In Anbetracht des aktuellen frauen- und queerfeindlichen Backlash kann von einem Ende patriarchaler Herrschaft keineswegs die Rede sein. Zu viele feministische Errungenschaften sind in Gefahr, und die Utopie einer nicht-patriarchalen Welt wirkt fern. Doch von einem ebensolchen Ende des Patriarchats sprachen Feministinnen des Mailänder Frauenbuchladens Libreria delle donne bereits 1996 in ihrer Schrift È accaduto non per caso, die im selben Jahr unter dem Titel Das Patriarchat ist zu Ende auf Deutsch erschienen ist. Die Behauptung führte damals zu Irritationen. In der Schweizer feministischen Zeitschrift Emanzipation etwa warf Lisa Schmuckli den Mailänderinnen vor, sie würden die schwierigen und empörenden Lebensrealitäten von Frauen verdrängen. Genau dreissig Jahre nach dem Erscheinen der italienischen Ausgabe und fünfzig Jahre nach der Gründung der Libreria scheint es mir dennoch lohnend, noch einmal den in diesem Text formulierten „Gedanken einen Platz einzuräumen“, wie es Luisa Muraro, Mitautorin und berühmtestes Mitglied der Libreria ausdrückte. Denn damit lässt sich die Geschichte und Gegenwart des Feminismus auf ebenso unzeitgemässe wie radikale Weise denken.
Glaub nicht, Rechte zu haben
Nach ihrer Gründung 1975 wurde die Libreria rasch zu einem der wichtigsten Denkkollektive für den italienischen Differenzfeminismus, wobei es den Mailänderinnen nicht um eine biologische Festschreibung des Weiblichen, sondern um eine Praxis des weiblichen Anders-Werdens ging. Statt um Anerkennung innerhalb des patriarchalen Systems zu kämpfen, sollten Frauen ausgehend von ihren konkreten Erfahrungen und Begehren neue Lebens- und Beziehungsformen entwickeln. Neben einem Laden für Frauenliteratur war die Libreria laut Traudel Sattler vor allem ein „Experimentierfeld für die politische Praxis der Beziehungen zwischen Frauen“, die aus den separatistischen Selbsterfahrungsgruppen der Neuen Frauenbewegung hervorging. Diese Gruppen hatten im italienischen Feminismus der 1970er Jahre eine herausragende Bedeutung. Im Kern ging es dabei um die sprachliche Vermittlung, dank der Frauen ihre Erfahrungen erkunden und ihrem Begehren eine vom Patriarchat unabhängigen Bedeutung geben sollten.
Dem ging eine Problematisierung des feministischen Gleichheitspostulats voraus. Gleichheit, so die Italienerinnen, erfordere von den Frauen eine Angleichung an die männliche Ordnung, wodurch das weibliche Begehren nach Freiheit und autonomer Sinnstiftung blockiert werde. Gleichheit sei zudem an staatliche Rechtsgarantien geknüpft, welche Frauen als passive und homogene Masse von Schutzbedürftigen konstituierten. Und schließlich hemme der Gleichheitsanspruch ebenfalls den Aufbau von reichhaltigen Frauenbeziehungen. Werden diese als schwesterliche Beziehungen zwischen Gleichen gedacht – wie es in den Selbsterfahrungsgruppen der frühen 1970er Jahre häufig der Fall war –, scheitere die feministische Praxis früher oder später an den Unterschieden zwischen Frauen.
„Glaub nicht, Rechte zu haben“ war die wortwörtliche Übersetzung des wohl berühmtesten Textes der Libreria von 1987, der 1991 auf Deutsch unter dem Titel Wie weibliche Freiheit entsteht erschienen ist. Freiheit, so proklamierten die Feministinnen hier, brauche keine staatlichen Garantien, sondern zuallererst die Entwicklung eines weiblichen Bezugsrahmens: keinen Appell an den Staat, sondern eine konkrete, im Alltag verwurzelte Praxis der Beziehungen zwischen Frauen. Kein Beklagen der Entrechtung, sondern Erforschen und gegenseitiges Autorisieren des eigenen Begehrens – ein sich Anvertrauen, auf Italienisch affidamento. Kein Sprechen für die weiblichen Massen, sondern sprachliche Vermittlung mit konkreten Frauen. Keine Suche nach einer Gleichheit im Unterdrückt-Sein, sondern ein In-Beziehung-Setzen von unterschiedlichen Erfahrungen, Lebensentwürfen und Wünschen. In diesem Sinn ist Freiheit keine individualistische Eigenschaft. Wie Hannah Arendt, auf die sie sich häufig beziehen, denken die Mailänderinnen Freiheit als weltbildende Praxis, die aus dem Zwischenraum menschlicher Beziehungen erwächst.
