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Akten, keine Fakten. Das Dossier Julia Kristeva

Seit Ende März treibt der ‚Fall Julia Kris­teva‘ die Feuil­le­tons um und wird in den sozialen Medien disku­tiert. Die bulga­ri­sche Kommis­sion für die Offen­le­gung der Archive der Staats­si­cher­heit hatte auf ihrer Home­page vermeldet, die Lingu­istin, Philo­so­phin und Psycho­ana­ly­ti­kerin sei in den 1970er Jahren als Infor­mantin der Auslands­spio­nage tätig gewesen. „Und auf einmal haben alle Ahnung von Geheim­dienst­dos­siers“, konsta­tiert der Jour­na­list Hristo Hristov ange­sichts der Reak­tionen auf die Publi­ka­tion der Akte „Sabina“. Unter diesem Deck­namen soll die fran­zö­si­sche Wissen­schaft­lerin bulga­ri­scher Herkunft für die Dǎržavna sigur­nost (DS) – die Staats­si­cher­heit – aktiv gewesen sein. Hristov macht auf ein grund­le­gendes Problem aufmerksam: Dass die Geheim­dienst­dos­siers nicht als objek­tive Quelle gelesen werden können.

Die Akte

Zunächst zur Genese des ‚Falls‘, die nicht immer korrekt darge­stellt wird: Die genannte Archiv­kom­mis­sion hat im Einklang mit der aktu­ellen Gesetz­ge­bung eine Über­prü­fung der Zeit­schrift Lite­ra­turen vestnik (Lite­ra­ri­scher Bote) vorge­nommen, in deren akade­mi­schem Beirat Julia Kris­teva seit Mitte der 1990er Jahre figu­riert. Kris­teva spen­dete ihr symbo­li­sches Kapital für die im Aufbau begrif­fene Zeit­schrift, einem zentralen Organ post­mo­dernen Denkens im Land. Im Zuge der routi­ne­mä­ßigen Über­prü­fung wurde ein Dossier der Philo­so­phin in den Archiven entdeckt und ihr Status als Infor­mantin auf der Website der Kommis­sion öffent­lich bekannt gegeben. Ange­sichts des über­wäl­ti­genden natio­nalen und inter­na­tio­nalen Inter­esses folgte Anfang April die Publi­ka­tion des gesamten Dossiers im Internet. Dies ist eine einma­lige Vorge­hens­weise und wirft bei allem Inter­esse an Aufklä­rung Fragen nach den Persön­lich­keits­rechten der Betrof­fenen auf. Denn die Akte enthält private Briefe, die von der bulga­ri­schen Staats­si­cher­heit geöffnet wurden.

In Schön­schrift. Deck­blatt einer Akte aus dem Dossier.

Aus dem Dossier wird deut­lich, dass die Dǎržavna sigur­nost Kris­teva spätes­tens seit dem Jahr 1965 ins Visier nahm, dem Jahr, in dem sie mit einem Stipen­dium der bulga­ri­schen Regie­rung (finan­ziert von Frank­reich) nach Paris ausreiste. 1970 wurde sie dort von einem Offi­zier kontak­tiert, den sie bereits aus ihrer Zeit in Sofia gekannt haben soll, und für die Zusam­men­ar­beit akti­viert. 1973, nach drei Jahren, kam die DS zu dem Schluss, dass Kris­teva für die Belange des bulga­ri­schen Kommu­nismus verloren sei, zuneh­mend maois­ti­sche Posi­tionen vertrete und keine wert­vollen Infor­ma­tionen liefere. Ihre Kontakt­per­sonen beklagten die Unzu­ver­läs­sig­keit der Infor­mantin, ihren fordernden Charakter und ihre Versuche, die Treffen zu entkon­spi­rieren, weshalb sie aus der Kartei der aktiven Informant*innen entfernt wurde.

