Der Faschismus kommt mit vielen Eigenschaften daher. Eine besonders wichtige Eigenschaft aller historischen und gegenwärtigen Formen des Faschismus ist, dass seine Anhängerschaft unbedingt die Medien übernehmen wollen und alles tun, um in ihnen re-präsentiert zu werden.

  • Andreas Gehrlach

    Andreas Gehrlach ist Kultur- und Literaturwissenschaftler und gegenwärtig der wissenschaftliche Programmdirektor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien.

Spätes­tens seit dem Treffen in Potsdam liegt offen auf der Hand, worauf die modernen Rechten und Neofaschist:innen es abge­sehen haben: Eine Abschaf­fung rechts­staat­li­cher Prin­zi­pien zu ihren Gunsten. Gleich­zeitig sind die Zustim­mungs­werte rechter Parteien davon fast unbe­troffen. Es lohnt sich immer wieder und jetzt beson­ders, darüber nach­zu­denken, was Faschismus ist, wie er funk­tio­niert und wie er besiegt werden kann – denn er kann besiegt werden.

Viele Faschis­mus­theo­rien versu­chen, anhand einiger weniger Elemente zu defi­nieren, was Faschismus ist. Meis­tens konzen­trieren sie dabei auf bestimmte histo­ri­sche Konstel­la­tionen oder spezi­fi­sche gesell­schafts­po­li­ti­sche Eigen­schaften des Faschismus. Diese Defi­ni­tionen lassen es oft scheinen, als gäbe es den einen mono­li­thi­schen Faschismus, der immer gleich bleibt. So ein Denken über­sieht, dass die Faschismen des 20. Jahr­hun­derts histo­ri­sche Entwick­lungen durch­machten, dass der deut­sche Faschismus zum Beispiel von einer ideo­lo­gi­schen Fixie­rung auf Deutsch­land zu den Germanen und dann zu den angeb­li­chen Ariern über­ging und der italie­ni­sche Faschismus unter Musso­lini zuerst anti­mon­ar­chis­tisch und sozial einge­stellt war, aber dann zuneh­mend kapi­ta­lis­ti­sche und monar­chie­nahe Elemente betonte. Aber auch die unter­schied­li­chen euro­päi­schen Ausfor­mungen des Faschismus der 1920er und 1930er Jahre zeigen, dass es nötig ist, von verschie­denen Faschismen mit unter­schied­li­chen Kern­aspekten zu spre­chen: Der spani­sche Faschismus Francos mit seiner katho­li­schen Fixa­tion und der deut­sche, kirchen­feind­liche Faschismus unter­schieden sich in diesem wich­tigen Punkt deut­lich, und ähnliche Diffe­renzen können auch zwischen dem spät­im­pe­ria­lis­ti­schen portu­gie­si­schen Estado Novo, den ultra­na­tio­na­lis­ti­schen unga­ri­schen Pfeil­kreuz­lern und den neoliberal-bürokratischen Auto­ri­ta­rismen Südame­rikas der 1960er und 1970er Jahre gezogen werden – und doch trifft auf alle diese Regie­rungen und Bewe­gungen die Bezeich­nung Faschismus zu. Diese komplexe Diffe­renz inner­halb dessen, was der Faschismus ist, ist nicht leicht abzu­bilden und ist für den Wider­stand gegen ein Neuauf­kommen faschis­ti­scher Bewe­gungen, wie wir es in Europa seit einigen Jahren beob­achten müssen, eher hinderlich.

Der ewige Faschismus

Deswegen ist Umberto Ecos kleines Buch Der ewige Faschismus so wert­voll: Eco geht in seiner Bestim­mung des Faschismus etwas anders vor: Er stellt nicht weniger als vier­zehn Elemente vor, die faschis­ti­sche Bewe­gungen auszeichnen und er betont, dass nicht alle davon erfüllt sein müssen, damit eine Bewe­gung, Partei oder Regie­rung als faschis­tisch gilt. Er erklärt dies unter Rück­griff auf Ludwig Witt­gen­steins Defi­ni­tion des Spiels. Dabei stellt er folgendes Schau­bild auf: 

1                  2                      3                      4

abc   bcd      cde      def      

Und dazu erklärt Eco:

Ange­nommen, es gibt eine Reihe poli­ti­scher Gruppen, in der die erste durch die Merk­male abc charak­te­ri­siert ist, die zweite durch die Merk­male bcd und so weiter. Die zweite Gruppe ähnelt der ersten, inso­fern sie zwei Merk­male mit ihr gemeinsam hat; aus demselben Grund ähnelt die dritte Gruppe der zweiten. Man beachte, dass die Gruppe drei auch der ersten ähnelt (beide haben das Merkmal c gemeinsam). Den eigen­ar­tigsten Fall stellt die Gruppe vier dar, die offen­sicht­lich den Gruppen drei und zwei ähnelt, aber kein Merkmal mit der Gruppe eins gemeinsam hat. Dennoch bleibt, infolge der unun­ter­bro­chenen Kette abneh­mender Ähnlich­keit von eins bis vier, durch eine Art illu­so­ri­scher Tran­si­ti­vität eine Fami­li­en­ähn­lich­keit zwischen vier und eins bestehen.

Für Eco gibt es 14 solcher Merk­male, also gewis­ser­maßen eine Kette von a bis n, die für Defi­ni­tionen des Faschismus tragend sind, auch wenn kaum ein Faschismus zu irgend­einem Zeit­punkt alle vier­zehn Eigen­schaften gezeigt hat. Diese vier­zehn Eigen­schaften kann man knapp aufzählen, es lohnt sich aber durchaus, das kleine Buch zu lesen: 1. Kult der Tradi­tion, 2. Ableh­nung der Moderne, 3. Kult der Aktion um der Aktion Willen, 4. Jede Kritik wird als Verrat wahr­ge­nommen, 5. Eine immense Angst vor jeder Anders­ar­tig­keit, 6. Faschismus versucht immer, mit der Frus­tra­tion der Mittel­klassen zu arbeiten, 7. Faschismen sind besessen von der Exis­tenz einer Verschwö­rung gegen die Iden­tität, 8. Die Feinde des Faschismus sind immer gleich­zeitig zu stark und zu schwach, 9. Es gibt nur den kompro­miss­losen Kampf, 10. Ein ausge­prägtes Elite­denken, 11. Das Heldentum und ein gene­reller Hero­ismus werden gefeiert, 12. Faschismus braucht ein miso­gynes, homo- und trans­feind­li­ches Patri­ar­chat, 13. Faschismus ist popu­lis­tisch, und zwar immer für die Mehr­heits­gruppe, 14. Faschismus spricht News­peak, dreht also Worte um oder verpackt seine Botschaften in Euphe­mismen oder Beschönigungen.

Wer diese Liste liest, stellt schnell fest, dass Eco dabei Aspekte über­geht, die für ‚klas­si­sche‘ Faschis­mus­de­fi­ni­tionen wichtig waren: Führer­kult, Mili­ta­rismus oder Anti­se­mi­tismus sind für ihn nicht der Kern dessen, was Faschismus ausmacht, sondern nur Ausfor­mungen von einem oder mehreren der von ihm genannten Aspekte. Und das macht Ecos Defi­ni­tion des Ewigen Faschismus so anschluss­fähig, denn die modernen faschistisch-autoritären Ideo­lo­gien treten nur selten – wie gegen­wärtig in Russ­land – mit einem Führer­kult oder einem rabiaten Mili­ta­rismus auf, sondern halten diese Aspekte eher im Hinter­grund, während aber bei den meisten neurechten Parteien, Gruppen und Staaten eine ganze Reihe der vier­zehn Punkte abge­hakt werden können.

