Wie man am ersten und zweiten TV-Duell zur US-amerikanischen Präsidentschaftswahl sehen konnte, versuchen Trump und andere sogenannte Populist*innen um jeden Preis, mit ihrem Sprechen ein sprachliches Unbewusstes zu besetzen. Was folgt aber daraus für die Sprache der Politik?

  • Florian Scherübl

    Florian Scherübl lehrt Germanistik am Institut für Germanistik und Medienkulturen der Technischen Universität Dresden. Er forscht zu Erzählwelten, Lyrik und Theorie als Schnittstelle von Literaturwissenschaft und Sprachphilosophie.

Die Nomi­nie­rung von Kamala Harris als Präsi­dent­schafts­kan­di­datin der Demo­kraten und ihr Auftritt in der zweiten TV-Debatte gegen Donald Trump haben das von den inter­na­tio­nalen Medien einhellig als Kata­strophe empfun­dene erste Duell zwischen Trump und Präsi­dent Biden beinah schon wieder vergessen lassen. Zur Erin­ne­rung: Die New York Times legte am Tag nach diesem Duell dem erschre­ckend schwä­chelnden, zeit­weise wie geis­tes­ab­we­send wirkenden Amts­in­haber Joe Biden nahe, jemand anderen ins Präsi­dent­schafts­rennen zu schi­cken (was dann auch geschah). Donald Trump, der erwar­tungs­gemäß auf Lügen, Verschwö­rungs­theo­rien und Belei­di­gungen poli­ti­scher Gegner setzte, mochte manchen zwar präsenter erscheinen. Was er von sich gab, überbot jedoch an Inkon­sis­tenz, Zusam­men­hangs­lo­sig­keit und Unsin­nig­keit oftmals noch seine früheren Aussagen als Präsi­dent – und die waren bekannt­lich nie arm an diesen Dingen.

Eine luzide Analyse des Duells hat Mark Krotov kurz darauf auf der Home­page des US-Magazins n+1 vorge­legt. Sie geht im Detail den zahl­rei­chen Alogismen nach, die beide Kandi­daten im Laufe der Diskus­sion zum Besten gaben. Als würden sich hier zwei alte weiße Männer, so der Tenor von Krotovs Analyse, nicht in einem Rennen um den Posten des mäch­tigsten, sondern des verwirr­testen Mannes der Welt gegenüberstehen.

Seit 2016, so resü­miert der Artikel die Lage des US-amerikanischen Medi­en­dis­kurses an einer Stelle, lebe man in einer Welt, die Donald Trump geschaffen habe. Die Konfu­sion – und das ist sicher noch zu schwach ausge­drückt – dieser Präsi­dent­schafts­de­batte ist auch das Epiphä­nomen einer konfusen Rhetorik, welche die inter­na­tio­nale Politik schon vor dem Trum­pismus in den zahl­rei­chen poli­ti­schen Bewe­gungen heim­ge­sucht hat und die man als „Popu­lismus“, „Auto­ri­ta­rismus“, „Neo-Faschismus“ usf. immer noch auf einen ange­mes­senen Begriff zu bringen versucht. Man hat auf zahl­reiche Weisen ihre Gründe und Mittel analy­siert. Gerade mit Analy­se­instru­menten der Lite­ra­tur­wis­sen­schaften hat man ihre Rheto­riken als dog whistle poli­tics gelesen, deren buzz words für ihre Partei­gänger wie „Hunde­pfeifen“ funk­tio­nierten; man hat sie als Bekräf­ti­gung von Halb­wahr­heiten, Verschwö­rungs­theo­rien oder schier als „Bull­shi­ting“ aufge­fasst; und man hat die von ihnen bespielten Narra­tive auf den Baukasten rechts­extremer Ideen und Ideo­lo­gien zurückgeführt.

