Der Pianist Igor Levit hat nach dem 7. Oktober 2023 ein Album mit Aufnahmen von Felix Mendelssohn Bartholdys Klavierstücken Lieder ohne Worte veröffentlicht. Das ganze Ausmaß der Gewalt der Hamas ist unterdessen bekannt; der Krieg in Gaza mit seinen publizistischen und politischen Verwerfungen auch in Nordamerika und Europa dauert an. Die musikalische Antwort wirkt deshalb adäquat. Wurde nicht schon zu viel geredet? Wurden nicht schon zu viele Worte gebraucht?
Am 2. März 2024 griff ein 15-Jähriger in Zürich auf der Straße einen durch seine Kleidung als orthodoxen Juden erkennbaren Mann mit einem Messer an und verletze ihn schwer. Der Jugendliche sei durch islamistische Ideologie radikalisiert worden und habe bei seiner Tat „Allahu akbar“ und „Tod allen Juden“ gerufen. Die arabische Anrufung Gottes wurde auch von den Hamas-Terroristen bei ihren Verbrechen missbraucht. Letzterer Ausruf ist in Europa spätestens seit der Dreyfus-Affäre in den 1890er-Jahren in Frankreich populär, kurz nach dem 7. Oktober wurde er in Zürich (orthografisch inkorrekt) im Kreis 7 von Unbekannten an die Wand eines Schulhauses gesprayt. Dass aus Worten Taten werden, konnte leider kaum überraschen. Wir wissen seit langem, dass die Dynamik der entgrenzten und entgrenzenden Rede zu realer Gewaltbereitschaft und schließlich zu Gewalt führt. Mit einem Blick auf die jüdische Geschichte kann man davon ausgehen, dass durch Worte geäußerte Absichten irgendwann von irgendwem auch realisiert werden.
Zwar ist die Massivität des Angriffs von Zürich neu für die Schweiz, doch in einem europäischen Umfeld bildet das Verbrechen nur eine Episode innerhalb einer seit Jahren andauernden Welle antisemitischer Gewalt. 2006 entführt eine Bande mit islamistischen Motiven in Paris einen 23-jährigen jüdischen Mann und foltert ihn über drei Wochen, bis er später an seinen Verletzungen stirbt. 2012 schießt ein Islamist in Toulouse auf eine jüdische Schule und tötet einen Lehrer sowie drei kleine Kinder, ein 17-Jähriger wird schwer verletzt. 2014 überfallen drei junge Männer ein junges jüdisches Paar in dessen Wohnung im Pariser Vorort Créteil und vergewaltigen die 19-jährige Frau. 2014 werden bei einem Anschlag auf das jüdische Museum von Belgien in Brüssel vier Menschen erschossen. 2015 ermorden Terroristen parallel zum Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in einem koscheren Supermarkt an der Porte de Vincennes vier Menschen und nehmen weitere als Geiseln. 2017 bricht ein Mann in die Pariser Wohnung der pensionierten jüdischen Ärztin Sarah Halimi ein, misshandelt sie unter „Allahu akbar“-Rufen und wirft sie aus dem Fenster im dritten Stock. Nur wenige Monate später ersticht ebenfalls in Paris ein junger Mann die 86-jährige Holocaustüberlebende Mireille Knoll. 2018 stürmt ein Neonazi die Tree of Life-Synagoge in Pittsburgh im US-Staat Pennsylvania, ermordet elf Menschen beim Gottesdienst, sechs werden verletzt. Im ostdeutschen Halle versucht ein Neonazi am Jom Kippur 2019 in die Synagoge einzudringen, um ein Gemetzel anzurichten, scheitert jedoch und erschießt wahllos zwei Menschen auf der Straße.
