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Das wunder­bare Leben der Margot Heuman. Theater, Holo­caust und queere Geschichte

Svenja Golter­mann: Anna, Du bist Histo­ri­kerin, forschst seit vielen Jahren zur Geschichte des Holo­caust, hast jüngst ein facet­ten­rei­ches Buch über das Ghetto There­si­en­stadt veröf­fent­licht und widmest Dich seit einigen Jahren auch dem Thema Sexua­lität im Holo­caust. Erika teilt mit Dir das Inter­esse an der Geschichte des Holo­caust, ist als Wissen­schaft­lerin jedoch im Feld der Perfor­mance Studies zuhause und arbeitet als Regis­seurin und Drama­turgin. Zusammen habt ihr das Thea­ter­stück The Amazing Life of Margot Heuman entwi­ckelt, das letztes Jahr in England Premiere hatte und in diesen Tagen auch in Deutsch­land gezeigt wird. Margot Heuman, die soeben erst im Alter von 94 Jahren gestorben ist, war nicht die einzige Über­le­bende des Holo­caust, mit der ihr in Kontakt gekommen seid. Warum habt Ihr Euch entschieden, ausge­rechnet über sie ein Stück zu machen?

Anna Hájková: Erika und ich kennen uns schon länger, auch unsere je unter­schied­li­chen wissen­schaft­li­chen Arbeiten. Was uns verbindet ist das Inter­esse an krea­tivem Schreiben, am Theater und an der Geschichte des Holo­caust. Als wir im Sommer 2020 zusammen über der Idee saßen, ein Stück aus meinen Forschungen zu entwi­ckeln, gingen wir diverse Geschichten durch, die mir dazu einfielen: Hertha Poppert, Anne­liese Kohl­mann, Erna Meissner – und eben Margot Heuman. Erika votierte für Margots Geschichte, denn sie passte hervor­ra­gend zu ihrem Fokus auf Jugend­theater. Margot wurde als 15-jährige depor­tiert und mit 18 befreit. Es war eine klas­si­sche Coming-of-age-Story – aber eine mit queerem Twist. Diese klas­si­sche Form ermög­lichte es uns, die Geschichte von gleich­ge­schlecht­li­cher Liebe, Homo­phobie und langem Schweigen zu erzählen. Ebenso spielte es eine Rolle, dass Margot Heuman eben die erste (und vermut­lich auch letzte) Holo­caust­über­le­bende war, die über ihre lesbi­schen Erfah­rungen während der Verfol­gung berich­tete. Und hinzukam, dass Margot damals noch lebte, und meine Forschung und meine Arbeit als Public Intel­lec­tual für sie bedeutsam waren.

Quelle: privat

Margot Heuman (1928-2022); Quelle: privat

SG: Um das Leben von Margot Heuman auf die Bühne zu bringen, habt Ihr Euch für das doku­men­ta­ri­sche Theater entschieden. Das heißt in der konkreten Umset­zung, dass zwei Personen auf der Bühne präsent sind, und zwar Du, Anna, als Forscherin (gespielt von Phoebe Rumsey), und Margot (gespielt von Ayse Evans), die, ange­regt von wenigen Fragen, von ihrem Leben vor, während und nach der Depor­ta­tion erzählt. Gele­gent­lich werden Doku­mente einge­blendet. Am Ende des Stücks sehen wir die mitt­ler­weile 92-jährige Margot Heuman in einer Film­auf­nahme, die während eines Inter­views mit ihr entstanden ist. Nun ist das Doku­men­tar­theater vor allem als eine Form des gesell­schafts­kri­ti­schen und poli­ti­schen Thea­ters bekannt. Warum habt Ihr diese Form gewählt?

Erika Hughes: Wir sahen in diesem Stück eine Chance, Theater als Inter­ven­tion gegen domi­nante, hete­ro­nor­ma­tive, senti­men­tale Erzäh­lungen einzu­setzen. Das Doku­men­tar­theater stellt die histo­ri­sche Recherche in den Vorder­grund. Aber es offen­bart auch die kompli­zierte Bezie­hung zwischen Historiker:innen, Doku­menten und der Konstruk­tion von Narra­tiven. Durch die Verwen­dung dieser Form wollten wir nicht nur Margots wich­tige Geschichte offen­legen, sondern auch die Rolle, die Historiker:innen bei der Auswahl der sichtbar werdenden Erzäh­lungen und Geschichten spielen. Doku­men­tar­theater ist kein fertiges Produkt, sondern die leben­dige Ausein­an­der­set­zung mit der Konstruk­tion von Erzäh­lungen im Laufe der Zeit. Doku­men­tar­theater ist ein starkes poli­ti­sches Instru­ment, weil es das Publikum nicht nur emotional mitreißt, sondern auch gesell­schaft­li­chen Situa­tionen mit Distanz begegnet. Margots Geschichte gerecht zu werden bedeu­tete deshalb, ihre Geschichte nicht nur zu erzählen, sondern dies auch im Dienst zukünf­tiger sozialer Gerech­tig­keit zu tun.

