Das Land, das ich nicht kenne

Georg Genoux hat in den letzten zwanzig Jahren in Moskau, Sofia und Kiev Theater gemacht. Jetzt ist er wieder in Deutschland und schreibt Tagebuch über sein neues Projekt. Dabei zeigt er fast wie nebenbei, wie unterschiedlich fremd man sein kann.



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Seit über 20 Jahren reise ich an die verschiedensten Orte slawischer Länder, um dort mit Menschen vor Ort Theater zu machen. Noch nie bin ich bei dem Versuch der Kontaktaufnahme so oft gescheitert wie in Zittau, Hagenwerder und anderen sächsischen Städten.

Damit meine ich gar nicht einmal die augenscheinlich „rechten“ Jugendlichen am Bautzener Bahnhof, die mich mit den Worten „Verpiss dich, Alter!“ wieder wegschicken wollten.

Viel schwieriger war es beispielsweise mit Geflüchteten oder den Ortseinwohnern Sachsens, die man so auf der Straße traf. Sie ließen mich regelrecht auflaufen. Die Geflüchteten wollten entweder nicht mit mir sprechen – oder aber sie erzählten mir genau das, wovon sie glaubten, was ein linksliberaler Mensch hören möchte.

Eisbecher und Fußball auf der Playstation

Die Geflüchteten und Ortseinwohner Sachsens haben sehr viel gemeinsam: Beide wollen sie in Ruhe gelassen werden von dem Mann, der ihnen ihre Geschichten klauen und damit Theater und Film machen will.

Eine Gruppe afrikanischer Jungs, mit denen ich einen Monat versucht hatte, Kontakt aufzunehmen, spielten lieber „Fußball“ mit der Playstation auf ihrem neuen Plasma-Bildschirm im Wohnheim.

Die Ortsbewohner essen lieber große Eisportionen in riesigen Eisbechern. Nie habe ich einen Ort gesehen, an dem so viele Menschen so große Eisportionen essen.

Beide Gruppen leben parallel in ihrer eigenen Welt, kommen kaum miteinander in Kontakt, und wollen vor allen Dingen nicht gestört werden.

Ich bin wahrscheinlich hunderte von Kilometern in Zittau und Umgebung durch die Straßen gelaufen, um Menschen für mein Theaterstück zu gewinnen. Nicht ein Mensch, den ich auf der Straße ansprach, erklärte sich bereit, in meiner Theaterinszenierung mitzuwirken. Das Interesse der afrikanischen Jungs nahm tagtäglich ab, je mehr sie erfuhren, das ich sie darum bitten würde, etwas über sich zu erzählen. Überhaupt etwas von sich preiszugeben, scheint für die meisten von ihnen und den Menschen aus Zittau und Sachsen eine Qual zu sein.

Desinteresse in Sachsen?

Die meisten Jugendlichen und Erwachsenen wollen nicht mit fremden Kulturen in Kontakt kommen. Warum soll man sie dazu zwingen? Keiner spürte ja gar eine Notwendigkeit.

Vieler meiner afrikanischen Freunde nannten Zittau „einen Ort von alten Menschen“.

Ja, selten in Deutschland habe ich so viele Menschen mit Rollator gesehen. Die meisten Menschen in der Umgebung von Zittau wollen einfach nur für sich sein. In der Bimmelbahn zum Gebirgsausflugsziel Olbyn bleiben Deutsche und Polen unter sich. Steigen Deutsche ein, werden die Deutschen von den Deutschen freudig begrüßt. Steigen die Polen ein, begrüßen sie nur – und etwas zurückhaltender – die anwesenden polnischen Fahrgäste.

Afrikaner begrüßen auf der Straße Afrikaner, und die Deutschen die Deutschen. Deutsche Mädchen würden nie händchenhaltend mit einem Afrikaner oder Afghanen durch die Straßen Zittaus laufen.

Chemnitz scheint sehr fern zu sein

Es ist allerdings sehr friedlich in dieser Stadt. Ich spüre keine besondere Aggression der Gruppen. Chemnitz scheint sehr fern zu sein. Die meisten Zittauer, mit denen ich sprach, stören die Migranten auch nicht, so lange sie „unter sich bleiben“. Oder wie in der kleinen Nachbarstadt Ostritz es nur eine Familie gibt, die „immer höflich grüßt“.

Ostritz wurde ja in den vergangenen Jahren bekannt, weil dort Neonazis Hitlers Geburtstag in einem Hotel feierten. Weniger bekannt ist dagegen, dass die Mehrheit der Einwohner eine Gegenfeier für Toleranz und Miteinander organisierten. Wobei auch AfD-Wähler dabei waren.

