Was passiert, wenn Architekt*innen nicht mehr für öffentliche Bauträger, sondern nur noch für den „freien Markt“ arbeiten? Für Patrik Schumacher, Chef von Zaha Hadid Architects, bedeutet es die Nähe zu libertär-rechtsradikalem Gedankengut und die Planung von „Freien Privatstädten“.

  • Stephan Trüby ist Professor für Architekturtheorie und Direktor des Instituts für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGmA) der Universität Stuttgart. Er publizierte unter anderem "Rechte Räume. Politische Essays und Gespräche" (2020).

Seit den frühen 1970er Jahren, seit die wohl­fahrts­staat­li­chen west­li­chen Nach­kriegs­ord­nungen nach und nach durch neoli­be­rale Poli­tiken ersetzt wurden, hat sich auch der Status der Archi­tektur und insbe­son­dere die Rolle von Architekt*innen grund­le­gend verän­dert. Nicht zuletzt Rem Kool­haas hat wieder­holt auf die Folgen der breiten Umori­en­tie­rung weg vom Staat und hin zum Markt hinge­wiesen, etwa als er in seinem 2003 in Wired publi­zierten „Beijing Mani­festo“ die Glei­chung aufmachte: „In the free market, archi­tec­ture = real estate“ – im freien Markt wird Archi­tektur zur Immo­bi­lien­be­wirt­schaf­tung. Oder als er in der ein Jahr später erschie­nenen Publi­ka­tion Content unter dem Titel „A Brief History of OMA“ schrieb: „Für Architekt*innen bedeutet der Markt einen endgül­tigen Verlust von Iden­tität und Status. Da sie nicht mehr für eine öffent­liche Einrich­tung arbeiten, können sie nicht mehr behaupten, für das öffent­liche Wohl tätig zu sein. […] Nicht länger ‚planend‘, sind Architekt*innen im Wesent­li­chen passiv geworden – und warten auf einen privaten Impuls, ange­rufen zu werden.“

Dennoch sind die Archi­tek­tinnen und Archi­tekten unter diesen neoli­be­ralen Bedin­gungen nicht nur zu passiven Dienst­leis­tern degra­diert und zum Warten auf geneigte Auftrag­geber verdammt. Das zeigt sich am Beispiel des 1961 gebo­renen deutsch-britischen Star­ar­chi­tekten Patrik Schu­ma­cher, dem derzeit inter­na­tional wohl bekann­testen deut­schen Archi­tekten der Gegen­wart, und seinem Wegge­fährten Titus Gebel, die das Anliegen verfolgen, markt­ra­di­kale Gesell­schafts­ord­nungen aktiv mitzu­ge­stalten. Deut­lich wird dabei, dass der archi­tek­to­ni­sche Markt­ra­di­ka­lismus à la Schu­ma­cher einer klein­räu­migen Verkam­me­rung der Welt zuar­beitet, die im anti­uni­ver­sa­lis­ti­schen Geiste rassis­ti­sche und patri­ar­chale Gesell­schafts­ent­würfe mindes­tens schul­ter­zu­ckend in Kauf nimmt, wenn nicht gar aktiv betreibt.

Mit Deleuze zur neuen Unternehmensorganisation

BMW-Werk Leipzig, 2005; Quelle: wikimedia.org

Patrik Schu­ma­cher, der seit 2016 – seit dem Tod von Zaha Hadid – allei­niger Chef von Zaha Hadid Archi­tects ist, hat in den letzten Jahr­zehnten mit seinen archi­tek­tur­theo­re­ti­schen Äuße­rungen einen intel­lek­tu­ellen Parcours hinge­legt, der ihn von Marx über die Philo­so­phie der Dekon­struk­tion bzw. die System- und Evolu­ti­ons­theorie bis zur Öster­rei­chi­schen Schule der Natio­nal­öko­nomie führte. Gera­dezu gleich­nis­haft für diesen Weg steht sein Entwurf für das zwischen 2001 und 2005 in Leipzig, also auf post-sozialistischem Terrain, errich­tete BMW-Werk. Es besteht aus drei Haupt-Produktionshallen (Karos­se­riebau, Lackie­rerei und Montage), die sich kreis­förmig um ein zentrales Verwaltungs-, Kommunikations- und Dienst­leis­tungs­ge­bäude herum grup­pieren. Archi­tek­to­nisch bemer­kens­wert ist dabei vor allem das Zentral­ge­bäude. Hier werden – von den Verwaltungs-Arbeitsplätzen aus sichtbar – die Karos­se­rien an Trans­port­bän­dern zwischen den Ferti­gungs­be­rei­chen beför­dert, um dem Manage­ment das Produkt jeder­zeit vor Augen zu führen. Im Gebäu­de­zen­trum kommen damit die White collar– und Blue collar-Welten zusammen, wo sie eine imagi­näre Gemein­schaft bilden sollen.