SG: Welche drama­tur­gi­schen Möglich­keiten habt Ihr gewählt, dieses kompli­zierte Zusam­men­spiel auf der Bühne zur Darstel­lung zu bringen?

Quelle: privat

EH: Wir wollten nie „Realität“ vortäu­schen – das heißt, wir wollten die künst­li­chen und thea­tralen Elemente während des gesamten Stücks frei­legen. Das viel­leicht bemer­kens­wer­teste Element ist das Casting. Die Schau­spie­lerin, die Anna spielt, ist unge­fähr so alt wie Anna, aber die Schau­spie­lerin, die die Rolle der Margot liest, ist näher an dem Alter, als Margot die Geschichten erlebte, die in dem Stück erzählt wird. Die Schau­spie­le­rinnen tragen die Dreh­bü­cher auf der Bühne herum und lesen bewusst nicht auswendig gelernte Passagen vor. Eine der Schau­spie­le­rinnen ist auch Tänzerin, die es gewohnt ist, sich während des Stücks zu bewegen. Sie einfach zum Lesen aufzu­for­dern, war eine Heraus­for­de­rung für sie!

Insge­samt basiert die Insze­nie­rung aller­dings auf einem sehr einfa­chen Konzept. Das Stück beginnt mit einer nackten Bühne. Im Laufe der Spiel­zeit wird die Bühne mit einer Reihe von Gegen­ständen gefüllt, darunter: Möbel­stücke, Haus­halts­ge­gen­stände, Doku­mente, ein Projektor usw. Wir wollten die Bühne so füllen, wie ein Haus im Laufe eines Lebens über Jahre und Jahre mit Möbeln, unzäh­ligem Schnick­schnack, Papier­fetzen und so weiter gefüllt wird. Ich dachte an meine eigenen Groß­el­tern: Als sie starben, glichen ihre Häuser für einen Moment einem Archiv, einem Museum und einem Schrein ihres Lebens. Ich wollte, dass wir für Margots Leben dasselbe Raum­ge­fühl auf der Bühne schaffen.

Hinter­grund: zerstörtes jüdi­sches Geschäft; Quelle: privat

SG: Mich hat sehr beein­druckt, wie reich­haltig dieses Stück ist, das ja immerhin nur 45 Minuten dauert. Es wirft ein Licht darauf, wie Margot, die 1928 geboren wurde, die frühen Jahre des Natio­nal­so­zia­lismus als Kind erlebte; es streift die immensen Hürden für eine Emigra­tion (die Margots Familie nicht schaffte), es thema­ti­siert die Erfah­rung des Hungers, die Krank­heiten, die Selek­tion, die Gaskam­mern, die massive Unter­ernäh­rung… Aber es spricht auch über Momente des Glücks, nicht nur in There­si­en­stadt, sondern selbst in Ausch­witz, über tiefe Freund­schaft, über Verbun­den­heit und Liebe, eine gleich­ge­schlecht­liche, über die offen nicht gespro­chen werden konnte. Und über die Margot, die in den 1950er Jahren heira­tete und zwei Kindern bekam, auch erst im Alter von 88 Jahren erst­mals offen spre­chen sollte. Wenn ich mir vor Augen führe, wie der Holo­caust erin­nert wird, ist diesen Thea­ter­stück schon auch eine Inter­ven­tion, oder? Oder viel­leicht ein Plädoyer?

Hinter­grund: Häft­lings­karte Neuen­gamme; Quelle: privat

AH: Ja, auf alle Fälle. Erika und ich stören uns glei­cher­maßen an einer verbrei­teten Senti­men­ta­li­sie­rung des Holo­caust. Womit ich meine: die Shoah wird in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung und im Film und Theater sehr oft als eine Art Erlö­sungs­ge­schichte erzählt, zum Beispiel als „Triumph des mensch­li­chen Geistes“. Der Fokus liegt auf nied­li­chen Kindern, Unschuld, Themen, die die Zuschauer:innen zum Weinen bringen, mit der Idee, dass man sich danach als besserer Mensch fühlt, weil der Genozid einen traurig macht. Das ist Kitsch, wie Ruth Klüger sagt. Zudem geht es auch an den Erfah­rungen der Holo­caustopfer komplett vorbei, und das stört mich als Histo­ri­kerin besonders.

