• Georg Genoux ist Thea­ter­re­gis­seur; nach Doku­men­tar­thea­ter­pro­jekten in Moskau (teatr.doc, Joseph Beuys-Theater) und Sofia hat er 2015 mit Nata­lija Vorožbyt das „Theatre of Displaced People“ in der Ukraine gegründet.

Seit über 20 Jahren reise ich an die verschie­densten Orte slawi­scher Länder, um dort mit Menschen vor Ort Theater zu machen. Noch nie bin ich bei dem Versuch der Kontakt­auf­nahme so oft geschei­tert wie in Zittau, Hagen­werder und anderen säch­si­schen Städten.

Damit meine ich gar nicht einmal die augen­schein­lich „rechten“ Jugend­li­chen am Baut­zener Bahnhof, die mich mit den Worten „Verpiss dich, Alter!“ wieder wegschi­cken wollten.

Viel schwie­riger war es beispiels­weise mit Geflüch­teten oder den Orts­ein­woh­nern Sach­sens, die man so auf der Straße traf. Sie ließen mich regel­recht auflaufen. Die Geflüch­teten wollten entweder nicht mit mir spre­chen – oder aber sie erzählten mir genau das, wovon sie glaubten, was ein links­li­be­raler Mensch hören möchte.

Eisbe­cher und Fußball auf der Play­sta­tion

Die Geflüch­teten und Orts­ein­wohner Sach­sens haben sehr viel gemeinsam: Beide wollen sie in Ruhe gelassen werden von dem Mann, der ihnen ihre Geschichten klauen und damit Theater und Film machen will.

Eine Gruppe afri­ka­ni­scher Jungs, mit denen ich einen Monat versucht hatte, Kontakt aufzu­nehmen, spielten lieber „Fußball“ mit der Play­sta­tion auf ihrem neuen Plasma-Bildschirm im Wohn­heim.

Die Orts­be­wohner essen lieber große Eispor­tionen in riesigen Eisbe­chern. Nie habe ich einen Ort gesehen, an dem so viele Menschen so große Eispor­tionen essen.

Beide Gruppen leben parallel in ihrer eigenen Welt, kommen kaum mitein­ander in Kontakt, und wollen vor allen Dingen nicht gestört werden.

„Das Land, das ich nicht kenne“, Quelle: fremdland.org, Foto: © Felix Kriegs­heim

Ich bin wahr­schein­lich hunderte von Kilo­me­tern in Zittau und Umge­bung durch die Straßen gelaufen, um Menschen für mein Thea­ter­stück zu gewinnen. Nicht ein Mensch, den ich auf der Straße ansprach, erklärte sich bereit, in meiner Thea­ter­in­sze­nie­rung mitzu­wirken. Das Inter­esse der afri­ka­ni­schen Jungs nahm tagtäg­lich ab, je mehr sie erfuhren, das ich sie darum bitten würde, etwas über sich zu erzählen. Über­haupt etwas von sich preis­zu­geben, scheint für die meisten von ihnen und den Menschen aus Zittau und Sachsen eine Qual zu sein.

Desin­ter­esse in Sachsen?

Die meisten Jugend­li­chen und Erwach­senen wollen nicht mit fremden Kulturen in Kontakt kommen. Warum soll man sie dazu zwingen? Keiner spürte ja gar eine Notwen­dig­keit.

Vieler meiner afri­ka­ni­schen Freunde nannten Zittau „einen Ort von alten Menschen“.

Ja, selten in Deutsch­land habe ich so viele Menschen mit Rollator gesehen. Die meisten Menschen in der Umge­bung von Zittau wollen einfach nur für sich sein. In der Bimmel­bahn zum Gebirgs­aus­flugs­ziel Olbyn bleiben Deut­sche und Polen unter sich. Steigen Deut­sche ein, werden die Deut­schen von den Deut­schen freudig begrüßt. Steigen die Polen ein, begrüßen sie nur – und etwas zurück­hal­tender – die anwe­senden polni­schen Fahr­gäste.

Afri­kaner begrüßen auf der Straße Afri­kaner, und die Deut­schen die Deut­schen. Deut­sche Mädchen würden nie händ­chen­hal­tend mit einem Afri­kaner oder Afghanen durch die Straßen Zittaus laufen.

Chem­nitz scheint sehr fern zu sein

Es ist aller­dings sehr fried­lich in dieser Stadt. Ich spüre keine beson­dere Aggres­sion der Gruppen. Chem­nitz scheint sehr fern zu sein. Die meisten Zittauer, mit denen ich sprach, stören die Migranten auch nicht, so lange sie „unter sich bleiben“. Oder wie in der kleinen Nach­bar­stadt Ostritz es nur eine Familie gibt, die „immer höflich grüßt“.

Ostritz wurde ja in den vergan­genen Jahren bekannt, weil dort Neonazis Hitlers Geburtstag in einem Hotel feierten. Weniger bekannt ist dagegen, dass die Mehr­heit der Einwohner eine Gegen­feier für Tole­ranz und Mitein­ander orga­ni­sierten. Wobei auch AfD-Wähler dabei waren.

