Die Nominierung von Kamala Harris als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten und ihr Auftritt in der zweiten TV-Debatte gegen Donald Trump haben das von den internationalen Medien einhellig als Katastrophe empfundene erste Duell zwischen Trump und Präsident Biden beinah schon wieder vergessen lassen. Zur Erinnerung: Die New York Times legte am Tag nach diesem Duell dem erschreckend schwächelnden, zeitweise wie geistesabwesend wirkenden Amtsinhaber Joe Biden nahe, jemand anderen ins Präsidentschaftsrennen zu schicken (was dann auch geschah). Donald Trump, der erwartungsgemäß auf Lügen, Verschwörungstheorien und Beleidigungen politischer Gegner setzte, mochte manchen zwar präsenter erscheinen. Was er von sich gab, überbot jedoch an Inkonsistenz, Zusammenhangslosigkeit und Unsinnigkeit oftmals noch seine früheren Aussagen als Präsident – und die waren bekanntlich nie arm an diesen Dingen.
Eine luzide Analyse des Duells hat Mark Krotov kurz darauf auf der Homepage des US-Magazins n+1 vorgelegt. Sie geht im Detail den zahlreichen Alogismen nach, die beide Kandidaten im Laufe der Diskussion zum Besten gaben. Als würden sich hier zwei alte weiße Männer, so der Tenor von Krotovs Analyse, nicht in einem Rennen um den Posten des mächtigsten, sondern des verwirrtesten Mannes der Welt gegenüberstehen.
Seit 2016, so resümiert der Artikel die Lage des US-amerikanischen Mediendiskurses an einer Stelle, lebe man in einer Welt, die Donald Trump geschaffen habe. Die Konfusion – und das ist sicher noch zu schwach ausgedrückt – dieser Präsidentschaftsdebatte ist auch das Epiphänomen einer konfusen Rhetorik, welche die internationale Politik schon vor dem Trumpismus in den zahlreichen politischen Bewegungen heimgesucht hat und die man als „Populismus“, „Autoritarismus“, „Neo-Faschismus“ usf. immer noch auf einen angemessenen Begriff zu bringen versucht. Man hat auf zahlreiche Weisen ihre Gründe und Mittel analysiert. Gerade mit Analyseinstrumenten der Literaturwissenschaften hat man ihre Rhetoriken als dog whistle politics gelesen, deren buzz words für ihre Parteigänger wie „Hundepfeifen“ funktionierten; man hat sie als Bekräftigung von Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien oder schier als „Bullshiting“ aufgefasst; und man hat die von ihnen bespielten Narrative auf den Baukasten rechtsextremer Ideen und Ideologien zurückgeführt.
Es könnte sein, dass ein anderes Mittel der Literaturwissenschaften hier noch weiteren Aufschluss gewährt: die freie indirekte Rede. Diese wird meist auf ihren künstlerischen Gebrauch in literarischen Texten beschränkt; sie wird, anders gesagt, als ein Darstellungsverfahren der Erzählliteratur verstanden. Zwar haben auch die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari in Kafka. Für eine kleine Literatur (1976) an einem literarischen Autor eine erste Auseinandersetzung mit ihr unternommen. Sie entwickeln den Begriff aber später so weiter, dass er eine Art kollektives Unbewusstes zu bezeichnen beginnt, und zwar insofern, als das sprachliches und semiotisches Material vor jeder bewussten Aussage bereitliegt. In einer nicht-erzähltheoretischen Analyselinie fungiert die freie Rede mithin als Analyseinstrument des im Alltag flottierenden Sprachmaterials, das durch die unhintergehbar kollektive Dimension der Sprache als gesellschaftliches Unbewusstes der Rede erscheint. Von hier aus lassen sich daher vielleicht Einsichten in das Verfahren populistischer Rhetoriken gewinnen, genauer der Rhetorik des Populismus nach Trump.
