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  • Oliver Weber studiert Demokratiewissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Philosophie in Regensburg und ist als politischer Autor tätig.

Leere Straßen, Menschen in Seuchen­schutz­an­zügen, Land­karten, die immer größere rote Kreise zeigen – die Bilder, die derzeit die Bericht­erstat­tung aus China und Italien prägen, können Angst einjagen. Der neuar­tige Corona-Virus SARS-CoV-2 und die von ihm ausge­löste Lungen­krank­heit COVID-19 provo­zieren in uns Vorstel­lungen, die an Filme wie Outbreak oder Conta­gion erin­nern: Eine sich rasend ausbrei­tende Infek­tion, die Millionen Menschen­leben gefährdet und die Zivi­li­sa­tion an den Rand des Abgrunds führt. Fiktionen prägen unsere Wirk­lich­keits­er­fah­rung. Der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Johannes Franzen hat aus diesem Grund zurecht darauf hinge­wiesen, dass es wichtig ist, die Art und Weise zu hinter­fragen, „wie wir uns fürchten“. Auf dem Spiel steht nämlich unser realer Umgang mit einer viralen Bedro­hung. Fiktionen erwei­tern unsere Imagi­na­ti­ons­ver­mögen, lassen uns übli­cher­weise Unbe­dachtes bedenken, doch sie können sich auch wie ein Schleier über unsere Erfah­rungs­welt legen und ganz eigene Gefahren produ­zieren.

Gegen­wärtig scheinen unsere Vorstel­lungen vor allem uns selbst im Weg zu stehen. Die Angst vor dem Zusam­men­bruch moti­viert einen beacht­li­chen Teil der Bevöl­ke­rungen zu Hams­ter­käufen von Wasser, Nahrungs­mit­teln und medi­zi­ni­schem Equip­ment. Vor allem letz­teres bringt jene Mitbürger in Bedrängnis, die aufgrund von Vorer­kran­kungen oder ihrem Alter durch das Virus einem höheren Ster­be­ri­siko ausge­setzt sind. Sie können sich ohne entspre­chende Mittel nicht ausrei­chend schützen. Es gibt in Berlin einen Fall von Desin­fek­ti­ons­mit­tel­dieb­stahl auf einer Kinder­krebs­sta­tion, der die dortigen Pati­enten und das medi­zi­ni­sche Personal in Lebens­ge­fahr bringen kann. Gerade die Fiktion, sich am Vorabend eines apoka­lyp­ti­schen Szena­rios zu befinden, kehrt anschei­nend Egoismen hervor, zu einer eigenen Gefah­ren­quelle werden.  Gerade dann, wenn viele nur noch ihr eigenes Über­leben im Sinn haben. So schlug etwa ein NDR-Zuhörer dem Viro­logen Chris­tian Drosten vor, man solle sich im eigenen Inter­esse doch schleu­nigst selbst infi­zieren, um noch recht­zeitig Zugang zu einer ordent­li­chen Gesund­heits­ver­sor­gung zu bekommen. Dass ein solches Verhalten, als gesell­schaft­liche Maxime genommen, noch viel schneller zum Kollaps führt, ist offenbar nach­rangig, sobald die eigene Haut auf dem Spiel steht.

Was ist rational?

Aber die Über­trei­bung der Einen kann andere zu Unter­trei­bung verführen. Wo Hams­ter­käufe ganze Regale leer­fegen und die Preise für Desin­fek­ti­ons­mittel in gigan­ti­sche Höhen treiben, liegt es nahe, mit Panik­ma­che­vor­würfen die eigene Sorg­lo­sig­keit zu ratio­na­li­sieren. Denn die Tatsache, dass das Virus bei den meisten eher milde Symptome hervor­rufen dürfte und auch im Allge­meinen der normalen Grippe ähnelt, macht es leicht, seine Gefähr­lich­keit herun­ter­zu­spielen, obwohl das Virus deut­lich gefähr­li­cher als eine normale Grippe ist. Aus den Nieder­landen berichtet etwa die Korre­spon­dentin Naomi O’Leary, dass eine Verharm­lo­sung des Virus vonseiten der Behörden und der Medien zu einem under­re­por­ting und beden­ken­losen Umgang von Infi­zierten geführt hat. Da für die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung indi­vi­duell keine großen indi­vi­du­ellen Risiken drohen, ernten Behörden viel Unver­ständnis bei stren­geren Hygiene-Empfehlungen, Veran­stal­tungs­ab­sagen und Quarantäne-Maßnahmen. Eine Haltung, die aktuell die deut­sche Politik davon abhält, Massen­ver­an­stal­tungen wie Fußball­spiele zu verbieten, obwohl einige Viro­logen und Epide­mio­logen dazu raten.