„Das Land, das ich nicht kenne“, Quelle: fremdland.org, Foto: © Felix Kriegs­heim

„Ausländer werden hier nicht gemocht, aber stören tun sie auch nicht beson­ders“, wie mir eine Gruppe von sport­li­chen Jugend­li­chen auf einem selbst­ge­bauten Skater­platz versi­chern. Nur plötz­lich bricht es aus einem der Jungs heraus:

„Wenn diese Typen denken, sie können mit unseren Mädels so etwas machen wie mit denen in Köln damals, dann brennt hier aber die Hütte“. Er kriegt sich vor aufstei­genden Hass­ge­fühlen kaum wieder ein. Die anderen Jungs igno­rieren seinen Wutaus­bruch. Schon bald sind sie schon wieder auf ihren Renn­rä­dern und Skate­boards auf der Rampe.

Warum mich ausge­rechnet Zittau so inter­es­siert?

Es gibt doch die Orte, wie Bautzen oder Hoyers­werda, wo die ‚Hütte schon brannte‘. Wo ich Neonazis offen auf der Straße so selbst­ver­ständ­lich spazieren gehen gesehen habe wie Punks in Berlin Kreuz­berg und Ottensen in Hamburg. In Zittau habe ich nicht einen Neonazis gesehen. Es gibt keine Gewalt gegen Migranten. Die Kell­ne­rInnen in den Cafes sind sehr bemüht freund­lich, wenn ich dort mit einem der afri­ka­ni­schen Jungs sitze. Sie fragen mich immer sehr höflich, ‚was er denn bestellen möchte‘.

In dieser Ratlo­sig­keit traf ich hier auf einen Kick­boxer, eine Tier­pfle­gerin und die kleine Stadt Hagen­werder mit 700 Einwoh­nern, die mein „säch­si­sches Leben“ auf den Kopf stellten. Doch davon später mehr in meinem Tage­buch …

(Tage­buch­ein­trag vom 25. Mai 2018)

Alfa spricht mit Emma und Ali mit einem Baum

Mittags

Ich versuche vergeb­lich, die Tier­pfle­gerin im Zoo anzu­spre­chen. Immer wieder verschwindet sie dort, wo ich nicht hin kann. Ich habe das Gefühl, dass beson­ders die Kamele meine Versuche spöt­tisch verfolgen.

Als ich sie dann zufäl­liig an der Kasse abpassen konnte, scheint sie sehr erschro­cken. Ein Gespräch müsse erst mit der Zoolei­tung abge­spro­chen werden.

Am frühen Abend

Ali und ich sitzen im Cafe der Hille­ri­schen Villa. Ich trinke Bier. Ali entscheidet sich für eine Limo­nade. Das ist dann „näher dran an Ramadan.

Ali erzählt mir folgende Geschichte:

„Ich war im Wohn­heim in Hirsch­felde. Wir waren zehn Jungs, aber niemand hat mitein­ander geredet. Wir kannten uns nicht. Eine Woche lang war ich in meinem Zimmer. Im Zimmer, in der Küche und Toilette. Dann wieder im Zimmer.

„Das Land, das ich nicht kenne“, Quelle: fremdland.org, Foto: © Felix Kriegs­heim

Danach wollte ich raus­kommen. Ich wollte an die frische Luft. Ich wollte den Himmel sehen. Ich wollte was anderes sehen.
Da habe ich gesehen, dass es um uns herum nur Bäume gibt. Wenn man auf der Straße steht, kommt viel­leicht nach drei Stunden ein Auto vorbei. Da war eine lange Straße, die nach Ostritz führt. Man kann auf ihr Fahrrad fahren, rennen und laufen.
Ich bin auf dieser Straße gerannt und wollte das Ende sehen. Aber drei Minuten: Bäume. Zehn Minuten Bäume. 40 Minuten Bäume. Außer den Bäumen habe ich nichts gesehen.

Diese Straße wurde zu meiner Lieb­lings­straße, zu meiner Sport­straße. Meine ,Allein-Zeit Straße‛. Wenn ich weinen wollte, war ich auf dieser Straße. Immer wenn ich nervös und unruhig wurde, lief ich durch diese Straße. Und es waren immer nur Bäume dort.

Und man beginnt mit den Bäumen zu reden.
Ich bin allein hier. Was soll ich machen?

Ich habe zwischen den Bäumen gestanden und geweint, weil ich allein war. So habe ich mit den Bäumen ange­fangen zu reden. Ich war sehr wütend und nervös.  Ich habe sie immer wieder gefragt, warum ich hier allein bin. Warum kann keiner mit mir reden? Warum kann keiner meine Sprache? Ich wusste auch nicht, dass es Zittau gibt oder den Olbers­dorfer See.

Dann habe ich Tobias kennen­ge­lernt. Er war Betreuer. Er war auch ein Renner. Dann sind wir zusammen im Wald gerannt.

Es ging auch den anderen Jungs so. Später haben wir immer wieder Spaß gemacht: ,Wir haben viele neue Freunde hier gefunden. Das sind die Bäume‘.“

(Tage­buch­ein­trag vom 23. Mai 2018)

Zum Weiter­lesen: fremdland.org

Premiere: „Das Land, das ich nicht kenne“ am 03.10.2018 am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau

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