• Daniel-Pascal Zorn ist Philosoph und Literaturwissenschaftler. Er forscht zu reflexionslogischen Zusammenhängen von Denken, Handeln und Rechtfertigung. Als Sachbuchautor veröffentlichte er 2017 „Logik für Demokraten“ und (mit Leo und Steinbeis) „Mit Rechten reden“. Aktuell bereitet er ein Buch vor zur Rezeption der Phänomenologie in der französischen Philosophie.

Ein Gespenst geht um in Europa und in den USA. Es ist das Gespenst der post­mo­dernen Philo­so­phie. Autoren wie Jacques Derrida, Michel Foucault, Gilles Deleuze und Jean-François Lyotard gelten als Zerstörer west­li­cher Werte, als Zersetzer von Wahr­heit und Ordnung. Anders als das Gespenst des Kommu­nismus ist das Gespenst der Post­mo­derne aber kein Unbe­wusstes der Gesell­schafts­ord­nung, das sich anschickt, Wirk­lich­keit zu werden. Im Gegen­teil: Es ist ein Gespenst, das man immer dann beschwört, wenn eine absurde Theo­rie­rich­tung gebraucht wird, um die eigene Posi­tion als vernünf­tigen, ratio­nalen und sach­li­chen Gegenpol darzu­stellen. Diese Simu­la­tion kriti­scher Debatte hat Tradi­tion.

Die fran­zö­si­schen Inva­soren

Als die fran­zö­si­sche Philo­so­phie sich Ende der 1980er Jahre auch in Deutsch­land verbrei­tete, zerpflückten philo­so­phi­sche Groß­meister wie Jürgen Habermas den fran­zö­si­schen ‚Rela­ti­vismus‘ noch vom Katheder aus, in Vorle­sungen, in denen zumin­dest grund­sätz­lich auf die Texte der soge­nannten ‚post­mo­dernen Philo­so­phie‘ Bezug genommen wurde. Das derzei­tige Postmoderne-Bashing orien­tiert sich dagegen vor allem an Autoren, die ihre eigenen Erfin­dungen an die Stelle dessen setzen, was sie nicht gelesen haben, und damit begründen, warum ihre Leser es auch nicht lesen müssen (entspre­chende Texte von Boghos­sian, Dawkins, Wheen sind unten aufge­führt). Ahnungs­lose erklären darin Ahnungs­losen, dass die Post­mo­derne gleich­zu­setzen sei mit kultur­mar­xis­ti­schem Rela­ti­vismus und der Lust an der Zerset­zung von allem Wahren, Guten und Schönen. Nichts könnte falscher sein.

Der Irrtum beginnt bereits dort, wo die post­mo­derne Philo­so­phie der Einfach­heit halber auf ein paar klin­gende Namen zurück­ge­führt wird. Sie klingen, weil sie zugleich für Bewe­gungen stehen, die sich später auf sie berufen haben: Karl Marx und der Marxismus zum Beispiel, oder Sigmund Freud und die Psycho­ana­lyse. Kommt die Kritik von links, werden die Verweise auf Nietz­sche und Heidegger wichtig, als Vordenker und als Vertreter des Natio­nal­so­zia­lismus. Kommt sie von rechts, wird asso­ziativ irgend­eine Verbin­dung zum eigenen linken oder libe­ralen Feind­bild herbei­kon­stru­iert, oder man deutet gleich die jüdi­sche Abstam­mung solcher zerset­zenden Autoren an. In jedem Fall ist das Muster der Kritik immer gleich: die poli­ti­sche Diskre­di­tie­rung einer Philo­so­phie auf der Basis des eigenen Feind­bildes (Belege dazu finden sich in den unten aufge­führten Texten von Pluck­rose, Gruber/Lenhard, Vašek).

Die erste Genera­tion: zu den Sachen selbst

Doch die ‚post­mo­derne‘ Philo­so­phie ergibt sich keines­wegs aus solchen simplen Abstam­mungs­li­nien. Sie ergibt sich aus einer durch­wegs kompli­zierten Ausein­an­der­set­zung einer jungen Genera­tion von Philo­so­phen nach dem Zweiten Welt­krieg mit Neuem und Altem, der Univer­sität und ihrer Lehr­tra­di­tion – und vor allem mit den großen Namen ihrer Vorgän­ger­ge­nera­tion: Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty, Jean Hyppo­lite. Exis­ten­tia­lismus, Psycho­logie und Hege­lia­nismus, alle­samt beein­flusst durch drei große Philo­so­phen aus Deutsch­land – Hegel, Husserl und Heidegger – waren die Antwort dieser ersten Genera­tion auf die fran­zö­si­sche Univer­si­täts­phi­lo­so­phie. Wissen­schafts­theorie, Neukan­tia­nismus, Carte­sia­nismus, Posi­ti­vismus hatten Frank­reich fest im Griff. Abstrakte, welt­fremde Theorie, gegen die Sartre und Co. eine neue, konkre­tere, poli­ti­schere und welt­zu­ge­wand­tere Philo­so­phie vertreten wollten.

