Das Glück ist nicht immer lustig: Paare aus zwei Kulturen

Grenzen haben sich geöffnet, Gesellschaften haben sich internationalisiert, die sozialen Schichten aber schotten sich neuerdings rigoros voneinander ab. Bi-kulturelle Paare werfen da die Frage nach Gleichheit und Ungleichheit, nach Zugehörigkeit auf. Ihr Verdienst: Sie verweigern den Eindeutigkeitszwang aller Identitätsforderungen.



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In der Bundesrepublik Deutschland hat sich die Zahl der „gemischten Paare“ im Zeitraum von 1996 bis 2018 von 723.000 auf 1,5 Millionen mehr als verdoppelt. Das ist die Einwohnerzahl einer Stadt wie München. Man kann also mit Fug und Recht sagen, dass die deutsche Gesellschaft sich nachhaltig internationalisiert hat. Die Zunahme solcher „gemischter Paare“ ist weltweit zu beobachten, in den Vereinigten Staaten ebenso wie in China. Hinter den Zahlen spielt sich eine große, bewegende Emanzipationsgeschichte ab: Alterität, die – aus Intimität geboren – öffentlich verhandelt wird. Wer darf dazugehören, wer nicht und aus welchen Gründen?

In die richtige Tradition einheiraten

Es war kein Geringerer als Alexis de Tocqueville, der im fünften Buch seines Werks Der alte Staat und die Revolution feststellte, dass nichts so gut Aufschluss über die Schichtungen und Aspirationen einer Gesellschaft gebe wie die Zusammensetzung der Ehen. So beobachtete er, dass auch Jahrzehnte nach der Großen Revolution die Nachkommen der alten vorrevolutionären Eliten sorgfältig darauf bedacht waren, nicht in jene Familien einzuheiraten, die erst nach der Revolution zu Macht, Vermögen und Ansehen gekommen waren. Das Heiratsverhalten war also ein genauer Indikator gesellschaftlicher Normen, zugleich auch ein höchst wirksamer Faktor, indem es gesellschaftliche Trennlinien in Gegenwart und Zukunft fortschrieb – oder aber gerade im Gegenteil mit hergebrachten Einstellungen brach und damit ein Signal an ganze Gesellschaften aussandte. Die Auflösung der ständischen Heiratsordnungen im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts legt Zeugnis davon ab.

Da es hier um Gleichheit und Differenz im Innersten einer Gesellschaft geht, ist besonders die Demokratie durch die „gemischten Paare“ herausgefordert. Einer teilt, so der Verdacht, nicht die fundamentalen Loyalitäten seines Partners und verfolgt fremde Interessen, bleibt also seiner Herkunft verhaftet. Man denke nur an die Debatten über Parallelgesellschaften und Ehrenmorde. Dieser Verdacht war schon in der Antike ein Leitmotiv, als Perikles mit seinem Bürgerschaftsgesetz im Jahr 450/51 die lokale Abstammung als entscheidendes Kriterium für die Zugehörigkeit zur Bürgerschaft Athens einführte: Nur wenn beide Eltern geborene Athener waren, sollten ihre Kinder auch als vollwertige Bürger Athens anerkannt werden. Die (Nach-)wirkungen waren ungeheuer, nicht zuletzt weil das Gesetz die wirtschaftlich vorteilhaften Heiratsallianzen nach Kleinasien und übers Schwarze Meer für die begüterten Adelsgeschlechter politisch uninteressant machte. Regionale Abstammung ist seit dieser Zeit ein formelles Kriterium für Zugehörigkeit – und wird immer wieder zum Ausschluss ganzer Gruppen oder Einzelner benutzt.

Uran und Menschenrechte

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Engländerin Ruth Williams und Seretse Khama schmerzlich erfahren, wie eine Mischung aus rassistischen Vorbehalten und politischen Opportunitätsmotiven ihre Verbindung fast verhindert hätte. Sie war Tochter eines pensionierten Kolonialbeamten und Angestellte bei der Versicherungsgesellschaft Lloyds, er stammte aus dem afrikanischen Adel, studierte Rechtswissenschaften in London und wurde später erster Präsident der Republik Botswana. In einem abenteuerlichen Wettlauf gegen die Zeit gelang es ihnen, im Jahr 1948 in London standesamtlich zu heiraten, obwohl das britische Außenministerium und auch die anglikanische Kirche alles in Bewegung gesetzt hatten, dass es nicht zu dieser Trauung kam. Dabei hatte im selben Jahr auch Großbritannien die von den Vereinten Nationen verkündete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet und somit die freie Wahl des Ehepartners, unabhängig von Herkunft und sozialem Status, zu schützen versprochen.

