Das Ende des indischen Säkularismus? Die BJP und ihre Hindutva-Politik

Indiens Premierminister Narendra Modi verfolgt eine Politik, die stark von einer vom europäischen Faschismus inspirierten Ideologie geprägt ist und der gemäss Indien den Hindus gehöre: Hindutva. Sie ist eine Gefahr für Indiens Säkularismus und Demokratie.



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Die grösste Demokratie der Welt erlebt gerade turbulente Zeiten. Wie an so vielen Orten der Erde brachen auch hier 2019 landesweite Proteste aus, die sich gegen die Regierung richten. Ein umstrittenes Staatsbürgerschaftsgesetz, welches von der Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP – Indische Volkspartei) unter der Führung von Premierminister Narendra Modi und Innenminister Amit Shah anfangs Dezember 2019 vorgelegt wurde, erleichtert die Einbürgerung von Geflüchteten, welche vor religiöser Verfolgung flohen, schliesst jedoch Muslime hiervon explizit aus. Das ist ein Verstoss gegen die säkulare Verfassung Indiens, welche Diskriminierung auf Grund der Religion verbietet. Viele Protestierende und Intellektuelle werfen der BJP daher vor, mit ihrer sogenannten Hindutva-Politik Indien schleichend in einen Hindu-Staat transformieren zu wollen und ziehen nicht selten Vergleiche mit dem deutschen Nationalsozialismus. Auch internationale Medien wie jüngst The New Yorker sprechen von einer faschistischen Bedrohung durch die Regierungspartei.

Besteht also tatsächlich die Gefahr eines indischen Faschismus? Und wie ist die gegenwärtige Politik der BJP in dieser Hinsicht zu deuten? Welche historischen und ideologischen Wurzeln hat der Hindu-Nationalismus?

Savarkars Hindu Rashtra

Die Zweiteilung des ehemaligen Britisch-Indien in die Nachfolgestaaten Indien und Pakistan (damals noch mit Bangladesch als Ost-Pakistan) im Jahr 1947 offenbarte den schon länger andauernden Konflikt zwischen Hindus und Muslimen im Gebiet des ehemaligen „Vizekönigreich“ Britisch-Indien. In den Jahren vor der Unabhängigkeit warb die Kongress Partei um Gandhi und Nehru für ein ungeteiltes Indien mit einer säkularen und pluralistischen Verfassung. Die Muslimliga um Muhammad Ali Jinha beharrte auf der Idee, einen eigenen Staat für Muslime zu gründen. Am Ende kam es, auch auf Beharren der Briten, zur leidvollen partition. Während Pakistan auf den Grundlagen des Islams zu einer islamischen Republik wurde, haben die Gründerväter Indiens ihrem Land unter der Federführung des Aktivisten und Gelehrten B.R. Ambedkar eine säkulare Verfassung gegeben. Damit waren alle Religionen im mehrheitlich hinduistischen Land gleichgestellt. Nicht alle politischen Akteure hiessen den Säkularismus und die pluralistische Gesellschaftsvision gut. Hindu-Nationalisten forderten die Erschaffung eines Hindu-Staates, welcher alle Nachfolgestaaten Britisch-Indiens miteinschloss. 1948, also nur ein Jahr nach Gründung der Republik Indien, wurde Gandhi vom Hindu-Fanatiker Nathuram Godse mit der Begründung getötet, dass dieser den Muslimen zu viele Zugeständnisse gemacht und damit die Teilung Indiens zugelassen habe.