Simone de Beau­voir, Jean-Paul Sartre, Quelle: accordphilo.com

Diese erste Genera­tion der fran­zö­si­schen Philo­so­phie brachte frischen Wind in die Diskus­sionen. Aller­orten wurde deut­sche Philo­so­phie gelesen. Doch diese Lektüre diente vor allem dem eigenen philo­so­phi­schen Inter­esse, sie entnahm den Texten das, was man brauchte. Wenn man über­haupt von einer Stim­mung theo­re­ti­scher Belie­big­keit in Frank­reich spre­chen kann, dann war es diese Zeit vor dem Zweiten Welt­krieg. Diese Belie­big­keit war dabei nicht satt und selbst­zu­frieden, es handelte sich eher um eine Atmo­sphäre der Montage und der Anwen­dung, der theo­re­ti­schen Schrau­berei gegen verkrus­tete univer­si­täre Insti­tu­tionen.

Die Kritik von Sartre, Merleau-Ponty & Co. rich­tete sich gegen über­kom­mene, fest­ge­legte Bilder von Mensch und Welt, Politik und Gesell­schaft. Eine Bewe­gung, die ihre Vorgänger als konser­va­tive Tradi­tio­na­listen betrachtet – die ewige Dialektik von Auto­rität und jugend­li­cher Rebel­lion. Und doch lag in ihr selbst etwas Insti­tu­tio­na­li­sie­rendes, nicht nur ein Wille zu einer neuen Kultur, sondern auch zu einer neuen Wissen­schaft. Der Mensch, die Gesell­schaft, die Kultur – all das musste besser und ange­mes­sener gedacht werden. Natür­lich gab es Provo­ka­tionen, aber sie grün­deten auf philo­so­phi­schen und psycho­lo­gi­schen Theo­rien, die erklären und aufklären wollten.

Die zweite Genera­tion: auf verlo­renem Posten

So fand die zweite Genera­tion, die den Zweiten Welt­krieg als Schüler erlebt hatte, die Rebel­lion ihrer Vorgänger dann auch genau in derselben Posi­tion, gegen die sich diese erste Rebel­lion gerichtet hatte: Die deut­sche Philo­so­phie und Psycho­logie, die man gegen den Wissen­schafts­glauben und die Wissen­schafts­theorie des ausge­henden 19. Jahr­hun­derts gerichtet hatte, war für Foucault, Derrida & Co. selbst zur neuen wissen­schaft­li­chen Auto­rität geworden. Weil diese Auto­rität aber den Menschen an seiner Exis­tenz und seiner psychi­schen Verfasst­heit, an seinen Erzäh­lungen und seiner Sprache fest­machte, weil sie Kritik war, die zur konsti­tu­tiven Grund­lage geworden war, fand diese neue, junge Genera­tion von fran­zö­si­schen Akade­mi­kern für ihre eigene Rebel­lion keinen Halt mehr. Wo immer sie Kritik übten, schien sie das, wogegen sie Kritik übten, bereits einge­holt zu haben.

8. Februar 1971: Foucault verliest das Mani­fest der Groupe d’Information sur les prisons (GIP), neben ihm Sartre, im Hinter­grund Deleuze. Quelle: critical-theory.com

Das einfache Schema der rebel­li­schen Ideo­lo­gie­kritik funk­tio­nierte nicht mehr gegen Posi­tionen, die sich selbst als ideo­lo­gie­kri­ti­sche mani­fes­tiert hatten. An die Stelle theo­re­ti­scher Einsei­tig­keiten waren konkrete Begriffe vom Menschen, seiner Psyche, seiner Herstel­lung von Sinn getreten, die diffe­ren­ziert genug waren, um den Vorwurf der Einsei­tig­keit mühelos aushe­beln zu können. Für die junge Genera­tion, zu der Michel Foucault und Jacques Derrida gehörten, war die Dialektik von Auto­rität und Rebel­lion unmög­lich geworden. Ja mehr noch: Sie beob­ach­tete, dass gerade die Kritik, die sich als Diffe­ren­zie­rung gibt, als Auto­rität wesent­lich repres­siver funk­tio­nierte als die alten Auto­ri­täten. Solche Kritik inte­grierte einfach jede Gegen­be­we­gung in sich selbst, noch bevor diese sich formieren konnte.

