In der bitterbösen Satire "The White Lotus" über privilegierte Hotelgäste spielen Tiere eine besondere Rolle. Ihre Inszenierung in der Serie destabilisiert die anthropozentrische Perspektive, auf der das touristische Begehren basiert.

  • Georg Dickmann

    Georg Dickmann forscht derzeit an narrativen Strategien im Think Tank f_LAB an der Agentur Fischer-Appelt und ist Lehrbeauftragter an der Universität der Künste Berlin. Der Literaturwissenschaftler und Philosoph war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) Berlin und promovierte am DFG-Graduiertenkolleg »Das Wissen der Künste« an der Universität der Künste Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Philosophien des neuen Materialismus, Theorien des Körpers, Posthumanismus und Autotheorien der Gegenwart.

Es beginnt mit einer Vibra­tion – getragen von Lauten, die an einen schon mal gehörten Vogel­ge­sang erin­nern und doch verstö­rend und seltsam fern klingen. Bereits die ersten pulsie­renden Takte der Titel­me­lodie der ersten Staffel kündigen die hypno­ti­sche Atmo­sphäre in Mike Whites HBO-Serie The White Lotus an: trance-artig, geheim­nis­voll, bedroh­lich. Kompo­niert von Cris­tóbal Tapia de Veer, entfaltet der Song einen fieb­rigen Sog. Das Char­ango, ein südame­ri­ka­ni­sches Saiten­in­stru­ment, schneidet durch die Luft, begleitet von klap­pernden Trom­meln, rauschenden Shakern und einem mini­ma­lis­ti­schen Klavier­motiv. Stimmen setzen ein: eksta­ti­sche Laute, die von einem eher zurück­hal­tenden Off-Beat begleitet werden – im Hinter­grund ein gehetztes Atmen, Keuchen, Rufen. Geräu­sche, bei denen man sich nicht gewiss sein kann, ob sie mensch­lich oder tierisch sind. Der Titel­track der ersten Staffel ist eine akus­ti­sche Verdich­tung dessen, was The White Lotus insze­niert: ein Para­dies, das im Takt seiner eigenen Chimären kollabiert.

Jede der drei bishe­rigen Staf­feln spielt an einem anderen „exoti­schen“ Sehn­suchtsort: Hawaii, Italien, Thai­land. Die Plots folgen einer wieder­keh­renden Struktur: Im vermeint­li­chen Para­dies der White Lotus-Resorts treffen wohl­ha­bende Gäste aufein­ander, die nach Erho­lung, Rausch oder Exotik suchen, oder vor etwas fliehen, etwas begraben und vergessen wollen. Doch das Verdrängte kehrt zurück: Neid, Eifer­sucht, Gier, Ressen­ti­ment brechen auf, Mikro­ag­gres­sionen entladen sich in Gewalt. Das Resort als Puffer­zone trennt die Gäste von der Außen­welt, hält das „Exoti­sche“ in einer kontrol­lierten Distanz und verwan­delt es in ein konsu­mier­bares Event. Die vermeint­liche Exotik wird dadurch nicht als Kontin­gen­z­er­fah­rung erlebt, sondern als gesi­cherte Illu­sion inszeniert.

Tieri­sche Blicke und der Primi­ti­vismus im Posthumanismus

The White Lotus ist nicht nur eine bitter­böse Satire über privilegiert-hedonistische Subjekte des Spät­ka­pi­ta­lismus, sondern entfaltet eine ästhe­ti­sche Refle­xion über kolo­niale Blick­struk­turen, vor allem über die Gram­matik touris­ti­schen Begeh­rens und über jene tieri­schen Akteure, die im Zentrum dieses Begeh­rens stehen – als Diffe­renz, als Störung und zugleich als kalku­lierte Irri­ta­tion. Die Tiere, die in den Resorts auftau­chen, markieren die Ränder einer Ordnung, die sich selbst als zivi­li­siert, souverän, mensch­lich versteht. In ihrem Blick scheint einer­seits etwas auf, das sich der touris­ti­schen Aneig­nung entzieht und diese ande­rer­seits verfes­tigt. Die nicht­mensch­li­chen Akteure, die in den verschie­denen Staf­feln auftau­chen – der Wal und die Schild­kröte auf Hawaii, die Affen, Schlangen und Echsen in Thai­land – besetzen mons­tröse Zonen des Über­gangs. Dass in der zweiten Staffel – der einzigen, die nicht in einem tropi­schen Setting spielt – keine Tiere auftreten, verweist weniger auf eine Lücke als auf eine Verschie­bung: Das Anima­li­sche nimmt dort andere Gestalten an, etwa in der über­bor­denden Körper­lich­keit der Figuren selbst – als über­zeich­nete Sexua­li­sie­rung, körper­liche Unsi­cher­heit oder gewalt­volle Kontrollverluste.