Es könnte sein, dass ein anderes Mittel der Lite­ra­tur­wis­sen­schaften hier noch weiteren Aufschluss gewährt: die freie indi­rekte Rede. Diese wird meist auf ihren künst­le­ri­schen Gebrauch in lite­ra­ri­schen Texten beschränkt; sie wird, anders gesagt, als ein Darstel­lungs­ver­fahren der Erzähl­li­te­ratur verstanden. Zwar haben auch die Philo­so­phen Gilles Deleuze und Félix Guat­tari in Kafka. Für eine kleine Lite­ratur (1976) an einem lite­ra­ri­schen Autor eine erste Ausein­an­der­set­zung mit ihr unter­nommen. Sie entwi­ckeln den Begriff aber später so weiter, dass er eine Art kollek­tives Unbe­wusstes zu bezeichnen beginnt, und zwar inso­fern, als das sprach­li­ches und semio­ti­sches Mate­rial vor jeder bewussten Aussage bereit­liegt. In einer nicht-erzähltheoretischen Analy­se­linie fungiert die freie Rede mithin als Analy­se­instru­ment des im Alltag flot­tie­renden Sprach­ma­te­rials, das durch die unhin­ter­gehbar kollek­tive Dimen­sion der Sprache als gesell­schaft­li­ches Unbe­wusstes der Rede erscheint. Von hier aus lassen sich daher viel­leicht Einsichten in das Verfahren popu­lis­ti­scher Rheto­riken gewinnen, genauer der Rhetorik des Popu­lismus nach Trump.

Die freie indi­rekte Rede: das sprach­liche Unbe­wusste der Gesellschaft

Bis heute ist umstritten, was die freie indi­rekte Rede eigent­lich umfasst. In der jüngeren lingu­is­ti­schen Forschung seit den 1980er Jahren hat die US-amerikanische Lingu­istin Ann Banfield 1982 in ihrem Buch Unspeakable Sentences das Inein­ander von sentences of narra­tion und sentences repre­sen­ting conscious­ness als zentrales Charak­te­ris­tikum vorge­schlagen. Der Begriff der Narra­tion zeigt hier an, dass sich die Analyse ganz auf das Feld der lite­ra­ri­schen Erzähl­technik verla­gert. Monika Fludernik hat 1993 in ihrem Monu­men­tal­werk The Fictions of Language and the Languages of Fiction die Dimen­sionen und Aspekte der freien indi­rekten Rede in mehreren Natio­nal­li­te­ra­turen weiter diffe­ren­ziert. Diesen literaturwissenschaftlich-linguistischen Forschungen steht auf der anderen Seite die Analyse von Valentin Vološinov gegen­über, einem sowje­ti­schen Lingu­isten aus dem Bachtin-Kreis. Obwohl auch Vološinov primär auf die Lite­ratur zurück­kommt, fasst er die freie indi­rekte Rede als eine Technik auf, die auf ein weiteres gesell­schaft­li­ches Feld verweist, da sich in ihr auch eine ideo­lo­gi­sche Kompo­nente arti­ku­liert. Dies meint nicht Ideo­logie im geläu­figen Sinne (eine poli­tisch einge­färbte Welt­an­schauung), sondern verweist auf ein Soziales der Rede: ein Mitspre­chen anderer Stimmen in einer Stimme, den Trans­port weiteren semio­ti­schen, medialen Mate­rials in der Rede einer/s Einzelnen.

Vološi­novs Analysen aus dem Buch Marxismus und Sprach­phi­lo­so­phie (Markszm i filos­fija jazyka, erst­mals Lenin­grad 1929) werden in den 1970er Jahren von Gilles Deleuze und Félix Guat­tari aufge­griffen und trans­for­miert. Für sie wird die freie indi­rekte Rede so zu weit mehr als einer lite­ra­ri­schen Technik: sie erlaubt den Zugang zu einer prä-rationalen, jeder Selbst­iden­ti­fi­ka­tion über das „Ich denke“ vorge­la­gerten Dimen­sion des Denkens in Sprache. In ihm begegnen Ideo­lo­gien und Welt­bilder in Aussprü­chen und Rede­weisen, die man von klein auf aufnimmt, ohne sich selbst schon kritisch und reflek­tiert dagegen verhalten zu können. Das Unbe­wusste der Sprache, das in der freien indi­rekten Rede zum Vorschein kommt, ist ein Ungrund, dem sich jedes ratio­nale, Gründe gebende Subjekt erst entschlagen muss. Auf diese Weise kann man Vološi­novs Einsicht in das Soziale der Sprache bei Deleuze und Guat­tari auch als Trans­for­ma­tion der von beiden stets kritisch betrach­teten Psycho­ana­lyse begreifen. Das Unbe­wusste der Sprache ist ein Unbe­wusstes, das vom Kopf auf die Füße gestellt wird: Wenn es nach Jacques Lacan wie eine Sprache struk­tu­riert ist, dann ist es eine, in der immer schon Viele mitsprechen.