Worte zählen
Dies ist nur eine Auswahl der gravierendsten antisemitisch motivierten Verbrechen, die öffentliches Entsetzen ausgelöst haben. Wenn sie nicht heruntergespielt oder als Auswüchse der Einwanderungsgesellschaft markiert werden, wird dabei von liberaler und linker Seite oft behauptet, solche Angriffe bedrohten ,uns alle‘ oder seien gegen ,unsere‘ Gesellschaft gerichtet; zudem wird reflexhaft immer von ,Rassismus und Antisemitismus‘ gesprochen. Diese Universalisierung verdeckt, dass antisemitische Gewalt sich eben nicht gegen alle, sondern spezifisch gegen Jüdinnen und Juden richtet, auch wenn Antisemiten – seien es weisse Neonazis oder Islamisten – oft auch noch andere Feindbilder haben.
Um ihn wirksam zu bekämpfen, muss dieser Antisemitismus öffentlich adressiert, ja eine Öffentlichkeit erst hergestellt werden. Dabei spielen Worte eine wichtige Rolle. Denn in der obigen Aufzählung des Schreckens nicht genannt sind die unzähligen verbalen Pöbeleien, Bedrohungen und Übergriffe, die tagtäglich etwa an Schulen stattfinden und die meistens kaum den Weg in die Medien finden. Unter Jugendlichen in Westeuropa, auch in der Schweiz, gilt das Wort ,Jude‘ zum Teil als Schimpfwort, die damit Bezeichneten werden damit abgewertet und potenziell bereits zu Opfern gemacht.
Im Hintergrund stehen dabei sehr alte antijüdische Stereotype – so gingen etwa die Täter von Créteil 2014 davon aus, bei den Juden Geld zu finden –, aber auch die schon seit Jahrzehnten virulente Idee, dass alle Jüdinnen und Juden für das Elend der Palästinenser:innen verantwortlich seien und deshalb legitime Ziele in einem imaginären ‚Befreiungskampf‘ darstellten. Bereits 2002 wurden in Frankreich im Zuge von Demonstrationen gegen Israel auch Synagogen (etwa in Lyon) angezündet; nach dem 7. Oktober 2023 sind solche Angriffe in Europa alltäglich. Bei einer „Pro-Palästina“-Demonstration in London im November wurden beispielsweise jüdische Familien beim Verlassen einer Synagoge von Demonstrant:innen bedroht und bedrängt.
So mag auch der Slogan „From the River to the sea Palestine will be free“ verschiedene Bedeutung haben und je nach Kontext tatsächlich nur eine Solidarisierung mit dem legitimen politischen Kampf der Palästinenser:innen für Unabhängigkeit meinen. Doch spätestens seit dem 7. Oktober ist er in den Worten der Historiker Amos Goldberg und Alon Confino eben auch „unmittelbar Ausdruck der Unterstützung von massenhaften Grausamkeiten, von Massakern, Geiselnahmen und Vergewaltigungen.“ Als solcher stellt der Slogan eine Bedrohung dar, es sind Worte, deren mögliche grauenhafte Umsetzung keine reine Fantasie ist. Die Realität dieser Bedrohung durch Worte für Jüdinnen und Juden öffentlich anzuerkennen ist ebenso notwendig wie die Anerkennung des Rechts auf Meinungsfreiheit und Anerkennung von Diskriminierungserfahrungen anderer Minderheiten, die sich zum Teil ebenfalls in Worten kristallisieren (etwa dem N-Wort).
Warum gelingt es der politischen Rechten, den US-Republikanern und den europäischen Rechtspopulisten so leicht, das Wort ,Antisemitismus‘ zu instrumentalisieren und die Unterstützung der nationalistisch-messianischen Politik der israelischen Regierung mit ihrer faschistoiden Agenda zu verbinden? Die Antwort ist, dass eine progressive Öffentlichkeit zwar Rassismus ablehnt und zunehmend sensibel für Diskriminierungen aller Art ist, sich jedoch schwertut, jüdische Identität mit ihrer charakteristischen Verbindung von religiösen und kulturell-ethnischen Elementen als eine Minorität mit postmigrantischen Bedingungen und ihren Traumatisierungen anzuerkennen. Israel mag eine Militärmacht sein, aber die Familiengeschichte der in diesem Staat lebenden Jüdinnen und Juden beginnt meistens im Iran, den arabischen und nordafrikanischen Ländern, wo sie nach 1948 gewaltsam vertrieben wurden, in Äthiopien oder Osteuropa; die französischen Jüdinnen und Juden haben oft Wurzeln im Maghreb; in Deutschland bestehen die jüdischen Gemeinden fast ausschließlich aus Menschen aus dem postsowjetischen Raum.