Daraus erklären sich die Entschei­dungen, die junge Akade­miker wie Foucault und Derrida wählten, um mit diesem Problem umzu­gehen. Sie begannen erstens damit, die Texte, auf die sich ihre Vorgän­ger­ge­nera­tion berief, noch einmal zu lesen und mit der schmerz­haften und ener­vie­renden Genau­ig­keit zu lesen, die wir heute immer noch erfahren, wenn wir Foucaults penibel recher­chierte Texte zur Geschichte der Human­wis­sen­schaften oder Derridas Texte zu Husserls Philo­so­phie lesen.

Diese im besten Sinne strenge Lektüre rich­tete sich auch gegen die allzu ober­fläch­liche Aneig­nung deut­scher Philo­so­phie bei Sartre & Co. Foucault, Derrida, Lyotard, Deleuze & Co. kannten Hegel, Husserl, Heidegger so gut und so genau, inte­grierten ihre Gedanken so selbst­ver­ständ­lich, dass sie schon ihre zeit­ge­nös­si­schen Leser vor ein beinahe unlös­bares Problem stellten: Um ihre Ausein­an­der­set­zungen zu verstehen, müsste man gelesen haben, was sie gelesen haben. Aber wer sollte das leisten können?

Auf der Suche nach der verlo­renen Sprache

Zwei­tens erkannte die neue Bewe­gung, dass die akade­mi­sche Sprache, so konkret sie ihre Inhalte auch fassen mochte, selbst zur Verfes­ti­gung der zu kriti­sie­renden Struk­turen beitrug. Die ausge­feil­teste Kritik war nur so viel wert wie ihre Bereit­schaft zur Selbst­an­wen­dung. Diese Erkenntnis trug mit dazu bei, dass sich die Kritik von Foucault, Derrida, Lyotard usw. vor allem als Kritik an den Begriffen und der Art und Weise zeigte, in der Theo­rien vorge­bracht wurden. Theorie, so erkannten sie, war selbst eine Form von Praxis, eine Form, mit akade­mi­scher Auto­rität Macht auszu­üben.

Jean-François Lyotard: La Condi­tion post­mo­derne. Rapport sur le savoir (1979) (Buch­cover)

Um das effektiv kriti­sieren zu können, musste sich die Kritik nach innen wenden, imma­nente Kritik werden. Entspre­chend klein und ausge­wählt war dann aber auch der Kreis der Adres­saten dieser Texte: Er rich­tete sich an philo­so­phi­sche Freunde, etwa wenn Jacques Derrida die Descartes-Lektüre von Michel Foucault kriti­sierte, indem er minu­tiös den latei­ni­schen Text gegen Foucaults Ausle­gung verfolgte, oder wenn Foucault und Derrida den von der Phäno­me­no­logie begeis­terten Kollegen vorhielten, die Brüche und Span­nungen in Husserls Texten nicht wahr­ge­nommen zu haben. Ironi­scher­weise führte genau diese minu­tiöse Ausein­an­der­set­zung dazu, dass diese neue Form der Kritik, die zugleich gesell­schaft­lich rele­vant und akade­misch an der Spitze der Forschung sein wollte, für jeden, der nicht zufällig Hegel- oder Husserl-Spezialist war, unver­ständ­lich blieb.

Diese Unver­ständ­lich­keit wird verständ­li­cher, wenn man eine weitere Entschei­dung berück­sich­tigt, die sich aus der Proble­ma­ti­sie­rung der akade­mi­schen Sprache ergibt: Wenn bestimmte Theo­rie­formen mit dafür verant­wort­lich dafür sind, dass sich Kritik selbst abschafft und in einen selbst­zu­frie­denen Zustand gerät, muss man mit anderen Text­formen expe­ri­men­tieren. Wir finden daher bei den ‚post­mo­dernen‘ Philo­so­phen immer wieder unge­wohnte Darstel­lungs­formen, Insze­nie­rungen und Apho­rismen, Texte, die ihre Text­kom­men­tare mit enthalten, expe­ri­men­telle Schreib­weisen, die aus dem akade­mi­schen Spre­chen, das sie alle beherr­schen, auszu­bre­chen versu­chen.

