Cringe hat Konjunktur und ist mehr als Jugendslang. Ob in Comedy, Social Media oder Literatur – Cringe enthüllt die ambivalenten Grenzen zwischen Humor, Peinlichkeit und gesellschaftlichen Normen.

  • Theresa Heyd

    Theresa Heyd ist seit April 2024 Inhaberin des Lehrstuhls für Englische Sprachwissenschaft an der Universität Heidelberg. Zuvor war sie Professorin für Englische Sprachwissenschaft und Dekanin der Philosophischen Fakultät der Universität Greifswald. Neben der Kooperation mit Heide Volkening im Projekt Cringe der Volkswagen Stiftung arbeitet sie zu den Schwerpunkten Posthumane Soziolinguistik, Pronomen und Gender, sowie Digital Voice. Ihr aktuelles Buchprojekt Sociolinguistics of Digital Affect steht für das kommende Jahr bei Bloomsbury unter Vertrag.
  • Heide Volkening

    Heide Volkening ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Philologie der Universität Greifswald und lehrt Literaturwissenschaft und Gender Studies. Gegenwärtig arbeitet sie mit Theresa Heyd in dem von der Volkswagenstiftung geförderten Projekt "Cringe. Ästhetik und diskursive Praxis der Schamlust". Im Rahmen des vom BMBF geförderten interdisziplinären Projektes "Inklusive Exzellenz in der Medizin (InkE)" der Universität Greifswald beschäftigt sie sich mit Gender als Wissenskategorie in medizinischen Diskursen.

„Gestern noch ange­sagte Dienste und Platt­formen sind heute schon cringe.“ – „Norma­ler­weise cringe ich mitt­ler­weile immer ein biss­chen, wenn ich mir was Über­setztes angucke.“ – „Lachen bis zum Cringe.“ – „Keine Füße bleiben still, wenn Niklas und Louis zu grooven beginnen (cringe).“ Diese Beispiele aus dem Webkorpus des Digi­talen Wörter­buchs der Deut­schen Sprache (www.dwds.de) bestä­tigen den ersten Eindruck: Cringe ist eine Vokabel der Gegen­wart, und sie gehört im Deut­schen seit Mitte der 2010er-Jahre zuneh­mend zum öffent­li­chen Sprach­ge­brauch. Sie begegnet uns als Adjektiv, als Nomen, als Verb­form oder auch als nach­ge­stellte Partikel (cringe!). Die Text­bei­spiele deuten bereits an, wo und in welchen Kontexten Cringe vorkommt. Denn alle Belege stammen aus dem Webkorpus und sind somit Blogs, Social Media und anderen digi­talen Platt­formen entnommen. Sie umkreisen alle mehr oder weniger explizit Aspekte von Popkultur und medialer Vermit­telt­heit – Comedy-Formate und ihre Rezep­tion, den Konsum von Serien, Partys, Popmusik.

Im deutsch­spra­chigen Raum wird oder wurde Cringe zunächst mit Jugend­sprache asso­zi­iert und als Form von doing age verstanden, also insbe­son­dere als Abgren­zungs­me­cha­nismus zwischen subjektiv empfun­denen Alters­ka­te­go­rien oder Gene­ra­tionen. Als Cringe galt die Sprache der Älteren, ihre Verhal­tens­weisen, Outfits, ihr Geschmack. Cringe ist in diesem Sinn eng verbunden mit einer anderen Vokabel, die aktuell einen Sprach­wandel durch­läuft: die Sozi­al­figur des Boomers, die nun nicht mehr nur für eine bestimmte Gebur­ten­ko­horte steht, sondern mit schlechtem Geschmack und selbst­be­zo­genen Verhalten asso­zi­iert wird. Diese Asso­zia­tion mit soge­nannter Jugend­sprache ist beinahe untrennbar verbunden mit der inten­siven Thema­ti­sie­rung des Phäno­mens, im Fall von Cringe ganz beson­ders durch die Wahl zum Jugend­wort des Jahres 2021.

Die Vermark­tung von Cringe als Begriff, die über den Langenscheidt-Verlag als Ausrich­tungs­s­in­stanz des Jugendwort-Verfahrens funk­tio­niert, und auch die selbst­iro­ni­sche Aneig­nung und Insze­nie­rung von Cringe durch die Gene­ra­tion derer, die eigent­lich gemeint ist, ist aus der Perspek­tive von Jugend­li­chen selbst schon cringe. Etwa in den intensiv stili­sierten Perfor­mances der Nach­rich­ten­spre­cherin Susanne Daubner, die die Jugend­worte für die Tages­schau verliest. Oder in der zwischen 2020-2024 von Jan Böhmer­mann und Olli Schulz verwen­deten Podcast-Marke #Boomer­cringe. Im Sprach­ge­brauch vieler Jugend­li­cher ist Cringe auch deshalb schon längst wieder out.