Es ist nicht aus Zufall passiert
Mit einer solchem Konzeption von Freiheit werden andere Maßstäbe an feministisches Handeln herangetragen. Es ist nicht die rechtliche, politische oder ökonomische Gleichstellung, welche die Fortschritte weiblicher Emanzipation in erster Linie bemisst. Auch wenn natürlich etwa Abtreibungsgesetze oder der Gender Pay Gap das Leben von Frauen beeinflussen, sagen sie doch per se wenig über die konkrete Fähigkeit von Frauen aus, sich zu subjektivieren.
Somit war für die Mailänderinnen mit dem Ende – oder auch der Beendung – des Patriarchats nicht das tatsächliche Ende weiblicher Benachteiligung und Ausbeutung gemeint, sondern es meinte, dass Frauen in verschiedensten Lebenslagen einen Sinn für ihr Leben und ihr Begehren suchen, der sich nicht mehr mit der patriarchalen Bestimmung ihrer Existenz deckt. Viele Frauen wollen nicht mehr Eigentum des Ehemannes sein; sie erachten ihre Anatomie nicht mehr als Schicksal; sie befinden sich an einem anderen Ort als den für sie vorgesehenen. Gegen die Thesen des Endes oder gar Scheiterns der „zweiten feministischen Welle“ behaupten die Mailänderinnen entschieden: Feminismus ist – wie prekär und unscheinbar auch immer – bereits tatsächlich passiert.
Und während man in den 1990er Jahren die bürgerliche Demokratie und den Siegeszug des globalen Kapitalismus als „Ende der Geschichte“ bejubelte, so der Titel eines Essays des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama von 1989, feierten die Mailänderinnen gerade nicht das Ende des Geschlechterkonflikts. Wie schon für die Feministin und Kunstkritikerin Carla Lonzi in den 1970er Jahren markierte der Feminismus für die Frauen der Libreria einen unzeitgemäßen „Schnitt“ in der patriarchalen Ordnung, durch den Frauen zu Subjekten werden. Das Ende des Patriarchats ist eine Öffnung.
Es ist nicht zum Lachen
So gelte es zu erkennen, dass sich die weibliche Freiheitspraxis in die Textur der Gegenwart eingewoben und die sozialen Beziehungen zu verändern begonnen haben. Doch seien die meisten Zeitdiagnostiker – selbst die Linken – außerstande, „die ,weibliche Revolution‘ zu registrieren, die die Gesellschaft in ihren elementarsten Punkten verändert“. Die Mailänderinnen plädieren also dafür, die großen historischen Umbrüche der 1990er Jahre mit dem feministischen Aufbruch in Beziehung zu setzen.
Als der Text des Mailänder Frauenbuchlandens 1996 erschien, hatte Silvio Berlusconi seine erste Amtszeit als Premier hinter sich. Fast 20 Jahre sollte er die italienische Politik dominieren. Auf den Ruinen des traditionellen, von Korruptionsskandalen erschütterten Parteiensystems gelang dem Medientycoon und Immobilienspekulanten ein blitzartiger politischer Aufstieg. Für die Mailänderinnen war klar, dass zwischen dieser Krise der politischen Institutionen, der Herausbildung neuer Machtformen und dem Ende des Patriarchats Zusammenhänge gesucht werden mussten. Demnach wäre der Aufstieg Berlusconis auch als eine Reaktion auf das Aufbrechen rigider patriarchaler Geschlechterbeziehungen zu verstehen, denn wer die Krise der 1990er Jahre nur mit makropolitischen und ökonomischen Faktoren erklärt, übersieht untergründige Subjektivierungspraxen von Frauen.
