene­rell vonein­ander und von der Natur abhängig sind und deshalb Sorge für andere immer auch Sorge für sich selbst bedeutet.

Diktatur erzeugt viel­mehr Abhän­gig­keit, wo sie nicht notwendig ist, und belohnt das Erdulden von Unfrei­heit. Im Rebran­ding von Diktatur wird dies als Vorteil verkauft, als Ruhe. Wenn Menschen aber aus dem Korsett der patri­ar­chalen Sorge heraus­wollen, werden sie als Staats­feinde oder Extremist:innen ganz aus der Gesell­schaft exklu­diert, sie werden verhaftet oder gezwungen, das Land zu verlassen. Aber selbst da werden sie nicht vergessen: Lukaschenka bietet „unseren Entlau­fenen“ an, einen Antrag auf Rück­kehr zu stellen, die Strafe abzu­be­zahlen bzw. abzu­sitzen, um in den ersti­ckend warmen Schoss der Diktatur zurückzukehren.

Wie ein Heli­ko­pter­vater, oder genauer Heli­ko­pter­pa­tri­arch, kreist er über jedem und jeder und versprüht seine eigen­wil­ligen mora­li­schen Urteile über Gut und Böse, über Gerech­tig­keit oder eben auch über Diktatur, wie 2020 beim Treffen mit dem USA-Aussenminister Mike Pompeo: „Die Diktatur zeichnet sich bei uns dadurch aus, dass alle sich sams­tags und sonn­tags erholen und der Präsi­dent arbeitet”was gelesen werden kann als: Der Diktator arbeitet hart, damit sich das Volk erholen kann.

Diktatur ist Demo­kratie oder ist Demo­kratie doch eher Chaos?

Als Eismant, Lukaschenkas Pres­se­spre­cherin, Diktatur 2019 als Marken­zei­chen von Belarus bezeich­nete, lobte sie vor allem die Ordnung und die Disziplin:

„Heute, im Jahr 2019, hat das Wort ‚Diktatur‘ manchmal – ich weiss nicht, ob Sie mir zustimmen oder nicht – eine posi­tive Konno­ta­tion ange­nommen. Wir sehen, was um uns herum geschieht. Wir sehen Chaos, manchmal Unord­nung. Und wissen Sie, viel­leicht sage ich jetzt etwas Para­doxes oder Uner­war­tetes, aber manchmal denke ich, dass viel­leicht heute oder morgen die Diktatur auf der Welt gewünscht werden könnte. Denn hinter der Diktatur in unserem heutigen Verständnis sehen wir in erster Linie Ordnung, Diszi­plin und ein ganz normales, ruhiges Leben.“

Während hier Diktatur als etwas Posi­tives bzw. Wünschens­wertes erzählt wird, passiert es auch, dass Lukaschenka Diktatur einfach als Demo­kratie beschreibt. Bei der Ansprache an das Volk im Jahr 2022 wurde Lukaschenka von einem Dele­gierten aus dem Bildungs­be­reich gefragt, was er unter Demo­kratie nach bela­ru­si­scher Art verstehe. Der Grund für die Frage war eine Ergän­zung, die damals in die Verfas­sung aufge­nommen wurde. Dort heisst es: „Die Demo­kratie in der Repu­blik Belarus wird auf der Grund­lage der Ideo­logie des bela­ru­si­schen Staates und der Viel­falt der poli­ti­schen Insti­tu­tionen und Meinungen ausgeübt“. In der Verfas­sung steht also das Wort Demo­kratie, nicht etwa das Wort Diktatur. Lukaschenka antwor­tete mit einem bemer­kens­werten Satz, der im Saal der Dele­gierten, obwohl er wahr ist, vorsichts­halber als Scherz verstanden wurde: „Ich bin ja Diktator. Es fällt mir schwer, Demo­kratie zu verstehen“. Als er anschlies­send sein Verständnis von Demo­kratie darlegte, wurde deut­lich, dass er sie mit den Attri­buten der Diktatur beschreibt: Diszi­plin, die Bewe­gung aller in die gleiche Rich­tung usw.

Die doppelte Verkeh­rung – Demo­kratie (Benen­nung) in Diktatur (Witz) und wieder in Demo­kratie (nominal in der Beschrei­bung von Lukaschenka), die de facto eine Beschrei­bung von Diktatur ist, – erzeugt einen regel­rechten Schwindel, da das Bezeich­nende und das Bezeich­nete nicht zusam­men­passen. Die viel­ge­lobte Ordnung und Diszi­plin der Diktatur gilt offenbar nicht für die Sprache, dort wird Diffu­sität und seman­ti­sches Chaos erzeugt.

Nach der nieder­ge­schla­genen Revo­lu­tion 2020 und vor allem nach dem russ­län­di­schen Angriffs­krieg gegen die Ukraine ging es Lukaschenka darum, den Anschein eines normalen Lebens zu bewahren, was er zugleich als Errun­gen­schaft seiner Diktatur lobpreist. Jüngst zielte er aber vor allem gegen Demo­kratie. Bei einem Auftritt in einer Kirche zum ortho­doxen Weih­nachts­fest im Januar 2025 liess er die Katze aus dem Sack: „Es ist besser, so eine Diktatur wie in Belarus zu haben, als so eine Demo­kratie wie in der Ukraine“. Gemeint ist: Ihr habt jemanden, den man Diktator nennt, dafür fallen aber keine Bomben auf eure Köpfe. Nur deshalb können wir so leben, wie wir wollen.

Mikhail Gulin, Tarzanin, Dypti­chon 2007 (Cour­tesy: Mikhail Gulin).