Cringe: Wort­ge­schichte

So wie andere Voka­beln, die als Teil des jugend­sprach­li­chen Reper­toires markiert werden, markiert Cringe aber nicht nur eine Zone des Generationen-, sondern auch des Sprach­kon­takts. Für das Engli­sche lässt sich die Sprach­ge­schichte von cringe weit in die Vergan­gen­heit zurück­ver­folgen: Im Mittel­eng­li­schen findet sich ab dem 13. Jahr­hun­dert die Verb­form crengen, deren Vorläufer sich wiederum weit in das Alteng­li­sche und darüber hinaus in der proto­ger­ma­ni­schen Form kringana belegen lassen. Cringe hat etymo­lo­gi­sche Verwandt­schaft mit dem deut­schen krank, dem Schwe­di­schen kränga (wenden, umstülpen), aber auch mit onoma­to­poe­ti­schen Formen wie dem Engli­schen crinkle (knit­tern, knistern).

Was die Bedeu­tungs­ge­schichte angeht, domi­niert eine Semantik der Verkör­pe­rung bis ins 19. Jahr­hun­dert: to cringe heißt, sich zu winden, sich zu krümmen, nieder­zu­knien oder den Kopf zurück­zu­werfen. Erst im 19. Jahr­hun­dert über­nimmt die abstrakte, meta­pho­ri­sche Semantik der affek­tiven Reak­tion, sodass cringe zuneh­mend die Konno­ta­tion von Scham, Pein­lich­keit und unan­ge­nehmer Berührt­heit gewinnt. Trotz dieser langen Wort­ge­schichte hat auch im Engli­schen cringe zuletzt einen (pop)kulturellen Aufschwung erlebt. Davon zeugt nicht zuletzt das erfolg­reiche popu­lär­wis­sen­schaft­liche Buch Crin­ge­worthy von Melissa Dahl aus dem Jahr 2018. Darin wird das diskur­sive Phänomen aller­dings in erster Linie mit digi­taler Praxis und nicht so sehr mit Jugend­sprache asso­zi­iert. 

Der digi­tale Kontext ist auch für Cringe im deutsch­spra­chigen Raum von zentraler Bedeu­tung und verschmilzt mit der öffent­li­chen Wahr­neh­mung als Begriff der Jugend­sprache. In digi­talen Kontexten funk­tio­niert Cringe als Marker, mit dem Geschmacks­grenzen etabliert werden. Die dabei verwen­deten semio­ti­schen Ressourcen – Reac­tion Pics, Cringe-Emojis oder der Hashtag #cringe – liefern eindrucks­volles Mate­rial dafür, wie die Verkör­per­li­chung von Cringe auch auf die sprach­liche Konstruk­tion unserer digi­talen Körper über­tragen wird. Darüber hinaus hat sich Cringe als konven­tio­na­li­siertes Label zur Bezeich­nung von ganz unter­schied­li­chen digi­talen Prak­tiken etabliert. Das umfasst eine große Band­breite an spezi­fi­schen Genres, Stilen und Commu­ni­ties, von spie­le­ri­schen Formen des digi­talen Akti­vismus wie etwa den Instagram-Account @heterocringe über stark popu­la­ri­sierte Video­for­mate wie Try Not To Cringe Compi­la­tions (zunächst auf YouTube und mitt­ler­weile auf TikTok), aber auch margi­na­li­sie­rende Formen einer verlet­zenden Verlach­komik wie die soge­nannte Cringe Culture, bei der es um die Stig­ma­ti­sie­rung von User*innen bis hin zu justi­zia­blen Formen des Cyber­mob­bings geht. 

Cringe-Komik als Schamlust

In den Fällen, in denen Cringe mit Komik verbunden ist, bezeichnet es nicht nur einfach Pein­lich­keit oder ein schlicht unan­ge­nehmes Empfinden im Sinne von Fremd­scham oder awkward­ness. Im Gegen­teil gehört es zum Reiz von Cringe, dass sich damit ein ambi­va­lenter Affekt verbindet, der das Anre­gende mit dem Absto­ßenden und die Lust am Schauen mit der Pein­lich­keit des Ange­schauten vereint. Cringe ist Scham­lust. Wir können nicht hin-, aber auch nicht so richtig wegschauen, wir lachen hinter vorge­hal­tener Hand. Cringe Comedy löst „painful laughter“ aus, wie Wieland Schwa­ne­beck formu­liert.