Die Tiere in The White Lotus über­nehmen die Funk­tion der Störung im Para­dies und sind zugleich die Wappen­tiere einer Projek­tion der west­li­chen Besucher:innen. Das Tieri­sche wird so nicht bloß als natur­hafte Anti­these zum west­li­chen Kapi­ta­lismus insze­niert, sondern viel­mehr als ein Flucht­punkt für eine utopi­sche Vorstel­lung von Koexis­tenz, die auf post­hu­ma­nis­ti­schen Prin­zi­pien beruht. Wenn Tiere in der Serie erscheinen, dann als Verweis auf eine alter­na­tive Ordnung, ein prekäres Zwischen­reich, das jenseits der Grenzen von Menschen und Tieren exis­tieren könnte – weder als reine Natur noch als Kultur. In ihrer medialen Insze­nie­rung oszil­lieren sie zwischen Zeichen und Körper, zwischen Vertrautem und Unver­füg­barem. Ihre Präsenz verweist auf eine Zone jenseits binärer Grenz­zie­hungen, in der das Mensch­liche sich seiner selbst nicht mehr sicher ist. Gerade deshalb werden sie zu Stör­fi­guren: Sie entziehen sich den Zuschrei­bungen, irri­tieren das Ordnungs­ge­füge und desta­bi­li­sieren die anthro­po­zen­tri­sche Perspek­tive, auf der das touris­ti­sche Begehren basiert.

Jacques Derrida hat in seinem späten Text L’Animal que donc je suis einen Moment beschrieben, in dem der Mensch sich dem Blick eines Tieres schutzlos ausge­lie­fert sieht. Als ihn seine Katze nackt betrachtet, empfindet er nicht Scham im mora­li­schen Sinne, sondern eine exis­ten­zi­elle Erschüt­te­rung: Er steht außer­halb der symbo­li­schen Ordnung, jenseits der Sprache, der Kultur, der Zeichen. In diesem Moment gerät die Diffe­renz zwischen Mensch und Tier ins Wanken – nicht weil sich das Tier vermensch­licht, sondern weil der Mensch sich nicht mehr als souve­ränes, verste­hendes Subjekt erleben kann. Der Tier­blick wird bei Derrida zu einer Konfron­ta­tion mit einer radi­kalen Alterität: einem Anderen, das nicht verfügbar ist, nicht lesbar im Sinne mensch­li­cher Bedeu­tungs­zu­schrei­bungen, nicht einzu­ordnen in Kate­go­rien von Funk­tion, Nutzen oder Reprä­sen­ta­tion. Gerade weil das Tier nicht spricht, sondern bloß schaut, eröffnet es eine Bezie­hung jenseits des Symbo­li­schen – eine Bezie­hung, in der das Mensch­sein selbst fragil, prekär und durch­lässig wird.

In The White Lotus ist dieser Blick keine Selten­heit. Immer wieder kreuzen sich die Pfade zwischen den mensch­li­chen Figuren und den nicht­mensch­li­chen Bewoh­nern der tropi­schen Welt. Doch gerade darin liegt die Span­nung, denn The White Lotus macht deut­lich, wie dieser tier­lich andere Blick, Teil einer touris­ti­schen Ästhetik werden kann. Der Moment der Entblö­ßung, den Derrida also beschreibt, wird hier zur kalku­lierten Irri­ta­tion inner­halb einer Erzähl­ord­nung, die das Nicht­mensch­liche als atmo­sphä­ri­sche Diffe­renz insze­niert – nicht als Subjekt, sondern als Stim­mung. Das Fremde wird auf diese Weise sorg­fältig in einen Zwischen­raum einge­näht. Es wird auf diese Weise weder radikal affir­miert noch ausge­schlossen, sondern selektiv inte­griert, regu­liert, dosiert und für die privi­le­gierten Besu­cher konsu­mierbar gemacht.

