Vor wenigen Tagen starb der Psychologe und Träger des Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften Daniel Kahneman. Ein Rückblick auf sein Werk, das gängige Narrative über die Geschichte unserer Gegenwart ebenso herausfordert wie es politische Fragen aufwirft.

  • Rüdiger Graf

    Rüdiger Graf leitet die Abteilung II „Wissen – Wirtschaft – Politik“ am Leibniz-Zentrum für Zeithistori-sche Forschung in Potsdam und unterrichtet Neuere und Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Vorhersagen und Kontrollieren. Verhaltenswissen und Verhaltenspolitik in der Zeitgeschichte“ (Wallstein 2024).

Daniel Kahneman war zwei­fels­ohne einer der einfluss­reichsten Psycho­logen des ausge­henden 20. und begin­nenden 21. Jahr­hun­derts. Sein Einfluss speiste sich nicht zuletzt daraus, dass er die Grenzen des Fachs weit über­schritten hat und gemeinhin, wenn nicht als Begründer, so doch als entschei­dender Wegbe­reiter der Beha­vi­oral Econo­mics gilt. Wie er selbst erläu­terte, war sein intel­lek­tu­eller Weg aus der Psycho­logie in die Wirt­schafts­wis­sen­schaften auch dem Wunsch geschuldet, Einfluss zu nehmen, sowie der Über­zeu­gung, dass die Ökonomik die einzige Wissen­schaft sei, die poli­tisch Gehör finde. In den Wirt­schafts­wis­sen­schaften wurde Kahneman so erfolg­reich, dass er mit dem Nobel-Gedächtnispreis ausge­zeichnet wurde. Beha­vi­oral Econo­mics ist inzwi­schen eine etablierte Subdis­zi­plin der Wirt­schafts­wis­sen­schaften und galt in den 2010er Jahren auf natio­naler wie auf inter­na­tio­naler Ebene als wesent­liche Inspi­ra­ti­ons­quelle für neue Regie­rungs­pro­gramme. Kahnemans Thin­king Fast and Slow wurde ein inter­na­tio­naler Best­seller, der weit über die Grenzen der Diszi­plin hinaus Wirkung entfal­tete. Bei kaum einem anderen Wissen­schaftler unserer Zeit liegt es so nahe, ihn in Nach­rufen als Genie zu bezeichnen wie bei Daniel Kahneman. Seiner engen wissen­schaft­li­chen und persön­li­chen Verbin­dung mit dem bereits 1996 verstor­benen Amos Tversky widmete der Erfolgs­autor Michael Lewis ein ganzes Buch mit dem Titel A Friend­ship that Changed the World.

Tatsäch­lich hat Kahneman die wich­tigsten seiner Aufsätze über mensch­li­ches Entschei­dungs­ver­halten unter den Bedin­gungen von Unsi­cher­heit und Risiko seit Beginn der 1970er Jahre zusammen mit Tversky geschrieben. In seiner auto­bio­gra­phi­schen Skizze anläss­lich des Nobel-Gedächtnispreises im Jahr 2002 hat Kahneman selbst die Deutung ihrer Bezie­hung als „magisch” vorge­geben. Es habe sich um die seltene Verbin­dung zweier großer Geister gehan­delt, die zusammen mehr leisten konnten als allein. Ihr symbio­ti­sches Arbeits­ver­hältnis – nach­mit­ta­ge­lang disku­tierten sie einzelne Entschei­dungs­pro­bleme und ihre dies­be­züg­li­chen Intui­tionen – sei wie eine Gans gewesen, die goldene Eier legte. Der Erfolg von Kahnemans Theorie der Heuris­tiken und Biases mensch­li­chen Entschei­dungs­ver­hal­tens ist erklä­rungs­be­dürftig, weil er gängigen Erzäh­lungen über die Geschichte der Gegen­wart und ihre wesent­li­chen intel­lek­tu­ellen Entwick­lungen wider­spricht. Diese müssen also erwei­tert, wenn nicht revi­diert werden.

Univer­sales Verhal­tens­wissen in einer parti­ku­laren Welt

Ihre wohl wich­tigsten Aufsätze verfassten Kahneman und Tversky in den 1970er Jahren, also in der soge­nannten Me-Decade (Tom Wolfe), in der viele Historiker*innen in den letzten Jahren den Beginn unserer Gegen­wart loka­li­sierten. Dabei gehen letz­tere unter anderem davon aus, dass im Über­gang von der Moderne in die Post­mo­derne viele Gewiss­heiten zerstört wurden. Das habe auch das Wissen über das eigene Selbst und den Menschen betroffen, das viel­fäl­tiger und unein­heit­li­cher geworden sei, als immer mehr gesell­schaft­liche Gruppen und Indi­vi­duen begannen, die Legi­ti­mität ihrer margi­na­li­sierten Subjekt­po­si­tionen zu behaupten. In der sich ausbil­denden „Gesell­schaft der Singu­la­ri­täten“ (Andreas Reck­witz), in der zuneh­mend Gruppen die Unhin­ter­geh­bar­keit ihrer subjek­tiven Erfah­rungen rekla­mierten und zur Grund­lage einer Politik der Iden­tität zu machen suchten, beschrieben Kahneman und Tversky aller­dings die Grund­prin­zi­pien mensch­li­chen Verhal­tens zunächst einmal ganz unab­hängig von Iden­ti­täts­mar­kern wie race, class, gender, age oder ability. Sie konfron­tierten ihre nicht eben reprä­sen­tativ ausge­wählten Studie­renden mit hypo­the­ti­schen Entschei­dungs­pro­blemen und leiteten daraus Schluss­fol­ge­rungen darüber ab, wir „wir“ „uns“, das heißt Menschen ganz allge­mein, sich verhalten. Auf diese Weise bestimmten sie anschei­nend allge­meine Prin­zi­pien mensch­li­chen Entschei­dungs­ver­hal­tens, wie zum Beispiel den Status Quo-Bias, demzu­folge die Ausgangs­op­tion attrak­tiver wirkte als Alter­na­tiven, die Verlust­aver­sion, dass poten­zi­elle Verluste syste­ma­tisch höher bewertet werden als Gewinne, fehler­hafte Intui­tionen bei der Wahr­schein­lich­keits­kal­ku­la­tion und die Mecha­nismen, nach denen Kosten und Nutzen unter­schied­lich bewertet werden, wenn sie an verschie­denen Zeit­punkten in der Zukunft liegen (hyper­bolic discoun­ting). An ihre provo­kanten Aufsätze, die eigent­lich kontrain­tui­tive, dann aber doch auch intro­spektiv unmit­telbar einleuch­tende Ergeb­nisse mit univer­salem Anspruch präsen­tierten, schlossen sich nicht nur bis in unsere Gegen­wart andau­ernde Forschungs­de­batten an. Viel­mehr wurde ihre Auffas­sung, dass das mensch­liche Verhalten zwar nur begrenzt rational, aber durch ihre Theorie eben doch wieder vorher­sagbar und beein­flussbar sei, zunächst ökono­misch und seit der Jahr­tau­send­wende auch poli­tisch einflussreich. 

Dieses univer­sa­lis­tisch daher­kom­mende Verhal­tens­wissen liegt nicht nur quer zur Erzäh­lung einer angeb­lich immer pluraler und parti­ku­larer werdenden Gegen­wart. Der Aufstieg der Beha­vi­oral Econo­mics ist auch nicht einfach in Einklang zu bringen mit der im Anschluss an Michel Foucault oft behaup­teten neoli­be­ralen Gouver­ne­men­ta­lität der Gegen­wart. Wollen Neoli­be­rale durch Märkte steuern, auf denen Menschen sich als „Unter­nehmer ihrer selbst“ (Ulrich Bröck­ling) behaupten müssen, beschreiben die an Kahneman und Tversky anschlie­ßenden Verhal­tens­öko­nomen gerade die Unfä­hig­keit von Menschen, sich dem Ideal des Homo oeco­no­micus entspre­chend zu verhalten, und eröffnen damit Wege, ihre Entschei­dungen direkt zu beein­flussen. Mit ihrem Konzept des „liber­tären Pater­na­lismus“ versuchten der Ökonom Richard Thaler und der Jurist Cass Sunstein, daraus ein Regie­rungs­pro­gramm zu machen, das die poli­ti­schen Gräben in den USA über­brü­cken sollte. Letz­teres gelang zwar nicht, aber die Idee des soge­nannten Nudging entfal­tete ihren Appeal über die poli­ti­schen Lager­grenzen hinweg. Und Thaler wurde immerhin zum Spiritus Rector des briti­schen Beha­vioural Insights Team, während Sunn­stein unter Präsi­dent Obama zeit­weise die Leitung des Office of Infor­ma­tion and Regu­la­tory Affairs übernahm.