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Hinter­grund: Lager­ge­bäude am Dessauer Ufer, Außen­lager von Neuen­gamme; Quelle: privat

Das Doku­men­tar­theater schien uns beson­ders geeignet, eine andere, eine Geschichte mit vielen Facetten zu zeigen, und viele schwie­rige Themen in den Mittel­punkt zu rücken: nicht nur queeres Verlangen, sondern auch sexu­elle Gewalt, sexu­ellen Tausch­handel und Homo­phobie. So erzählt Margot, wie sie ihre Eltern und Schwester zum Sterben hinter­ließ, um mit ihrer Freundin zu leben. Und sie erzählt die Anek­dote der Selek­tion und der darauf­fol­genden erzwun­genen gynä­ko­lo­gi­schen Unter­su­chung als einen humor­vollen Moment – nach der Selek­tion erhielten die Frauen ein Kleid, aber keine Unter­wä­sche, also hob sie ihr Kleid hoch, damit ihre Freundin aus der Entfer­nung sehen konnte, was weiter passieren würde; und bei der Unter­su­chung selbst schob sie ihren Unter­leib hoch und höher, damit die Ärztin nicht dran­kommt. Anstatt den Zuschauern zu erklären, dass dies schreck­lich war, das heißt, ihnen unsere Erwar­tungs­hal­tung zu liefern, wie dieser Moment gelesen werden sollte, belassen wir es dabei, Margots Hand­lungs­macht und Belus­ti­gung zu zeigen.

EH: Ja genau. Bei den Proben des Stücks hatte die Schau­spie­lerin, die Margot vorlas, wirk­lich mit den Zeilen zu kämpfen, in denen Margot davon spricht, Momente der Freude inmitten des Leidens des Holo­caust zu erleben. Die Schau­spie­lerin hatte solche Angst davor, diese wunder­bare Frau, die über­lebt hatte, nicht zu respek­tieren – aber ironi­scher­weise hatte ihre vorge­fasste Meinung darüber, was der Holo­caust gewesen sein muss, dazu geführt, dass sie Mühe hatte, Margots eigene Worte als das zu sehen, was sie waren. Ich hoffe, dass unser Stück dazu beitragen kann, wenigs­tens im Kleinen Raum für Erin­ne­rungen und Erfah­rungen zu schaffen, die nicht in den Mono­lith des zeit­ge­nös­si­schen Verständ­nisses passen.

SG: Ist das Stück nicht auch eine Inter­ven­tion, die eine queere Geschichte des Holo­caust anmahnt? Anna hat sich als Histo­ri­kerin in den letzten Jahren ja sehr dafür ausge­spro­chen. Welche gewinnen wir durch eine solche Perspektive?

Margot Heumann als Jugend­liche; Quelle: The National Holo­caust Center and Museum/news24.com

AH: Queere Geschichte zeigt und hinter­fragt norma­tive Annahmen. Gerade für den Holo­caust, der auch heute oft noch als norma­tiver Mono­lith erzählt wird, ist diese Heran­ge­hens­weise beson­ders bedeutsam, unter anderem erscheinen aus dieser Perspek­tive auch narra­tive Lücken. Darum ist es wichtig, die Erleb­nisse eines lesbi­schen Back­fi­sches unter die Tausenden anderen Geschichten einzu­reihen, denn es weist darauf hin, wieviele Geschichten fehlen, welche Stimmen syste­ma­tisch ausge­blendet worden sind. Es ist nicht nur eine Fuss­note: Für Über­le­bende eines Geno­zids ist es immens gewaltsam, daran gehin­dert zu werden, Zeugnis abzu­legen, und somit aus der Geschichte entfernt zu werden. Es ist etwas, was ich „histo­rical citi­zenship“ nenne: Um ein voll­wer­tiges Holo­caustopfer zu sein, bedarf es eines Denk­mals, eines Namens, oder eines Zeug­nisses. Und deshalb steht Margot im Mittel­punkt des Thea­ter­stü­ckes, der wir beim Zeug­nis­ab­legen zuhören.

SG: Das klingt jetzt ein wenig so, als ginge es bei einer queeren Geschichte des Holo­caust „nur“ darum, die Geschichten von Lesben oder gene­rell von Homo­se­xu­ellen sichtbar zu machen. Aber zur queeren Geschichte gehört doch ebenso die Geschichte von Emma, Margots Freundin, über die auch Margot sagte, sie sei nie homo­se­xuell gewesen, oder? Geht es nicht umfas­sender um eine komple­xere Geschichte von Sexua­lität – auch während des Holo­causts? Ich denke nicht zuletzt an das schwie­rige, aber gleich­wohl wich­tige Thema von sexu­ellem Tausch­handel, das im Stück kurz aufscheint.

AH: Nun ja, man könnte ja zunächst einmal sagen, LGBT-Menschen sind wichtig genug, dass man auch ihre Geschichte schreiben sollte. Aber wir hätten dann das Problem, dass all dieje­nigen Kolleg:innen in den Holo­caust Studies, die sich dafür nicht inter­es­sieren, sagen könnten: „Ach, es ist nicht so mein Ding“. Ich meine, manche sagen das ja bereits, aber mit dem Hinweis auf  Norma­ti­vität und margi­na­li­sierte Geschichten kann man ganz gut darauf aufmerksam machen, dass queere Holo­caust­ge­schichte eine Meta­pher für ganz wich­tige Themen in unserem Fach ist, etwa für  die Geschichte der „unwür­digen Opfer“, wie sie zum Beispiel Julia Hörath oder Frank Nonnen­ma­cher vorlegt haben; oder für Narra­ti­vität (ich denke an Alex­andra Garba­rinis Arbeiten zu Holo­caustop­fern, die Tage­buch schrieben oder ihre aktu­elle Arbeit zum Zeug­nis­a­be­legen über Massen­ge­walt in den 1920ern. Mit diesem grund­sätz­li­chen Argu­ment machen wir es den Skeptiker:innen der queeren Thematik nicht einfach, unsere Arbeit als Margi­nalie abzutun.

Du hast recht, sexu­eller Tausch­handel ist ein ähnlich stig­ma­ti­siertes Thema, das uns dabei unge­mein viel über die Logik und Werte der Opfer­ge­sell­schaft sagt. Viele Frauen, aber mitunter auch Männer und junge Erwach­sene in den KZs, Ghettos, aber auch die Menschen im Versteck, nutzten sexu­elle, roman­ti­sche oder soziale Leis­tungen, um an Ressourcen zu kommen, für Essen, Schutz oder allge­mein bessere Lebensbedingungen.

Wir hatten einige andere Beispiele aus Margots Inter­view zu dem Thema – zum Beispiel Emma, Margots Freundin, und ihr Tausch­handel mit dem italie­ni­schen Kriegs­ge­fan­genen Aldo. Im Außen­lager Dessauer Ufer, das ein Spei­cher­haus war, waren in einem Stock die Italiener unter­ge­bracht, in einem anderen die Häft­lings­frauen. Viele der Frauen knüpften ratio­nale Bezie­hungen mit den Kriegs­ge­fangen. Eine davon Emma. Wenn sich die beiden nachts im Keller trafen, stand Margot Wache. Emma brachte von den Begeg­nungen Essen mit, das sie mit ihrer Freundin teilte.

Wir haben uns aber für eine andere Geschichte entschieden, zum einen aus Platz­gründen, zum andern, weil sie so stark ist. In dieser berichtet Margot, wie sie in Neugraben, einem weiteren Außen­lager von Neuen­gamme, für einen Vorar­beiter in seiner Hütte quasi als Haus­häl­terin arbei­tete und still­schwei­gend ein wenig von seinem Mittag­essen für sich und Emma mitnahm. Sie fügt dann abrupt hinzu: der Mann habe sie dafür sexuell ange­fasst. Er hat seine Finger in ihre Scheide geführt. Dieser danach folgende Austausch, mein Schre­cken und meine Annahmen, mit denen ich in dem Moment reagiere („war er voll alt und eklig?!”) und Margots Antwort, in der sie darauf beharrt, „nein, er war ein relativ netter Typ,“ ist erstaun­lich und zeigt so viel über das Selbst­ver­ständnis der Häft­linge, wie sie sexu­ellen Tausch­handel nutzten – und über ihre narra­tive Hand­lungs­macht. So ist es eben mit der Sexua­lität, wie Dagmar Herzog sagt: es ist ein „much of much­ness,“ ein Fenster in diese vergan­gene Welt, um viel anderes zu verstehen.