„Ausländer werden hier nicht gemocht, aber stören tun sie auch nicht besonders“, wie mir eine Gruppe von sportlichen Jugendlichen auf einem selbstgebauten Skaterplatz versichern. Nur plötzlich bricht es aus einem der Jungs heraus:

„Wenn diese Typen denken, sie können mit unseren Mädels so etwas machen wie mit denen in Köln damals, dann brennt hier aber die Hütte“. Er kriegt sich vor aufsteigenden Hassgefühlen kaum wieder ein. Die anderen Jungs ignorieren seinen Wutausbruch. Schon bald sind sie schon wieder auf ihren Rennrädern und Skateboards auf der Rampe.

Warum mich ausgerechnet Zittau so interessiert?

Es gibt doch die Orte, wie Bautzen oder Hoyerswerda, wo die ‚Hütte schon brannte‘. Wo ich Neonazis offen auf der Straße so selbstverständlich spazieren gehen gesehen habe wie Punks in Berlin Kreuzberg und Ottensen in Hamburg. In Zittau habe ich nicht einen Neonazis gesehen. Es gibt keine Gewalt gegen Migranten. Die KellnerInnen in den Cafes sind sehr bemüht freundlich, wenn ich dort mit einem der afrikanischen Jungs sitze. Sie fragen mich immer sehr höflich, ‚was er denn bestellen möchte‘.

In dieser Ratlosigkeit traf ich hier auf einen Kickboxer, eine Tierpflegerin und die kleine Stadt Hagenwerder mit 700 Einwohnern, die mein „sächsisches Leben“ auf den Kopf stellten. Doch davon später mehr in meinem Tagebuch …

(Tagebucheintrag vom 25. Mai 2018)

Alfa spricht mit Emma und Ali mit einem Baum

Mittags

Ich versuche vergeblich, die Tierpflegerin im Zoo anzusprechen. Immer wieder verschwindet sie dort, wo ich nicht hin kann. Ich habe das Gefühl, dass besonders die Kamele meine Versuche spöttisch verfolgen.

Als ich sie dann zufälliig an der Kasse abpassen konnte, scheint sie sehr erschrocken. Ein Gespräch müsse erst mit der Zooleitung abgesprochen werden.

Am frühen Abend

Ali und ich sitzen im Cafe der Hillerischen Villa. Ich trinke Bier. Ali entscheidet sich für eine Limonade. Das ist dann „näher dran an Ramadan.

Ali erzählt mir folgende Geschichte:

„Ich war im Wohnheim in Hirschfelde. Wir waren zehn Jungs, aber niemand hat miteinander geredet. Wir kannten uns nicht. Eine Woche lang war ich in meinem Zimmer. Im Zimmer, in der Küche und Toilette. Dann wieder im Zimmer.

Danach wollte ich rauskommen. Ich wollte an die frische Luft. Ich wollte den Himmel sehen. Ich wollte was anderes sehen.
Da habe ich gesehen, dass es um uns herum nur Bäume gibt. Wenn man auf der Straße steht, kommt vielleicht nach drei Stunden ein Auto vorbei. Da war eine lange Straße, die nach Ostritz führt. Man kann auf ihr Fahrrad fahren, rennen und laufen.
Ich bin auf dieser Straße gerannt und wollte das Ende sehen. Aber drei Minuten: Bäume. Zehn Minuten Bäume. 40 Minuten Bäume. Außer den Bäumen habe ich nichts gesehen.

Diese Straße wurde zu meiner Lieblingsstraße, zu meiner Sportstraße. Meine ,Allein-Zeit Straße‛. Wenn ich weinen wollte, war ich auf dieser Straße. Immer wenn ich nervös und unruhig wurde, lief ich durch diese Straße. Und es waren immer nur Bäume dort.

Und man beginnt mit den Bäumen zu reden.
Ich bin allein hier. Was soll ich machen?

Ich habe zwischen den Bäumen gestanden und geweint, weil ich allein war. So habe ich mit den Bäumen angefangen zu reden. Ich war sehr wütend und nervös.  Ich habe sie immer wieder gefragt, warum ich hier allein bin. Warum kann keiner mit mir reden? Warum kann keiner meine Sprache? Ich wusste auch nicht, dass es Zittau gibt oder den Olbersdorfer See.

Dann habe ich Tobias kennengelernt. Er war Betreuer. Er war auch ein Renner. Dann sind wir zusammen im Wald gerannt.

Es ging auch den anderen Jungs so. Später haben wir immer wieder Spaß gemacht: ,Wir haben viele neue Freunde hier gefunden. Das sind die Bäume‘.“

(Tagebucheintrag vom 23. Mai 2018)

Zum Weiterlesen: fremdland.org

Premiere: „Das Land, das ich nicht kenne“ am 03.10.2018 am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau