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  • Christine Lötscher ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie forscht und lehrt als Privatdozentin am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich zu populären Genres sowie Kinder- und Jugendmedien und vertritt zurzeit die Professur für Kulturmanagement an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Seit dem 27. Juni ist die dritte und letzte Staffel der deut­schen TV-Serie Dark auf Netflix zu sehen. Der Abschluss der Kult­serie bringt zwar Licht ins Dunkel des verschlun­genen, in den Social Media seit der Ausstrah­lung der ersten Staffel im Winter 2017 heftig debat­tierten Plots. Wer möchte, kann ganze Tage damit verbringen, sich die Verwick­lungen in Blogs und Podcasts erklären zu lassen; und tatsäch­lich lädt das fili­gran gespon­nene Netz aus Bezügen und Spie­ge­lungen zu herme­neu­ti­schen Exzessen ein. Es lenkt aber auch von der Frage ab, um die sich in der Serie alles dreht, und vor allem von der verstö­renden Antwort, die das Finale liefert. Nicht die schwarzen Löcher und Zeit­ma­schinen, über die sich Fans und Rezensent*innen den Kopf zerbre­chen, noch deren philo­so­phi­sche Impli­ka­tionen – Stich­wort Vorbe­stim­mung und freier Wille – sorgen für den eigent­li­chen Thrill. Es ist viel­mehr die sehr ernst gemeinte Frage, ob es viel­leicht doch einen Weg gibt, dem Erwach­sen­werden zu entkommen. Und die Antwort, die da lautet, frei nach Nena: Ja, im Sturz durch Zeit und Raum.

Das Leben der Erwach­senen ist ein einziger undurch­dring­li­cher Knäuel aus Egomanie und Verant­wor­tungs­lo­sig­keit, Lüge und Betrug. Quasi als Kolla­te­ral­schaden nehmen sie, egal ob Polizist*in, Kran­ken­schwester oder Psycho­the­ra­peut, AKW-Direktor oder Hotel­ma­na­gerin, die Zerstö­rung der Umwelt mitsamt atomarem Super-GAU in Kauf. Gleich die ersten Sequenzen zeichnen ein düsteres Bild des Lebens in der Klein­stadt Winden. Eigent­lich wollen alle raus, aber niemand schafft es; Genera­tion für Genera­tion kapi­tu­liert vor den selbst­ge­bauten Mauern und Zwängen und dreht sich im Kreis – mag sein, dass alle in Winden schon längst tot sind und es nicht merken. Doch auch hier, wie in vielen der Dysto­pien, die das letzte Jahr­zehnt medial begleitet, kommen­tiert und atmo­sphä­risch mitge­staltet haben, sind es Jugend­liche, die mit ihrer wilden Energie den Ausbruch versu­chen.

Jonas und Martha; Quelle: spiegel.de

Sie finden heraus, dass es in der Welt von Dark zwar kein Entkommen gibt aus Konflikten, die schon die Eltern und Gross­el­tern mit sich herum­ge­schleppt haben. Dafür können die Grenzen von Raum und Zeit mit viel gutem Willen und noch mehr krimi­na­lis­ti­scher, teils auch krimi­neller, Energie gesprengt werden. Das jugend­liche Liebes­paar Jonas (Louis Hofmann) und Martha (Lisa Vicari) exis­tiert am Ende nicht mehr in der raum­zeit­li­chen Wirk­lich­keit, sondern in einer ganz anderen Dimen­sion. Dort aber glück­lich wie das Paar im Märchen, denn um zu sterben braucht es Raum und Zeit. Es gelingt den beiden nicht nur, ihre Geschichte mit Tragik à la Romeo und Julia und Schöp­fungs­pa­thos à la Adam und Eva aufzu­laden – es verschlägt sie am Ende der zweiten Staffel nämlich in zwei Paral­lel­welten –, sondern ein Stück der zurück­ge­las­senen Welt zu repa­rieren.

