Rund 680 Rechtsextreme marschierten im August 2024 unter dem Motto „Gegen Gender-Propaganda und Identitätsverwirrung!!!“ gegen die im sächsischen Bautzen stattfindende CSD-Parade auf. Mit ausländer- und queerfeindlichen Parolen, Reichsflaggen und dem Verbrennen von Regenbogenfahnen wurde der Hass unverhohlen auf die Straße getragen. Die Gewaltbereitschaft und Aggression der rechtsextremen Demonstrant:innen konnten lediglich durch ein starkes Polizeiaufgebot eingedämmt werden. Insgesamt hat es im Sommer 2024 in Deutschland 55 rechtsextreme Mobilisierungen gegen CSD-Paraden gegeben – so viele wie noch nie zuvor. Eine verstärkte Obsession rechter Gruppen mit Themen wie Geschlecht und Sexualität lässt sich seit rund 10 Jahren beobachten. Sie zeigt sich nicht nur in der zunehmenden, äußerst aggressiven Agitation gegen den CSD, sondern auch in den mittlerweile geltenden Gender-Verboten in mehreren deutschen Bundesländern, den Kundgebungen gegen Kinderbuchlesungen von Drag-Queens und gegen angebliche Frühsexualisierung, an den Verschwörungsideologien über eine vermeintliche „Trans*Propaganda“ in der Sexualpädagogik sowie an den zunehmenden Hass- und Gewaltverbrechen gegen queere Orte und Personen, wie im November 2024 der Brandanschlag auf eine queere Bar in Rostock.
Zunehmende Akzeptanz und Sichtbarkeit
Die Geschlechterforscher:innen Sabine Hark und Paula-Irene Villa Braslavsky sehen in diesen Angriffen eine Reaktion auf „postessentialistische Zustände“. Lesbische, schwule, trans* und nonbinäre Lebensweisen sind heute so präsent wie nie: Nachrichtensendungen verwenden genderinklusive Sprache, Streamingplattformen zeigen vermehrt Filme und Serien zu LGBTQA+ Lebensweisen, im „pride month“ Juli schmücken sich viele Städte, Geschäfte und Firmen mit Regenbogenfahnen und es finden vermehrt in kleineren Städten und ländlicheren Gegenden in Deutschland CSD-Veranstaltungen statt. Auch auf rechtlicher Ebene ist in den letzten fünf Jahren einiges passiert: Seit 2017 ist die Ehe für alle geöffnet, seit 2018 gibt es den Geschlechtseintrag divers und im November 2024 ist das Selbstbestimmungsgesetz in Kraft getreten, das das veraltete Transsexuellengesetz ablöst.
Antifeminismus und Queerfeindlichkeit
Rechte und rechtsradikale Gruppen bezeichnen solche Errungenschaften als Teil einer angeblichen Gender-Ideologie, die es zu bekämpfen gelte. Queerfeindlichkeit und Antifeminismus sind dabei eng miteinander verbunden: Die natürliche Ordnung sehe sowohl eine patriarchal organisierte Zweigeschlechtlichkeit als auch eine der Fortpflanzung dienende Heterosexualität vor, so die reaktionäre Denkart. Ausgehend von dieser vermeintlich natürlichen Geschlechterordnung werden zwei Bedrohungsszenarien entworfen: Zum einen sei die Homogenität der Gesellschaft und das Überleben der Nation von „unten“ bedroht. Der gewaltbereite, patriarchale und homophobe muslimische Mann und die Fertilität der muslimischen Frau seien eine Gefahr für die Nation. Zum anderen wird eine Bedrohung von „oben“, d. h. von elitären, intellektuellen, kinderlosen, feministischen Karrierefrauen und queeren Menschen behauptet, die die heterosexuelle Kleinfamilie und die traditionelle Aufteilung der Sorgearbeit in Frage stellen. Die heteronormativ und patriarchal organisierte Kleinfamilie hat dabei keinen Wert an sich, sondern soll der Reproduktion der autochthonen Bevölkerung dienen. Der Diskurs der „Gender-Ideologie“ wird so in eine rassistische und sozialdarwinistische Bevölkerungsideologie integriert, die dadurch neu und modern verpackt wird. Das ist wiederum ist eng verknüpft mit rassistischen und antisemitischen Verschwörungstheorien, die einen von Eliten geplanten und gesteuerten „Bevölkerungsaustausch“ behaupten. Diese Drohszenarien eines herbeifabulierten Angriffs stigmatisieren queere und rassifizierte Andere als Feinde der Nation und sollen die Gewalt gegen sie legitimieren. Die Hassreden tragen bereits Früchte. Gegenwärtig zeigt sich das in den zunehmend gewaltvollen Demonstrationen und Drohungen gegen CSD-Paraden, die im Jahr 2025 bereits dazu geführt haben, dass erste Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen abgesagt oder umgeplant wurden, etwa in Gelsenkirchen und Regensburg.
