„Das Licht”. Psychedelische Lehrstücke für die Gegenwart

T.C. Boyles LSD-Roman „Das Licht“ sagt mehr über unsere Gegenwart als über die 1960er-Jahre, in denen er spielt. Boyle entwirft ein scharf gestelltes Bild neurochemischer Optimierungstechniken, marktförmiger Leistungssteigerung, kommerzialisierter Selbst- und Sinnsuche und von Kreativität als gesellschaftlicher Ressource.



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„The big, new, hot issue these days … is DRUGS. Have you been tuned in on the noise?” Der Lärm, von dem der berühmt-berüchtigte Drogenapostel Timothy Leary hier in einem Brief schreibt, ist verklungen. Der Tumult ist Geschichte. Wie auch die Droge, die das Getöse vornehmlich verursacht und jene Tage in psychedelisch-phosphoreszierende Farben getaucht hat, vermeintlich Geschichte ist: Die Rede ist von der bahnbrechenden, der denkwürdigen Droge LSD. Vor 80 Jahren wurde die Substanz synthetisiert, vor 50 Jahren ihre turbulente Karriere in Forschung und Counterculture legislativ zu abruptem Fall gebracht. Seit einiger Zeit allerdings ist wieder ein leises Rumoren zu vernehmen und leuchtende Bilder fallen ins Auge.

Neuere Studien zeigen Brainscans, die nun einen biochemischen Tumult visualisieren: die Unordnung nämlich, die die Erleuchtungsdroge der Hippie-Jahre im Gehirn verursacht. Die Brainscans sollen die Korrelationen von LSD und neuronaler Aktivität zur Darstellung bringen und beobachtbar machen, bei welchen Gefühlen und Gedanken bestimmte Hirnareale besonders aktiv sind. Die Bilder begleiten Berichte über die Wiederaufnahme von Studien zum medizinisch-therapeutischen Einsatz bei Sucht, Depression, Trauma oder Angst, die mit der Kriminalisierung und Illegalisierung von LSD in den späten 1960er-Jahren abgebrochen worden waren. Oder sie flankieren Berichte zum LSD-Microdosing, das im Silicon Valley, wo schon in den 1960er-Jahren digitale und kulturelle Revolution ineinander liefen, als Mittel zur Steigerung kognitiver Leistung und Kreativität gilt. Und schließlich steht Anfang 2019 ein LSD-Roman nur drei Wochen nach seinem Erscheinen auf der Spiegel-Bestsellerliste: Das Licht von T.C. Boyle.

Aus den Perspektiven zweier fiktiver Figuren, dem Doktoranden Fitz und seiner Frau Joanie, erzählt der Roman von Timothy Learys Experimenten mit LSD und Psilocybin in Cambridge, im mexikanischen Zihuatanejo und schließlich in Millbrook – einem gigantischen Anwesen, das die Millionärsgeschwister Hitchcock als psychedelisches Spiritualitätslabor zur Verfügung stellen. Die dort installierte Feldforschungsgemeinschaft entwickelt neurochemische Selbst- und Soziotechniken, die auf individuelle wie kollektive Verbesserungen zielen: Sie versucht sich an der Vermessung ihrer „inneren Welten“ und schließt daran eine Revolution von Bewusstsein und Lebensform an. Es geht um Träume von einer egalitären Gemeinschaft, die Materialismus, Kapitalismus, Statusunterschiede, Klassenzugehörigkeiten und nicht zuletzt sexuell-amouröses Besitzdenken hinter sich lässt. Und es geht um eine drogeninduzierte transzendental-kosmische, eine neuronale Erfahrung der Existenz – das Licht –, die das einzelne Selbst erweckt, es optimal entfalten und in leuchtendem Glanz erstrahlen lässt.