Die freie indirekte Rede: das sprachliche Unbewusste der Gesellschaft
Bis heute ist umstritten, was die freie indirekte Rede eigentlich umfasst. In der jüngeren linguistischen Forschung seit den 1980er Jahren hat die US-amerikanische Linguistin Ann Banfield 1982 in ihrem Buch Unspeakable Sentences das Ineinander von sentences of narration und sentences representing consciousness als zentrales Charakteristikum vorgeschlagen. Der Begriff der Narration zeigt hier an, dass sich die Analyse ganz auf das Feld der literarischen Erzähltechnik verlagert. Monika Fludernik hat 1993 in ihrem Monumentalwerk The Fictions of Language and the Languages of Fiction die Dimensionen und Aspekte der freien indirekten Rede in mehreren Nationalliteraturen weiter differenziert. Diesen literaturwissenschaftlich-linguistischen Forschungen steht auf der anderen Seite die Analyse von Valentin Vološinov gegenüber, einem sowjetischen Linguisten aus dem Bachtin-Kreis. Obwohl auch Vološinov primär auf die Literatur zurückkommt, fasst er die freie indirekte Rede als eine Technik auf, die auf ein weiteres gesellschaftliches Feld verweist, da sich in ihr auch eine ideologische Komponente artikuliert. Dies meint nicht Ideologie im geläufigen Sinne (eine politisch eingefärbte Weltanschauung), sondern verweist auf ein Soziales der Rede: ein Mitsprechen anderer Stimmen in einer Stimme, den Transport weiteren semiotischen, medialen Materials in der Rede einer/s Einzelnen.
Vološinovs Analysen aus dem Buch Marxismus und Sprachphilosophie (Markszm i filosfija jazyka, erstmals Leningrad 1929) werden in den 1970er Jahren von Gilles Deleuze und Félix Guattari aufgegriffen und transformiert. Für sie wird die freie indirekte Rede so zu weit mehr als einer literarischen Technik: sie erlaubt den Zugang zu einer prä-rationalen, jeder Selbstidentifikation über das „Ich denke“ vorgelagerten Dimension des Denkens in Sprache. In ihm begegnen Ideologien und Weltbilder in Aussprüchen und Redeweisen, die man von klein auf aufnimmt, ohne sich selbst schon kritisch und reflektiert dagegen verhalten zu können. Das Unbewusste der Sprache, das in der freien indirekten Rede zum Vorschein kommt, ist ein Ungrund, dem sich jedes rationale, Gründe gebende Subjekt erst entschlagen muss. Auf diese Weise kann man Vološinovs Einsicht in das Soziale der Sprache bei Deleuze und Guattari auch als Transformation der von beiden stets kritisch betrachteten Psychoanalyse begreifen. Das Unbewusste der Sprache ist ein Unbewusstes, das vom Kopf auf die Füße gestellt wird: Wenn es nach Jacques Lacan wie eine Sprache strukturiert ist, dann ist es eine, in der immer schon Viele mitsprechen.
So unterschiedliche Denker wie Robert Brandom oder Giorgio Agamben haben unter dem Eindruck von Heideggers Kant und das Problem der Metaphysik (1929) die kantischen Analysen aus der Kritik der reinen Vernunft sprachphilosophisch gedeutet. Man kann das kantische Ich, das alle seine Handlungen soll begleiten können, auch als Funktion des Urteils begreifen. Das Ich kann darum als transzendental angesetzt werden, weil das Fällen eines Urteils sprachlicher Natur ist. Schließlich ist für Kant ein Urteil nichts anderes als ein sinnvoller Aussagesatz. Jeder solche Satz bekräftigt die Vernunft eines Ichs. Dieses bedient sich im Sprechen der Sprachstrukturen in allgemein nachvollziehbarer Weise, um mit anderen in vernünftigen Austausch zu treten. Man könnte daher jede Aussage, wie manche Sprachphilosophen hinweisen, auch mit dem Zusatz „Ich denke, …“ versehen.