In aktu­ellen Fernseh- und Strea­ming­for­maten hat sich seit einigen Jahren dieses Genre der Cringe Comedy als Bezeich­nung für Situa­ti­ons­ko­mö­dien, drame­dies und Komö­dien mit über­wie­gend sati­ri­schen Darstel­lungen pein­li­cher Figuren, Verhal­tens­weisen und Situa­tionen etabliert. Deren Funk­ti­ons­weise ist der Technik des verlet­zenden tenden­ziösen Witzes verwandt, wie Sigmund Freud sie beschrieben hat. Gesell­schaft­lich abwei­chendes, soziale Normen und mora­li­schen Gemein­sinn verlet­zendes Verhalten cringer Figuren quält und befreit die Zuschau­enden zugleich. Als Klas­siker des Genres gelten Larry Davids Curb Your Enthu­siasm oder mocku­men­ta­ries wie das briti­sche und US-amerikanische The Office sowie dessen deut­sche Adap­tion Strom­berg. Histo­risch lässt sich jedoch sicher bis in die 1960er und -70er Jahre zurück­gehen zu Programmen wie das briti­sche Till Death Us Do Part oder die WDR-Produktion Ein Herz und eine Seele. Die Tatsache, dass die ARD-Mediathek die berühmte Folge Silves­ter­punsch inzwi­schen mit Content-Hinweis zeigt, weist darauf hin, dass sich zeit­gleich mit dem Cringe-Diskurs auch die Wahr­neh­mung und Wertung verlet­zender Komik geän­dert hat.

Mit Curb Your Enthu­siasm ging im Früh­jahr 2024 die Ära der Cringe-Komik jedoch keines­wegs zu Ende, wie die FAZ besorgt fest­stellte. Viel­mehr lässt sich gegen­wärtig eine Diffe­ren­zie­rung des Feldes beob­achten: Mocku­men­ta­ries verla­gern sich in Super­märkte und TV-Produktionsfirmen, wie bei den aktu­ellen Serien Discounter und Player of Ibiza. Situa­ti­ons­ko­mö­dien und drame­dies werden (post-)feministisch adap­tiert in Serien wie Girls, Fleabag, I Love Dick oder Sexuell verfügbar. Alle diese und einige weitere Formate loten Grenzen des Humors und Geschmacks genauso aus wie gängige Vorstel­lungen von Geschlecht und Sexua­lität. Sie verbinden die Affir­ma­tion von Selbst­cringe mit der Ausstel­lung von Fremd­cringe, das mitfüh­lende Lachen über vermeint­liche eigene Fehler mit dem Ausla­chen von Hasen­zähnen, schlechten Frisuren oder masku­li­nis­ti­schen Impo­nier­gesten anderer. Auch sie bewegen sich auf dem schmalen Grat der Scham­lust zwischen Ressen­ti­ment, Stereotyp und Vorur­teil auf der einen (‚darüber wird man wohl noch lachen dürfen‘) und befrei­ender Affir­ma­tion von Scham und Pein­lich­keit auf der anderen Seite (mit Taylor Swift gespro­chen: „learn to live along­side cringe“).

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Cringe Comedy tritt genau mit den Themen in Erschei­nung, anhand derer gesell­schaft­li­cher Wandel beson­ders affekt­ge­laden disku­tiert wird: Geschlechter- und Klas­sen­ver­hält­nisse sowie rassi­fi­zie­rende Praxen. Die über­trie­bene Darstel­lung mora­li­schen Fehl­ver­hal­tens in der Cringe Comedy entlastet vom Gewicht ethi­scher Fragen, die sich alltäg­lich in diesen Feldern stellen, ohne dabei die Rele­vanz der Themen und ihrer Bear­bei­tung zu verharm­losen. Wir sollen lachen, während wir uns winden. Erst durch das Erzeugen von Unwohl­sein kommt es zum Genuss der Cringe Comedy.