Im nega­tiven Rebran­ding von Demo­kratie, das Lukaschenka entwirft, wird Demo­kratie mit Krieg verknüpft, als sei der Krieg die Folge der Demo­kratie und nicht etwa der impe­rialen Ansprüche Russ­lands. Diktatur wird hingegen als das Eigene gesehen, als das, was unab­hängig von anderen ist. Auf diese Weise wird die Diktatur zu einer Form von Souve­rä­nität. Die Rede gibt bereits das Narrativ für die Wahlen am 26. Januar 2025 vor: Wenn wir Diktatur wählen, dann wählen wir den Frieden. Denn in der bela­rus­si­schen Gesell­schaft ist die Angst vor dem Krieg, unter anderem auch vor russi­scher Inva­sion, seit der Okku­pa­tion der Krym gross. Dass auf bela­ru­si­sche Städte keine Bomben fallen und die bela­ru­si­sche Armee nicht in der Ukraine ist, wird Lukaschenka zum Teil auch unter seinen Gegner:innen zugute gehalten.

Worauf das neueste Rebran­ding von Lukaschenka abzielt, ist für Belarus klar, aber die aktu­elle Symbolik reicht über Belarus hinaus. Lukaschenko will deut­lich machen, dass die Ukraine durch die dumme Idee, eine Demo­kratie sein zu wollen, sich ins Verderben gestürzt habe. Hätten sie damals nicht für die Demo­kratie protes­tiert, hätten sie Frieden. Das entspricht auch der aggres­siven russi­schen Auslands­pro­pa­ganda, die Geor­gien und Moldau vor die Wahl Krieg (EU) oder Frieden (Russ­land) stellte.

Lukaschenka geht es aber um mehr als um diesen Vergleich. Er will mit seinem Rebran­ding von Diktatur, mit dem Konzept der patri­ar­chalen Sorge, den Terror, mit dem er agiert, unsichtbar machen. Dass in Dikta­turen nicht einmal für jene Frieden herrscht, die sich bedin­gungslos unter­werfen, weil sie einen stän­digen Krieg gegen sich selbst führen müssen, d.h. gegen die eigene Wahr­neh­mung, gegen die eigene Erfah­rung und gegen die eigenen Bedürf­nisse, das wissen dieje­nigen, die in Dikta­turen aufge­wachsen sind, z.B. die hier schrei­benden Autorinnen, nur allzu gut. Der Schrift­steller Alhierd Bakharevič sagte vor Kurzem bei einem Gespräch auf der Prad­mova, der bela­rus­si­schen Buch­messe in Berlin, sinn­ge­mäss, dass gerade die Revo­lu­tion in Belarus ein Akt der Selbst­sorge, ein Akt der „Liebe zu sich selbst“ gewesen sei. Sie war es, die den inneren Frieden vieler wieder herge­stellt hat, weil sie den unge­schrie­benen Vertrag des Selbst­be­trugs, der von der patri­ar­chalen Sorge voraus­ge­setzt wird, aufkündigte.

Die Umkeh­rung des Begriffs Diktatur arbeitet mit an einem solchen Selbst­be­trug. Sie will bedin­gungs­lose Unter­wer­fung als Selbst­be­stim­mung und Gehorsam als Frei­heit umdeuten. Dabei wird, wie wir gesehen haben, nicht mehr nur Demo­kratie als Diktatur denun­ziert, viel­mehr wird inzwi­schen Demo­kratie selbst als mangel­haftes, kaputtes System schlechtgeredet.

Mikhail Gulin, Stan­dard­bau­weise (2007), Cour­tesy: Mikhail Gulin.

Wenn wir glauben, dass ein solches Rebran­ding bloss weit entfernt statt­findet, in Belarus, dann täuschen wir uns. Von der Verkeh­rung, die wir in den rechts- und auch links­po­pu­lis­ti­schen Kreisen und in der liber­tären Propa­ganda beob­achten können, ist es nur ein kleiner Schritt zu einem offenen Dikta­tur­be­kenntnis. Diktatur wird bald nicht mehr nur als ordent­lich und ruhig oder als sorgend, souverän und als frie­den­stif­tend bezeichnet werden, sondern auch als vernünftig und als stark. Einzelne Inter­pre­ta­tionen auf Trumps auto­ri­täre Dekrete gehen in Zeitungen wie der Welt­woche oder der NZZ schon in diese Rich­tung. Letz­tere meint Trump sei ein Raub­tier und wir Euro­päer seien Sozi­al­ar­beiter. Aber die vermeint­liche Schwäche der Sozi­al­ar­beiter, ihr Sinn für Soli­da­rität und echte Sorge, ist in Wirk­lich­keit das beste Gegen­gift gegen die Verwand­lung der Gesell­schaft in auto­ri­täre Charak­tere. Auf diese sind Dikta­turen ange­wiesen und für diese produ­zieren sie ihr Rebranding.

Lukaschenka übri­gens hat auf die Inau­gu­ra­ti­ons­sprüche von Trump eher despek­tier­lich reagiert. Diktator Lukaschenka tadelte den Dikta­tor­lehr­ling Trump für seine Prah­lerei: Amerika benehme sich in letzter Zeit schlecht.  Was Lukaschenka aber beson­ders zu stören scheint, ist die Konkur­renz­idee, die mit „Ameriсa first“ verbunden ist, sie gefährdet die Erzäh­lung von der Souve­rä­nität von Diktatur, weil sie Abhän­gig­keiten verdeut­licht. Vor allem aber macht sie die Schwäche des bela­ru­si­schen Dikta­tors sichtbar, der durch ein ganz anderes „first“ bestimmt ist: „Russia first“.