Wie Gilles Deleuze und Félix Guattari insistieren, ist diese Struktur des Urteils aber keine realistische Ausgangsbasis für die Untersuchung der menschlichen Spracherfahrung. Im Kapitel Postulate der Linguistik von Tausend Plateaus (1980) schlagen sie daher vor, die freie indirekte Rede als Darstellungsmittel einer Art primordialen Unbewussten der Sprache aufzufassen. „Die ganze Sprache ist eine indirekte Rede, ein indirekter Diskurs.“ Gegen Kant heißt das: die Klarheit der Aussagenlogik ist alles andere als der Normalfall menschlicher Sprachverwendung. Wer ihn als solchen behandelt, projiziert ideale Rede-Konventionen aus dem Seminarraum in eine Alltagssprache, die von Slangs, Dialekten, Idiotismen und damit ganz anderen und reicheren Weisen der Sprachverwendung durchdrungen ist. Diese lassen sich schon darum nicht am sprachphilosophischen Urteil messen, weil sie oft ganz andere Absichten verfolgen als, sagen wir, allgemein nachprüfbare Aussagen über Zustände der Welt zu tätigen. Die Teenager, die in der Berliner U-Bahn neben mir ihr Kiezdeutsch kultivieren, streuen in jedem Satz dreimal „Digga“ ein: so hochfrequent gebrauchte Lexeme mit geringem Informationspotenzial dienen eher der sozialen Kohäsion als dem Informationsaustausch. Mitteilungen oder gar auf einen Wahrheitswert schielende Urteile stellen hier bestenfalls eine Funktion neben anderen dar, keineswegs den Regelfall.
Die freie indirekte Rede vermag für Deleuze und Guattari offenbar diesen Echoraum abzubilden, worin Gehörtes, Aufgeschnapptes, laut Gedachtes und assoziativ Eingeworfenes hierarchielos nebeneinanderstehen. Offengelegt wird ein vielfältiger Raum aus Sprach- und Klangmaterie, ein kollektives Aussagengefüge, das als semiotisches Chaos jeder vernünftigen, auf Begründungspraktiken beruhenden Rede vorausliegt.
„Populismus“: Eine Rhetorik des sprachlichen Ungrunds
Welchen Beitrag kann die freie indirekte Rede, wenn man sie so versteht, aber für die Analyse der politischen Rhetorik der gern so genannten „großen Regression“ des letzten Jahrzehnts schaffen? Man kann die populistische Rhetorik Trumps durchaus als Verstärker einer freien indirekten Rede im obigen Sinne verstehen. Wie Serge Halimi im Leitartikel der Le Monde Diplomatique vom 12. September zeigt, lassen Trumps Wahlkampfreden ständig ihr Skript hinter sich, um mit krudesten Überleitungen zu republikanischen Aufreger-Themen zu wechseln (Transgender-Personen, Beleidigungen politischer Gegner, Verschwörungstheorien), die den Applaus eines republikanischen Publikums sichern.
Die freie indirekte Rede, wie Deleuze und Guattari sie verstehen, eröffnet uns einen Zugang in das Reich eines assoziativ verbundenen Gefüges von Stimmen und nicht-sprachlichem semiotischen Material. Auf dieses greift die assoziative Rhetorik des Populismus zurück und beutet es für seine Zwecke aus, indem der unverbundene, alogische Diskurs plötzlich aus dem Mund des „starken Mannes“ tönt. Der Rekurs auf eine Vielzahl medial vorgefundenen Redematerials löst dieses aus den letzten Zusammenhängen und speist in den populistischen Diskurs und sein Weltbild ein, was immer hineinpasst und Beifall zu generieren vermag.