In Staffel eins ist es der Wal, der für Quinn zur Chiffre eines anderen, „authen­ti­schen“ Lebens wird. Sein Blick auf das Meeres­tier – seine fast schon ehrfürch­tige Versen­kung in die nicht­mensch­liche Welt – scheint auf den ersten Blick eine Abwen­dung vom privi­le­gierten Leben seiner Familie, eine Öffnung hin zu einer anderen Ordnung zu sein. Doch dieser post­hu­ma­nis­ti­sche Impuls ist nicht frei von Ambi­va­lenz. Denn wie sich zeigt, richtet sich Quinns Faszi­na­tion nicht nur auf das Tieri­sche, sondern auch auf die Körper der einhei­mi­schen hawai­ia­ni­schen Kanu­männer, denen er sich anschließt. Der Blick, den er auf sie wirft, ist von ähnli­cher Inten­sität wie jener auf den Wal: begehr­lich, aufge­laden, idea­li­sie­rend. Diese Gleich­set­zung – oder besser Gleich­be­we­gung – zwischen Tier und Mensch verweist auf ein tief­sit­zendes imagi­näres Schema, das Austin Lilly­white als das spek­ta­ku­la­ri­sierte Bild des Primi­tiven beschreibt: eine Projek­tion auf Körper, die nicht dem eigenen ähneln, die zur Ober­fläche eines begehrten Außen gemacht werden, das zugleich als Spiegel eines mögli­chen Selbst fungiert. In diesem Sinne geht es nicht um eine wirk­liche Öffnung zum Anderen, sondern um eine Form der Selbst­ver­zau­be­rung: Der post­hu­mane Blick wird zur Insze­nie­rung eines Ichs, das sich im Außen umkehrt, exoti­siert, verflüs­sigt – nur um sich am Ende doch wieder zu affir­mieren. So erscheint Quinns vermeint­liche Eman­zi­pa­tion – seine Hinwen­dung zur Natur, zum Nicht­mensch­li­chen, zum „Anderen“ – nicht als Bruch mit der kolo­nialen Ordnung, sondern als deren ästhe­ti­sierte post­ko­lo­niale Verlän­ge­rung. Die Tier­welt, ebenso wie die indi­gene Gemein­schaft, bleibt darin einge­bettet in ein System der projek­tiven Verein­nah­mung: sichtbar gemacht, gerahmt, idea­li­siert – aber nie wirk­lich als auto­nome, gleich­wer­tige Gegen­über aner­kannt. Quinn sieht nicht die Welt, sondern ein Bild von sich selbst in ihr. Ein Bild, das ihn zugleich über­steigt und bestä­tigt. Ähnlich verhält es sich in Staffel drei, in der die Natur – die tropi­sche Vege­ta­tion, die allge­gen­wär­tige Tier­welt nicht als reines Außen auftreten, sondern als Teil und Projek­ti­ons­fläche der Besucher:innen. Affen sitzen auf den Palmen vor dem Balkon der Gäste, große Echsen nisten sich in den Bunga­lows hinter dem Kühl­schrank ein und Schlangen kommen gefähr­lich nahe. Doch diese Nähe bleibt regu­liert. Das Exoti­sche, das Tier­hafte wird nicht voll­ständig domes­ti­ziert, aber auch nicht zuge­lassen – es bleibt eine kalku­lierte Irri­ta­tion, ein Element, das die touris­ti­sche Erfah­rung verstärkt, ohne sie zu gefährden.

Exoti­sie­rung und Unsichtbarkeit

Diese Logik spie­gelt sich gera­dezu im Umgang der Resort-Gäste mit den einhei­mi­schen Figuren und Ange­stellten, deren Inter­ak­tionen – beson­ders in der ersten Staffel, die in Hawaii spielt – in einen größeren post­ko­lo­nialen Kontext einge­bettet sind. Der exoti­sie­rende Blick der Hotel­gäste ist dabei nicht eine indi­vi­du­elle Wahr­neh­mung, sondern Ausdruck der Fort­set­zung einer post­ko­lo­nialen Ordnung, die fest in den Tourismus einge­schrieben ist. Mike White insze­niert sie als sanf­tere, aber nicht minder durch­drin­gende Form der Enteig­nung. Die Serie zeigt auf, wie die Konstruk­tion weißer Iden­tität nicht bloß auf reiner Abgren­zung, sondern auf einer aktiven Hier­ar­chi­sie­rung basiert. Der White Gaze fungiert in diesem Prozess als ein Blick­re­gime, das PoC-Körper zugleich herab­wür­digt und feti­schi­siert. Sie werden entweder als Bedro­hung markiert oder als Projek­ti­ons­flä­chen exoti­scher Sehn­süchte verein­nahmt. In der ersten Staffel wird Kai nicht nur als indi­gener Hawai­ianer, sondern als exoti­scher Körper gerahmt – sowohl von Paula, die ihn begehrt, als auch von der Kamera, die seine Körper­lich­keit in Szene setzt. Er ist zugleich Sexu­al­ob­jekt und Symbol für die kolo­niale Enteig­nung, doch vor allem bleibt er Instru­ment: ein Fremder, der nur ins Bild rückt, wenn es der Erzäh­lung der weißen Figuren dient. So über­nimmt er vor allem eine drama­tur­gi­sche Funk­tion für die mora­li­schen Dilem­mata der weißen Gäste. Seine Geschichte dient weniger der eigenen Subjek­ti­vie­rung als der Refle­xion über das schlechte Gewissen einer privi­le­gierten Tourismusgesellschaft.