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Der Kult der Medien

Eco nennt seine Faschismus-Definition fuzzy, weil der Faschismus je nach histo­ri­schem und gesell­schaft­li­chem Kontext manche dieser Eigen­schaften aufweist und andere nicht. Seine Liste ist umfas­send und bietet das beste Instru­men­ta­rium, um Faschismus zu erkennen und zu beschreiben. Aber es ist auch eine Liste, die ergänzt werden kann, und die modernen Faschismen haben sich weiter­ent­wi­ckelt oder bestimmte Aspekte ausge­prägt, die hinzu­ge­fügt oder abge­wan­delt werden können. Es gibt insbe­son­dere eine Eigen­schaft des modernen Faschismus, die hinzu­ge­fügt werden kann. Das ist ein Aspekt, der schon im für die ersten Faschismen wichtig war, die sich in den ersten Jahr­zehnten des 20. Jahr­hun­derts entwi­ckelt haben, aber dieses Element, das man das fünf­zehnte Element des Faschismus nennen kann, ist heute wich­tiger und markanter denn je: Der Faschismus versucht immer, die modernsten und aktu­ellsten Medien zu nutzen, um seine Botschaften zu verbreiten. Er ist verliebt in sein Selbst­bild und in die Bilder seiner Slogans, Akti­visten, Trans­pa­rente, Logos und Botschaften. Wer die Entwick­lung der modernen rechts­ra­di­kalen Parteien und Gruppen beob­achtet hat, ist von dieser Diagnose nicht über­rascht: Keine Partei ist auf Tiktok so aktiv wie die AfD, Twitter war für Donald Trump das wich­tigste Werk­zeug seines Wahl­kampfes, russi­sche Trolle versu­chen, durch Zugriff auf die sozialen Medien Wahlen zu beein­flussen und Cambridge Analy­tica hat den Repu­bli­ka­nern im letzten Präsi­dent­schafts­wahl­kampf einen entschei­denden Vorteil verschafft.

Eco erwähnt zwar, dass die Faschisten trotz ihres Tradi­tio­na­lismus große Verehrer von moderner Tech­no­logie waren, aber ihre inten­sive Nutzung moderner Medien igno­riert er. Anstatt Eco kann man hier Walter Benjamin anführen: Sein berühmter Aufsatz über Das Kunst­werk im Zeit­alter seiner tech­ni­schen Repro­du­zier­bar­keit wird meist als Theorie der medialen Entwick­lung gelesen, die aufzeigt, wie Foto­grafie und Kino die Kunst ihrer Zeit verän­dert haben. Dabei wird über­sehen, dass ein großer Teil des Kunstwerk-Aufsatzes sich mit einer Faschis­mus­de­fi­ni­tion beschäf­tigt, die darauf hinaus­läuft, dass der Faschismus sich die je neuesten Medien aneignet und sie für sich zu nutzen versucht. Vor allem der zweite Teil von Benja­mins Aufsatz ist eine Theorie der Verses­sen­heit des Faschismus auf seine mediale Reprä­sen­ta­tion: Der Faschismus in egal welcher Form ist besessen von seiner Präsenz im Film, im Fern­sehen, im Radio, in Talk­shows, in Zeitungen, auf Youtube, Face­book, Twitter und Tiktok. (Nur nebenbei: Es lohnt sich, hierfür die weniger bekannte ‚Zweite Fassung‘ des Kunstwerk-Aufsatzes zu lesen, die erst im siebten Band der Gesam­melten Schriften erschienen ist und die noch nicht durch das sehr eingrei­fende Lektorat des Insti­tuts für Sozi­al­for­schung gegangen war.) Der Faschismus, so Benjamin, betreibt eine „Ästhe­ti­sie­rung der Politik“; er lebt also von einer unbe­dingten medialen Repro­duk­tion seiner selbst und seiner Prot­ago­nisten. Dieser wich­tige Aspekt ist so bei Eco nicht vorhanden, aber kann ganz problemlos als weiterer Aspekt zu Ecos Liste hinzu­ge­fügt werden. Es ist unge­mein wichtig, dieses 15. Element des Faschismus deut­lich zu betonen: Ohne die Nutzung von Massen­me­dien ist das Über­leben und neue Aufkommen faschis­ti­scher Strö­mungen und ihre Wahl­kampf­erfolge nicht zu erklären.