Godse war Mitglied der Rashtriya Swayamsevak Sangh („Nationale Freiwilligengemeinschaft“), kurz RSS, einer hindu-nationalistischen, paramilitärischen Freiwilligen-Organisation. Diese war 1925 von Keshav Baliwar Hedgewar gegründet worden und verfolgte die Ideologie der sogenannten Hindutva, die 1923 von V.D. Savarkar im Buch Hindutva. Who is a Hindu? begründet wurde und Hedgewar stark beeinflusst hatte. Savarkar war ein anti-britischer Freiheitskämpfer, der während seines Studiums in London als politischer Agitator zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt und nach Indien ausgeschafft wurde. Während der Haft begann Savarkar, seine Vision für ein hinduistisches Indien niederzuschreiben. Der von ihm geprägte Begriff Hindutva, welcher im Englischen etwa mit hinduness übersetzt werden kann, umfasst eine politische und kulturalistische Auffassung des Hinduismus, der über das religiöse Bekenntnis hinausgeht.

Die drei Säulen der Hindutva

Savarkar definierte in seinem Pamphlet drei Säulen, auf denen sein Hindutva-Konzept aufbaut: „Rashtra“, „Jati“ und „Sanskriti“. Mit dem Begriff Rashtra (Nation) definiert er die geographische Heimat der Hindus, welche er in seinem Buch als Sindhusthan bzw. Hindusthan bezeichnet. Mit Bezug auf die grossen Hindu-Epen wie dem Ramayana und Mahabharata macht er ein maathrbhoomi (Mutterland) aus, das vom westlichen Sindh (Indusdelta) bis ins östliche Assam, vom nördlichen Kashmir bis an die Südspitze reicht. Das wäre in der heutigen Zeit ein Gebiet, welches neben Indien auch die Staaten Bangladesch, Pakistan und Nepal miteinschliessen würde. Savarkars Hindusthan reiht sich ein in eine Vielzahl von Pan-Indischen Vorstellungen, welche meist unter dem Begriff Akhand Bharat (ungeteiltes Indien) propagiert werden und in ihren Grenzziehungen von Afghanistan bis nach Indonesien variieren.

Hindus definieren sich nach Savarkar jedoch nicht ausschliesslich über ihr gemeinsames Vaterland: Nicht nur der Boden, sondern auch ihr „gemeinsames Blut“ vereine sie zu einer Gemeinschaft. Die Anhänger des Buddhismus, Sikhismus und Jainismus – Religionen, deren Genealogie auf den Hinduismus zurückgehen – seien Teil dieser „Rasse“. Für Savarkar waren regionalen Unterschiede und die Kastenzügehörigkeit eher zweitrangig – was für seine Zeit und Umstände eher überrascht. Mit dem Wort Jati, dass im indischen Sprachgebrauch üblicherweise die Zugehörigkeit zu einer Kaste meint, attestiert Savarkar jedoch den ethnisch und kulturell eigentlich sehr diversen Hindus eine Art gemeinsames biologisches Schicksal. Diese Vorstellung von Rasse und Nation ist sehr stark von den europäischen Nationalismen inspiriert, was der Savarkar auch durch Vergleiche mit den Engländern und Franzosen unterstrich.

Europäische Vorbilder

Savarkar sprach den Muslimen und Christen die Zugehörigkeit bezüglich Rashtra und Jati nicht ab, sondern gab zu bedenken, dass man sie durchaus als Hindus ansehen könne, da Hindhustan auch ihr Vaterland sei. Sie seien zudem Teil der „Hindu-Rasse“, weil sie durch eine Zwangskonvertierung vom Hinduismus abgekommen seien. Doch so inklusiv sein Hindutva-Begriff auf den ersten Blick zu sein scheint, so sah Savarkar Muslime und Christen gleichwohl nicht als Teil einer Hindu-Gemeinschaft. Denn ihnen würde die entscheidende Essenz, durch die sich Hindus von Muslimen unterscheiden, fehlen, nämlich ihre Sanskriti, also ihre „Kultur“ bzw. „Zivilisation“. Nur wer die Hindu-Kultur und ihre Geschichte akzeptiere und weiterführe, könne Teil der Nation werden. Es geht Savarkar nicht nur darum, Indien als Vaterland zu betrachten, sondern ebenso als religiös und kulturell definierte Heimat. Muslime und Christen seien in ihrem Patriotismus zwiegespalten, da ihre heiligen Stätten nicht in dem von ihm gezeichneten Hindusthan liegen.