Der oben zitierte Aufsatz von Krotov erstellt ein Best-Of von Trump-Paralogismen während des TV-Duells. Der Autor weist darauf hin, dass es sich weniger um Ausführungen handelt, die noch irgendwie logisch miteinander verbunden werden, sondern um Versatzstücke, Signalwörter, Allusionen auf einen vorausgesetzten medialen Diskurs, dessen Elemente sich im Fall von Trump aus (Des-)Informationssplittern von Fox News zusammensetzen:
’And we mentioned the laptop, we mentioned ‘Russia, Russia, Russia,’ ‘Ukraine, Ukraine, Ukraine,’” he declared at one point, in a litany far more stupefying than anything Biden said throughout the night. For his fans these invocations represent boxes checked, allusions made, a set of secret passwords, but for everyone else they make no more sense than his neologisms, like ‘bounce-back jobs‘, and his true absurdities, like ‘We had H2O’’, ‘We knock on wood, wherever we may have wood’, and my personal favorite, the frankly unbelievable ‘We bought the certain dog’, in reference I think to drug enforcement.
Man kann, wie der Journalist es selbst am Ende tut, hier oft nur noch raten, worauf manche Sätze sich beziehen, wen sie zitieren, auf welche Nachrichtenmeldungen oder medialen Inhalte sie Bezug nehmen (die deutlichste Referenz stellt noch der „Laptop“ dar: ein Verweis auf die Veröffentlichung privater Bilder von Präsidentensohn Hunter Biden durch Fox News). Wie in der literarischen freien indirekten Rede, wo der Einbruch fremder Stimmen in eine ordnende Erzählrede Kohärenz und Verständnis bedroht, fungiert die Trump-Rhetorik in ihrer alogischen Zusammenstellung von Gehörtem, Gesprochenem und Gesendetem als Auffangbecken von Splittern des Mediendiskurses. Durch die Echokammer dieser Rhetorik umgeleitet, stürzt die politische Rede in den Raum eines Unbewussten der Sprache ab.
Es fragt sich, ob derlei als bewusste Strategie bezeichnet werden kann oder selbst als Epiphänomen eines von den Massenmedien wesentlich mithervorgebrachten Phänomens wie Trump begriffen werden muss. So sehr dieser und sein Team darum bemüht sind, Schlüsselworte und Hohlphrasen zu bedienen, die Altright, White Suprematists, evangelikale Christen und andere potenzielle oder reale Wähler der Republikaner hören wollen, so wenig scheint das rhetorische Gemisch, das dem Präsidentschaftskandidaten dabei aus dem Mund fällt, noch im Entferntesten einer kohärenten Ideologie zuzuschlagen. Daher stellt sich die Frage, ob eine politische Rhetorik, die aufs Äußerste die diffusen Ängste, Hoffnungen oder nur wilden Assoziationen einer Wählerschaft adressiert – und die längst jenseits von Trumps Rhetorik Schule gemacht hat – nicht tatsächlich neben ihrer politischen Agenda und in Verbindung mit dem medialen Gefügen ihrer Unterstützter vielleicht noch ein viel schlimmeres Projekt realisiert: eine Transformation öffentlicher Rede und Rhetorik, welche Politik – nach Hannah Arendt die Praxis gemeinsamen Sprechens und Handelns – auf rationale Weise sukzessive unmöglich macht.
Ganz herzlichen Dank für diese ausgezeichnete, wenn auch sehr anspruchsvolle Darstellung. Als einfache Bürger:innen nehmen wir vorwiegend die offensichtlichen Lügen und Unflätigkeiten Trumps wahr. Man bleibt hilflos zurück mit der Frage, warum dieser Unsinn und diese verlogenen Botschaften bei einem so grossen Teil der Menschen ankommen. In diesem hervorragenden Artikel ist mir vieles klarer geworden, im Sinne einer ver-rückten Logik auch „verstehbarer“. Damit können wir dem Massenphänomen Trump und seinen Verrücktheiten vielleicht besser begegnen und weiter versuchen, sie mutig zur Kenntnis zu nehmen.