Insge­samt scheint es zumin­dest in West­eu­ropa schwierig zu sein, die Bürger auf kommende Einschrän­kungen und Risiken vorzu­be­reiten, ohne irra­tio­nale und im Ergebnis gefähr­liche indi­vi­du­elle Panik­re­ak­tionen hervor­zu­rufen. Beson­ders im Weg steht hierbei der spezi­fi­sche Gefähr­dungs­cha­rakter der aktu­ellen Corona-Epidemie: Er ist genau zwischen den beiden Polen indi­vi­du­eller und syste­mi­scher Risiken ange­sie­delt. Weder ist bloß der Einzelne in unmit­tel­barer Gefahr, wie bei Krimi­na­lität oder Unfällen, noch ist einfach nur das Gesund­heits­system einem Risiko ausge­setzt, das – wie etwa bei Finanz­eng­pässen – durch Reform besei­tigt werden kann. Die Corona-Welle ist verzwickter: Trotz indi­vi­duell geringer Risiken hängt alles davon ab, dass sich die Infek­tion möglichst langsam ausbreitet, um nicht die Kapa­zi­täts­grenze des Gesund­heits­sys­tems zu über­schreiten. Infi­zieren sich zu viele Menschen in zu kurzer Zeit, verschlech­tert sich die medi­zi­ni­sche Versor­gung und sind nicht nur Corona-Patienten höheren Risiken ausge­setzt.

Um eine solche Situa­tion zu vermeiden, müssen nicht nur die Behörden und Politik gute Arbeit leisten, sondern auch die Bevöl­ke­rung. Es gilt häufig die Hände zu waschen, große Menschen­mengen zu vermeiden, zu anderen Personen Abstand zu halten, die Nies-Etikette zu beachten und bei Symptomen umge­hend und umsichtig zu reagieren. So können Infek­ti­ons­ketten unter­bunden oder zumin­dest verlang­samt werden und die Anzahl zu behan­delnder Fälle zur glei­chen Zeit nimmt ab.

Soli­da­rität

Doch syste­mi­sche Risiken sind abstrakt. Solange keine Kapa­zi­täten über­schritten sind, sieht man sie als Normal­bürger im Regel­fall nicht. Sich füllende Kran­ken­betten, knapp werdende Medi­zin­vor­räte und Über­stunden des medi­zi­ni­schen Perso­nals bleiben unserem Blick verborgen. Was wir sehen sind leere Regale, abge­sagte Veran­stal­tungen und größ­ten­teils gesunde Menschen um uns herum. Wir lassen uns von unseren Fiktionen zu irra­tio­naler und im Ergebnis schäd­li­cher Panik verleiten – oder unter­schätzen das gesell­schaft­liche Risiko aufgrund unserer einge­schränkten, indi­vi­du­ellen Sicht­weite. Dadurch bringen wir das System, von dessen Exis­tenz und Funk­tio­nieren wir abhängig sind, unbe­dacht in Gefahr. Dass dieses Problem auch Leute betreffen kann, die sich alltäg­lich in Abstrak­tionen bewegen, stellte jüngst der italie­ni­sche poli­ti­sche Philo­soph Giorgio Agamben unter Beweis. Unter der Prämisse, dass das neuar­tige Corona-Virus für Betrof­fene ja ähnlich gefähr­lich wie eine Grippe sei, kriti­sierte er die Maßnahmen der italie­ni­schen Politik zur Eindäm­mung der Virus­ver­brei­tung als „frantic, irra­tional, and abso­lutely unwar­ranted (…) mili­ta­riz­a­tion“. Die Proble­matik syste­mi­scher Kapa­zi­täts­grenzen tauchen in seinem Text dagegen nicht auf.