Verhal­tens­wissen und Verhaltenspolitik

Der Erfolg von Kahneman und des von ihm entwi­ckelten Wissens über mensch­li­ches Entschei­dungs­ver­halten wider­spricht also den gegen­wärtig in den Kultur- und Geis­tes­wis­sen­schaften domi­nanten Erzäh­lungen über eine angeb­lich immer parti­ku­larer werdende Kultur des Wissens über den Menschen. Wie ist er dann zu erklären? Ohne Kahnemans intel­lek­tu­elle Bril­lanz zu schmä­lern, muss dazu fest­ge­halten werden, dass er eben nicht das einsame Genie war und sein Erfolg auch nicht auf den magi­schen Charakter der Freund­schaft mit Tversky zurück­zu­führen ist. Beide waren viel­mehr beson­ders pronon­cierte und eloquente Vertreter eines viel brei­teren Trends seit der soge­nannten Beha­vi­oral Revo­lu­tion in der Mitte des 20. Jahr­hun­derts, der darin bestand, grund­le­gendes Wissen über mensch­li­ches Verhalten zu produ­zieren. Statt Hand­lungen von Indi­vi­duen zu verstehen und dabei auf deren Gründe und Intro­spek­tion rekur­rieren zu müssen, wurde in verschie­denen Diszi­plinen versucht, das Verhalten mensch­li­cher Orga­nismen zu erklären und sich dabei dem Erkennt­nis­ideal der Natur­wis­sen­schaften anzu­nä­hern. Gegen über­kom­mene, reli­giös oder kultu­rell begrün­dete, norma­tive Verhal­tens­ord­nungen traten Wissenschaftler*innen – aller­dings fast ausschließ­lich Männer – an, mit statis­ti­schen Verfahren das normale Verhalten von Menschen in verschie­denen Situa­tionen zunächst zu erheben und dann zu erklären. Dabei nahmen sie durchaus metho­di­sche Anleihen aus der Etho­logie, die sich zeit­gleich als Wissen­schaft etablierte. In den Wirt­schafts­wis­sen­schaften wandte sich schon in den 1950er Jahren Herbert A. Simon dagegen, Modell­rech­nungen mit einem idea­li­sierten Nutzen­ma­xi­mierer, dem Homo oeco­no­micus, anzu­stellen. Den mensch­li­chen Entscheider müsse man sich weniger wie einen Gott, sondern eher wie eine Ratte vorstellen, meinte Simon mit Bezug auf das Lieb­lings­ver­suchs­tier der Verhal­tens­wis­sen­schaften. Kahneman und Tversky traten in den 1970er Jahren konzi­li­anter auf als Simon zwanzig Jahre zuvor und entfal­teten daher größere Wirkung, wie Floris Heukelom argu­men­tiert hat. Sie ließen den Homo oeco­no­micus als norma­tives Ideal bestehen, als sie sich der Beschrei­bung mensch­li­chen Entschei­dungs­ver­hal­tens widmeten, das syste­ma­tisch von diesem Ideal abwich. 