So unter­schied­liche Denker wie Robert Brandom oder Giorgio Agamben haben unter dem Eindruck von Heid­eg­gers Kant und das Problem der Meta­physik (1929) die kanti­schen Analysen aus der Kritik der reinen Vernunft sprach­phi­lo­so­phisch gedeutet. Man kann das kanti­sche Ich, das alle seine Hand­lungen soll begleiten können, auch als Funk­tion des Urteils begreifen. Das Ich kann darum als tran­szen­dental ange­setzt werden, weil das Fällen eines Urteils sprach­li­cher Natur ist. Schließ­lich ist für Kant ein Urteil nichts anderes als ein sinn­voller Aussa­ge­satz. Jeder solche Satz bekräf­tigt die Vernunft eines Ichs. Dieses bedient sich im Spre­chen der Sprach­struk­turen in allge­mein nach­voll­zieh­barer Weise, um mit anderen in vernünf­tigen Austausch zu treten. Man könnte daher jede Aussage, wie manche Sprach­phi­lo­so­phen hinweisen, auch mit dem Zusatz „Ich denke, …“ versehen.

Wie Gilles Deleuze und Félix Guat­tari insis­tieren, ist diese Struktur des Urteils aber keine realis­ti­sche Ausgangs­basis für die Unter­su­chung der mensch­li­chen Sprach­er­fah­rung. Im Kapitel Postu­late der Lingu­istik von Tausend Plateaus (1980) schlagen sie daher vor, die freie indi­rekte Rede als Darstel­lungs­mittel einer Art primor­dialen Unbe­wussten der Sprache aufzu­fassen. „Die ganze Sprache ist eine indi­rekte Rede, ein indi­rekter Diskurs.“ Gegen Kant heißt das: die Klar­heit der Aussa­gen­logik ist alles andere als der Normal­fall mensch­li­cher Sprach­ver­wen­dung. Wer ihn als solchen behan­delt, proji­ziert ideale Rede-Konventionen aus dem Semi­nar­raum in eine Alltags­sprache, die von Slangs, Dialekten, Idio­tismen und damit ganz anderen und reicheren Weisen der Sprach­ver­wen­dung durch­drungen ist. Diese lassen sich schon darum nicht am sprach­phi­lo­so­phi­schen Urteil messen, weil sie oft ganz andere Absichten verfolgen als, sagen wir, allge­mein nach­prüf­bare Aussagen über Zustände der Welt zu tätigen. Die Teen­ager, die in der Berliner U-Bahn neben mir ihr Kiez­deutsch kulti­vieren, streuen in jedem Satz dreimal „Digga“ ein: so hoch­fre­quent gebrauchte Lexeme mit geringem Infor­ma­ti­ons­po­ten­zial dienen eher der sozialen Kohä­sion als dem Infor­ma­ti­ons­aus­tausch. Mittei­lungen oder gar auf einen Wahr­heits­wert schie­lende Urteile stellen hier besten­falls eine Funk­tion neben anderen dar, keines­wegs den Regelfall.

Die freie indi­rekte Rede vermag für Deleuze und Guat­tari offenbar diesen Echo­raum abzu­bilden, worin Gehörtes, Aufge­schnapptes, laut Gedachtes und asso­ziativ Einge­wor­fenes hier­ar­chielos neben­ein­an­der­stehen. Offen­ge­legt wird ein viel­fäl­tiger Raum aus Sprach- und Klang­ma­terie, ein kollek­tives Aussa­gen­ge­füge, das als semio­ti­sches Chaos jeder vernünf­tigen, auf Begrün­dungs­prak­tiken beru­henden Rede vorausliegt.

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„Popu­lismus“: Eine Rhetorik des sprach­li­chen Ungrunds

Welchen Beitrag kann die freie indi­rekte Rede, wenn man sie so versteht, aber für die Analyse der poli­ti­schen Rhetorik der gern so genannten „großen Regres­sion“ des letzten Jahr­zehnts schaffen? Man kann die popu­lis­ti­sche Rhetorik Trumps durchaus als Verstärker einer freien indi­rekten Rede im obigen Sinne verstehen. Wie Serge Halimi im Leit­ar­tikel der Le Monde Diplo­ma­tique vom 12. September zeigt, lassen Trumps Wahl­kampf­reden ständig ihr Skript hinter sich, um mit krudesten Über­lei­tungen zu repu­bli­ka­ni­schen Aufreger-Themen zu wech­seln (Transgender-Personen, Belei­di­gungen poli­ti­scher Gegner, Verschwö­rungs­theo­rien), die den Applaus eines repu­bli­ka­ni­schen Publi­kums sichern.