Nach Savarkar sind Hindus also eine Nation, welche sich durch Blut, Boden und Kultur identifiziert. Zwar sind gemäss dieser Auffassung Hindutva und Hinduismus eng miteinander verbunden, doch ersteres war für Savarkar der umfassendere Begriff, weil er über die Religion hinausgeht. Viele Experten sind sich einig, dass Savarkar selbst kein fanatisch gläubiger Hindu war, die Kuh nicht als heilig ansah und selten in Tempeln anzutreffen war. Seine Ideologie ist vielmehr ein von europäischen Nationalismen und Faschismen inspiriertes Konzept einer Hindu Rashtra, in der Hindus als Mehrheit das Sagen haben und alle anderen sich zu unterordnen haben. Savarkar war ein grosser Bewunderer des nationalsozialistischen Deutschlands und verglich die deutschen Juden mit den Muslimen in Indien – und wünschte Ihnen gegenüber eine ähnliche Politik. Gleichzeitig befürwortete er die Bestrebungen der Zionisten für einen jüdischen Staat in Palästina. Seine Auffassung war simpel: Jede „Rasse“ verdient ihren eigenen Staat, so auch die Hindus.

Der Aufstieg des Hindu-Nationalismus

Die 1925 gegründete RSS hat sich die Hindutva-Ideologie Savarkars zu eigen gemacht und als paramilitärische Freiwilligenorganisation das Ziel ins Auge gefasst, Indien in einen Hindu-Staat zu verwandeln. Savarkar selbst wurde nie Mitglied, politisierte aber weiterhin am rechten Rand bis zu seinem Tod 1966, ohne jedoch grosse Akzente zu setzen, obwohl er noch heute als ideologischer Vater der RSS verehrt wird. Die RSS selbst blieb ebenfalls lange Zeit eine Randerscheinung ohne grosse politische Wirkung und spielte bei der Unabhängigkeitsbewegung überhaupt keine Rolle (worauf heute viele Kritiker hinweisen), sondern trat erst mit der Unabhängigkeit Indiens als ernstzunehmender politischer Akteur in Erscheinung.

Nach der Ermordung Gandhis durch Godse wurde die RSS zeitweise verboten und Savarkar wegen seiner Bekanntschaft mit Godse verhaftet, aber mangels Beweisen wieder freigelassen. Vor allem aber konnte RSS nun mit der Propagierung der Hindutva-Ideologie die Zahl ihrer Anhänger stetig steigern. Insbesondere während den 70er Jahren, als die regierende Kongress Partei mit der Ausrufung des Ausnahmezustands die Grundrechte einschränkte und Indien in eine politische Krise stürzte, fand die Bewegung im Untergrund weiteren Zulauf. Ihr Aufstieg ist beispiellos: Mit ihren heute etwa fünf Millionen Mitgliedern wird sie nicht selten als grösste Freiwilligen-Organisation der Welt bezeichnet. Ihre ausschliesslich männlichen Mitglieder tragen die typische Uniform aus Khakishorts bzw. seit 2016 brauner Hose, weissem Hemd und schwarzer Mütze. Neben der ideologischen Arbeit bieten die landesweit mittlerweile mehr als 80’000 Ortsgruppen, sogenannte Shakhas, mit Yoga- und Kampfübungen physische Ertüchtigung und Disziplin für ihre Anhänger. Der hierarchische Aufbau, die Uniformen und die politischen Ziele sind offensichtlich von den faschistischen Bewegungen Europas vor 1945 inspiriert. Die Führungsriege bewunderte Hitler und Mussolini; Madhav Golwakar, Nachfolger des RSS Gründers Hedgewar, lobte NS-Deutschland für seine Rassenpolitik, von der „Hindusthan“ viel lernen könne.