Die Stonewall Inn-Proteste in New York
CSD-Paraden gehen auf eine Zeit zurück, in der viele der aktuell erneut unter Beschuss stehenden Errungenschaften von LGBTQA+ Personen nicht selbstverständlich waren: So stellten in den USA beispielsweise die Sodomy Laws homosexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit unter Strafe, Homosexualität galt als Krankheit, und es war rechtlich geboten, mindestens drei Kleidungsstücke des bei der Geburt zugeschriebenen Geschlechts zu tragen. Im Juni 1969 protestierten in einer New Yorker Bar – dem Stonewall Inn in der Christopher Street – Schwule, Lesben, trans* Menschen, Drag-Queens, wohnungslose und drogenabhängige Jugendliche und Sexarbeiter:innen – viele von ihnen People of Color – mehrere Tage gegen die willkürliche Polizeigewalt, der sie regelmäßig ausgesetzt waren.
Lange Zeit galten die Proteste im Stonewall Inn als die ersten spontanen und länger andauernden Kämpfe gegen Polizeigewalt. Mittlerweile wissen wir dank der Recherche der Historikerin Susan Stryker, dass es bereits vorher in Compton’s Cafeteria in San Francisco ähnliche Proteste gegeben hatte. Im Unterschied zu den Protesten in San Francisco waren bei den Kämpfen im Stonewall Inn nicht nur trans* Menschen, Drag Queens und Sexarbeiter:innen beteiligt, sondern auch homophile Aktivist:innen. Diese verfügten über die notwendigen politischen Strukturen, um die Proteste im Stonewall Inn erinnerbar zu machen. Bereits ein Jahr nach den dortigen Protesten wurden in mehreren US-Städten wie New York, Los Angeles, San Francisco und Chicago Gedenkveranstaltungen abgehalten. Diese markierten den Beginn der heute nahezu weltweit stattfindenden CSD-Paraden. In den folgenden Jahren erreichte die Protestbewegung auch Europa.
Out and Proud: Die Gay Liberation-Bewegung
Der Christopher Street-Day erinnert aber auch an den Beginn einer neuen homosexuellen und trans* Bewegung, der es gelang, eine zunehmende Akzeptanz für Lesben und Schwule zu erreichen. Im Anschluss an die Proteste 1969 spaltete sich auf einer Versammlung der homophilen Organisation Mattachine Society eine Gruppe radikaler Aktivist:innen ab und gründete die Gay Liberation Front (GLF), die den Beginn der sogenannten Gay Liberation-Bewegung markiert. Die Gay is good-Politiken des homophilen Aktivismus wurden von den out and proud-Politiken der Gay Liberation Front (GLF) abgelöst. Trotz bestehender Stigmatisierung, Kriminalisierung und Pathologisierung zeigten sich lesbisch, schwule, bisexuelle und trans* Körper offen und selbstbewusst auf der Straße und schafften damit Sichtbarkeit und Akzeptanz. Zu Beginn war die Gay Liberation-Bewegung, insbesondere die GLF, noch ein Beispiel für eine Politik der Bündnisse zwischen Drag Queens, trans* Menschen, lesbischen Frauen und schwulen Männern, die beispielsweise mit der Bürgerrechtsbewegung zusammenarbeiteten. Obwohl diese Bündnisse schnell scheiterten und die Gay Liberation Front nicht länger als ein Jahr hielt, entstanden in kurzer Zeit viele neue Gruppen. Dazu gehörten beispielsweise die Gay Activist Alliance, die Third World Gay Revolution und die Organisation STAR (Street Trans Activist Revolutionaries), die sich für die Unterstützung von wohnungslosen trans* Jugendlichen einsetzte. Lesbische Frauen schlossen sich aufgrund der männlichen Dominanz in der Gay Liberation-Bewegung eher der Frauenbewegung an.