Die freie indi­rekte Rede, wie Deleuze und Guat­tari sie verstehen, eröffnet uns einen Zugang in das Reich eines asso­ziativ verbun­denen Gefüges von Stimmen und nicht-sprachlichem semio­ti­schen Mate­rial. Auf dieses greift die asso­zia­tive Rhetorik des Popu­lismus zurück und beutet es für seine Zwecke aus, indem der unver­bun­dene, alogi­sche Diskurs plötz­lich aus dem Mund des „starken Mannes“ tönt. Der Rekurs auf eine Viel­zahl medial vorge­fun­denen Rede­ma­te­rials löst dieses aus den letzten Zusam­men­hängen und speist in den popu­lis­ti­schen Diskurs und sein Welt­bild ein, was immer hinein­passt und Beifall zu gene­rieren vermag.

Der oben zitierte Aufsatz von Krotov erstellt ein Best-Of von Trump-Paralogismen während des TV-Duells. Der Autor weist darauf hin, dass es sich weniger um Ausfüh­rungen handelt, die noch irgendwie logisch mitein­ander verbunden werden, sondern um Versatz­stücke, Signal­wörter, Allu­sionen auf einen voraus­ge­setzten medialen Diskurs, dessen Elemente sich im Fall von Trump aus (Des-)Informationssplittern von Fox News zusammensetzen:

’And we mentioned the laptop, we mentioned ‘Russia, Russia, Russia,’ ‘Ukraine, Ukraine, Ukraine,’” he declared at one point, in a litany far more stupe­fying than anything Biden said throug­hout the night. For his fans these invo­ca­tions repre­sent boxes checked, allu­sions made, a set of secret pass­words, but for ever­yone else they make no more sense than his neolo­gisms, like ‘bounce-back jobs‘, and his true absur­di­ties, like ‘We had H2O’’, ‘We knock on wood, wherever we may have wood’, and my personal favo­rite, the frankly unbe­lie­vable ‘We bought the certain dog’, in refe­rence I think to drug enforcement.

Man kann, wie der Jour­na­list es selbst am Ende tut, hier oft nur noch raten, worauf manche Sätze sich beziehen, wen sie zitieren, auf welche Nach­rich­ten­mel­dungen oder medialen Inhalte sie Bezug nehmen (die deut­lichste Refe­renz stellt noch der „Laptop“ dar: ein Verweis auf die Veröf­fent­li­chung privater Bilder von Präsi­den­ten­sohn Hunter Biden durch Fox News). Wie in der lite­ra­ri­schen freien indi­rekten Rede, wo der Einbruch fremder Stimmen in eine ordnende Erzähl­rede Kohä­renz und Verständnis bedroht, fungiert die Trump-Rhetorik in ihrer alogi­schen Zusam­men­stel­lung von Gehörtem, Gespro­chenem und Gesen­detem als Auffang­be­cken von Split­tern des Medi­en­dis­kurses. Durch die Echo­kammer dieser Rhetorik umge­leitet, stürzt die poli­ti­sche Rede in den Raum eines Unbe­wussten der Sprache ab.

Es fragt sich, ob derlei als bewusste Stra­tegie bezeichnet werden kann oder selbst als Epiphä­nomen eines von den Massen­me­dien wesent­lich mither­vor­ge­brachten Phäno­mens wie Trump begriffen werden muss. So sehr dieser und sein Team darum bemüht sind, Schlüs­sel­worte und Hohl­phrasen zu bedienen, die Altright, White Supre­ma­tists, evan­ge­li­kale Christen und andere poten­zi­elle oder reale Wähler der Repu­bli­kaner hören wollen, so wenig scheint das rheto­ri­sche Gemisch, das dem Präsi­dent­schafts­kan­di­daten dabei aus dem Mund fällt, noch im Entfern­testen einer kohä­renten Ideo­logie zuzu­schlagen. Daher stellt sich die Frage, ob eine poli­ti­sche Rhetorik, die aufs Äußerste die diffusen Ängste, Hoff­nungen oder nur wilden Asso­zia­tionen einer Wähler­schaft adres­siert – und die längst jenseits von Trumps Rhetorik Schule gemacht hat – nicht tatsäch­lich neben ihrer poli­ti­schen Agenda und in Verbin­dung mit dem medialen Gefügen ihrer Unter­stützter viel­leicht noch ein viel schlim­meres Projekt reali­siert: eine Trans­for­ma­tion öffent­li­cher Rede und Rhetorik, welche Politik – nach Hannah Arendt die Praxis gemein­samen Spre­chens und Handelns – auf ratio­nale Weise sukzes­sive unmög­lich macht.