Akten­lek­türen

Mitt­ler­weile liegen erste sprach­lich und histo­risch kompe­tente Analysen des Konvo­luts vor, etwa im Blog-Eintrag von Maria Dimitrova oder in einem Artikel des Geheim­dienst­spe­zia­listen Hristo Hristov. Unter anderem heben sie hervor, dass in dem Dossier keine von Julia Kris­teva unter­schrie­benen Doku­mente zu finden sind. „Sabina“ lieferte ihre Infor­ma­tionen münd­lich. Das bedeutet auch, dass alle Aussagen von den opera­tiven Mitar­bei­tern der Dǎržavna sigur­nost doku­men­tiert, das heißt: nach­er­zählt wurden (oder erfunden, wie Kris­teva selber meint). Zudem weist die Akte zahl­reiche Unre­gel­mä­ßig­keiten auf. Zentrale Doku­mente fehlen.

Unter­stüt­zung für die Repres­sierten des Prager Früh­lings. Markie­rungen in einem von der Staats­si­cher­heit archi­vierten Doku­ment.

Die Archive der bulga­ri­schen Staats­si­cher­heit blieben – anders als in den meisten osteu­ro­päi­schen Ländern – bis in die 2000er Jahre unter Verschluss. Dies ermög­lichte Mani­pu­la­tionen. Erst 2006 wurde ein Gesetz zur Öffnung der Akten verab­schiedet und die entspre­chende Kommis­sion einge­setzt. Hristov macht jedoch auch deut­lich, dass die fehlenden Doku­mente nicht zu einer Entlas­tung führen müssen oder den Schluss zulassen, die Akte sei in Gänze gefälscht. Immer wieder werden in Bulga­rien Informant*innen in promi­nenten Posi­tionen in Politik, Medien, Wissen­schaft und Lite­ratur ‚enttarnt‘. Nicht immer ist es möglich, Faktum oder Art ihrer Tätig­keit zwei­fels­frei zu klären. Zusam­men­fas­send kommt Hristov zu dem Schluss, dass ein Kontakt Kris­tevas mit der DS wahr­schein­lich sei. Über dessen genauen Charakter könne ange­sichts der fehlenden Doku­mente aber (noch) keine defi­ni­tive Aussage getä­tigt werden. Maria Dimitrova wiederum macht vor allem auf dieje­nigen Doku­mente aufmerksam, die eine Bespit­ze­lung der Philo­so­phin belegen. In den Akten finden sich hand­schrift­liche Berichte von Bekannten der Wissen­schaft­lerin aus dem univer­si­tären Bereich, die auf sie ange­setzt wurden. Reise­ge­neh­mi­gungen für ihre Eltern wurden gezielt einge­setzt, um Druck auszuüben.

Dementi: Fake-News und Opfer-Narrativ

Die Autorin selbst demen­tiert und droht mit juris­ti­schen Konse­quenzen. Kris­teva sieht ihre mora­li­sche Inte­grität und ihr Werk ange­griffen. Die Publi­ka­tion des Dossiers sei eine Fort­set­zung der „immer noch zu wenig bekannten“ mani­pu­la­tiven Methoden der tota­li­tären Regime. Inzwi­schen hat sie die Authen­ti­zität des Dossiers als mate­ri­elles Faktum aner­kannt, stellt jedoch nach wie vor dessen Wahr­heit in Frage.

Ihr Dementi umkleidet Kris­teva mit einem Opfer­n­ar­rativ. Die Begrün­derin der lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Inter­tex­tua­lität kontex­tua­li­siert ihren eigenen Fall im Licht aktu­eller Geschichte. Die Nach­richt von ihrer Infor­man­ten­tä­tig­keit nennt sie „Fake News“. Mehr noch: „Die Kommu­nisten betrieben schon damals post­fak­ti­sche Politik“. Kurio­ser­weise verweist die Femi­nistin auf die Me-too-Debatte um Harvey Wein­stein und meint, bei den Entlar­vungs­kam­pa­gnen handele es sich um eine „symbo­li­sche Kastra­tion der Alten“. Verstärkt wird das Opfer­n­ar­rativ durch eine weitere histo­ri­sche Refe­renz: Kris­teva empört sich, man habe ihr eine „Nummer gegeben“, vergleichbar den Lager­häft­lingen des Dritten Reichs.