Wann kam der CSD nach Deutschland?
Auch in Deutschland formierte sich eine Schwulen-, Lesben- und Trans*Bewegung in einer Zeit, in der homosexuelle und trans* Personen kriminalisiert und pathologisiert wurden. Der §175, der homosexuelle Männer strafrechtlich verfolgte, wurde 1969 reformiert, während das Familien- und Eherecht, das die Vormachtstellung des Mannes über die Frau festschrieb und auch lesbische Frauen benachteiligte, erst 1977 geändert wurde. Die Weltgesundheitsorganisation strich Homosexualität 1990 aus ihren Krankheitskatalogen, und Transidentität wurde erst 2022 offiziell nicht mehr als Persönlichkeitsstörung eingestuft.
Nachdem im Nationalsozialismus fast alle LGBT-Strukturen zerstört wurden, dauerte es eine Weile, bis sich neue Bewegungen formierten. Dabei organisierte sich der Lesben-, Schwulen und Trans*Aktivismus zunächst weitgehend getrennt voneinander. Lesbische Frauen organisierten sich ab den 1970er Jahren in den Frauenbewegungen. Zum Teil gab es auch lesbische Gruppen in den homosexuellen Organisationen. In der Schwulenbewegung gilt der 1971 erschienene Film von Rosa von Praunheim Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt als deutsches Stonewall, denn im Anschluss an die Filmvorführung organisierten sich schwule Gruppen, die nicht nur die Namen (z. B. Gay Liberation Front), sondern auch die out and proud-Politiken aus den USA übernahmen. Trans* Organisationen und Aktivismus formierten sich in Deutschland erst ab den 1990er Jahren.
1979 – zehn Jahre nach den Stonewall Inn-Protesten in New York – fanden die ersten CSD-Paraden in mehreren großen deutschen Städten statt. Allerdings gab es bereits 1972 in Münster Demonstrationen von Schwulen und Lesben, die dort selbstbewusst auf die Straße gingen. In der Schweiz fand die erste Pride-Parade 1978 in Zürich unter dem Motto „Wir fordern“ statt. In Wien wurde die erste Regenbogenparade vergleichsweise spät – 1996 – veranstaltet. Ein Grund dafür war die langsame Neugründung schwul-lesbischer Organisationen in Österreich nach ihrer Zerschlagung durch den Nationalsozialismus.
CSD-Paraden heute
Mittlerweile werden in fast jeder großen Stadt, aber auch zunehmend in kleineren Städten und ländlichen Regionen jährlich CSD-Paraden organisiert. In Köln, dem größten CSD in Deutschland, nahmen 2024 ca. 60.000 Teilnehmer:innen und ca. 1 Millionen Zuschauer:innen an der Parade teil. In Zürich kamen 40.000 Teilnehmer:innen zur Zurich Pride 2022. CSD-Veranstaltungen sind auch Gegenstand verschiedener interner Kritiken, d. h. aus der LGBTQA+ Community. Es gibt Auseinandersetzungen über die zunehmende Entpolitisierung der Veranstaltungen, die nur auf Party und Konsum ausgerichtet seien, ebenso wie über die kommerzielle Vereinnahmung durch Firmen wie Google oder UBS und bis vor einiger Zeit Credit Suisse, die mit eigenen Wagen auf den CSD-Paraden mitfahren. Es werden auch transfeindliche und rassistische Ausschlüsse der CSD-Veranstaltungen kritisiert. Ein prominentes Beispiel hierfür ist die Ablehnung des Zivilcourage-Preises des Berliner CSD durch Judith Butler im Jahr 2010. Butler begründete ihre Entscheidung mit dem Vorwurf der Kompliz:innenschaft des CSDs mit Rassismus. Zuvor hatte Butler den Austausch mit antirassistischen queeren Organisationen in Berlin gesucht. Mitunter entstehen aus den Kritiken am CSD heraus neue