Die massiven Schikanen, die die beiden durch die britische Regierung zu erdulden hatten, führten dazu, dass sich international zahlreiche Unterstützungskomitees bildeten und es zu einer weltweiten Mobilisierung gegen Rassismus kam. Der Protest vor allem in den Commonwealth-Ländern, aber auch in den USA gegen die Verbannung Seretses aus seinem Heimatland und gegen die Behandlung von Ruth und Seretse durch die britische Politik markierte den Beginn einer neuen Ära. Zwar gab es in Großbritannien und im ganzen Commonwealth keine gesetzlichen Beschränkungen von „gemischten Paaren“; aber man meinte, in diesem Fall aus politisch-taktischen Gründen Rücksicht auf das Apartheidregime in Südafrika nehmen zu müssen, das über große Uranvorkommen verfügte und damit für die britische Atombewaffnung zu Beginn des Kalten Krieges ein wichtiger Rohstofflieferant war.

The Wind of Change

Zugleich aber wuchs bei der britischen Regierung angesichts der einsetzenden Unabhängigkeitsbewegungen in den einstigen Kolonien die Sorge um die propagandistischen Effekte ihrer eigenen Politik. Vor allem wollte man der Sowjetunion keine Gelegenheit für Negativpropaganda liefern. Denn nun standen solche Staaten in der Kritik, die von Vermischung nichts wissen wollten und aus welchen Gründen auch immer „gemischte Paare“ nicht tole­rierten. Das machte auch in London beim neuen Premier Anthony Eden Eindruck. Und so wurde Seretse und Ruth im Jahr 1956 schließlich die Rückkehr nach Betschuanaland erlaubt, das als Republik Botswana in den folgenden Jahrzehnten eine afrikanische Erfolgsgeschichte schrieb. Diese neue Haltung verwies schon auf eine neue Politik, wie sie Premierminister Harold Macmillan in seiner Rede im Jahr 1960 in Kapstadt ankündigte.

Bis zum Ende der sechziger Jahre gab es dann in weiten Teilen der Welt tatsächlich keine offizielle Gesetzgebung mehr gegen „gemischte Paare“ – in religiös geprägten Staaten wird allerdings nach wie vor rigoros die Konversion des ‚fremden‘ Partners gefordert. In den Vereinigten Staaten sorgte ein Urteil des Obersten Gerichtshofs im Fall Loving vs. Virginia im Jahr 1968 dafür, dass Ehen zwischen Weißen und Schwarzen, überhaupt alle „gemischten Ehen“ im ganzen Land erlaubt wurden. Der Tag des Urteilsspruchs, der 12. Juni, wird heute als loving day auch von der LGBTQ-Szene gefeiert, die unter Berufung auf das Urteil von 1968 schließlich im Juni 2015 das Recht zur gleichgeschlechtlichen Ehe erstritt.

Eine tragisch gescheiterte Emanzipationsbeziehung wie die zwischen der deutschen Jüdin Ottilie Davida Assing, einer engagierten Journalistin und Schriftstellerin, die mit den Varnhagens verwandt war, und dem prominenten afro-amerikanischen Bürgerrechtler Frederick Douglass zeigt aber auch, wie voraussetzungsreich die gemeinsame Überwindung solcher Marginalisierung war. Respektabilität war für Frederick Douglass ein wichtiger Gesichtspunkt als führender schwarzer Abolitionist und so verließ er seine Frau nicht, um mit Ottilie zusammenzuleben. Für Ottilie aber zählte eine ganz andere Haltung: Gerade ihr Außenseitertum befeuerte ihren Elan, ihren Enthusiasmus und ihre Kreativität. Aus diesem Grund verletzte sie die Konventionalität von Frederick Douglass abgrundtief: Er hätte sie nach dem Tod seiner Frau heiraten können, zog stattdessen aber eine jüngere weiße Bürgerrechtlerin vor. Ottilie verließ die USA, zog nach Paris, wo sie schließlich Selbstmord beging.