SG: Wir haben jetzt ein paar Mal von Emma gespro­chen, Margots Freundin. Die New York Times hat sie kürz­lich in ihrem Nachruf auf Margot Heuman mit Klar­namen erwähnt, Dita Neumann. Darf ich nach­fragen, warum ihr sie „Emma“ genannt habt?

AH: Das ist eine gute Frage, die zeigt, wie sehr das Thema der gleich­gescht­li­chen Liebe bis heute margi­na­li­siert wird. Margot hatte, ehe ich sie traf, mehr­fach Zeugnis abge­legt. Sie hat nie offen darüber gespro­chen, dass Dita und sie eine Liebes­be­zie­hung verband, sie nannte aber Ditas Namen und es war deut­lich, dass sich die beiden sehr, sehr nahe standen. Eigent­lich hätte jemand die Queer­ness in ihrer Erzäh­lung längst merken müssen.

Margot hat dann in unserem Inter­view im April 2018 zum ersten Mal offen über die gemein­same Liebes­be­zie­hung zwischen ihr und Dita, die 2011 starb, gespro­chen – wobei sie nach wie vor ganz deut­lich sagte, dass Dita nicht „gay“ war. Seitdem habe ich mehr­fach über Margot vorge­tragen und geschrieben. Margot stimmte zu, dass ich Ditas Vornamen, Mädchen­namen und Bild benutze. Ditas Familie erfuhr davon und setzte Margot unter Druck, den Namen ihrer Groß­mutter raus­zu­lassen. Da wir das Thea­ter­stück zwischen April und Juni 2021 schrieben, änderten wir den Namen und benutzten auch keine Bilder.

Als Margot am 11. Mai dieses Jahres starb, änderte sich die Lage erneut. Die New York Times schrieb ihren Nachruf und die Autorin Pene­lope Green sagte, dass sie den Klar­namen benutzen werde; was die Redak­tion befür­wor­tete, weil Margots öffent­lich zugäng­liche Zeug­nisse den echten Namen mehr­fach nutzten. Margots Familie unter­stützte diese Entschei­dung völlig und stellte auch ein gemein­sames Photo von Margot und Dita zur Verfü­gung. Tatsäch­lich hat es keinen Sinn, und wäre auch nur verwir­rend, den Namen Dita weiterhin nicht zu nutzen. Wenn wir Gelder für eine neue Auffüh­rung auftreiben, möchten wir aus diesen Gründen gerne, „Emma“ bei ihrem rich­tigen Namen nennen und auch die Bilder nutzen.

Meines Erach­tens zeigt das alles, wie unsinnig und verwir­rend diese Nutzung von Pseud­onymen sein kann. Geschichte gehört nicht den Ange­hö­rigen der Verstor­benen, sondern uns allen.

Quelle: privat

Quelle: privat

SG: Ja, das sehe ich auch so. Eine letzte Frage noch: Im letzten Drittel des Stücks, das sich Margots Leben nach dem Holo­caust zuwendet, wird auf der Bühne eine wach­sende Zahl an Papier­blät­tern ausge­legt, auf denen man Fotos, Zeich­nungen und andere Doku­mente sieht. Der letzte Satz, den Margot in dem Stück sagt, ist „Jetzt kennst Du mein ganzes Leben.“ Steht das Meer an Papier für ihr reich­hal­tiges, facet­ten­rei­chen Leben, und gleich­zeitig dafür, dass wir nur Bruck­stücke davon gesehen haben – Stücke, die sie bereit war zu erzählen?

EH: Das ist eine gute Frage! Ja, genau. Und gleich­zeitig sehen wir, wie Margot Anna anweist und korri­giert, wo und in welcher Reihen­folge die Doku­mente zu plat­zieren sind, was die Span­nung zwischen Histo­ri­kerin und Subjekt weiter auslotet. Natür­lich kennen wir nicht Margots ganzes Leben; das viel­leicht beste Beispiel dafür ist das oben erwähnte Gespräch über Ditas Namen. Die Arbeit an der Frei­le­gung dieser bisher nicht erzählten Elemente geht weiter – denn Geschichte kennt kein Ende.

 

„Das wunder­bare Leben der Margot Heuman“ wird am 29.6.2022 im Jüdi­schen Museum Wien gezeigt.