Das Faszi­nie­rende an der Serie ist nun, dass die hoch­gradig roman­ti­sche, in dieser Kurz­fas­sung viel­leicht sogar kitschig anmu­tende Liebes­ge­schichte von Jonas und Martha – und die Geschichte der Sehn­sucht der Jugend­li­chen nach einer Zukunft in einer weniger kaputten Welt – mit so viel Liebe zur Mate­ria­lität eben­dieser Wirk­lich­keit erzählt wird, dass die Zuschauer*innen bei aller Düsternis eine ästhe­ti­sche Glücks­er­fah­rung machen mit der Assem­blage aus Körpern, Bäumen, alten Papieren, Elek­tri­zität, Regen und Atom­müll, welche die Serie sinn­lich ins Bild zu setzen weiss.

Der Anfang ist das Ende

Als erste deut­sche Original-Netflix-Serie war Dark ein Expe­ri­ment. Dies umso mehr, als die Showrunner, der Regis­seur Baran bo Adar und die Dreh­buch­au­torin Jantje Friese, sich von Anfang an alles erlaubten, von dem man erwarten würde, es sei auf Streaming-Kanälen streng verboten. Dazu gehört der bereits erwähnte unge­hörig verwi­ckelte Plot und die Figuren mit ihren ausufernden Stamm­bäumen, die sich durch ihre Zeit­rei­se­ak­ti­vi­täten verdop­peln und verdrei­fa­chen und sich solange immer wieder selbst begegnen, bis die Zuschauer*innenhirne ganz verknotet sind. Das virtuose Spiel mit Zeit und Raum gipfelt unter anderem darin, dass die Poli­zistin Char­lotte Doppler gleich­zeitig Mutter und Tochter einer ihrer Töchter ist. Auch was die endzeitlich-melancholischen Bilder und das Sound­de­sign angeht, ist Dark keines­wegs leicht verdau­liche Kost. Viel­leicht liegt es daran, dass in Feuil­le­tons und Social Media vor allem über Stamm­bäume und andere Veräs­te­lungen disku­tiert wird.

Atom­kraft­werk Winden; Quelle: dark.fandom.com

Denn para­do­xer­weise ist ausge­rechnet die Analyse des komplexen Erzähl­ver­fah­rens das, woran man sich fest­halten kann. Nicht zuletzt, weil die Figuren in der Serie es eben­falls tun. Nachdem in Winden zwei Kinder spurlos verschwunden sind, stellen neben der Polizei auch die Jugend­li­chen Nach­for­schungen an. Sie kommen dabei einem Knoten aus Geheim­nissen auf die Spur, die mit dem Windener Atom­kraft­werk und Dingen tun haben, die ihre Eltern und Gross­el­tern lieber totge­schwiegen hätten. Und sie entde­cken ein Portal, durch das sie in andere Zeiten reisen können. Winden vor 33, vor 66, vor 99 Jahren. Mit dem Totschweigen soll es nun ein Ende haben, und so verkünden die Zeit­rei­senden in thea­tral insze­nierten Dialogen einander ihre – eini­ger­massen banalen – Erkennt­nisse über Raum und Zeit, über schick­sal­hafte Zwänge und den freien Willen. Die Erklä­rungen und Kommen­tare wirken wie ein umge­kehrter Verfrem­dungs­ef­fekt, der die Deutung dessen, was passiert, ad absurdum treibt – bis der Tief­sinn sich um ein Haar in Unsinn verwan­delt. Sound­de­sign und Sound­track über­nehmen die Kommen­tar­funk­tion, was das innere und äussere Geschehen angeht, während der Dialog zu einem musi­ka­li­schen Element wird, Atmo­sphäre schafft und den Rhythmus vorgibt.

Wollen wir in dieser Welt erwachsen werden?