alternative Protestdemonstrationen, wie beispielsweise der Dyke March, die TIN*-Pride oder die Internationalist Queer Pride in Berlin. Teilweise werden die Kritiken am CSD ernst genommen und umgesetzt und zum Teil wird weiterhin gestrittenen und diskutiert. Beispielsweise passte die Zürich Pride 2022 ihr ursprüngliches Motto „transnormal“ nach Kritik von Trans*Organisationen an und änderte es in „trans – Vielfalt leben“. Erstmals in den 27 Jahren der Veranstaltung stand damit ein Motto im Fokus, das sich explizit auf trans* Themen bezog. Dies führte jedoch dazu, dass sich transfeindliche Gruppen von der Pride distanzierten. Eine beständige kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Ein- und Ausschlüssen ist allerdings im Sinne eines queer-feministischen Politikverständnisses ein wesentlicher Bestandteil von queer-feministischen Politiken. In einem Punkt sind sich die meisten in der LGBTQA+ Community einig: Es lohnt sich, um den CSD zu streiten, denn er ist eine zentrale Erinnerungsveranstaltung der LGBTQA+ Community.
Politik der Allianzen gegen eine Politik der Feindschaft
CSD-Paraden erinnern daran, dass die wachsende Akzeptanz und Sichtbarkeit von LGBTQA+ Lebensweisen kein Selbstverständnis ist, sondern das Ergebnis langer und harter Kämpfe. Die rechtsextremen Gegendemonstrationen im vorigen Jahr und die fehlende Entschlossenheit mancherorts, CSD-Paraden zu schützen, machen deutlich, wie fragil diese Errungenschaften sind. Immer häufiger rücken CSDs ins Visier rechtsextremer Hetze und Angriffe: Diese betrachten die Sichtbarkeit und Akzeptanz von LGBTQA+ als Bedrohung für die Reproduktion der autochthonen Bevölkerung. Mit Transparenten, die Slogans wie „Es gibt viele psychische Probleme, aber nur zwei Geschlechter“ tragen, wird eine erneute Pathologisierung von trans*, inter und nonbinären Personen gefordert – und damit die Rückkehr zu einer vermeintlich natürlichen Ordnung propagiert. Das Verbrennen von Regenbogenflaggen steht gar für die Auslöschung von LGBTQA+ Lebensweisen.
Umso wichtiger sind CSD-Paraden in der Gegenwart: Wir müssen weiterhin gemeinsam auf die Straße gehen und dafür kämpfen, dass all die Errungenschaften, für die LGBTQA+ Menschen ihre Unversehrtheit aufs Spiel gesetzt haben, nicht verloren gehen. CSD-Paraden stehen historisch für eine Politik der Allianzen zwischen trans* Menschen, Schwulen, Bisexuellen, Lesben, People of Color, wohnungslosen Menschen und vielen anderen. Diese Allianzen verweisen auf eine gemeinsam geteilte, wenn auch ungleich verteilte Verletzbarkeit, für die wir zusammen Verantwortung tragen. Ebendiese Allianzen, die durchaus auch konflikthaft sein können, müssen angesichts rechter Bedrohungen gestärkt werden, um einer rechten Politik der Feindschaft, in der besonders queere und migrantische Menschen als Feinde der Nation stilisiert werden, entgegenzutreten. Denn Pride-Paraden sind historisch wie gegenwärtig ein zutiefst demokratisches Projekt: Als zivilgesellschaftliche Bewegung setzen sie sich für den Einschluss jener ein, die aus dem vermeintlichen Universalismus der Demokratie ausgeschlossen werden. In diesem Sinne sind CSDs auch ein zentraler Bestandteil des Widerstands gegen erstarkende faschistische und damit antidemokratische Strömungen, die eine geschlossene, homogene und damit demokratiefeindliche Gesellschaft anstreben.