Die Verletzlichkeit dieser sehr diversen postmigrantischen Bedingung wird aber gerade im identitätspolitisch sensiblen Teil der westlichen Linken zu oft ignoriert. Jüdinnen und Juden gelten als reiche, privilegierte Weisse, die erst als Juden anerkannt werden können, wenn sie sich von ihrer potenziellen Komplizenschaft mit einem vermeintlich ,kolonialen‘ Staat lossagen. Der britische Komiker und Autor David Baddiel spricht 2021 in einem vielbeachteten Buch von einer „Hierarchie der Rassismen“, die Jüdinnen und Juden nicht dieselbe Verletzlichkeit zuspricht wie anderen Minoritäten: „Jews don’t count – nowhere to go. And: very many Jews are themselves progressives. […] Progressive Jews […] who would never want in any way to minimize the struggle of other minorities, are cowed from talking about their sense of not being cared for by their own comrades because of this. They feel cast out and alienated […].“
Jüdische Identität und Öffentlichkeit
Die Desavouierung progressiver Jüdinnen und Juden durch ihre vermeintlichen Verbündeten hat eine lange Tradition. Diese beginnt vielleicht mit dem Grossvater des eingangs genannten Komponisten Mendelssohn Bartholdy, dem Philosophen Moses Mendelsohn. 1770 forderte der Zürcher Pastor Johann Caspar Lavater Mendelssohn in einer Widmung öffentlich auf, zum Christentum überzutreten oder die Gründe darzulegen, dies nicht zu tun. Mendelssohn wurde also – wie er sich ausdrückte – wider Willen „auf einen öffentlichen Kampfplatz“ geführt und als verstockter Jude vorgeführt. Seine diplomatische Antwort bestand zum einen in der Feststellung, dass er wohl kaum mehr am strengen Gesetz einer verachteten Religion festhalten würde, „wenn ich nicht im Herzen von ihrer Wahrheit überzeugt wäre.“ Zum anderen stellte Mendelssohn diese Wahrheit als eine dar, die im Kern allen Religionen gemeinsam sei. Deshalb anerkenne er Andersgläubige als Gesprächspartner in einem rationalen Diskurs, ohne sie von seiner eigenen Religion überzeugen zu wollen (eine Aussage, die natürlich implizit gegen Lavaters Zumutung gerichtet war). Vor allem aber habe er „das Glück, so manchen vortrefflichen Mann, der nicht meines Glaubens ist, zum Freunde zu haben.“
Mit diesem Satz meinte Mendelssohn vor allem seinen Freund Gotthold Ephraim Lessing. Dieser hatte in den Worten Hannah Arendts mit Nathan der Weise „das klassische Schauspiel der Freundschaft“ vorgelegt. Lessing und Mendelssohn gingen beide davon aus, dass Öffentlichkeit durch den Austausch rationaler Argumente verfasst wird – eine Dynamik, die durch Freundschaft ebenso ermöglicht wird, wie sie diese erst stiftet. Gegenseitige Anerkennung beruht in diesem aufgeklärten Verständnis also auf der Perspektive, dass man in der Öffentlichkeit als rational denkendes Wesen, Freund und Mensch auftritt, die Identität als Christ oder Jude dagegen eine private Angelegenheit darstellt. Dieses Denken findet seinen klarsten Ausdruck in Nathan der Weise, als Nathan dem christlichen Tempelherrn die rhetorische Frage stellt: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, / Als Mensch?“
Nathans Menschlichkeit und versöhnliche Weisheit erscheint nicht erst heute stereotyp. Denn im Verlauf des Stücks erfahren wir, dass Nathan vor Jahren verheiratet und Familienvater gewesen sei, doch seien seine Frau mit „sieben hoffnungsvollen Söhnen“ bei einem Pogrom durch Christen verbrannt worden. Zwar habe er drei Tage lang „den unversöhnlichsten Hass“ gespürt, bevor ihn die „Vernunft“ wieder besänftigt habe. Dass die berühmteste jüdische Figur der deutschen Literatur diese Geschichte nur knapp äußert, ohne dass sie Konsequenzen für die Handlung hätte, ja dass Nathan sein Trauma nur nebenbei in Worte fasst und öffentlich allen die Hand zur Freundschaft reicht, kann als Illustration dafür dienen, was von Jüdinnen und Juden bis heute erwartet wird.