Das Leip­ziger BMW-Werk kann als gebaute Mani­fes­ta­tion eines theo­re­ti­schen und archi­tek­tur­päd­ago­gi­schen Projektes betrachtet werden, das an der seit 1996 von Schu­ma­cher zusammen mit Brett Steele gelei­teten Graduate School der Londoner Archi­tec­tural Asso­cia­tion – School of Archi­tec­ture (AA_DRL) entwi­ckelt und vor allem in der eben­falls 2005 von Steele heraus­ge­ge­benen Publi­ka­tion Corpo­rate Fields. New Office Envi­ron­ments by the AA_DRL beschrieben wurde. Hier finden sich Zukunfts­sze­na­rien für das „office life“, die sich einer exten­siven Feld­for­schung in „some of London’s most crea­tive corpo­rate envi­ron­ments“ verdanken.In einem Text­bei­trag Patrik Schu­ma­chers mit dem Titel „Rese­arch Agenda: Spatia­li­zing the Comple­xi­ties of Contem­porary Busi­ness” ist die ideo­lo­gi­sche Reise von links nach rechts, die dieser in den Folge­jahren unter­nehmen sollte, bereits erkennbar.

Gemäss Schu­ma­cher würden „die linken Orga­ni­sa­ti­ons­pa­ra­digmen (wie z.B. das Rhizom)“, die die beiden fran­zö­si­schen Philo­so­phen Gilles Deleuze und Félix Guattari in den späten 1970er Jahren ausge­ar­beitet hatten, in Zukunft zu den „eigent­li­chen Para­digmen der Unter­neh­mens­re­struk­tu­rie­rung werden“. Das heisst, so Schu­ma­cher: „Die deleu­zia­ni­sche Deter­ri­to­ria­li­sie­rung löst die starre Abtei­lungs­bil­dung (=Terri­to­ria­li­sie­rung) von Kompe­tenzen auf, während die aufstei­gende Pyra­mide der klas­si­schen [hier­ar­chi­schen] Unter­neh­mens­struktur zum rhizo­ma­ti­schen Plateau mutiert“. Auf diesem „Plateau“ sei „die Führung [leadership] in einer sich perma­nent verschie­benden Viel­heit verteilt, in der jeder Punkt latent ein tempo­räres Zentrum werden kann“. Kurzum, so Schu­ma­cher: „Es gibt heute keinen besseren Ort für ein fort­schritt­li­ches und zukunfts­wei­sendes Projekt als das wett­be­werbs­fä­higste Unter­nehmen der Gegenwart.“

Anar­cho­ka­pi­ta­lis­ti­sche Architektur

Es blieb aller­dings nicht bei diesem Lobpreis flacher Hier­ar­chien. Knapp zehn Jahre später sprach sich Schu­ma­cher beim World Archi­tec­ture Festival 2016 in Berlin für eine Abschaf­fung des sozialen Wohnungs­baus, für die Priva­ti­sie­rung von öffent­li­chen Plätzen und für die Bebauung von 80 Prozent des Hyde Parks aus – und erntete den bis dato wohl größten Shit­s­torm der Archi­tek­tur­ge­schichte, dazu sogar Proteste von linken Aktivist*innen vor dem Büro von Zaha Hadid Archi­tects in London.