Das war nicht nur zum Lachen, wie die Mailänderinnen mit einem Zitat der bulgarisch-französischen Theoretikerin Julia Kristeva festhielten. Am Ende des Patriarchats blühe das „Phantasma einer angeblichen, entsetzlichen Allmacht“ der Männer, schrieben sie weitsichtig. Wie immer wieder angemerkt wird, nahm Berlusconi viele Elemente des gegenwärtigen Autoritarismus vorweg: Ein gezielter Abbau des Rechtsstaates, die Nutzung politischer und medialer Macht zur persönlichen Bereicherung, eine Konzeption von Freiheit als rücksichtslose Durchsetzung individueller Interessen, ein inniger Hass gegen eine solidarische Gesellschaftspolitik und natürlich eine Verachtung und Objektivierung von Frauen. „Die Befürchtung“, schreiben die Frauen der Libreria, „das Patriarchat könnte bei seinem Untergang auch Institutionen mit sich in die Tiefe reißen, die für ein Minimum an gesellschaftlicher Ordnung noch unerlässlich sind, so dass Chaos, eine reaktionäre Wende oder falsche Widerstände entstehen, ist also durchaus berechtigt.“
Denn der feministische Aufbruch, schrieb schon Carla Lonzi 1970 in ihrem berühmten Text Wir pfeifen auf Hegel, werde die Männer auf dem tiefen „Grund der Einsamkeit“ zurücklassen. Weit vom heutigen, mitleidigen Diskurs über male loneliness entfernt, war diese Einsamkeit für Lonzi und die Mailänderinnen Ausdruck einer Unfähigkeit zu nicht-zerstörerischen, nicht-besitzergreifenden Beziehungspraktiken. Gewohnt das Maß aller Dinge zu sein, kann sich der Mann nicht als partielles Subjekt zur Welt verhalten. Er fühlt sich nur in einer Welt beheimatet, die ihm zu Füssen liegt.
Herrschaft im Post-Patriarchat
Dennoch hat der Text von 1996 einen euphorischen, fast schon triumphalistischen Ton. Ende der 2000er Jahre griffen der Libreria nahestehende Feministinnen auf die Gedanken dieses Textes zurück, sprachen nun aber differenzierter von einem „Post-Patriarchat“. Wie die Journalistin und Theoretikerin Ida Dominijanni in ihrem faszinierenden Buch Il Trucco. Sessualità e biopolitical nella fine di Berlusconi erklärt, war damit kein radikal neues Zeitalter gemeint. Der Begriff verwies vielmehr auf eine „Mischung aus Innovation und Regression“, eine neue „Machtkonstellation“, in der männliche Dominanz nicht über reine Unterordnung und Passivität aufrechterhalten wird.
Es ist die Zeit, in der Berlusconi und seine Entourage in immer größere Skandale wegen Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen und obszönen Sexpartys verwickelt ist. Mit der Organisation eines Kongresses versuchte Dominijanni 2009 mit ihren Gefährtinnen Maria Luisa Boccia, Tamara Pitch, Bianca Pomeranzi und Grazia Zuffa dieser Verstrickung von Sex, Macht und Geld nachzuspüren. Dominijanni, Boccia und Zuffa waren in den 1970ern und 1980ern Mitglieder der Kommunistischen Partei Italiens und versuchten, linke Parteipolitik und Differenzfeminismus zu verknüpfen.
2009 wandten sie sich gegen zwei Deutungen von Berlusconis Affären. Die erste und vorherrschende sah sie als Indiz für die ungebrochene Kontinuität des Patriarchats. So wurde in den Medien häufig das Klischee eines tiefsitzenden ‚südeuropäischen‘ Machismo bedient. Frauen kamen in diesen Erzählungen nur als passive Opfer vor. Das passte nicht immer zu den Frauen, die teilweise auch angaben, aus freien Stücken an Berlusconis Sexpartys teilgenommen zu haben. Die zweite, von Jacques Lacan inspirierte Deutung las Berlusconis Sexskandale als Ausdruck einer neuen Form von Herrschaft, die nicht mehr allein über Unterdrückung agiere. Anstelle einer väterlichen Autorität trete ein paradoxaler Zwang zum Genuss bzw. die Paradoxien der Mehrlust, wie es Slavoj Žižek prominent formuliert. Die Transgression von rechtlichen und moralischen Normen werde nicht mehr unterdrückt und schamhaft verschwiegen, sondern als obszöne, rücksichtslose Freiheit inszeniert. So schienen Feministinnen (und die gesamte Neue Linke) in entstellter Form das zu ernten, was sie seit Anbruch der Neuen Frauenbewegung gesät hatten: Ihr freiheitliches Aufbegehren kehrt als Akzeptanz neoliberaler Subjektivierung wieder.