Nicht einlösen wollte diese Erwartung Hannah Arendt, als sie 1959 den Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg zugesprochen bekam. Sie – die 1940 in letzter Minute aus Frankreich in die USA flüchten und so überleben konnte – reiste mit gemischten Gefühlen nach Deutschland, wo sie ihre Ehrung vermutlich in Gegenwart von Ex-Nazis und Mitläufern feiern musste. Arendt hatte also wie Mendelssohn das Problem der toxischen Widmung zu lösen. Allerdings löste sie es auf eine ganz andere Weise. Nach der Shoah und dem Zweiten Weltkrieg sah sie die Ideale der Aufklärung nur noch als „Trümmerfeld“ hinter sich, wie sie in ihrer Preisrede schreibt.
Den Bezug auf eine abstrakte Menschlichkeit hielt Arendt „für ein groteskes und gefährliches Ausweichen vor der Wirklichkeit“, denn ihre Wirklichkeit sei davon geprägt, dass „der Raum des Öffentlichen sich verdunkelt“ und Worte wie Menschlichkeit oder Freundschaft zu Phrasen verkommen seien. Den Diskriminierten und Verfolgten, so Arendt, komme die Welt abhanden. Die einzige Form, wie sie überhaupt noch an der Öffentlichkeit partizipieren könnten, bestehe in der Anerkennung eines politischen Zwangs, nämlich die ihnen von Außen auferlegte Identität als eigene zu akzeptieren und sich anzueignen. „Leider gilt hier der an sich so einfache und doch gerade in Zeiten der diffamierenden Verfolgung so schwer verständliche Grundsatz, dass man sich immer nur als das wehren kann, als was man angegriffen wird.“
Bedrohungen benennen
Für Arendt bestand die Strategie also gerade nicht darin, ihre Diskriminierungserfahrungen als gegen die Menschlichkeit gerichtet oder als ,gegen uns alle‘ darzustellen und so als eine weibliche Wiedergeburt Nathans aufzutreten. Vielmehr nahm sie das Wort auf, mit dem sie zur Vernichtung markiert worden war – eine Jüdin – um als Jüdin in der Öffentlichkeit ihre Stimme zu erheben. Wohl aus einem ähnlichen Gedanken heraus stellt das Albumcover von Igor Levits Interpretationen der Lieder ohne Worte eine Hand dar, die einen Magen David (einen Davidsstern) hält. Levit tritt als Jude in die Öffentlichkeit, um mit seinen Liedern die gegen ihn als Jude gerichtete Bedrohung zu benennen.
Antisemitismus fängt nicht bei einem gezückten Messer an, so wie er nicht erst an der Rampe in Auschwitz begann, sondern mit dem fehlenden Bewusstsein für eine spezifisch gegen Jüdinnen und Juden gerichtete Gewalt, die zunächst als verbale Bedrohung auftritt. Eine Parole wie „Tod den Juden“ bedroht nicht alle, sondern potenziell alle Jüdinnen und Juden, seien sie traditionell orthodox, liberal, atheistisch oder etwa zum Buddhismus übergetreten, seien sie Unterstützer der Regierung Netanjahus oder überzeugte Linke. Wenn sich der öffentliche Raum, heute vor allem der digitale Raum, im Sinne Arendts „verdunkelt“, dann gibt es für eine mögliche Aufhellung dieser Öffentlichkeit längerfristig nur die Chance, das Gewicht solcher Worte anzuerkennen.