Goeb­bels, Bannon, Musk

Die mediale Fixie­rung auf das eigene Bild hat schon im frühen Faschismus ange­fangen. Dazu kann man auf Musso­linis über­großes Portrait verweisen, das auf der Fassade des Palazzo Braschi, dem Sitz seiner Partei ange­bracht wurde. Man kann auch einen Blick in die Tage­bü­cher von Joseph Goeb­bels werfen, der ab 1933 mit einer gera­dezu eroti­schen Begeis­te­rung über das Radio und seine Möglich­keiten sprach. Am 11. Februar 1933 notierte er: „Zum Sport­pa­last. Über­füllt. An 10 Plätzen Menschen­mauern. Im ganzen Reich an die 20 Millionen Zuhörer. Ich werde mit Jubel begrüßt. Erst bürste ich die Presse ab. Dann spreche ich über alle Sender 20 Minuten Repor­tage. Es geht blen­dend. Ich habe gar kein Lampen­fieber. Hitler kommt. Ich repor­tiere und eröffne dann. Hitler hält eine phan­tas­ti­sche Rede. Ganz gegen Marxismus. Zum Schluß großes Pathos. ‚Amen!‘ Das hat Kraft und haut hin. Ganz Deutsch­land wird Kopf stehen. Massen in sinn­losem Taumel. So muß das bleiben.“ Wenige Tage davor: „Wir wenden alle Mittel an. Geld haben wir, der Rund­funk gehört uns, Hitler redet in allen Sendern, ich mach die Repor­tage dazu.“ Oder am 02. Dezember 1940; „Und das ganze Volk, Front wie Heimat, sitzt am Laut­spre­cher.“ Was in Goeb­bels Notizen deut­lich wird: Das Radio war nicht irgendein beson­ders prak­ti­sches Medium, sondern fast der Kern seiner Begeis­te­rung, Deutsch­land für die Sache Hitlers und des Faschismus Kopf stehen zu lassen. Diese Begeis­te­rung für Medi­en­macht ist auch heute bei rechts­extremem Akti­visten zu spüren, nur eben nicht mehr über das Radio, sondern über Tiktok: Erik Ahrens, ein rechts­extremer Akti­vist, beschrieb bei einem Vortrag im inzwi­schen geschlos­senen Institut für Staats­po­litik die Macht des Tiktok-Algo­rithmus so: „Das ist so, wie man sich 1923 gefühlt haben muss, als man das Radio für sich entdeckt hat. So fühle ich mich, wenn ich meine Tiktok-Accounts anschaue.“ Neben dem Radio sind ist der Film als von den Faschisten verehrtes Medium zu nennen, die Benjamin so folge­richtig als faschis­ti­sche Ästhe­ti­sie­rung der Politik verstand – man denke allein an die Propa­gan­da­filme Leni Riefenstahls. 

Im August 1933, also nur wenige Monate nach der Macht­über­nahme der NSDAP, stellte Goeb­bels den ‚Volks­emp­fänger‘ vor, für den alle Produ­zenten von Rund­funk­ge­räten einge­spannt wurden: Ein Radio, das so günstig war, dass es sich fast alle Haus­halte leisten konnten. Aber nicht nur in Haus­halten, sondern auch in Kneipen, Cafés und in manchen Trep­pen­häu­sern standen die Radios, die Massen „in sinn­losen Taumel“ zu bringen. Hier lohnt sich das Zitat von Steve Bannon, der in vielem Goeb­bels’ Nach­folger ist oder sein möchte oder jeden­falls so verstanden werden kann: „The Demo­crats don’t matter. The real oppo­si­tion is the media.“ Die Medien werden so lange bekämpft, bis man sie über­nehmen kann.

So lange für Meinungs­frei­heit sorgen, bis sie sie abschaffen können

Bis zur Über­nahme der Medien ist ein schein­bares Eintreten für Meinungs­frei­heit das wich­tigste Mittel der Faschisten zur Erzwin­gung, in den Medien aufzu­tau­chen. Sie wollen als Meinung wie alle anderen auch wahr­ge­nommen werden. Sobald dann irgend­welche rechten Milli­ar­däre oder Parteien ein Medium wie Twitter, eine Zeitung wie die NZZ oder öffentlich-rechtliche Sender gekauft haben oder die Gremien besetzen können, bricht diese schein­bare Begeis­te­rung für den freien Markt der Meinungen, wie am Beispiel Polens, an der Über­nahme eines ganzen Medi­en­im­pe­riums in Frank­reich oder an Elon Musks Über­nahme von Twitter gesehen werden kann. Die modernen rechten, reak­tio­nären und oftmals völlig offen faschis­ti­schen Bewe­gungen haben viele Eigen­schaften, aber eine wich­tige, die Umberto Ecos Liste als fünf­zehntes Element hinzu­ge­fügt werden kann, ist die ewige Fixie­rung des Faschismus auf seine mediale Reprä­sen­ta­tion. Deswegen ist dort gerade das wich­tigste Kampf­feld gegen die Faschismen des 21. Jahr­hun­derts. Man darf den Faschisten nicht die Medien überlassen.