Die Figuren reden immer von Laby­rinth, dabei klingt die Serie wie ein Rhizom, ein Laby­rinth ohne Anfang und Ende, ohne Mino­tauros in der Mitte und ohne Ariad­ne­faden. Die Figuren lösen zwar Rätsel und klären einen Fall auf; vor allem aber lernen sie, in einem System aus Kontin­genz zu navi­gieren. Darin besteht der Schlüssel, der sie aus dem Gefängnis aus leeren Flos­keln und bezie­hungs­rei­cher Details ausbre­chen lässt. Sich wieder­ho­lende Sätze wie «der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang», «unser Wissen ist ein Tropfen in einem Meer des Unwis­sens», okkulte Zeichen und die Tatsache, dass noch das kleinste Detail – Narben, Mutter­male, Ketten­an­hänger – mit exis­ten­ti­eller Bedeu­tung aufge­laden sei, sugge­rieren, dass wir es mit der ästhe­ti­schen Umset­zung eines verschwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Modells zu tun haben: alles hängt mit allem zusammen, und am Ende setzt sich Teil­chen für Teil­chen zu einem Puzzle zusammen, in dem die Realität hinter der Realität sichtbar wird.

Doch wie gesagt, das Gegen­teil ist der Fall. Lässt man sich ganz auf den Rhythmus der audio­vi­su­ellen Bilder ein und folgt man den Denk­be­we­gungen, wie sie in der Montage, im Wechsel von Hell und Dunkel, im Sound­de­sign zum Ausdruck kommen, so wird schon von Anfang an klar, dass Dark eine Coming-of-Age-Serie ist, die ein Loch in den sich ewig wieder­ho­lenden Kreis­lauf von Gebo­ren­werden, Erwach­sen­werden und Sterben sprengt. Das hört sich gewaltsam an und ist es auch, wenn man darüber nach­denkt. Wirk­lich unheim­lich an Dark ist aber, dass sich der Abschied von Jonas und Martha auf eine trashige Weise gleich­zeitig berüh­rend und quietsch­ver­gnügt anfühlt. Das hat mit der Span­nung zwischen ernst­haftem Schau­spiel und Space-Opera-Kulisse in der letzten Folge zu tun ­– vor allem aber mit dem musi­ka­li­schen roten Faden, der sich durch die ganze Serie zieht: Nenas Hit Irgendwie, irgendwo, irgend­wann von 1984. Am Ende der drei Staf­feln, wenn der Song zu den Credits zum ersten Mal am Stück zu hören ist – in der Serie selbst wird er immer durch harte Schnitte unter­bro­chen –,  werden die Zuschauer*innen von der plötz­li­chen Einsicht erfasst, dass Jonas und Martha irgendwie, irgendwo und irgend­wann genau das erleben, was der Song­text beschreibt:

Im Sturz durch Raum und Zeit
Rich­tung Unend­lich­keit
fliegen Motten in das Licht, genau wie du und ich
Irgendwie fängt irgend­wann irgendwo die Zukunft an
ich warte nicht mehr lang
Liebe wird aus Mut gemacht
denk nicht lange nach
wir fahr’n auf Feuer­rä­dern Rich­tung Zukunft durch die Nacht

Und wenn man sich das Origi­nal­video auf Youtube anschaut, mit seinen Spinn­weben, dem künst­li­chen Nebel, Klamotten aus der Verklei­dungs­kiste, Mumien, die aus ihrem ewigen Schlaf erwa­chen und natür­lich Stark­regen – dann erscheint die Liebe zur Mate­ria­lität des Medialen, die Dark so sehr prägt, vor allem als Hommage an die (deut­sche) Pop-Geschichte. Vor diesem Hinter­grund kann man den radi­kalen Ausbruch von Jonas und Martha auch als Bekenntnis zu einer Paral­lel­exis­tenz im Pop-Universum verstehen. Doch auch so lässt sich die Frage, ob denn Erwach­sen­werden in dieser Welt wirk­lich keine Option mehr sei, nicht ganz zum Schweigen bringen. 

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