Während die erste Erzählung weibliche Handlungsfähigkeit gar nicht erst erkennt, versteht sie die zweite nur noch in ihrer Funktionalität für die herrschende Ordnung. Doch wird dadurch gerade jene subversive Freiheitspraxis unsichtbar gemacht, die am Ursprung der Skandalisierung von Berlusconis Gebaren stand: Es waren Frauen, die über die Geschehnisse in Berlusconis Villa Arcore sprachen, und andere Frauen, die für diese Worte einen Resonanzraum schufen. Wiederholt betonen die Italienerinnen, dass Frauen ganz maßgeblich die Risse in Berlusconis Machtsystem verursacht haben – angefangen mit Berlusconis damaliger Ehefrau Veronica Lario, die ab 2007 mehrfach die Machenschaften des Premiers öffentlich anprangerte. Viele Jahre vor #MeToo denken sie Feminismus als eine Praxis des Sprechens und Zuhörens. Feminismus ist für sie der Raum, der sich öffnet, wenn Frauen ihren scheinbar vereinzelten Erfahrungen und Wünschen einen neuen Sinn geben. Wo das, was sie denken, fühlen und begehren aus den vom Patriarchat vorgesehenen Bahnen ausschert.
Spuren von Freiheit
Deshalb sei es für Feministinnen besonders wichtig, schreiben Dominijanni, Boccia, Pitch, Pomeranzi und Zuffa 2009,
die richtige Brille aufzusetzen, um Spuren von Freiheit und Formen des Widerstands und der Loslösung zu erkennen, die sich auch dort entwickeln, wo Politik und Medien sie nicht sehen. Bei unterschiedlichen Frauen, auch bei denen, die sich völlig von den Feministinnen von gestern und heute unterscheiden.
Die Stärke dieser Denkerinnen ist es, Feminismus nicht auf eine Ideologie, eine soziologisch vordefinierte Gruppe oder eine bestimmte Aktionsform zu reduzieren. Feminismus ist für sie ein unvorhergesehener Bruch mit der patriarchalen Ordnung, die von ebenso unvorhergesehenen Subjekten auf stets unverhoffte Weise vorgenommen wird.
Produktiv scheint mir das Postulat vom Ende des Patriarchats, wenn es nicht in eine trennscharfe Periodisierung übersetzt wird, sondern in erster Linie dazu dient, untergründige und unscheinbare Formen weiblicher Subjektivierung in den Blick zu nehmen. Ganz besonders heute, inmitten eines patriarchalen Backlash, erinnern die Mailänderinnen daran, dass das Patriarchat keine stabile politische und soziale Ordnung mehr stiftet – und dass sich die männliche Zerstörungslust ganz besonders in dieser Situation schrecklich auswächst.
Schließlich ist der Text der Mailänderinnen nicht nur als Bestandsaufnahme zu verstehen. Denken und Sprechen ist für diese italienischen Feministinnen immer auch eine Wette darauf, dass sich Erfahrungen auf neuartige Weise erschließen und Worte auf unbekannten Wegen zirkulieren können. Jedoch nicht dadurch, dass sich Frauen die Veränderung voluntaristisch herbeireden, sondern indem sich Sprache und Erfahrung, Geschichte und Gegenwart an neuen Punkten kreuzen. So gesehen leistet das Sprechen vom Ende des Patriarchats stets zweierlei: Es legt Zeugnis ab und führt zu einer „Wiedereröffnung des Spiels“. Es (ist) passiert.