Drogenforschung und Selbstversuche

Der Roman lässt einiges über die Geschichte von LSD wissen. Die Droge beginnt ihren kometenhaften Aufstieg nicht an den Hotspots der Counterculture, sondern als Medikament an renommierten Universitäten und Forschungslaboren, denen der Schweizer Pharmakonzern Sandoz die magic bullet kostenlos zur Verfügung stellt. Die Harvard University mit ihrem „Center for Research in Personality“, an dem Leary und Richard Alpert Seminare ‚der anderen Art‘ stattfinden lassen, ist nur eine unter vielen Institutionen rund um den Globus, die seit den 1950er-Jahren der Wirkung von Delysid (LSD 25) in großangelegten, mitunter kostspieligen Forschungsprojekten auf den Grund gehen.

Der Roman ist gut informiert über real agierende Personen, Begebenheiten und Forschungsagenden. Er erzählt von der programmatischen Verabschiedung des damals die Psychologie dominierenden radikalen Behaviorismus und seiner Verhaltenslehre der messbaren Gesetzmäßigkeiten, und erzählt folglich von einer Psychologie, die „transaktional-experimentell“ werden will, anstatt weiße Mäuse durch Labyrinthe laufen zu lassen. Die Rede ist von LSD als einer Substanz, die temporäre Psychosen auslöst, mittels derer sich in den 1950er-Jahren der Wahnsinn modellieren und analysieren lässt.

Und der Roman zeigt, wie LSD und Psilocybin zu psychedelischen Drogen avancieren, die das Bewusstsein erweitern und einen inneren Gott hervorrufen. Detailliert beschriebt T.C. Boyle Walter Pahnkes Good Friday Experiment von 1962, bei dem Theologiestudenten in der Bostoner Marsh Chapel Psilocybin zu sich nehmen. Es soll die Verwandtschaft von Rausch, Mystik und Spiritualität zeigen; 2005 wird es der Verhaltensbiologe Roland Griffiths in einem Labor der Johns Hopkins University wiederholen.

Ebenfalls thematisiert der Roman die Erosion wissenschaftlicher Standards und Kriterien – nicht nur durch Leary und seinen Kollegen Alpert, von deren Rauswurf der Roman ‚faktentreu‘ erzählt, sondern durch die psychoaktiven Substanzen selbst, die einen Forschungsgegenstand produzieren, der nicht zu objektivieren ist: nämlich subjektive Erfahrungen. „Das Gift war in ihm“, liest man da über den Chemiker Albert Hofmann, der 1943 250 Mikrogramm LSD probiert, „es war sein Körper, sein Selbstversuch, und was könnte privater sein als das?“

Lehrstück

Das Licht ist dabei weit mehr als ein Wissenschaftsgeschichtsbuch mit fiktionalem Zusatzpersonal. Eine Rezension liest den Roman mit seiner Beschreibung „der absonderlichen Aggregatszustände der amerikanischen Historie“ als geradezu märchenhaftes Lehrstück für die Gegenwart. Der Roman sei kein statisches Tableau, sondern lote einen Echoraum der Geschichte aus, in dem bis heute relevante Fragen nach der richtigen Lebensform verhandelt werden.

So manche Leserinnen und Leser mögen sich hier süffisant in ihre saturiert-bürgerlichen Existenzen zurücklehnen, weil die sozialutopischen Experimente für die beiden Protagonisten scheitern. Sie mögen beruhigt sein, wenn sich gegen Ende des Romans Fitz und Joanie trennen, Joanie konstatiert, dass das ‚andere’ Leben in Millbrook nichts anderes als eine Täuschung ist, und Fitz unfreiwillig desillusioniert die Frage bewegt, was sie nun sind: Wissenschaftler, Mystiker, Orgienveranstalter oder eine Theatertruppe für sinnsuchende Prominente, Models und Greenwich-Village-Bohemians, die immer zahlreicher nach Millbrook kommen.