In Situa­tionen wie diesen wird umso deut­li­cher, wie wichtig eine zu Soli­da­rität fähige Gesell­schaft ist. Wo aus mangelndem Zusam­men­halt die Egoismen blühen, erhöht sich die Gefahr. Nur wenn wir eine poli­ti­sche Sprache vorfinden, die es uns erlaubt, Risiken und Verhalt­ens­emp­feh­lungen zu kommu­ni­zieren, die über unsere unmit­tel­bare Erfah­rung hinaus­gehen, lässt sich die Krise meis­tern. Dafür braucht es ein Grund­ver­trauen in die Politik und in unsere Mitbürger. So argu­men­tieren etwa die Kommu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­le­rinnen Geor­gina Cairn, Marisa de Andrade und Laura MacDo­nald in einer Studie, die einen Blick auf die Unter­su­chungen zu vergan­genen Epide­mien und Pande­mien wirft, dass Vertrauen in epide­mi­schen Krisen­si­tua­tionen dazu führt, dass selbst unter starker Unge­wiss­heit starke Einschrän­kungs­maß­nahmen effektiv ergriffen und imple­men­tiert werden können. Fehlt das Vertrauen, laufen Aktionen ins Leere. Denn wo Amts­träger kein Vertrauen genießen, liegt es nahe, ihren Anwei­sungen die Folge zu verwei­gern, oder gar wich­tige Maßnahmen durch Unver­ständnis im Vorhinein zu verhin­dern. Das Zurück­schre­cken davor, Bundes­li­ga­spiele selbst im Ausbruchs­ge­biet Nordrhein-Westfalen abzu­sagen, legt dafür ein ernüch­terndes Zeugnis ab.

Aber auch das Verhältnis der Bürger unter­ein­ander ist von gegen­sei­tigem Vertrauen und soli­da­ri­schem Handeln abhängig. Niemand wird Menschen daran hindern, Desin­fek­ti­ons­mittel zu horten, obwohl es andere drin­gender bräuchten. Ich muss im Super­markt selbst meinen apoka­lyp­ti­schen Fiktionen wider­stehen, um Ware für Risi­ko­gruppen übrig zu lassen. Ich muss auf Hobbies und Akti­vi­täten verzichten, die mir Freude bereiten, auch wenn ich keine unmit­tel­bare Gefahr sehe, um nicht in Menschen­mengen zu geraten. Ich muss mich um Ältere und Kranke in gefähr­deten Gebieten kümmern, sie mit Nahrungs­mit­teln versorgen, damit sie nicht das Haus verlassen müssen. Ich muss Einschrän­kungen hinnehmen, wo sie befohlen, und frei­willig Beschrän­kungen vornehmen, wo sie empfohlen werden. Und bei aller dem Virus geschul­deten Vorsicht im Hinter­kopf behalten, welche ganz eigenen poli­ti­schen Gefahren in der Virusbekämp­fung schlum­mern, vom staat­li­chen Ausnah­me­zu­stand, der zum Beispiel in China aktuell unge­kannte Dimen­sionen der digi­talen Über­wa­chung eröffnet,  über alltäg­li­chen Rassismus, dem asia­tisch ausse­hende Menschen aktuell vieler­orts ausge­setzt sind, bis zu Verschwö­rungs­theo­rien, deren Urheber poli­ti­sches Kapital aus der Situa­tion schlagen wollen. Dass das Leben nach einer viralen Pandemie ohne allzu großen gesund­heit­li­chen und poli­ti­schen Schäden weiter­gehen kann, hängt genau davon ab, inwie­weit wir bereit sind, in unserem Handeln auch Sorge um jene mensch­liche Plura­lität zu tragen, in der es zual­ler­erst und ausschließ­lich statt­finden kann.

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