Die neuen Zyklopen

Dennoch ist das „Für-sich“ und „Unter-Sich-Bleiben“ von einst heute wieder eine gängige soziale Haltung, taucht allerdings in neuer Form zweifach auf. Diese neue Abschottung ist nicht gesetzlich bestimmt, sondern gesellschaftlich: Sie richtet sich einerseits gegen Menschen, die von außerhalb kommen, Geflüchtete in der Regel – und gegen alle, die sie aufzunehmen bereit sind. Diese aggressive Abschottung mitsamt ihren ethnischen und sozialen Reinheitsvorstellungen suggeriert, dass so etwas wie Zivilisation ohne kulturellen Austausch und ohne „Vermischung“ möglich sei, dass man prinzipiell die anderen nicht brauche, ja, ohne sie besser zurechtkomme. Es ist offensichtlich, dass davon keine Rede sein kann, weder heute noch früher. Solche Haltung, die an die Selbstisolierung der Zyklopen in der Odyssee erinnert, ist ein sozial-psychologischer Abwehrreflex angesichts einer Realität, die durch starke Internationalisierung der Gesellschaften weltweit gekennzeichnet ist.

Abschottung findet aber auch mehr und mehr innerhalb der sozialen Schichten statt: Ein closing, das nach Jahrzehnten einer Politik der Öffnung und geförderter Chancengerechtigkeit merkwürdig anmutet. Man heiratet seit mehr als zwanzig Jahren sozial gesehen in der Regel unter Gleichen – und das ganz ohne Vorschriften: Geld zu Geld und auch Bildung und Besitz finden zueinander. Das liegt vor allem daran, dass Frauen in den vergangenen Jahrzehnten trotz aller fortbestehender Diskriminierung auf bestimmten Feldern des Arbeitsmarktes sowie bei Bildung und Besitz aufgeholt haben – und sich damit die Chancen des Zusammentreffens auf Augenhöhe innerhalb ein und derselben Schicht drastisch erhöhen.

Die Frage ist, was unter diesen Umständen die wachsende Zahl „gemischter Paare“ politisch und kulturell eigentlich bedeutet – und ob sie überhaupt etwas bedeutet angesichts der beiden oben benannten Tendenzen zur partiellen gesellschaftlichen Abschließung. Ist die wachsende Zahl der „gemischten Paare“ ein Anzeichen für wachsende Toleranz und größere Selbstverständlichkeit des Multikulturellen?

Die letzten Helden?

Es soll nicht das Binnenverhältnis dieser Paare beleuchtet werden, wie von Seiten der Ethnologie sowie der Sozialpsychologie vielfach geschehen, mit Fragen nach der Vereinbarkeit unterschiedlicher kultureller Prägungen im weitesten Sinn. Stattdessen drehen wir uns um und richten den Blick auf die Gesellschaften selbst. Bislang gab es keine Gleichheit, auch nicht unter Paaren, ohne dass gesagt worden wäre, wer – aus welchen Gründen auch immer – nicht gleich sei, nicht gleich sein könne und auch nicht dürfe. Wenn es offensichtlich Unterschiede gibt, Unterschiede, die durch Zuwanderung heute mehr denn je so präsent sind, dann ist die Frage, die sich lange hinter dem Gleichheitspostulat stumm versteckt hielt, wieder sehr deutlich vernehmbar: Wie lässt sich mit diesen Unterschieden so umgehen, dass sie nicht als Bedrohung empfunden werden müssen, sondern als Chance für die Gesellschaft gesehen werden? Und was ist die Gleichheit der einen gegen die Ungleichheit der anderen, die von Fall zu Fall bestimmt wird?

In dieser Lage sind die „gemischten Paare“ eine Probe auf die Möglichkeiten im Innersten der Gesellschaften. In einer Zeit, die viel Radikalismus aller Art hervorbringt, in der Hass und Dummheit sich rabiat Gehör verschaffen, praktizieren die „gemischten Paare“ den sanften Radikalismus der Liebe. Es wirkt auf den ersten Blick wie schlechter Romantizismus, tatsächlich aber scheinen die „gemischten Paare“ noch am ehesten der Logik der sozialen Homogamie und der Identitätspolitik zu entkommen, weil sie am Ende doch das Risiko des Unbekannten, Anderen eingehen – selbst bei scheinbarer sozialer und sonstiger Gleichheit. Die Paare, die alle bürokratischen Hürden gemeinsam überwinden, die Missverständnisse untereinander und die Ablehnung anderer aushalten, sehen sich oft zwischen allen Stühlen, wenn sie ihre ‚eigentliche‘ Zugehörigkeit, ihre Loyalität zur „Mehrheitsgesellschaft“ zu erkennen geben sollen. Wenn sie integrativ wirken, dann durch ihr sichtbares Beisammensein, durch ihre eigene Selbstverständlichkeit. Und durch ihre Kinder, in denen vereint ist, was als unvereinbar betrachtet wurde.

 

Im letzten Jahr erschien von Michael Jeismann „Die Freiheit der Liebe. Paare zwischen zwei Kulturen. Eine Weltgeschichte“ (C. Hanser Verlag, München).