Allerdings ist der Roman noch auf ganz andere Weise ein Lehrstück. Was er implizit mitverhandelt, ist die eher subkutane Revolution von Denkweisen, die das Scheitern der großen psychedelischen Utopien und die ‚großen Männer’ wie Leary, Hofmann oder Alpert überlebt. Zuallererst ist da die bis heute geläufige Idee eines neurochemischen Selbst (Nikolas Rose), das stofflich fundiert und damit auch stofflich beeinflussbar ist. Sie ist in der golden Ära der Drogenforschung aus wissenschaftlich kontrollierten Versuchsanordnungen ebenso wie aus spontanem Experimentieren entstanden: in psychiatrischen Kliniken, medizinischen und (neuro-)pharmakologischen Forschungsinstitutionen, therapeutischen Privatordinationen, Selbsterfahrungskursen, der CIA, der Counterculture sowie an den Punkten ihrer Überschneidung.

Neuronale Revolution und LSD als lifestyle agent

Das neurochemische Selbst empfindet alles – bis hin zur Revolution – in den Neuronen: „Es ist eine Revolution“, lässt Boyle Hofmann nach seinem ersten LSD-Versuch zur Laborassistentin sagen, „ich spüre es in meinen Knochen, in meinem Herzen, meinem Gehirn, in meinen Neuronen, Fräulein Ramstein, in meinen Neuronen.“ Damit legt Boyle dem Chemiker in den Mund, was Leary in programmatischen Schriften wie NeuroLogics ausarbeiten wird. Für Leary basiert die Aktivität des Nervensystems auf elektrochemischer Kommunikation. Sein Selbst besteht aus acht Erregungsschaltkreisen, die jeweils einer Bewusstseinsebene entsprechen.

Wenn nun Informationsverarbeitungsprozesse mit Drogen künstlich gesteuert werden, wenn Stoffe wie LSD sogenannte neuronale Imprints und Konditionierungen aufheben können, fällt die Unterscheidung zwischen Geist und Materie – und ist der Weg gebahnt für die Bearbeitung dieses neurochemischen Selbst, für die Metaprogrammierung eines human biocomputer (John C. Lilly).

Zu der in die Gegenwart weisenden Geschichte von LSD gehört, dass der psychotrope Stoff in therapeutische Techniken integriert wurde, deren Zielgruppen massiv ausgedehnt wurden. Unter dem Stichwort ‚Psychiatrisierung des Alltags’ ging es in den 1950/60er-Jahren nicht mehr nur darum, mit Substanzen Krankheiten zu kurieren, sondern auch darum, Gesunde zu korrigieren und zu optimieren. Zur neurochemischen Behandlung standen nun Verhaltensweisen, seelische Konflikte, Stimmungen und Gefühle, persönliches und soziales Scheitern. „My task in Millbrook“, berichtet beispielhaft der Underground-Chemiker Nick Sand, „was not to make the sick healthy, but to make the healthy even healthier.“ LSD ließ sich reibungslos in nun rein individualutopische Selbstmanagementprogramme aufnehmen – und zum lifestyle agent avant la lettre machen.

Textarbeit

Die Verbesserung des neurochemischen Selbst im neu etablierten Grenzbereich von Pharmako- und Psychotherapie ist mit Techniken der Beobachtung und Dokumentation verbunden.Die akribische schriftliche Selbstinspektion, die LSD-Microdosing-Anleitungen heute im Internet empfehlen (sie soll u.a. Kreativitätsmaß, erledigte Arbeit, Wohlbefinden und Stimmungen berücksichtigen), wird im Roman eingeübt: In Cambridge, Zihuatanejo und Millbrook füllen die selbstexperimentellen ‚Psychonauten’ Seite um Seite mit handschriftlichen Notizen. Sie sollen zum Aufsatz, idealerweise zur Dissertation werden, die in der akademischen Nahrungskette nach oben befördert und finanziellen Spielraum verschafft. Verschriftlichung tut not, um die individuellen Erfahrungen, wenn schon nicht in objektive, so doch in vermittelbare Daten und Theorien zu transformieren.