Man darf darin eine Geste, einen Habitus sehen – aber es ist ein verzwei­feltes Bewusst­sein, das sie zum Ausdruck bringen. Es speist sich aus der Einsicht, die Schlie­ßung der Welt nicht aufhalten zu können. Man darf sich das ruhig sehr bild­haft vorstellen: Für die ‚post­mo­dernen‘ Philo­so­phen erscheint die allge­gen­wär­tige Theo­re­ti­sie­rung der Welt genauso proble­ma­tisch wie wir uns darüber aufregen, dass Wald und Wiese für Einkaufs­zen­tren und Park­plätze planiert werden. Nicht nur die Welt, auch der Mensch, nicht nur seine Hand­lungen, sein Innen­leben, sein gesamtes Leben wird mit Wissen darüber zuge­deckt, luft- und wasser­dicht abge­schlossen und mit wissen­schaft­li­cher Auto­rität gesi­chert.

Das Offen­halten von Möglich­keiten

Die Schlie­ßung der Welt ist kein Thema der ‚Post­mo­derne‘, sie ist ein Thema der Moderne. Wir finden sie, als Denk­figur, seit dem ausge­henden 18. Jahr­hun­dert, als Tech­no­logie und Indus­tria­li­sie­rung, globale Handels­wege und Kolo­nia­li­sie­rung sich anschi­cken, den Erdball zum Ressour­cen­lager der späteren wirt­schaft­li­chen Gewinner auszu­ge­stalten. Goethe, Hegel und Schu­bert haben die Schlie­ßung bedacht, in Texte oder Klavier­so­naten gegossen und Auswege gesucht. Die ironi­sche Romantik, ihr ‚Eska­pismus‘, ist auch von daher zu verstehen: als Versuch, der Schlie­ßung zu entkommen.

Seitdem hat diese philo­so­phi­sche Bewe­gung gegen die Tota­lität nicht aufge­hört. Man findet sie bei Marx ebenso wie bei Nietz­sche, auch Heidegger denkt sie philo­so­phisch, fordert ihre Durch­set­zung so total, dass diese Forde­rung zum Gegen­teil dessen wird, was sie fordert. Doch die ‚post­mo­derne‘ Philo­so­phie hält sich eher an Nietz­sche als an Marx oder Heidegger, sie weiß, dass eine totale Durch­set­zung der Kritik der Tota­lität zum Spie­gel­bild ihres Gegen­standes wird. Darin ist sie zutiefst konser­vativ, sie weiß sich selbst, als Kritik, auf verlo­renem Posten, weiß aber zugleich, dass jede Apoka­lyptik sich selbst verrät, weil auch sie zu einem Ende kommen will, auch wenn es ein schreck­li­ches Ende ist.

Wie jede philo­so­phi­sche Epoche, der es so geht, vom poli­ti­schen Huma­nismus der Renais­sance bis zum deut­schen Idea­lismus, denkt sie vor, für uns, für eine andere Zeit. Sie erin­nert uns an das Beste der Philo­so­phie. Welcher Zynismus also, gerade sie, die den Verlust von Welt als letzte wirkungs­voll beklagt hat, zum Hand­langer des Tota­li­tären zu machen. Welch bittere Ironie, gerade sie, die sich bewusst gegen das Zerbre­chen der Welt stemmt, zum Ahnen eines unre­flek­tierten Rela­ti­vismus zu erklären.

 

Erwähnte Texte:
Paul Boghos­sian: Fear of Know­ledge: Against Rela­ti­vism and Construc­tivism (2006).
Richard Dawkins: Post­mo­der­nism disrobed, in: Nature 394 (1998), S. 141-142.
Francis Wheen: How Mumbo-Jumbo Conquered the World: A Short History of Modern Delu­sions (2012).
Thomas Vašek: Ein tota­li­tärer Denker, in: Hohe Luft 6 (2014), S. 69-76.
Alex Gruber; Philipp Lenhard (Hgg.): Gegen­auf­klä­rung. Der post­mo­derne Beitrag zur Barba­ri­sie­rung der Gesell­schaft (2011).
Helen Pluck­rose: How French “Intel­lec­tuals” Ruined the West: Post­mo­der­nism and Its Impact, Explained (2017)
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  • Daniel-Pascal Zorn ist Philosoph und Literaturwissenschaftler. Er forscht zu reflexionslogischen Zusammenhängen von Denken, Handeln und Rechtfertigung. Als Sachbuchautor veröffentlichte er 2017 „Logik für Demokraten“ und (mit Leo und Steinbeis) „Mit Rechten reden“. Aktuell bereitet er ein Buch vor zur Rezeption der Phänomenologie in der französischen Philosophie.