Ein beiläu­figer Moment in Staffel drei könnte para­dig­ma­tisch für diese Gewis­sens­frage stehen. Kate tritt auf den Balkon ihres Luxus­bun­ga­lows, als ein Affe in der Nähe auftaucht. Ihr Erschre­cken über das plötz­liche Erscheinen des Tieres, so könnte man speku­lieren, gilt dabei weniger dem Affen als dem, was sich in dessen Blick spie­gelt: eine Form der Derrida’schen „Nackt­heit vor dem Tier“. Was Kate auf dem Balkon begegnet, könnte somit die fragile Konstruk­tion des Eigenen im Fremden sein – ein anima­li­scher Spiegel, der die Kontin­genz ihrer Privi­le­gien aufscheinen lässt, bevor ihr Blick des Touristisch-Imaginären wieder greift und die unge­störte „Ordnung der Dinge“ restau­riert: Eine kurze Irri­ta­tion, und danach reiht sich alles wieder geschmeidig in die Wellness-Dramaturgie des Resorts ein.

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Am Ende bleibt: Die Serie ist ein ästhe­ti­sches Dispo­sitiv, das die post­ko­lo­nialen Koor­di­naten des Tourismus formal durch­spielt – im Rhythmus der Kamera, in der Logik der Räume, im Verhältnis von Blick und Begehren. Dabei greift sie auf eine post­hu­ma­nis­ti­sche Bilder­welt zurück, die sich auf die nicht­mensch­liche Welt richtet und diese als Verspre­chen eines „Anderen“ in Szene setzt: eines Lebens jenseits von Entfrem­dung. Doch diese Utopie wird immer wieder post­ko­lo­nial grun­diert. Das Tier­hafte, das Natür­liche, das angeb­lich Ursprüng­liche wird als Projek­ti­ons­fläche des west­li­chen Selbst wirksam. Die Präsenz des Anima­li­schen markiert dabei eine symbo­li­sche Diffe­renz, die nicht verstört, sondern gerahmt wird: als kalku­lierter Impuls für Selbst­re­fle­xion. Auch die indi­genen Figuren – insbe­son­dere in Staffel drei – sind präsent. Sie fehlen nicht, doch sie umrahmen das Geschehen, sie struk­tu­rieren es, ohne im Zentrum zu stehen. Sie erscheinen in Über­gängen, in Momenten der Arbeit, der Erschöp­fung, der Geste. Das narra­tive Gewicht aber bleibt bei den neuro­ti­schen Tourist:innen – jenen, die mit sich selbst beschäf­tigt sind und dabei unge­wollt die Gewalt ihrer Gegen­wart reproduzieren.

Gerade in dieser Konstel­la­tion wird der post­ko­lo­niale Blick nicht gebro­chen, sondern durch Ästhe­ti­sie­rung reinsze­niert: als Teil eines Blick­re­gimes, das zugleich kriti­siert und kapi­ta­li­siert wird. Ein beson­ders aufschluss­rei­ches Beispiel für diese Doppel­ko­die­rung liefert die Kolla­bo­ra­tion zwischen The White Lotus und dem Mode­label Banana Repu­blic. Die Ironie dieser Verbin­dung könnte größer kaum sein: Ein Mode­nar­rativ, das in kolo­nialer Ästhetik wurzelt. Der Begriff „Bana­nen­re­pu­blik“ – Sinn­bild kolo­nialer Fremd­be­stim­mung und wirt­schaft­li­cher Ausbeu­tung – trifft hier ausge­rechnet auf eine Serie, die jene impe­rialen Struk­turen scheinbar zur Dispo­si­tion stellt. Was als kriti­sches Spiel mit Exotik beginnt, wird zur konsu­mier­baren Tropen­äs­thetik – Leinen­kleider, Aperol Spritz in der Hand und der sehn­süch­tige Blick auf den Sonnen­un­ter­gang gerichtet. Die Kritik wird zur Marke, das Sati­ri­sche zum Stil. Ob hier das Nach­denken beginnt oder nur eine neue Form west­li­cher Selbst­spie­ge­lung, bleibt die Unge­wiss­heit, mit der The White Lotus seine Zuschauer:innen entlässt.