Doch einzig der aus der akademischen Nahrungskette in Harvard ausgeschiedene Projektemacher Leary ist in der Lage, die neurochemische Selbsterfahrung des Lichts in einen kommerziellen Verwertungskreislauf einzuspeisen. Er ist es, der am Ende des Romans – wenn Fitz’ Wissenschaftskarriere mangels Text verunglückt und sich die Auflösung der Gemeinde ankündigt – noch schreibt. Er ist der produktive Textarbeiter, der Fragebögen auswertet, Vortrags- und Buchmanuskripte verfasst und publiziert: 1996 werden es über 30 Bücher sein.

Der Markt der Selbst- und Sinnsuche

Leary ist der Dealer, der Stoff verschafft, der auf ihn prägt und an ihn bindet. Er ist aber auch der Dealer, der Lesestoff verschafft – und damit Sinn. Er ist charismatischer Führer und kreativer Impresario, der es versteht, die „Innenwelt zu Geld zu machen“ und den Hunger der Sinnsuchenden in bare Münze zu verwandeln. Nachdem Gott zur neuronalen Funktion erklärt wurde, macht Leary mit seinen Selbsterfahrungsseminaren Offenbarung und Ekstase zur lukrativen Ware und aus Millbrook eine Geldmaschine. Die Marke Leary, von der im Roman die Rede ist, etabliert einen Markt der Spiritualität, Bewusstseinserweiterung und Arbeit am Selbst, auf dem sich mittlerweile auch Manager tummeln, die ‚das Beste’ aus sich herausholen wollen.

Und noch an anderer Stelle führt der Roman Sakrament und energy booster zusammen. Selbst profane Arbeit wird mit LSD dynamisiert und veredelt: Um das Spiritualitätslabor zu putzen und für Wochenendseminare und Partys vorzubereiten, wirft die Forschungsgemeinschaft Mikrodosen LSD ein, „um die Arbeit etwas angenehmer zu machen und ein bisschen Leben in die Sache zu bringen“.

Peter Gasser, der seit 2017 die in den 1960er-Jahren entwickelte LSD-unterstützte psycholytische Therapie bei Krebspatienten wieder erproben darf, ist sich sicher, dass sich LSD einem Optimierungsgedanken stets verschlossen hätte. Auf den ersten Blick leuchtet das ein, weil LSD anders als Speed oder Kokain nicht die körperliche Leistungskraft steigert. In einer Gesellschaft aber, in der es geradezu unlauter ist, sein Selbst sich selbst zu überlassen, und der Imperativ unüberhörbar ist, Arbeit mit Leben zu füllen, innovativ, kreativ, gestalterisch und ideenreich zu agieren, setzt Optimierung genau da an. Die minimalistische LSD-Selbstmedikation im Silicon Valley ist keine abrupte Kehrtwende, sondern die logische Folge der Erfindung von neurochemischen Psychotechniken und der Umcodierung von Kreativität in eine wertvolle Ressource. Nicht zufällig soll Fitz’ ungeschriebene Dissertation belegen, dass LSD inspiriert und Kreativität freisetzt. Damit erinnert er an Oscar Janiger, der um 1960 an der University of California seine creativity pill an mehr als 900 Freiwillige verteilte und den Zusammenhang von LSD und (ästhetischer) Produktion untersuchte. Schon damals war LSD die kreative Schwester all der ‚klassischen’ Effizienzdrogen, die als Neuroenhancer bekannt geworden sind.

Genauso wie die Substanz kognitive und somatische Prozesse in Gang setzt, die dann ohne sie weiterlaufen, hatte das Konzept LSD eine immens nachhaltige Wirkung auf unser kulturelles Selbstverständnis. Die bewusstseinsverändernden Experimente der psychedelischen Revolution haben die Denkweisen der Gegenwart mehr gestaltet, als ihren frühen Visionären bewusst sein konnte. Doch heute scheint die Antwort klar: We have been tuned in on the noise.