Lust an der Lustra­tion. Der ‚Fall Kris­teva‘ in der Presse

Die Bericht­erstat­tung im Feuil­leton verläuft in einer Rhetorik intel­lek­tu­eller Götter­däm­me­rung. Kris­tevas Zusam­men­ar­beit mit der Dǎržavna sigur­nost scheint den meisten Kommen­ta­to­rInnen gegeben, versehen mit einem absi­chernden Frage­zei­chen. Nach der Veröf­fent­li­chung des voll­stän­digen Dossiers wird das „Skan­dalon“ ihrer Agen­ten­tä­tig­keit durch die angeb­liche Irrele­vanz in sein Gegen­teil verkehrt. Die „lustrierte Ikone“ wird zur „faulsten Geheim­agentin“ des Kalten Kriegs, wobei die Enttar­nung „Glamour“ in die Biografie der „Star-Intellektuellen“ bringe. So zeichnet sich eine Erre­gungs­kurve vom Skandal zur Anek­dote ab. Jürgen Ritte zieht schon einen Schluss­strich, während Ilija Trojanow als Kenner der Materie sich noch einmal ausdrück­lich gegen eine Verharm­lo­sung wendet.

Der ‚Fall Kris­teva‘ wird aus ihrem eigenen Schaffen heraus psycho­ana­ly­tisch oder im Modus des Spio­na­ge­ro­mans gelesen, die proble­ma­ti­sche Gattung Geheim­dienst­akte hingegen erst spät reflek­tiert. Der Akzent liegt auf der mutmaß­li­chen Infor­man­ten­tä­tig­keit, weniger auf der erwie­senen Bespit­ze­lung. Formu­lie­rungen der opera­tiven Mitar­beiter der DS werden als O-Töne zitiert. Man erfreut sich an Kuriosa der Akte, die intime Einblicke in das Leben Kris­tevas und die intel­lek­tu­ellen Zirkel der Zeit gewähren. Die Lust an der Lustra­tion einer Ikone über­wiegt gegen­über den Persön­lich­keits­rechten der Beschuldigten.

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Der Fall Kris­teva in Bulgarien

In Bulga­rien liegt die Wunde der tota­li­tären Vergan­gen­heit bloß. Es geht nicht nur um retro­spek­tive Aufar­bei­tung, sondern um die Frage, inwie­fern Staat und Gesell­schaft bis heute durch ehema­lige Agen­tInnen und Infor­man­tInnen geprägt werden. Auch die intel­lek­tu­elle Szene ist davon betroffen. So wurde 2008 die Lite­ratin Vera Mutafčieva als Zuträ­gerin der DS enttarnt. Auch für Bogdan Bodganov, Grün­dungs­rektor der Neuen Bulga­ri­schen Univer­sität in Sofia, exis­tiert ein Dossier. Bogd­anov war bis zu seinem Tod gleich­falls Mitglied im Beirat der Zeit­schrift Lite­ra­turen vestnik. Die Zeit­schrift kommen­tiert lako­nisch, man nehme die Bekannt­ma­chung der Kommis­sion zu Kris­teva als „legitim“ zur Kenntnis, grenze sich aber von hass­erfüllten Reak­tionen ab.

Letz­tere sind erheb­lich. Inten­sität und Aggres­si­vität speisen sich aus der ambi­va­lenten Rolle, die der Philo­so­phin in ihrem Geburts­land zukommt. Während – oder weil –  die bulga­ri­sche Geis­tes­wis­sen­schaft im globalen akade­mi­schen Betrieb quasi inexis­tent ist, gelten Kris­teva – und der Formalismus-Theoretiker Tzvetan Todorov – als ihre Exportschlager.