Noch deut­li­cher wurde Schu­ma­chers anar­cho­ka­pi­ta­lis­ti­sche Posi­tion in einem Inter­view vom 6. Dezember 2018 mit der deut­schen Wochen­zei­tung Die Zeit, in dem er u.a. folgende Zitate zum Besten gab: „Es würde viel weniger Leer­stand geben, wenn man Mietern inner­halb einer Woche kündigen könnte.“ Oder: „[W]enn Prak­ti­kanten bei uns ohne Gehalt mitma­chen wollen, sollte das der Staat nicht verbieten.“ Oder: „In den USA haben wir […] sehr schöne Projekte fertig­ge­stellt, aber das High-End-Geschäft dort ist abge­flaut wegen staat­li­cher Eingriffe. Es gibt jetzt in den USA neue Gesetze gegen Geld­wä­sche. Vor allem in Miami, wo vor ein paar Jahren noch die Latein­ame­ri­kaner mit Koffern voller Geld ankamen, ist das Geschäft vorbei.“ Oder: „Es müssen nicht alle Einkom­mens­gruppen im Stadt­zen­trum sitzen. Meine Mitar­beiter sollten hier im Zentrum wohnen, weil sie in die Ausstel­lungen, in den Pub, in Kultur­in­sti­tu­tionen gehen müssen, um sich weiter­zu­bilden. Die Sicher­heits­leute und das Reini­gungs­per­sonal haben andere Prio­ri­täten, haben andere Karrie­re­ent­wick­lungen, die brau­chen doch nicht in der Stadt zu wohnen. Die arbeiten weniger hart; wenn die eine Stunde länger in der Bahn sitzen, ist das nicht tragisch.“

Seither posi­tio­niert sich Schu­ma­cher immer deut­li­cher auf Seiten der Rechten, etwa indem er in der Show des ultra­kon­ser­va­tiven, rechts­li­ber­tären Publi­zisten Thomas E. Woods auftritt – und diesem öffent­lich beschei­nigt, dass er vor allem durch dessen Buch Meltdown (2009) zum Anhänger der neoli­be­ralen Öster­rei­chi­schen Schule bekehrt wurde. Woods’ Texte erscheinen auf Deutsch exklusiv im libertär-rechtsradikalen Lichtschlag-Verlag und der dazu­ge­hö­renden Monats­zeit­schrift eigen­tüm­lich frei, in der auch Schu­ma­cher publizierte.

Titus Gebel und das Projekt „Freier Privatstädte“

Zum intel­lek­tu­ellen Refe­ren­zen­kosmos Patrik Schu­ma­chers gehört neben Woods der deut­sche Unter­nehmer Titus Gebel (geb. 1967), Gründer und Präsi­dent des Unter­neh­mens Free Private Cities Inc; Schu­ma­cher wird auch als Berater dieser offi­ziell in Panama ansäs­sigen Firma gelistet. Sie wirbt mit einem „völlig neue[n] Produkt auf dem ‚Markt des Zusam­men­le­bens’ […], das im Erfolgs­falle welt­weite Ausstrah­lungs­wir­kung hat“: eben „Freie Privat­städte“. Der Hinter­grund, so Gebel: „Der Markt des Zusam­men­le­bens ist nicht nur der wich­tigste, sondern auch der größte aller Märkte“, denn „[s]taatliche Akti­vi­täten machen etwa 30 Prozent des welt­weiten Brut­to­so­zi­al­pro­duktes aus“.

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Doch die „Perfor­mance“ dieser staat­li­chen Akteure, so Gebel, sei gleich­wohl dürftig: „Das bilan­ziell größte ‚Unter­nehmen’ auf diesem Markt, die Verei­nigten Staaten von Amerika, macht pro Jahr Verluste in Höhe von etwa 800 Milli­arden US-Dollar. Manche Markt­teil­nehmer, etwa Schweden und Deutsch­land, ziehen bewusst unqua­li­fi­zierte, alimen­tie­rungs­be­dürf­tige Neukunden an und vertreiben dadurch ihre zahlungs­starke Stamm­kund­schaft.“ Gebel, der auch als Mitglied im Board des von Patri Friedman gegrün­deten und von Peter Thiel finan­zierten Seasteading-Instituts wirkt, ist sich sicher: „Jeder eini­ger­maßen befä­higte Unter­nehmer sollte das besser hinbekommen.“