Die vermeint­lich entnor­ma­ti­vierte Beschrei­bung mensch­li­chen Verhal­tens hatte selbst wieder norma­tive Konse­quenzen. Sie ging mit einem bestimmten Verständnis des Menschen einher, das diesen nicht als Wesen sui generis, sondern als einen Orga­nismus unter anderen begreift, mit denen er viele evolu­tio­näre Gemein­sam­keiten hat. So entwarf Kahneman eine für die Beha­vi­oral Econo­mics insge­samt typi­sche Persön­lich­keits­spal­tung, indem er mensch­li­ches Entschei­dungs­ver­halten durch die Inter­ak­tion von zwei Systemen erklärte. System 1 agiert demnach schnell und auto­ma­tisch und fällt routi­niert Entschei­dungen, ohne dass diese bewusst kontrol­liert würden. System 2 hingegen trifft Entschei­dungen bewusst und ist mit der Anstren­gung verbunden, mentale Aufmerk­sam­keit auf ein bestimmtes Problem zu richten. Während Menschen subjektiv dazu tendieren, sich mit System 2 zu iden­ti­fi­zieren, dem Kahneman eine gewisse Fähig­keit zuspricht, System 1 zu beein­flussen, ist letz­teres für ihn doch das domi­nante, das die über­wie­gende Mehr­zahl der Entschei­dungen trifft. Dabei unter­scheidet es sich aber eben nicht grund­sätz­lich von den anima­li­schen Vorfahren und ist prin­zi­piell nicht voll­ständig kontrollierbar.

Indem Kahneman, Tversky und andere Verhal­tens­öko­nomen die Mecha­nismen des System 1 wissen­schaft­lich beschreiben, wollen sie aber doch zugleich ein Wissen erzeugen, das es ermög­licht, die Entschei­dungen des System 1 zu beein­flussen. Dieses Kontroll­ver­spre­chen erklärt nicht nur den Erfolg ihrer Bücher als eine beson­ders avan­cierte Form der Ratge­ber­li­te­ratur. Genau hier liegt die Poli­ti­zität des Verhal­tens­wis­sens, aufgrund derer Beha­vi­oral Insights und Beha­vi­oral Public Policy in den letzten Jahren so intensiv disku­tiert werden. Regie­rungen wollen grund­sätz­lich das Verhalten ihrer Bürger*innen beein­flussen und nutzen dazu tradi­tio­nell verschie­dene Instru­mente wie Gesetze, finan­zi­elle Anreize oder Aufklä­rung und Erzie­hung. Um zu wirken, richten sich diese Instru­mente jeweils an das Subjekt im Sinne des System 2: Gesetze funk­tio­nieren, wenn Bürger*innen sie kennen und poten­zi­elle Strafen vermeiden wollen; ökono­mi­sche Anreize wirken, wenn Bürger*innen ihren finan­zi­ellen Vorteil erkennen und ihn reali­sieren wollen; und Aufklä­rungs­maß­nahmen richten sich an das mora­li­sche Subjekt, das sein Verhalten kontrol­lieren kann. Verhal­tens­wis­sen­schaft­lich basierte Steue­rungs­in­stru­mente, wie die viel disku­tierten Nudges, wirken demge­gen­über auch und gerade dann, wenn sie den Bürger*innen nicht bewusst sind, indem sie direkt das System 1 beein­flussen. Daher haben sie ein hohes Miss­brauchs­po­ten­zial und sind auch für Auto­kraten attraktiv. Verhal­tens­wissen hat ein eman­zi­pa­to­ri­sches Poten­zial, weil es Bereiche poli­tisch erschließen kann, die zuvor quasi natur­ge­geben hinge­nommen wurden. Am promi­nen­testen wurde der von Kahneman und Tversky beschrie­bene Status Quo Bias in den letzten Jahren an der Frage disku­tiert, ob man sich für eine Organ­spende aktiv entscheiden muss oder ob alle Menschen auto­ma­tisch Organ­spender sind, sofern sie dem nicht explizit wider­spre­chen. Damit beha­vi­oral insights eman­zi­pa­to­risch wirken, ist es entschei­dend, dass ihre Nutzung in demo­kra­ti­sche Entschei­dungs­pro­zesse einge­bunden wird. 

 

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