Cringe und Literatur

Seit Kurzem ist von Cringe nun auch mit Blick auf Lite­ratur und lite­ra­ri­sche Geschmacks­ge­mein­schaften die Rede. Ob Rupi Kaur die Stimme einer Gene­ra­tion oder aber die queen of cringe sei, fragte Miski Omar im Früh­jahr 2024 im Guar­dian. Rupi Kaur, so formu­liert es auch Marie Ungar in ihren Notes on Cringe, „is one of the most Cringe writers writing today“. Die Diskre­panz zwischen der Selbst­wahr­neh­mung der Autorin und ihrer (medialen) Insze­nie­rung einer­seits und Kaurs als „laug­hably bad“ (dis)qualifizierten Gedichten ande­rer­seits konsti­tu­iert dieses lite­ra­ri­sche Cringe-Phänomen als eines der Rezep­tion. Ähnli­ches kann für das Fandom männ­li­cher Autoren und ein posi­tives Geschmacks­ur­teil gelten. David Foster Wallaces Infi­nite Jest erscheint aus dieser Perspek­tive selbst weniger als Cringe als dieje­nigen, die ihn – empa­thisch empha­tisch – vor sich hertragen und (nicht) lesen.

Though Wallace’s work risks Cringe in its gargan­tuan display of effort and since­rity, the reason refe­rences to Wallace are often met with rolled eyes has more to do with what the act of invo­king his name conveys: ‘lit-bro short­hand’ synony­mous with ‘is one of those mother­fu­ckers,’ connoting an overly-inflated ego and mascu­line self-importance (Fischer).

Gegen­warts­li­te­ratur und ihre Rezep­tion, das wird in der kurzen Beispiel­liste deut­lich, bewegt sich auch inner­halb digi­taler Commu­ni­ties of Cringe.

Im Bereich der Lite­ratur ist die Frage der Wirkungs­ab­sicht schwerer zu beant­worten und kann nicht so klar an der Reak­tion des Lachens gemessen werden. Ähnlich wie die Komik in der Cringe Comedy zwischen Verla­chen und Mitscham schwankt, schwankt lite­ra­ri­scher Cringe zwischen Rezeptions- und Verfah­rens­ebene. Dass sich Rezep­ti­ons­ge­mein­schaften über Abgren­zung bilden, illus­trieren die oben genannten Beispiele. Aber wie lässt sich Cringe mit Blick auf Lite­ratur als ästhe­ti­sche Kate­gorie der Gegen­wart beschreiben?

Cringe konsti­tu­iert sich als Unent­scheid­bar­keit zwischen parodis­ti­scher Verzer­rung und mime­ti­scher Ernst­haf­tig­keit, zwischen „Analyse und blühende[m] Vortrag der eigenen Symptome“, zwischen buch­stäb­li­cher Naivität und ironi­scher Insze­nie­rung, zwischen Figu­ren­per­spek­tive und Erzähl­stimme. Diese Ambi­va­lenzen können auf sehr unter­schied­liche Weise in Schlüs­sel­ro­manen wie etwa Johanna Ador­jans Journalismus-Satire Ciao, in Entwick­lungs­ro­manen wie Leif Randts Allegro Pastel, in Kurz­prosa wie Barbi Marko­vićs Mini­horror  oder in auto­fik­tio­nalen Reise­be­richten wie Stefanie Sarg­na­gels und Chris­tiane Rösin­gers Idaho beob­achtet werden. Narra­tive von Scham und Scham­lo­sig­keit, von eigener und fremder Pein­lich­keit sind Anlass und Auslöser für Cringe als Verfahren der Gegenwartsliteratur.

Als sprach­liche Erschei­nung wird der popkul­tu­relle Appeal von Cringe wieder abnehmen, so wie es anderen Begriffen davor geschehen ist. Erste Stimmen rufen zu seiner Verab­schie­dung auf. Ein Blick auf jüngste und gegen­wär­tige Register des Affek­tiven, des Mögens, des Gut- und Schlimm­fin­dens zeigt jedoch, dass sie eine Art nach­wach­sende Ressource des digi­talen Sprach­ge­brauchs und der kultu­rellen Selbst­ver­stän­di­gung sind. Und es mag kein Zufall sein, dass auch das frisch gekürte Jugend­wort des Jahres eine affek­tive Dimen­sion der Wert­zu­schrei­bung bezeichnet – aura, das neue Cringe?

Cringe hat seinen kultu­rellen Moment, wo es um die (digi­tale) Aushand­lung neuer gesell­schaft­li­cher Stan­dards geht. In dieser Zone der Aushand­lung fungiert es sowohl als Kritik an als auch als Bestä­ti­gung für alte/n und neue/n Iden­ti­täten, Praxen und Geschmacks­ur­teile. Als Jugend­wort impli­ziert cringe den Aufbruch ins Neue und das Ende des Alten, Cringe Comedy als Genre­be­griff für audio­vi­su­elle Formate verspricht wiederum eine komi­sche Versöh­nung mit den Pein­lich­keiten und Mühen sozialen Lebens, und der Lite­ratur geht es wohl um eine Fort­set­zung ästhe­ti­scher Aufbrüche nach Pop.