Ein Haupt­pro­blem bei der Imple­men­tie­rung von „Freien Privat­städten“ sei aller­dings, dass deren Durch­set­zung, so Gebel, nur auto­ritär vorstellbar sei: „Nach über 30 Jahren poli­ti­scher Akti­vität bin ich zum Schluss gekommen, dass echte Frei­heit im Sinne von Frei­wil­lig­keit und Selbst­be­stim­mung auf demo­kra­ti­schem Wege nicht zu errei­chen ist.“ Es bestehe daher im Markt­seg­ment der „Freien Privat­städte“ nur die Möglich­keit, „durch Über­nahme der Regie­rung, Revo­lu­tion oder Sezes­sion ein neues ‚Produkt‘ einzu­führen.“ Gebels Demo­kra­tie­aver­sion gipfelt in dem Satz: „Demo­kratie ermäch­tigt die Mehr­heit, ihre Ansichten anderen aufzu­zwingen, die jene nicht teilen. ‚Mehr Demo­kratie wagen‘ bedeutet in letzter Konse­quenz, alle Lebens­be­reiche und sämt­liche privaten Entschei­dungen zu politisieren.“

„Freie Liebe“ oder „Welt­ka­lifat“

Dass „Freie Privat­städte“ auf eine Ansamm­lung von Mehr­heits­dik­ta­turen hinaus­laufen, in die man sich frei­willig begibt, wird an drei viel­sa­genden Phantasie-Staaten deut­lich, die Gebel in seinem Buch Freie Privat­städte.Mehr Wett­be­werb im wich­tigsten Markt der Welt (2018) mit seinen Leser*innen teilt. Dort wird ein Staat namens „Wald­ge­schwister“ geschil­dert, in dem Bewohner*innen leben, die in „freier Liebe“ und ab dem Alter von 15 Jahren angeb­lich sexuell selbst­be­stimmt zusam­men­leben. Auch wird ein Staat namens „Fürs­tentum Christo“ vorge­stellt, der nur „weiße, christ­liche Siedler“ aufnimmt und den „Mann als Fami­li­en­ober­haupt und Haupt­ver­diener“ vorsieht. Ein weiterer Phan­ta­sie­staat nennt sich „Jetsonia“; dort soll es „keine Umver­tei­lung, keinen Mindest­lohn und keinen Kündi­gungs­schutz“ geben.

Keine der drei Staats­ideen, klagt Gebel, hätten im Europa von heute eine Exis­tenz­chance, denn „[…] sie sind mit der herr­schenden Rechts­ord­nung oder Moral nicht in Einklang zu bringen“. Doch, so Gebel weiter, „[w]as wäre so schlimm daran, wenn sich Menschen, die das möchten, auf andere Weise orga­ni­sieren als die Mehr­heit das für richtig erachtet? Ist es wirk­lich erstre­bens­wert, wenn die Welt überall gleich aussieht?“ Wovor Gebel vor allem Angst hat, macht er unmiss­ver­ständ­lich deut­lich: dem Schreck­ge­spenst einer „Zukunft der Mensch­heit, die nur noch aus „einer einheit­li­chen Mischrasse“ besteht und einem alles verein­heit­li­chenden Univer­sa­lismus, den er einmal durch ein „Nanny­topia“ westlich-liberaler Wohl­fahrts­staaten, ein andermal durch ein mittels „Gebur­tend­schihad“ entstan­denes „Welt­ka­lifat“ mit der „Welt­haupt­stadt Moham­me­dania“ reprä­sen­tiert sieht. Gebels Utopie setzt der Dystopie eines „Welt­ka­li­fats“ die Utopie einer Ansamm­lung „2.000 verschiedene[r] Systeme [entgegen], die sich zum Teil erheb­lich vonein­ander unter­scheiden“. „Dezen­tralia“, so Gebel, habe „derzeit nur wenige Unter­stützer. Aber das kann sich ändern.“