Der Kasus Kris­teva. State­ment der bulga­ri­schen Lite­ra­tur­zeit­schrift „Lite­ra­turen vestnik“.

Die Debatte wird kontro­vers geführt: Die Unschulds­be­für­wor­te­rInnen lehnen den Kommis­si­ons­be­fund ab. Argu­ment ist der erwähnte Umstand, dass die Akte keine von der Autorin unter­schrie­benen Doku­mente enthält. Im Zentrum dieser Frak­tion steht die femi­nis­ti­sche Lite­ratin Miglena Nikolčina, in den 1990er Jahren Chef­re­dak­teurin von Lite­ra­turen vestnik. In einem Fern­seh­in­ter­view leitet sie aus der Unschulds­ver­mu­tung eine Cui-bono-Spekulation ab: Es handele sich bei der Kampagne um eine gezielte Diskre­di­tie­rung des „offen denkenden“, euro­pä­isch orien­tierten intel­lek­tu­ellen Felds. Andere Pro-Kristeva-Positionen nehmen ihren Kontakt zur Staats­si­cher­heit als gegeben. Sie sei aber nicht Täterin, sondern Opfer. Über­ra­schend ist das Heroi­sie­rungs­nar­rativ. Bewun­dernd wird attes­tiert, wie Kris­teva ein souve­ränes Katz- und Maus­spiel mit der DS gespielt habe. Schließ­lich gibt es die Iden­ti­fi­ka­ti­ons­these: Die Bereit­schaft zu einer – im Effekt harm­losen – Infor­man­ten­tä­tig­keit sei konform mit den ideo­lo­gi­schen Posi­tionen der jungen Akademikerin.

Die Kristeva-Kritiker verweisen auf die Diskre­panz zwischen den ethi­schen Posi­tionen ihrer Schriften und ihrem Verhalten in den Zwangs­lagen des Kommu­nismus. Nach dem Ende des Kalten Kriegs habe sie die Divi­dende ihres Kompro­misses mit der Macht weiter einge­stri­chen, ohne den Preis auszu­weisen, der dafür zu zahlen war. Mancher sieht hingegen die Schuld im Auge der Enttäuschten. Jeder habe wissen können, dass in den 1960er Jahren niemand aus dem lini­en­treuen kommu­nis­ti­schen Bulga­rien einfach so zum Studium nach Paris gegangen sei, ohne einen Deal mit der Staats­si­cher­heit zu schließen.

Ethik der Kontextualisierung

Die Auswer­tung des Dossiers wird Zeit brau­chen. Ange­sichts der verstüm­melten Akte ist es durchaus möglich, dass es zu keinen wider­spruchs­freien Schlüssen kommt. Erfor­der­lich ist dabei ein grund­le­gendes Bewusst­sein für die Text­sorte Dossier. Werden die Akten der Staats­si­cher­heit einfach als Fakten gelesen, wird die Deutungs­ho­heit über die Ereig­nisse ein weiteres Mal dem tota­li­tären Regime über­ant­wortet. Im Umgang mit den Archiven ist eine Ethik der Kontex­tua­li­sie­rung nötig, die neben klas­si­scher Quel­len­kritik Respekt gegen­über den Persön­lich­keits­rechten auch der Beschul­digten beinhaltet und voyeu­ris­ti­sches Nach­er­zählen von ille­gitim ausspio­nierten intimen Details vermeidet. Mangelnde Sensi­bi­lität für Kontex­tua­li­sie­rung demons­triert aber auch Julia Kris­teva. Statt Dementis, Speku­la­tionen über das Post­fak­ti­sche und unhis­to­ri­schen Verglei­chen mit der Nazi-Zeit könnte sie zwecks wissen­schaft­li­cher Erschlie­ßung ihres Dossiers Auskunft geben und einen konstruk­tiven Beitrag zur Aufar­bei­tung der fakti­schen Geschichte des bulga­ri­schen und osteu­ro­päi­schen Kommu­nismus leisten.