Die RSS selbst sieht sich weniger als politische denn als soziale Bewegung, welche sich schlicht für die Belange der Hindus einsetzt. Mit ihren vielen Schwesterorganisationen besitzt sie ein enorm grosses Netzwerk, das sich über alle gesellschaftlichen Bereiche erstreckt, von der Armenfürsorge, über die Bildung bis in das Umfeld der Gewerkschaften. Die erst 1980 gegründete BJP – die heutige Regierungspartei – gilt als politischer Arm der RSS, auch wenn es keine formelle Bindung gibt. Doch viele Mitglieder in der Partei bekleideten Kaderfunktionen in der RSS und sind ideologisch auf derselben Linie. Einer von ihnen ist der heutige Premierminister Narendra Modi, der bereits im Alter von acht Jahren der RSS beitrat. Modis politische Karriere wäre ohne seinen Aufstieg in der Hindu-Nationalistischen Bewegung undenkbar, seine Politik ist entsprechend stark von der Hindutva-Ideologie beeinflusst.

Ayodhya als historischer Meilenstein der BJP

Agitationen gegen die muslimische Bevölkerung gehörten zum Programm der RSS und sicherten ihr auch die notwendigen Schlagzeilen. Doch der wohl grösster Coup gelang ihr 1992 mit der Zerstörung der Babri Masjid in Ayodhya. Schon seit längerem forderten Hindu-Nationalisten den Abriss der Moschee aus dem 16. Jahrhundert, weil sie angeblich auf den Ruinen eines Ram-Tempels gebaut wurde. Ayodhya ist nach dem Hindu-Epos Ramayana der Geburtsort des Gottes Ram. Lal Krishna Advani, damaliger Präsident der BJP, tourte 1990 während seiner Ram Rath Yatra (Streitwagenreise für Ram) durch ganz Indien, um den Abriss der Moschee zu propagieren.

Am 6. Dezember 1992 riefen Hindu-Nationalisten zu einer Massenkundgebung in Ayodhya auf, woraufhin tausende radikale Hindus mit aktiver Beteiligung der RSS und Politikern der BJP die Moschee innerhalb eines Tages in Schutt und Asche legten und den Bau eines neuen Ram-Tempels forderten. Die RSS wurde daraufhin ein drittes Mal in ihrer Geschichte verboten, doch zu einer juristischen Verurteilung der Beteiligten kam es bis heute nicht. Die Ereignisse in Ayodhya und die verschärften religiösen Spannungen verhalfen den Hindu-Nationalisten in den Folgejahren allerdings zu einem enormen Popularitätsgewinn. Die BJP konnte das Momentum für sich nutzen und ging bei der folgenden Parlamentswahl im Jahr 1996 als stärkste Kraft hervor. Die erst 1980 gegründete Partei hatte in der Tat einen fulminanten Aufstieg geschafft.

Modi und seine Parteigenossen geben gerne vor, Gandhis Ideale fortzuführen. In Wahrheit aber verbindet sie ideologisch mehr mit dessen Mörder Nathuram Godse. Dass die BJP eine Hindutva-Agenda führt, ist ein offenes Geheimnis. Vinayak Savarkar, der Vater der Hindutva-Ideologie, wird von Parteifunktionären als Held und Freiheitskämpfer verehrt, obwohl dieser bei der Unabhängigkeitsbewegung lediglich eine marginale Rolle spielte. Die Befürchtung vieler Menschen, dass Indien zu einer faschistoiden Hindu Rashtra werden könnte, ist, wenn man die ideologischen Wurzeln der BJP zurückverfolgt, nicht ganz unbegründet. Es ist aber nicht alleine die Vergangenheit, die aufhorchen lässt, sondern auch die gegenwärtige Macht der Hindu-Nationalisten, welche bis 2024 mit einer absoluten Mehrheit im Parlament regieren können.

 

Der zweite Teil zur gegenwärtigen Lage in Indien erscheint demnächst.