Das Faust­recht der Freiheit

Und es ändert sich bereits, etwa in Honduras. In dem zentral­ame­ri­ka­ni­schen Land, das manche Beobachter*innen für einen geschei­terten Staat mit viel Korrup­tion und einer der höchsten Mord­raten der Welt halten, haben die natio­nal­kon­ser­va­tiven Präsi­denten des Landes Porfirio Lobo Sosa (Amts­zeit 2010-14) und Juan Orlando Hernández (seit 2014) so genannte „ZEDEs“ durch­ge­setzt – also „Zonas de empleo y desar­rollo econó­mico“, zu Deutsch: „Zonen für Arbeit und wirt­schaft­liche Entwick­lung“, die man sich als weit­ge­hend auto­nome Sonder­ver­wal­tungs­zone in Form einer Public-Private-Partnerschaft vorstellen muss. Ein entspre­chendes Gesetz wurde nach Verfas­sungs­än­de­rung im September 2013 erlassen. Laut dem Jour­na­listen Martin Reischke vom Deutsch­land­funk kann die juris­ti­sche Ermög­li­chung von „ZEDEs“ in ihrer poli­ti­schen Bedeu­tung kaum unter­schätzt werden, denn damit können „neue, fast auto­nome Mini­staaten [entstehen], in denen nicht die Gesetze und die Recht­spre­chung von Honduras, sondern die des jewei­ligen Inves­tors gelten: In dieser Form ein Novum – weltweit.“

Nun steht die erste Reali­sie­rung eines Projektes auf der Basis der ZEDE-Gesetzgebung an, und zwar auf der hondu­ra­ni­schen Kari­bik­insel Roatán. Dort errichtet die Firma Honduras Prospéra in Koope­ra­tion mit Ernst & Young sowie dem Staat Honduras auf 82 Quadrat­ki­lo­me­tern „Roatàn Próspera“ – mit Geldern u.a. von NeWay Capital, bei dem Titus Gebel Investor ist. Gebel hat auch den recht­li­chen Rahmen der Próspera-Zone mitge­staltet. Es gibt auch bereits ein erstes, image-gebende Baupro­jekt von Roatàn Próspera: die so genannten Roatán Próspera Resi­dences, gestaltet von Zaha Hadid Archi­tects in einer Art futu­ris­ti­schen Adap­tion lokaler Holzbautraditionen.

Der Reser­vie­rungs­pro­zess für die ersten Wohn­ein­heiten, für die Zaha Hadid Archi­tects auch eine digi­tale Planungs­platt­form für Bauherr*innen entwi­ckelt hat, ist in vollem Gange. Diese werden vor Ort, wenn alles fertig ist, so gut wie keine Steuern zu zahlen haben und über­haupt einen sehr hohen Grad an wirt­schaft­li­cher Frei­heit vorfinden, verbunden mit einer geringen Regulierungsdichte.

Protest gegen die ZEDE in Prospera, Honduras, 2020; Quelle: amerika21.de

Wer dies einfach nur attraktiv findet, sollte aller­dings mitbe­denken, dass die ZEDE-Propagandisten den von Kritiker*innen befürch­teten „Ausver­kauf des mittel­ame­ri­ka­ni­schen Landes“ rück­sichtslos durch­setzen. So war etwa Rosa­linda Cruz, eine ehema­lige Verfas­sungs­rich­terin in Honduras, von Präsi­dent Lobo Sosa und seinen Unterstützer*innen förm­lich erpresst worden, um der Geset­zes­grund­lage für ZEDEs zuzu­stimmen. Als sie weiterhin juris­ti­schen Wider­stand leis­tete, wurde sie gemeinsam mit drei weiteren Kollegen von ihren Aufgaben entbunden – und seither zudem Opfer zahl­rei­cher Übergriffe.

Gebel-Fan Patrik Schu­ma­cher ficht derlei nicht weiter an. Denn das „Faust­recht der Frei­heit“, wie man mit Rainer Werner Fass­binder sagen könnte, lauert noch hinter jeder liber­tären Gesell­schafts­ord­nung und hinter jedem Stadttor, das in „Freie Privat­städte“ führt. Oder genauer gesagt: Für deren Promo­toren ist das Faust­recht die Bedin­gung für die Frei­heit, die sie meinen.

 

  • Stephan Trüby ist Professor für Architekturtheorie und Direktor des Instituts für Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen (IGmA) der Universität Stuttgart. Er publizierte unter anderem "Rechte Räume. Politische Essays und Gespräche" (2020).